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John Locke

... deutsch: „Im Naturzustand herrscht ein natürliches Gesetz, das für alle verbindlich ist.“ Damit greift er auf ältere naturrechtliche Konzeptionen zurück …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Leben und Werke
  3. 3. Erkenntnis aus Erfahrung
  4. 4. Religion, Toleranz und Erziehung
  5. 5. Naturrechte und Staat
  6. 6. Eigentum, Vertrag und Wirkung

Grundidee und Bedeutung

John Locke (* 29. August/8. September 1632 in Wrington bei Bristol; † 28. Oktober/8. November 1704 in Oates, Essex) war ein englischer Arzt, Philosoph und wichtiger Vordenker der Aufklärung. Er gilt allgemein als Vater des Liberalismus, als Hauptvertreter des britischen Empirismus neben Newton und Hume und als bedeutender Vertragstheoretiker neben Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau.

Lockes Bedeutung liegt vor allem in zwei Bereichen: In der Erkenntnistheorie vertrat er die Auffassung, dass alle Erkenntnis auf Erfahrung beruht. In der politischen Philosophie begründete er, dass legitime Regierung auf der Zustimmung der Regierten beruht und die Naturrechte Leben, Freiheit und Eigentum schützen muss. Wenn eine Regierung diese Bedingungen verletzt, haben die Untertanen nach Locke ein Recht auf Widerstand.

Seine politische Philosophie beeinflusste die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, die Verfassung der Vereinigten Staaten, die Verfassung des revolutionären Frankreichs und viele spätere liberale Verfassungen.

Leben und Werke

Locke stammte aus einer relativ wohlhabenden Familie in Somerset. Sein Vater war im Englischen Bürgerkrieg Offizier auf Seiten des Parlaments. Durch Unterstützung der Familie Popham konnte Locke ab 1647 die Westminster School besuchen. Ab 1652 studierte er am College Christ Church der University of Oxford klassische Wissenschaften, also unter anderem Aristoteles, Scholastik, Logik, Metaphysik, Griechisch und Latein. 1656 erhielt er den Bachelor of Arts, 1658 den Master of Arts. Danach lehrte er in Oxford, unter anderem Griechisch, Rhetorik und Ethik.

Locke interessierte sich früh für Medizin und empirische Naturwissenschaften. Er hatte Kontakt zu Robert Boyle und den experimentellen Methoden der Naturwissenschaften. 1675 erlangte er in Oxford den Bachelor in Medizin. Besonders wichtig wurde seine Verbindung zu Sir Anthony Ashley Cooper, dem späteren 1. Earl of Shaftesbury, dessen Leibarzt Locke wurde. Durch Shaftesbury kam Locke in enge Berührung mit politischen Konflikten seiner Zeit und mit Kreisen der Regierung. 1668 wurde Locke Mitglied der Royal Society.

Wegen der politischen Konflikte um Shaftesbury und die Nachfolge Jakobs II. hielt Locke sich zeitweise verborgen und lebte von 1683 bis 1688 in Holland. Erst nach dem Machtantritt Wilhelms von Oranien und der Glorious Revolution konnte er zurückkehren. Ab 1691 lebte er auf dem Gut seiner Vertrauten Damaris Cudworth Masham. Locke starb 1704 in seinem Arbeitszimmer.

Zu seinen wichtigsten Schriften gehören A Letter Concerning Toleration (1689), An Essay Concerning Humane Understanding (1690), Two Treatises of Government (1690), Some Thoughts Concerning Education (1693) und The Reasonableness of Christianity as Deliver’d in the Scriptures (1695). Die Two Treatises veröffentlichte Locke anonym; erst in seinem Testament bekannte er sich zur Autorschaft.

Erkenntnis aus Erfahrung

Lockes wichtigstes erkenntnistheoretisches Werk ist An Essay concerning Humane Understanding („Ein Versuch über den menschlichen Verstand“). Darin untersucht er Ursprung, Gewissheit und Umfang menschlichen Wissens und grenzt Wissen von Glauben, Meinen und Vermuten ab. Seine Grundthese lautet: Nihil est in intellectu quod non (prius) fuerit in sensibus, also: „Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen gewesen wäre.“

Locke wendet sich gegen die Lehre von eingeborenen Ideen. Der Mensch besitzt nach ihm nicht von Geburt an fertige Ideen, auch nicht die Gottesidee oder moralische Grundsätze. Das Bewusstsein ist bei der Geburt wie ein weißes Blatt Papier, eine Tabula rasa, auf das erst die Erfahrung schreibt.

Das Material der Erkenntnis bilden einfache Ideen. Sie stammen aus äußeren Wahrnehmungen, den sensations, und inneren Wahrnehmungen, den reflections. Innere Wahrnehmungen sind geistige Tätigkeiten wie Wahrnehmen, Zweifeln, Glauben, Schließen, Erkennen oder Wollen. Der Verstand ist dabei nicht passiv: Er verbindet einfache Ideen durch Vergleichen, Zusammensetzen und Abstrahieren zu komplexen Ideen. Locke unterscheidet bei komplexen Ideen Substanzen, Relationen und Modi. Modi sind geistige Konstrukte wie „Dreieck“, „Staat“ oder „Dankbarkeit“.

Bei Eigenschaften von Dingen unterscheidet Locke primäre und sekundäre Qualitäten. Primäre Qualitäten wie Ausdehnung, Festigkeit oder Gestalt gehören den Körpern selbst zu. Sekundäre Qualitäten wie Süße, Blau oder Wärme entstehen in der Wahrnehmung; sie beruhen für Locke auf Größe, Gestalt und Bewegung kleinster Teilchen, erscheinen uns aber als Sinneseindrücke.

Erkenntnis ist für Locke die Wahrnehmung der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung von Ideen. Er unterscheidet intuitive Erkenntnis, demonstrative Erkenntnis und sensitive Erkenntnis. Intuitive Erkenntnis erfasst unmittelbar Identität und Unterschied von Ideen. Demonstrative Erkenntnis stellt mit Hilfe der Vernunft schrittweise Zusammenhänge zwischen Ideen her. Sensitive Erkenntnis betrifft die Existenz realer Gegenstände, bleibt aber unsicherer als Intuition und Demonstration. Absolute Gewissheit ist im Bereich der Erfahrung nicht möglich; über das Wesen der Dinge kann der Mensch keine endgültigen Aussagen machen. In abstrakten Wissenschaften wie Mathematik und nach Locke auch Moral sind dagegen allgemeine und sichere Wahrheiten möglich.

Religion, Toleranz und Erziehung

Locke verband religiöses Denken mit Vernunft. In The Reasonableness of Christianity as Deliver’d in the Scriptures (1695) wollte er zeigen, dass das in der Bibel Bezeugte der Vernunft entspricht. Er hielt an der wörtlichen Eingebung der biblischen Texte fest und verstand Jesus als Lehrer des göttlichen Willens, Erlöser und Sohn Gottes.

Für Lockes Toleranzdenken war der protestantische Hintergrund wichtig. Er kannte reformatorische Frömmigkeit, Gemeindestrukturen und Ideen wie die Wahl kirchlicher Vertreter. Außerdem wirkten Schriften über Glaubens- und Gewissensfreiheit auf ihn, etwa aus baptistischen und täuferischen Zusammenhängen.

In A Letter Concerning Toleration und zwei weiteren Briefen forderte Locke, dass der Staat Religion weitgehend den Bürgern überlassen solle. Er begründete das religiös und philosophisch. Religiös argumentierte er, dass die Bibel keinen Zwang zum Religionswechsel verlange. Philosophisch sagte er: Aufgabe der Regierung sei der Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum; religiöser Zwang überschreite diese Aufgabe. Außerdem könne echter Glaube nicht durch Gewalt entstehen, weil er innere Überzeugung voraussetzt. Locke nahm allerdings Atheismus und Katholizismus von der Tolerierung aus.

In der Erziehung wandte sich Locke gegen strenge Schulzucht. Er meinte, Erziehung solle die Individualität von Kindern und Jugendlichen fördern. Das hängt mit seiner Lehre zusammen, dass Kinder geistig als Tabula rasa zur Welt kommen.

Naturrechte und Staat

Lockes Gesellschafts- und Staatstheorie entstand vor dem Hintergrund der Konflikte zwischen Parlament und Krone in England. In den Two Treatises of Government begründet er, warum Herrschaft begrenzt sein muss. Er geht von natürlich gegebenen Rechten der Menschen aus und fragt, wie Menschen im Naturzustand zusammenleben, wie Eigentum entsteht und warum sie durch Gesellschaftsvertrag eine Regierung bilden.

Zentrale Naturrechte sind Leben, Gesundheit, Freiheit und Eigentum: Life, Health, Liberty, Property. Locke versteht das Naturrecht religiös: Natur ist von Gott geschaffene Wirklichkeit, und Gottes Gebote sind vernunftgemäß. Zugleich ist für ihn durch Vernunft erkennbar, dass niemand einem anderen an Leben, Gesundheit, Freiheit oder Besitz Schaden zufügen soll: „No one ought to harm another in his Life, Health, Liberty, or Possessions.“ Anders als bei Hobbes hat im Naturzustand nicht jeder ein Recht auf alles; die Rechte jedes Menschen sind durch die gleichen Rechte der anderen begrenzt.

Gleichheit ist für Locke Voraussetzung dafür, dass Regierung nur mit Einverständnis der Regierten Macht ausüben darf. Freiheit bedeutet, innerhalb der Grenzen des Naturgesetzes über Handlungen, Besitz und Person verfügen zu können, ohne von der Erlaubnis oder dem Willen eines anderen abhängig zu sein. Locke rechtfertigt allerdings auch eine Form von Sklaverei: Wer einen ungerechten Krieg beginnt und verliert, kann nach seiner Argumentation versklavt werden, wenn dies die Alternative zur Tötung ist. Der Historiker David Brion Davis sieht Locke deshalb als letzten großen Philosophen, der absolute und dauerhafte Sklaverei zu rechtfertigen versucht.

Eigentum, Vertrag und Wirkung

Lockes Eigentumstheorie erklärt, wie Privateigentum entstehen kann, obwohl Gott die Natur allen Menschen gemeinsam gegeben hat. Der Mensch ist Eigentümer seiner selbst und seiner Arbeit. Wenn er seine Arbeit mit Natur verbindet, eignet er sich den betreffenden Teil rechtmäßig an. Lockes Beispiel ist ein vom Baum gefallenes Stück Obst: Es gehört dem, der es aufhebt, weil seine Arbeit es aus dem gemeinsamen Zustand herausgenommen hat.

Dieses Eigentum ist zunächst begrenzt. Niemand darf mehr nehmen, als er verbrauchen kann; nichts soll verderben. Außerdem muss genug für andere übrig bleiben. Locke formuliert sinngemäß: Was jemand nutzen kann, bevor es verdirbt, darf er sich durch Arbeit aneignen; was darüber hinausgeht, gehört anderen.

Mit seiner Geldtheorie erklärt Locke, wie größere Eigentumsanhäufung möglich wird. Verderbliche Güter dürfen gegen haltbarere Güter getauscht werden, etwa Äpfel gegen Nüsse. Danach können Naturprodukte gegen Geld, also Gold oder Silber, getauscht werden. Weil Geld nicht verdirbt, darf man es in großen Mengen besitzen. So bleibt die Regel, dass nichts verderben darf, formal bestehen, ermöglicht aber faktisch „unendlichen“ Reichtum.

Durch Geldwirtschaft wachsen Eigentumsunterschiede, Neid und Streit. Im Naturzustand könnte jeder Verstöße gegen das Naturrecht bestrafen, doch Opfer bestrafen oft zu hart, was Vergeltung und Krieg auslösen kann. Darum schließen Menschen nach Locke einen Gesellschaftsvertrag und bilden eine Regierung, die ihre natürlichen Rechte schützt. Legitim ist eine Regierung nur, wenn sie diese Rechte schützt; verletzt sie sie, ist Widerstand oder Rebellion rechtmäßig.

Locke entwickelt außerdem eine frühe Theorie der Gewaltenteilung. Er unterscheidet unter anderem Legislative, Exekutive, Föderative und Prärogative. Die Föderative entscheidet über Bündnisse, Krieg und Frieden; die Prärogative erlaubt Handeln für das öffentliche Wohl auch außerhalb genauer gesetzlicher Vorgaben. Seine Staatstheorie beeinflusste besonders die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776, den französischen Verfassungsentwurf von 1791 und die Entwicklung des bürgerlich-liberalen Verfassungsstaates.

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