Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Martin Niemöller
Er war führender Vertreter der Bekennenden Kirche sowie Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und Präsident im Ökumenischen Rat der …
Inhalt3 Abschnitte
Herkunft, Ausbildung und frühe politische Prägung
Martin Niemöller (14. Januar 1892 in Lippstadt–6. März 1984 in Wiesbaden) war evangelischer Theologe, führender Vertreter der Bekennenden Kirche, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und Präsident im Ökumenischen Rat der Kirchen. Nach dem Abitur 1910 wurde er Marineoffizier. Ab 1915 diente er in der U-Boot-Waffe; 1918 kommandierte er UC 67. Er versenkte drei Dampfer, legte Minen vor Marseille und erhielt das Eiserne Kreuz I. Klasse. 1919 verließ er die Armee, weil er die demokratische Regierung ablehnte. Von 1919 bis 1923 studierte er Theologie in Münster und wurde 1924 ordiniert. Zuvor engagierte er sich in rechtsradikalen, monarchistischen und antisemitischen Organisationen und war 1920 als Freikorps-Kommandeur an der Niederschlagung des Ruhraufstands beteiligt. Bis 1933 wählte er nach neuerer Forschung die DNVP; im März 1933 stimmte er für die NSDAP. Mitglied der NSDAP war er nie. In der Inneren Mission baute er bis 1931 ein Netz von 91 Jugend- und Wohlfahrtsämtern in Westfalen auf. 1931 wurde er Pfarrer in Berlin-Dahlem.
Kirchenkampf und Haft
Niemöller erwartete zunächst vom Nationalsozialismus nationale Einigung und christliche Erneuerung, lehnte aber die Vermischung von Politik und Glaubensbekenntnis ab. 1933 gründete er die Jungreformatorische Bewegung mit und rief nach Einführung des Arierparagraphen den Pfarrernotbund ins Leben; ihm trat etwa ein Drittel der Pfarrer bei. Sein Thesenpapier „Sätze zur Arierfrage in der Kirche“ vom 2. November 1933 ist umstritten, weil es jüdischstämmige Pfarrer zur Zurückhaltung bei höheren Kirchenämtern aufforderte. Der Pfarrernotbund wurde Vorläufer der Bekennenden Kirche, die auf der 1. Barmer Bekenntnissynode vom 29. bis 31. Mai 1934 gegründet wurde. Ihr Fundament war die Barmer Theologische Erklärung und der status confessionis, der Bekenntnisnotstand bei Abweichung vom lutherischen Bekenntnis. Niemöller griff die staatliche Kirchenpolitik zunehmend an und wurde 1935 erstmals verhaftet. Am 1. Juli 1937 wurde er erneut festgenommen. Nach einem Verfahren vor dem Sondergericht wurde er am 2. März 1938 zu sieben Monaten Haft verurteilt, aber sofort von der Gestapo erneut verhaftet und als „persönlicher Gefangener“ Adolf Hitlers nach Sachsenhausen gebracht. 1941 kam er nach Dachau. Dort erkannte er, dass die Kirche nicht nur dem eigenen Volk dienen, sondern Grenzen, Rassen und Ideologien überwinden müsse; außerdem sah er die Mitverantwortung der deutschen Kirchen für die nationalsozialistische Machtergreifung.
Nachkriegszeit, Frieden und Wirkung
1945 wurde Niemöller in Südtirol aus den Händen der SS befreit und nach einem Hungerstreik am 21. Juni aus alliierter Haft entlassen. Von 1945 bis 1955 gehörte er dem Rat der EKD an, war Leiter ihres Kirchlichen Außenamtes und Auslandsbischof. Seit 1946 wirkte er am Aufbau der hessen-nassauischen Kirche mit; am 1. Oktober 1947 wurde er Kirchenpräsident und blieb es bis 1965. Er beteiligte sich am Stuttgarter Schuldbekenntnis, das der evangelischen Kirche den Weg zurück in die ökumenische Bewegung eröffnete. Von 1948 bis 1975 nahm er an ÖRK-Vollversammlungen teil, von 1961 bis 1968 war er einer der sechs Präsidenten.
Nach dem Krieg war Niemöller zunächst weder überzeugter Demokrat noch Pazifist oder Gegner des Nationalismus. Er kritisierte jedoch alliierte Besatzungspolitik, Flächenbombardements, Vertreibungen und Nürnberger Gerichtsverfahren. Ab 1954 vertrat er radikal pazifistische Positionen, lehnte Militärdienst aus christlichen Gründen ab und wandte sich gegen Wiederbewaffnung, Atomrüstung und den Vietnamkrieg. Er leitete die Deutsche Friedensgesellschaft und weitere Organisationen der Kriegsdienstgegner, reiste 1966 nach Hanoi und 1967 nach Nordvietnam. Zugleich wurde ihm eine unkritische Nähe zum Kommunismus vorgeworfen. Sein bekanntestes Zitat beginnt mit „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen“ und endet mit „Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte“. Die Fassung ist jedoch nicht eindeutig: Niemöller variierte Gruppen und Reihenfolge; die von der Bonhoeffer-Niemöller-Stiftung als klassisch bezeichnete Version ohne Juden hält Harold Marcuse für falsch, während das USHMM eine Fassung mit Kommunisten, Gewerkschaftern und Juden verwendet. Geehrt wurde Niemöller unter anderem 1966 mit dem Lenin-Friedenspreis, 1970 mit dem Großkreuz des Bundesverdienstordens und 1983 mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille.