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Martin Luther und die Türken
Er plädierte für den ungehinderten Zugang zum Koran und forderte, dass sich jeder Gelehrte ein Bild von dieser fremden Religion und Kultur machen solle.
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Grundposition Luthers
Martin Luthers Verhältnis zu den damals als „Türken“ bezeichneten Osmanen und zum Islam zeigt sich in Schriften, Reden und Vergleichen. Er verband die Türken eng mit dem Koran und nutzte beides, um Unterschiede zwischen Christentum und Islam sowie die osmanische Bedrohung zu erklären. Obwohl er keinen Kontakt zu Muslimen hatte, besaß er seit den 1520er Jahren Kenntnisse über den Islam.
Luther forderte einen ungehinderten Zugang zum Koran, damit Gelehrte diese Religion und Kultur selbst kennenlernen könnten. Er lehnte jedoch einen Kreuzzug ab: Die Türken sollten nicht wegen ihres Glaubens angegriffen werden. Zulässig sei allein ein Verteidigungskrieg unter weltlicher Obrigkeit. Den osmanischen Angriff verstand er zugleich als Strafe Gottes für die Sünden der Christen. Neben scharfer Kritik am Islam schrieb er den Türken auch „Treue, Freundlichkeit und Ehrlichkeit“ zu.
Bedrohung durch das Osmanische Reich
Das Osmanische Reich (1299–1922) war im östlichen Mittelmeer führend und dehnte 1520 seinen Einfluss auch in den Westen aus, wo es Venedig verdrängte. 1521 eroberten die Osmanen Belgrad; in Serbien, Bosnien und der Herzegowina hatten sich Teile von Adel und Bauern den neuen Herrschern unterworfen und waren zum Islam übergetreten. Mit der Eroberung Ungarns 1526 wurde der Weg nach Wien frei.
Sultan Süleyman I. versuchte 1529 als erster osmanischer Herrscher, Wien zu erobern. Die Belagerung wurde abgebrochen. 1532 begann ein zweiter Versuch; die Truppen wurden zurückgeworfen und in der Schlacht im Fahrawald vernichtend geschlagen. Das Vorrücken bis vor Wien im Herbst 1529 löste im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation große Angst aus und war Anlass für Luthers Türkenschriften.
Kritik, Vergleich und Koranlektüre
Luther interessierte sich für Riten und Kultur der Türken. In seiner Vorrede zu Georg von Ungarns 1530 veröffentlichtem Libellus de ritu et moribus Turcorum wollte er Kenntnisse über den Koran erweitern. Er verglich Türken und Deutsche: Den Deutschen schrieb er übermäßiges Essen, Trinken, luxuriöse Kleidung und Prachtentfaltung zu; die Türken erschienen ihm dagegen maßvoll, bescheiden, nicht schwörend und ohne extravagante Bauten.
Kritisch bewertete er unter anderem schnelle Scheidungen, Vielweiberei und „französische und sodomitische Unkeuscheit“. Den Koran kannte Luther lange überwiegend vom Hörensagen. Im Februar 1542 sah er eine lateinische Koranübersetzung Robert von Kettons, die er als „übel verdolmetscht“ bezeichnete. Trotzdem setzte er sich 1543 für ihren Druck durch Johannes Oporinus und Theodor Bibliander in Basel ein. Er folgerte, der Islam leugne den Erlösertod Christi; die osmanischen Eroberungskriege stünden nicht unter der Kraft Christi.
Verteidigung statt Kreuzzug
In Vom Kriege wider die Türken, 1528 verfasst und 1529 veröffentlicht, wandte Luther seine Lehre von den zwei Reichen und drei Ständen auf die Bedrohung an. Die drei Stände sind säkulare Ordnung, Geistlichkeit und Haushalt. Einen Krieg rechtfertigte er vorsichtig als Widerstandskrieg, weil die Türken nach seiner Auffassung die weltliche Obrigkeit militärisch bedrohten, die Schrift falsch auslegten und die Hauszucht missachteten. Der Krieg durfte für ihn kein Glaubenskrieg sein.
Luther verband die Kritik an den Osmanen mit Angriffen auf das Papsttum. Er warf dem Papst vor, den Türkenkrieg als Vorwand zum Einziehen von Ablassgeldern missbraucht zu haben. Später sah er Papsttum und Türken als zwei Mächte gegen das Christentum. Der Papst erschien ihm als Antichrist und Hauptfeind; die Türken seien von Gott gesandte Geißeln. Diese Deutung ging mit der Befürchtung eines Weltuntergangs einher.
Die weiteren Türkenschriften und das Lied
Die Heerpredigt wider die Türken erschien 1530. Sie rief zur Verteidigung auf, nicht zum Glaubenskrieg. Trotz der von Luther behaupteten türkischen Gräueltaten verlangte er christliche Barmherzigkeit. Im Verteidigungskampf solle man jedoch „mit Freuden die Faust regen und getrost dreinschlagen“. Gefangene Christen sollten die weltliche Macht achten, im Glauben aber nicht nachgeben. Soldaten sollten sich durch Buße und Gebet vorbereiten. Das strenge religiöse Leben der Muslime deutete Luther als „Gesetzesfrömmigkeit und Werkgerechtigkeit“.
Nach der Einnahme Ofens 1541 und einer erneuten Bedrohung gab Luther im September 1541 Vermahnung zum Gebet wider den Türken heraus. Auch dort erklärte er die Gefahr als Gottes Fügung, lehnte den Kreuzzug ab und wies der Obrigkeit die Pflicht zum Schutz des Abendlandes durch Verteidigung zu. Christen sollten auf Gottes Güte vertrauen. Im selben Jahr veröffentlichte Luther das Kirchen- und Kinderlied Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort mit dem Zusatz, es sei gegen Papst und Türken als „zween Ertzfeinde Christi und seiner heiligen Kirchen“ zu singen.