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Martin Heidegger und der Nationalsozialismus

Das Verhältnis des deutschen Philosophen Martin Heidegger (1889 – 1976) zum Nationalsozialismus (auch: Fall Heidegger) ist mit dem Beginn der 1930er Jahre …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Grundlinien der Kontroverse
  2. 2. Politische Entwicklung bis 1933
  3. 3. Rektorat, Gleichschaltung und Führeruniversität
  4. 4. Hitlerverehrung, Rassenpolitik und Umgang mit Kollegen
  5. 5. Antisemitismus und philosophische Rassenbegriffe
  6. 6. Fortdauerndes Engagement, Ernüchterung und spätere Denkwege

Gegenstand und Grundlinien der Kontroverse

Der „Fall Heidegger“ bezeichnet die kontroverse Beziehung des deutschen Philosophen Martin Heidegger (1889–1976) zum Nationalsozialismus. In der Forschung besteht Einigkeit, dass Heidegger die von ihm so genannte „nationalsozialistische Revolution“ zunächst begeistert unterstützte. Er las seit 1930 den Völkischen Beobachter, empfahl seinem Bruder Hitlers Mein Kampf, wählte 1932 die NSDAP und trat ihr am 1. Mai 1933 bei. Mitglied blieb er bis zum Ende der NS-Herrschaft. Umstritten ist vor allem, wie Antisemitismus und nationalsozialistische Vorstellungen mit seiner Philosophie zusammenhängen.

Heideggers Verhalten war widersprüchlich: Er unterstützte rassistische Hochschulpolitik, verherrlichte Adolf Hitler, denunzierte Kollegen und wollte das Führerprinzip an der Universität durchsetzen. Zugleich setzte er sich in einzelnen Fällen für bedrohte jüdische Hochschulangehörige ein und lehnte einen ausschließlich biologischen Rassenbegriff ab. Diese Einwände bedeuteten jedoch nicht zwingend eine Ablehnung des Nationalsozialismus; häufig stellte Heidegger dem bestehenden Regime eine von ihm für ursprünglicher und radikaler gehaltene Form des Nationalsozialismus gegenüber.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Heidegger bis zu seiner Emeritierung 1951 Lehrverbot. Seit der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte ab 2014 konzentriert sich die Debatte besonders auf seine antisemitischen Aussagen und deren philosophische Bedeutung.

Politische Entwicklung bis 1933

Schon vor 1933 lehnte Heidegger die liberale Massendemokratie der Weimarer Republik ab. 1918 verlangte er nach „neuen Menschen“ und nach „Führern“, wobei umstritten ist, ob er damals politische oder vor allem geistige Führer meinte. Er kritisierte die „Vermassung“, stand der Konservativen Revolution und den Brüdern Ernst und Friedrich Georg Jünger nahe und hoffte auf eine autoritäre Erneuerung. Zugleich plante er eine ganzheitlich erneuerte Universität, in der Philosophie alle Fächer prägen und eine enge Lebens- und Erziehungsgemeinschaft zwischen Lehrenden und Lernenden schaffen sollte.

In seinen Vorlesungen von 1928 bis 1930 wurde die politische Ausrichtung deutlicher. Philosophen sollten im geschichtlichen Zusammenleben eine „Führerschaft“ übernehmen. Parteien, Programme und die vermeintliche Sicherheit der liberalen Gesellschaft verachtete Heidegger; stattdessen verlangte er nach einem großen Umwender.

1931 sah er Hitler als charismatischen Führer, dem er die Rettung des Abendlandes zutraute. Ende 1931 oder Anfang 1932 befürwortete er gegenüber Hermann Mörchen eine Diktatur als Schutz gegen den Kommunismus. Anfang 1932 empfahl er Hitler für das Amt des Reichspräsidenten. Obwohl er Niveau und Personal der NSDAP wiederholt kritisierte, wählte er sie bei der Reichstagswahl vom 6. November 1932. Im Dezember bestritt er noch, Mitglied werden zu wollen. Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler schrieb er Ende März 1933 jedoch, am Aufbau einer „volklich gegründeten Welt“ mitwirken zu wollen.

Rektorat, Gleichschaltung und Führeruniversität

Am 21. April 1933 wurde Heidegger fast einstimmig zum Rektor der Universität Freiburg gewählt. Sein demokratisch gesinnter Vorgänger Wilhelm von Möllendorff war nach nur sechs Tagen im Amt unter nationalsozialistischem Druck zurückgetreten. Heideggers Wahl gilt als exemplarisch für die „Gleichschaltung“, also die Unterordnung der Hochschulen unter den NS-Staat.

Noch vor seinem Amtsantritt setzte Heidegger den badischen Erlass zur Entfernung jüdischer Wissenschaftler ohne das reichsrechtliche „Frontkämpferprivileg“ um. Er begrenzte den Anteil „nichtarischer“ Studierender auf 1,5 Prozent und unterzeichnete eine Regelung, die jüdische und marxistische Studierende von Vergünstigungen ausschloss. Im Fall der jüdischen Verbindung Neo-Friburgia blieb er untätig; nach der Plünderung ihres Hauses lehnte das Rektorat eine Untersuchung ab. Seine spätere Behauptung, er habe das antisemitische Plakat „Wider den undeutschen Geist“ verboten, ist nicht schriftlich belegt.

In der Antrittsrede „Die Selbstbehauptung der deutschen Universität“ vom 27. Mai 1933 nannte Heidegger weder Hitler noch die NSDAP, entwarf aber eine Hochschule nach dem Führerprinzip. Die Universität sollte „Führer und Hüter des Schicksals des deutschen Volkes“ erziehen. Arbeitsdienst, Wehrdienst und Wissensdienst sollten die Studierenden an Volksgemeinschaft, Nation und den „geistigen Auftrag“ des Volkes binden. Er sprach von „erd- und bluthaften Kräften“ und übersetzte Platons Satz „Alles Große ist gefährdet“ eigenwillig mit „Alles Große steht im Sturm“.

Als „Führer-Rektor“ förderte Heidegger die Abschaffung parlamentarischer Hochschulgremien. Seit dem 1. Oktober 1933 galt: „Der Rektor ist der Führer der Hochschule.“ Er verlangte eine wissenschaftliche Erziehung aus den Kräften des nationalsozialistischen Staates und erklärte: „Der Einzelne […] gilt nichts. Das Schicksal unseres Volkes in seinem Staat gilt alles.“ Arbeitslager, Wehrsport und studentische Selbstverwaltung unter nationalsozialistischen Funktionären sollten eine neue Volksgemeinschaft formen. Ein militärisch organisiertes Wissenschaftslager in Todtnauberg im Oktober 1933 scheiterte an Konflikten, unter anderem über Rassenlehre und Katholizismus; Unterricht in „Rassekunde“ fand dort dennoch statt.

Am 14. April 1934 bot Heidegger seinen Rücktritt an; am 27. April wurde er angenommen. Unmittelbarer Anlass war die Forderung des Kultusministers Otto Wacker, Heideggers Gefolgsmann Erik Wolf als Dekan abzusetzen. Tiefer lag das Scheitern seiner autoritären Universitätskonzeption: Sie hatte Widerstand bei Professoren, Studenten, Ministerium und konkurrierenden nationalsozialistischen Gruppen ausgelöst. Heideggers spätere Darstellung, er sei wegen seiner Gegnerschaft zum Regime verdrängt worden, ist durch die Akten nicht gedeckt.

Hitlerverehrung, Rassenpolitik und Umgang mit Kollegen

Während des Rektorats verherrlichte Heidegger Hitler mehrfach. Am 18. Mai 1933 nannte er ihn „unseren großen Führer“. In der Freiburger Studentenzeitung erklärte er am 3. November: „Der Führer selbst und allein ist die heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz.“ Am 11. November gehörte er in Leipzig zu den Rednern des Bekenntnisses der deutschen Professoren zu Adolf Hitler; 961 Gelehrte unterzeichneten das Bekenntnis. Heidegger trat am 1. Dezember 1933 außerdem dem Nationalsozialistischen Lehrerbund bei.

Sein Handeln gegenüber Kollegen war ambivalent. Ein vernichtendes Gutachten über den jüdischen Philosophen Richard Hönigswald vom 25. Juni 1933 warf diesem Liberalismus und eine Abkehr von „Boden und Blut“ vor. Es trug zu Hönigswalds Zwangsemeritierung am 1. September 1933 bei. Heidegger denunzierte zudem den nichtjüdischen Eduard Baumgarten als ungeeignet für SA und Dozentenschaft, unter anderem wegen dessen Beziehungen zu einem „Juden Fränkel“. Baumgarten wurde zunächst entlassen, später aber rehabilitiert. Gegen den Chemiker Hermann Staudinger veranlasste Heidegger wegen angeblicher politischer Unzuverlässigkeit Ermittlungen der Gestapo und empfahl eher Entlassung als Pensionierung. Staudinger blieb vor allem wegen seines internationalen Ansehens im Amt.

Andererseits setzte sich Heidegger für die jüdischen Wissenschaftler George de Hevesy und Eduard Fraenkel ein, vor allem mit Hinweis auf ihre internationale Bedeutung. Fraenkel wurde trotzdem entlassen. Werner Brock, Paul Oskar Kristeller und vermutlich Elisabeth Blochmann unterstützte er bei der Suche nach Stellen im Ausland. Für andere Betroffene, darunter Alfred Loewy und Paul Noether, trat er nicht ein; sie wurden während seines Rektorats entfernt. Die Hilfe in Einzelfällen änderte daher nichts an seiner Mitwirkung an der rassistischen Gesetzgebung.

Auch die NS-„Rassenhygiene“ unterstützte Heidegger institutionell. Er suchte für eine Pflichtvorlesung zur Rassenkunde einen weltanschaulich zuverlässigen Nationalsozialisten. In einer Tischrede von 1933 verband er Gesundheit mit staatlicher Handlungsfähigkeit sowie mit „Blut“, „Boden“ und „leiblichem Wachstum“. Die Forschung wertet dies überwiegend als philosophische Rechtfertigung nationalsozialistischer Eugenik und der Entrechtung angeblich „staatsunwerten“ Lebens.

Antisemitismus und philosophische Rassenbegriffe

Bereits vor 1933 verwendete Heidegger antisemitische Stereotype. 1916 beklagte er die „Verjudung“ von Kultur und Universitäten; 1920 schrieb er von „Juden und Schiebern“, 1929 warnte er in einem offiziellen Brief vor der „wachsenden Verjudung“ des deutschen Geisteslebens. Daneben lobte er einzelne jüdische Denker und schrieb 1928 über seine Studenten: „die Besten sind — Juden.“ Persönliche Beziehungen, etwa zu Hannah Arendt und Ernst Cassirer, konnten respektvoll sein. Deshalb reicht die Forschungseinschätzung von eingeschränktem oder kulturellem Antisemitismus bis zur Annahme eines grundlegenden Antisemitismus.

In einem Brief an Arendt von 1932 wies Heidegger konkrete Diskriminierungsvorwürfe zurück und verwies auf seine Förderung jüdischer Studenten. Gleichzeitig erklärte er, in „Universitätsfragen“ seit zehn Jahren Antisemit zu sein. Wie dieses scheinbare Selbstbekenntnis zu verstehen ist, bleibt umstritten; deutlich wird jedenfalls, dass er zwischen Juden und Nichtjuden unterschied.

Die Schwarzen Hefte enthalten Aussagen über ein angebliches „Weltjudentum“, das heimatlos, international und schwer fassbar Macht ausübe. Heidegger verband Judentum mit „Bodenlosigkeit“, „leerer Rationalität“, Berechnung und „Rechenfähigkeit“. In Aufzeichnungen von 1938 bis 1940 fragte er nach einer „Vorbestimmung der Judenschaft für das planetarische Verbrechertum“. In einer Vorlesung von 1933/34 forderte er, den inneren Feind eines Volkes zu finden und einen Angriff „mit dem Ziel der völligen Vernichtung“ vorzubereiten. Obwohl Juden dort nicht ausdrücklich genannt werden, deutet die Forschung diese Passage überwiegend als Übernahme zentraler antisemitischer Denkfiguren.

Heidegger vertrat keinen rein biologischen Rassismus. Für ihn waren Blut, Boden und Rasse notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen eines Volkes; Wissen, Geist, geschichtliche Entscheidung und Schicksal sollten hinzukommen. Diese Kritik am Biologismus war jedoch keine klare Absage an rassistisches Denken. Er verwendete Begriffe wie „Nicht-Arier“, „arische Abstammung“, „Halbjude“, „Entrassung“ und „Rassenpflege“. Entsprechend ist umstritten, ob seine Kritik am Rasseprinzip dieses überwinden sollte oder es in eine umfassendere völkisch-metaphysische Theorie einbaute.

Das Verhältnis zu seinem jüdischstämmigen Lehrer Edmund Husserl war bereits seit 1928 abgekühlt. Ein angebliches Bibliotheksverbot durch Heidegger ist unbelegt. Heidegger vermied jedoch nach Husserls Beurlaubung 1933 den persönlichen Kontakt, nahm an dessen Tod 1938 keinen öffentlichen Anteil und ließ 1941 die Widmung an Husserl in „Sein und Zeit“ entfallen; ob dies auf seinen oder den Wunsch des Verlegers geschah, ist umstritten. 1950 bat er Husserls Witwe wegen seines Fernbleibens am Sterbebett um Verzeihung.

Fortdauerndes Engagement, Ernüchterung und spätere Denkwege

Der Rücktritt vom Rektorat bedeutete keinen unmittelbaren Bruch mit dem Nationalsozialismus. Bis mindestens 1936 setzte Heidegger sein Engagement fort. Er entwarf 1934 eine nationalsozialistische Dozentenakademie zur Erziehung von Hochschullehrern und verlangte ein Umdenken der Wissenschaft aus den Kräften des Nationalsozialismus. Er lehrte an der gleichgeschalteten Deutschen Hochschule für Politik und arbeitete mindestens bis 1936 in Hans Franks Ausschuss für Rechtsphilosophie mit. Im August 1934 unterstützte er öffentlich die Vereinigung der Ämter von Reichspräsident und Reichskanzler in Hitlers Hand.

In der Vorlesung „Einführung in die Metaphysik“ von 1935 sprach Heidegger von der „inneren Wahrheit und Größe des Nationalsozialismus“. Bei der Drucklegung 1953 ergänzte er als Erläuterung die „Begegnung der planetarisch bestimmten Technik und des neuzeitlichen Menschen“. Die nachträgliche Ergänzung und ihre Bedeutung sind umstritten. Noch 1936 erklärte Heidegger gegenüber Karl Löwith, sein Begriff der Geschichtlichkeit begründe sein politisches Engagement; er glaube weiterhin an Hitler und halte den Nationalsozialismus für Deutschlands vorgezeichneten Weg.

Zwischen 1935 und 1938 zog sich Heidegger schrittweise aus der Öffentlichkeit zurück. Seine Kritik richtete sich aber häufig gegen den aus seiner Sicht bürgerlichen und oberflächlichen Nationalsozialismus, nicht gegen dessen Grundidee. 1936 schrieb er, der Nationalsozialismus wäre „schön als barbarisches Prinzip“, wenn er nicht so bürgerlich wäre. In den Schwarzen Heften heißt es entsprechend: „Der Nationalsozialismus ist ein barbarisches Prinzip. Das ist sein Wesentliches und seine mögliche Größe.“ Gleichwohl wurde 1938 erstmals zeitgenössisch eine „Ernüchterung“ festgestellt; später bezeichnete Heidegger selbst 1938 als Wendejahr.

Seit 1934 wandte er sich verstärkt Hölderlin, später auch Nietzsche zu. Hölderlin erschien ihm als Dichter eines „anderen Anfangs“ und eines besonderen geschichtlichen Auftrags der Deutschen. Dichtung, Denken und Staatsgründung sollten gemeinsam das geschichtliche Dasein eines Volkes schaffen. Diese Arbeiten werden teils als Rückzug aus der Politik, teils als Fortsetzung eines völkischen und nationalistischen Denkens auf philosophisch-poetischer Ebene verstanden. Noch 1942 erklärte Heidegger den amerikanischen Kriegseintritt zur geschichtslosen Absage an den abendländischen Anfang. Seine Distanz zum bestehenden NS-Regime blieb daher mit nationalistischen, antisemitischen und autoritären Vorstellungen verbunden.

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