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Maria Stuart (Stefan Zweig)
Maria Stuart, verfasst von Stefan Zweig, ist die bekannteste Biografie der schottischen Königin Maria Stuart aus der Feder eines deutschsprachigen Autors.
Inhalt5 Abschnitte
Werk und Entstehung
Stefan Zweigs Maria Stuart ist eine 1935 bei Reichner in Wien erstmals veröffentlichte Biografie der schottischen Königin Maria Stuart. Sie gilt als die bekannteste deutschsprachige Biografie über diese Herrscherin. Zweig stellt Maria und ihre Gegenspielerin Elisabeth I. anschaulich gegenüber.
Nach seinen Arbeiten über Marie Antoinette und Erasmus von Rotterdam wollte Zweig zunächst einen Roman schreiben. Ein im Londoner British Museum ausgestellter handschriftlicher Bericht über Marias Hinrichtung weckte jedoch sein Interesse. Weil Darstellungen Maria entweder als „Heilige“ verklärten oder das Gegenteil behaupteten und kein verlässliches Buch zu finden war, recherchierte Zweig wochenlang in Bibliotheken. Anfang 1934 beschloss er, die Biografie in London zu vollenden.
Marias Aufstieg, Sturz und Hinrichtung
Maria wird mit sechs Tagen Königin von Schottland. Als Fünfjährige kommt sie an den französischen Hof, erhält dort eine umfassende Bildung und wächst mit ihrem späteren Ehemann Franz II. auf. Als beide den französischen Thron besteigen, ist er 15 und sie 16 Jahre alt. Gut ein Jahr später ist Maria Witwe und kehrt 1561 nach Schottland zurück. Dort steht die katholische Königin einem religiös gespaltenen Land und den erstarkenden Protestanten um ihren Halbbruder Lord Moray gegenüber.
Sie beansprucht außerdem den englischen Thron. Elisabeth I. regiert England seit 1558; ihre Herkunft aus Heinrichs VIII. zweiter, in ihrer Legitimität umstrittener Ehe gilt als Schwachpunkt, den Maria nicht hat. Maria erkennt Elisabeth im Vertrag von Edinburgh von 1560 zwar an, ratifiziert ihn aber nicht und führt auch die englische Krone in ihrem Wappen. Elisabeth verweigert die Anerkennung Marias als Nachfolgerin.
Am 29. Juli 1565 heiratet Maria Lord Darnley, der wie sie Anspruch auf den englischen Thron erheben kann. Die Ehe zerbricht schnell. Darnleys Eifersucht auf Marias Privatsekretär David Rizzio und der Widerstand schottischer Lords führen zu Rizzios Ermordung in Gegenwart Marias. Danach gewinnt Maria Darnley nur scheinbar zurück und stützt sich politisch auf Bothwell. Mit ihm beginnt sie eine Liebesbeziehung.
In der Nacht des 10. Februar 1567 wird Darnley in Kirk o' Field durch eine Explosion getötet; seine Leiche findet man im Garten. Bothwell wird freigesprochen, gilt aber als Hauptschuldiger. Auch gegen Maria sprechen Indizien, etwa ihre mögliche Rolle als Lockvogel, ihr Schweigen nach dem Tod Darnleys und die schnelle, heimliche Heirat mit Bothwell. Die Lords wenden sich gegen sie. Maria trennt sich unter Druck von Bothwell, dankt zugunsten ihres einjährigen Sohnes ab und wird in Loch Leven Castle gefangen gesetzt. Nach ihrer Flucht unterliegt sie in einer Schlacht und flieht nach England.
Dort wird sie trotz eines würdigen Lebens mehr als 15 Jahre festgehalten. In einer vom englischen Kronrat angesetzten „Konferenz“ werden die „Kassettenbriefe“ an Bothwell als wichtiges Belastungsmaterial vorgelegt. Das Ergebnis bleibt offen: Maria wird weder schuldig noch freigesprochen. Mitte der 1580er Jahre verschärft sich ihre Lage. Ihr Sohn Jakob sichert sich hinter ihrem Rücken Elisabeths Thronfolge, und Walsingham führt eine Intrige, durch die Maria einen Anschlag auf Elisabeth schriftlich billigt. Sie wird zum Tod verurteilt. Elisabeth zögert ein halbes Jahr; am 8. Februar 1587 wird Maria enthauptet.
Zweigs Deutung und Vergleich der Königinnen
Zweig will das „Mysterium“ Maria Stuart entzaubern. Ihr Charakter sei für ihn nicht grundsätzlich geheimnisvoll, sondern nur in seinen äußeren Entwicklungen uneinheitlich, innerlich jedoch „vom Anfang bis zum Ende einlinig und klar“. Seine zentrale Deutung lautet: Maria verkörpere einen Frauentypus, der seine Erlebnisfähigkeit nicht über das Leben verteilt, sondern in wenigen Jahren und einer einzigen Leidenschaft bündelt. Zweig beansprucht dabei, trotz eigener Subjektivität möglichst unparteiisch und ein „wirklicher Wahrheitssucher“ zu sein.
Maria und Elisabeth seien im Vergleich zu den männlichen Herrschern ihrer Zeit beide Persönlichkeiten „größten Formats“ und diesen an Intelligenz, Bildung, Kunstsinn und Ehrgeiz überlegen. Zweig zeichnet sie jedoch als Gegenpaar: Maria sei mit der Krone geboren worden, steige früh und schnell auf und stürze ebenso jäh; ihre Geschichte eigne sich deshalb zur Tragödie. Elisabeth müsse ihre Stellung erkämpfen und werde langsam und beharrlich stärker; ihre Geschichte sei eher episch.
Maria beschreibt Zweig als wagemutig, schnell entschlossen und politisch leichtfertig. Herrschaft sei für sie eine Steigerung der Daseinslust und ein ritterliches Kampfspiel. Elisabeth behandle Herrschaft dagegen wie ein vorsichtiges Schachspiel. Ihr Zaudern und Zögern sei staatspolitisch langfristig eine Stärke, weil sie als Realistin ihrem Land diene. Maria stehe für die alte katholische und dynastische Ordnung; Elisabeth für die reformatorische, nationale und nach Zweigs Darstellung vom Autokratischen zum Konstitutionellen führende Entwicklung.
Zweig verknüpft Marias persönliche Leidenschaft für Bothwell mit ihrem politischen Untergang. Die von ihm verwendeten Aussagen über Geschlecht und weibliche Natur, etwa seine Erklärung des Konflikts als „Katzenkampf“, sind wertende und spekulative Deutungen des Autors. Auch Elisabeths innere Hemmung und ihre Unfähigkeit zur völligen Selbsthingabe erklärt er psychologisch, ohne sie als gesicherte Tatsache darzustellen.
Biografie zwischen Geschichtsschreibung und Erzählung
Das Werk ist gründlich recherchiert und leicht verständlich, lässt sich aber keinem eindeutigen Subgenre zuordnen. Ein Verzeichnis der Hauptpersonen erinnert an ein Drama, doch ein Namens- oder Sachregister und vor allem Quellennachweise fehlen. Daher erhebt das Buch keinen wissenschaftlich-akademischen Anspruch. Zugleich ist es kein biografischer Roman: Zweig erfindet nach der Darstellung des Artikels weder Zitate noch Szenen, die nicht überliefert sind.
Er gestaltet überlieferte Ereignisse allerdings erzählerisch aus und schildert mögliche Gedanken und Gefühle seiner Figuren mitunter wie Tatsachen. Damit verwendet er zeitweise die Perspektive eines auktorialen Erzählers, also eines Erzählers mit Überblick über Figuren und Geschehen. Das historische Präsens, die Darstellung vergangener Ereignisse in der Gegenwartsform, verstärkt die Unmittelbarkeit.
Kennzeichnend für den Stil sind Akkumulationen, Alliterationen und Metaphern sowie ein „hoher Ton“. Kapitel enden häufig mit einer Verallgemeinerung und einer Spannungssteigerung, die der Beginn des folgenden Kapitels abgewandelt aufnimmt. Für die Beziehung Marias zu Bothwell nutzt Zweig außerdem Analogien zu Shakespeare: Romeo und Julia für die zwei Phasen von Marias Liebesleidenschaft, Hamlet für die überstürzte Heirat mit dem mutmaßlichen Mörder des Ehemanns und Macbeth für die seelischen Folgen der Tat. Ob diese Ähnlichkeiten bei Maria als Schuldeingeständnis gelten, lässt er offen.
Wertungen und Wirkung
Zweig versieht seine Darstellung fortlaufend mit psychologischen, historischen und politischen Wertungen. Er lobt und kritisiert sowohl Maria als auch Elisabeth und will nicht einseitig für die Titelheldin Partei ergreifen. Diese Ausgewogenheit wird unterschiedlich beurteilt: Anka Muhlstein meint, Zweig entschuldige Marias Fehler und beurteile Elisabeth gnadenlos; Dieter Wunderlich widerspricht und sieht eher Zweigs Frauenbild kritisch.
Das Buch wurde 1935 bereits in zehn Sprachen übersetzt; inzwischen liegen Übersetzungen in 31 Sprachen vor. Es wurde international rezensiert. Joseph Gregor verglich es 1935 mit Zweigs stärksten Novellen. Richard Strauss nannte es in einem Brief vom 4. Mai 1935 „sehr interessant“, betonte aber zugleich Schillers Erfassung des Wesentlichen des Stoffes. Eine auf Zweigs Werk beruhende Oper Maria Stuart von Sergei Michailowitsch Slonimski mit Libretto von Jakow Gordin wurde 1984 in Leipzig gezeigt, nachdem sie in Russland uraufgeführt worden war.