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Major-System
Die erweiterten Vokale werden auch für ähnlich klingende Laute mit anderer Schreibweise verwendet. So wird zum Beispiel der Ziffer 2 außer an auch am und en …
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Grundidee und Lautcode
Das Major-System, auch Master-System oder Zifferncode nach Aimé Paris genannt, ist eine Mnemotechnik. Dabei werden Ziffern über Konsonantenlaute in Wörter und anschließend in anschauliche Bilder umgewandelt. Für Zahlen von 0 bis 99 sowie für die Folgen 00 bis 09 wird jeweils ein festes Bildwort gelernt. So können zwei aufeinanderfolgende Ziffern mit einem einzigen Bild verbunden werden, wodurch sich auch lange Zahlenreihen merken lassen.
Die von Aimé Paris 1825 veröffentlichte Zuordnung lautet:
- 0: s, ß, ss, z
- 1: t, d
- 2: n
- 3: m
- 4: r
- 5: l
- 6: sch, sh, ch, j
- 7: k, ck, g
- 8: f, ph, v, w
- 9: p, b
Die Zuordnung bezieht sich auf Laute, nicht auf die Schreibweise. Sie funktioniert deshalb in beide Richtungen: Aus einem Wort kann die Zahl erschlossen werden, und aus einer Zahl kann ein passendes Wort gebildet werden. Vokale haben keinen Zahlenwert und dürfen beliebig eingesetzt werden. Auch der Hauchlaut h sowie q, x und y bleiben neutral. Doppelkonsonanten zählen jeweils nur als ein Konsonant. Entscheidend ist immer der phonetische Wert: „Kaffee“ steht für 78, „Latte“ für 51.
Merkhilfen unterstützen die Zuordnung, etwa die Ähnlichkeit von t und der Ziffer 1, die zwei „Beine“ des n für 2, die drei „Beine“ des m für 3 und das r im Wort „vier“ für 4. Die Zuordnung kann je nach Sprache leicht verändert werden, weil unterschiedliche Sprachen verschiedene Laute und Lautverbindungen besitzen.
Master-Begriffe und Anwendung
Ein Master-Begriff ist ein dauerhaft gelerntes Bildwort für eine Zahl. Solche Begriffe sollen emotional, klar und möglichst sinnlich vorstellbar sein. Abstrakte Wörter sind ungünstig; besser sind anschauliche Substantive mit Bezug zum eigenen Lebensbereich. Das Bildwort soll nach Möglichkeit mit einem passenden Konsonanten beginnen. Für 3 ist daher „Mai“ geeigneter als „Oma“, für 9 „Po“ statt „Opa“.
Ähnliche Begriffe sollten vermieden werden, damit Zahlen später nicht verwechselt werden. Wer für 68 „Schaf“ verwendet, sollte für 53 nicht zusätzlich „Lamm“ wählen. Master-Begriffe dürfen bei Bedarf auch nach dem Lernen ausgetauscht werden. Zum Einprägen eignet sich ein Karteikartensystem, gegebenenfalls mit Zeichnung oder Foto.
Für Zahlenreihen werden die Ziffern meist in Zweiergruppen geteilt. Zu jeder Gruppe wird das feste Bildwort gesucht; anschließend verbindet man die Bilder zu einer ungewöhnlichen, möglichst absurden Geschichte. Die 20-stellige Zahl 90431395705068146320 wird beispielsweise so zerlegt: 90 = Bus, 43 = Rama, 13 = Dom, 95 = Ball, 70 = Käse, 50 = Lasso, 68 = Schaf, 14 = Teer, 63 = Schaum, 20 = Nase. Daraus kann eine Geschichte entstehen, in der ein mit Rama beschmierter Bus zum Dom fährt, Schafe ihn mit einem Lasso über eine geteerte Straße ziehen und schließlich vor Erschöpfung Schaum vor dem Mund bekommen und auf die Nase fallen.
Für die Anwendung müssen die Bildwörter sicher in beide Richtungen beherrscht werden. Die Bilder können auch mit der Loci-Methode verbunden werden, indem sie an festen Punkten einer gedanklichen Route abgelegt werden. Beim Abruf erinnert man sich zunächst an die Route und das Bild und übersetzt dieses anschließend über die Lautzuordnung zurück in eine Zahl.
Das System dient nicht nur zum Merken von Zahlen. Ein Bild kann mit beliebigen Informationen verknüpft werden, etwa mit einer Rangfolge von Ländern nach ihrer Fläche. Beim Abruf geht man die Zahlen und die zugehörigen Bilder der Reihe nach durch. Dadurch erhält jede Information eine genaue Position; Fragen wie „Was ist das 53. größte …?“ können beantwortet werden. Außerdem lässt sich feststellen, wie viele Informationen gespeichert wurden und ob Wissenslücken bestehen.
Bildwörter und Sonderfälle mit Null
Die herkömmlichen Bildwörter decken die Zahlen 1 bis 100 ab; außerdem werden die Gruppen 00, 000 und 01 bis 09 empfohlen. Eigene Bildwörter sind ausdrücklich möglich, wenn sie vertrauter oder persönlicher sind. Beispiele der üblichen Liste sind 1 = Tee, 2 = Noah, 3 = Mai, 4 = Reh, 5 = Lee, 6 = Schi, 7 = Kuh, 8 = Fee, 9 = Po, 10 = Tasse, 20 = Nase, 40 = Rose, 50 = Lasso, 60 = Schuss, 70 = Käse, 80 = Fass, 90 = Bus und 100 = Theseus.
Beginnt eine Zahlengruppe mit Null, können die zusätzlichen Begriffe verwendet werden: 00 = Soße, 000 = Sozius, 01 = Seide, 02 = Sahne, 03 = Sumo, 04 = Säure, 05 = Säule, 06 = Sushi, 07 = Socke, 08 = Seife und 09 = Suppe. Das ist besonders für Vorwahlnummern, Handynummern oder IBANs nützlich. Die erfundene Nummer 03 57 58 88 43 46 wird etwa zu Sumo, Lok, Lava, VW, Rama und Rauch. Eine absurde Geschichte über einen Sumo-Ringer, der eine Lok durch Lava steuert und in Rauch aufgehende VWs und Rama-Packungen beobachtet, erleichtert den Abruf.
Auch ganze Sätze können Zahlenfolgen kodieren. Das Wort „schaukeln“ steht für 6752. Die Ziffernfolge 0123456789 wird unter anderem durch „Ist Unmoral schick, Weib?“ oder „Zeitnehmer: eile! Schau: Kaffeeabbau!“ dargestellt. Die Kombination 6 59 16 kann „Ich liebe dich“ bedeuten.
Historische Entwicklung
Ein früher Vorläufer ist das indische Katapayadi-System, dessen Anwendung für 683 n. Chr. bezeugt ist. Es verband Buchstaben mit Ziffern, ließ Zahlen durch Wörter ersetzen und ordnete einer Ziffer mehrere Buchstaben zu. Bestimmte Buchstaben wurden nicht berücksichtigt.
In Europa stellte Pierre Hérigone 1634 in seinem Werk Cursus mathematicus ein System zur Übertragung von Zahlen in Wörter vor. Anders als das heutige Major-System ordnete er auch Vokale Ziffern zu und verwendete Ziffern für zehn Silben mit r. Die Herkunft ist nicht eindeutig geklärt: Ulrich Voigt vermutete einen Zusammenhang mit dem indischen System, ein tatsächlicher Kenntnisstand Hérigones ist jedoch nicht belegbar.
Johann Justus Winkelmann veröffentlichte 1648 ein System, das nur Konsonanten verwendete und bereits ähnlich klingende Laute zusammenfasste. Zusätzlich verband er die Ziffern 0 bis 9 mit Bildern und nutzte Wörter, um historische Jahreszahlen zu merken. Richard Grey stellte 1730 ein anderes System vor, das Konsonanten und Vokale weitgehend willkürlich kombinierte. Seine Merkwörter waren oft keine sinnvollen Begriffe und deshalb schwer zu lernen.
Johann Christoph von Aretin zeigte 1810 ein umfangreiches, streng phonetisches Verfahren für Zahlen bis 10 000 000. Gregor von Feinaigle veröffentlichte 1812 ein System mit Konsonanten, visuellen Merkhilfen und Vokalen zur Wortbildung. Seine Zuordnungen von 1 bis 5 stimmen genau mit späteren Zuordnungen von Aimé Paris überein; Paris besuchte Feinaigles Vorlesungen in Paris.
Aimé Paris stellte 1825 die entscheidende Weiterentwicklung vor. Er ordnete die Laute eindeutig zu und löste den Code von der Orthografie. Dadurch wurde das System sprachunabhängiger und konnte zugleich als Ordnungsinstrument eingesetzt werden. Jean-Baptiste Demangeon veröffentlichte 1841 ein sehr umfangreiches System mit 30 Zuordnungen, erweiterten Vokalen und Regeln für drei- und vierstellige Zahlen. Carl Otto Reventlow legte 1843 ein deutschsprachiges System mit 25 Zuordnungen vor und veröffentlichte 1844 ein Wörterbuch mit über 120 000 Beispielwörtern für 000, 00, 0 und 1 bis 999.
Francis Fauvel-Gouraud übertrug die Zuordnung von Aimé Paris auf das Englische. Sein Wörterbuch wird im Artikel mit 1841 beziehungsweise im Zusammenhang mit der späteren Darstellung des Systems mit 1844 genannt; die Erläuterungen erschienen 1845. Bartłomiej Beniowski übernahm 1845 die Lautzuordnung weitgehend und wandte sie auf ein englisches phonetisches Wörterbuch an.
Ernest Egerton Wood veröffentlichte 1936 ein System, das tatsächlich weitgehend dem Major-System von Aimé Paris entspricht. Harry Lorayne stellte das System 1968 ausführlich vor und verbreitete Bildwörter für 0 bis 100. Tony Buzan behandelte es ab 1971 und erweiterte die festen Begriffe bis 1000.
Varianten und heutige Verwendung
Die meisten heutigen Autoren von Mnemotechnikbüchern, darunter Ulrich Bien, Tony Buzan, Gunther Karsten, Peter Kürsteiner, Harry Lorayne, Frank Otto, Wilfried Possin und Christiane Stenger, verwenden die Lautzuordnung nach Aimé Paris und schlagen Bildwörter für 0 bis 99 vor.
Jens Seiler entwickelte 2011 eine eigene Zuordnung: 0 = z, k; 1 = t, l; 2 = n, v; 3 = m, w; 4 = r; 5 = s, sch; 6 = b, p; 7 = f; 8 = h, ch; 9 = g. Für 0 bis 20 empfiehlt er teilweise symbolische Bilder, etwa Reifen für 0, Kerze für 1 und Schere für 2. Für zweistellige Zahlen ab 21 verwendet er feste Bilder, die auch über die ersten Konsonanten hinaus erweitert werden können, etwa Nerzmantel für 24 oder Regenschirm für 49.
Ben Pridmore veröffentlichte 2011 das nach ihm benannte Ben-System. Für die Zehnerstelle verwendet er überwiegend die Lautzuordnung von Aimé Paris, für die Einerstelle dagegen ausschließlich Vokale. Dadurch werden zweistellige Zahlen über zwei unterschiedliche Lautarten gebildet. Für größere Zahlen teilt er die Folge in Dreiergruppen statt in Zweiergruppen. Das System kann auch für Binärzahlen, das Merken von Nachkommastellen von π und die Reihenfolge eines gemischten 52-blättrigen Kartenspiels eingesetzt werden.
Das heutige Major-System ist somit vor allem ein phonetischer Zahlencode mit festen Bildwörtern. Seine Stärke liegt darin, dass Zahlen geordnet, bildlich und in Geschichten eingebettet werden können; die Voraussetzung ist jedoch, dass die Zuordnungen und Master-Begriffe sicher gelernt und schnell abgerufen werden.