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Volksmärchen

Volksmärchen stellen eine traditionelle Form des Märchens dar. Sie basieren auf mündlich überlieferten Stoffen und haben im Gegensatz zum direkt …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundform und zentrale Merkmale
  2. 2. Handlung, Figuren und Werte
  3. 3. Erzählweise und Stil
  4. 4. Sammlung und Veröffentlichung
  5. 5. Typen des Volksmärchens
  6. 6. Motive und Beispiele

Grundform und zentrale Merkmale

Volksmärchen sind eine traditionelle Form des Märchens. Sie beruhen auf mündlich überlieferten Stoffen und unterscheiden sich vom Kunstmärchen dadurch, dass sie ursprünglich keine feste Textgestalt und keinen einzelnen nachweisbaren Verfasser haben. Vor der schriftlichen Sammlung und Bearbeitung durch Herausgeber existierten sie in verschiedenen Erzählversionen.

Typisch ist, dass Ort und Zeit unbestimmt bleiben. Formulierungen wie „Es war einmal ...“, „Vorzeiten lebte ein König...“ oder Ortsangaben wie „Vor einem großen Walde...“ verankern die Handlung nicht genau geografisch oder historisch. Anders als Sagen oder Legenden sind Märchen also nicht ausdrücklich an einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Zeit gebunden. Robert Darnton weist jedoch darauf hin, dass Märchen trotzdem indirekte Bezüge zur historischen Situation zur Zeit ihrer schriftlichen Fixierung enthalten können.

Volksmärchen verbinden Alltägliches mit Fantastischem. Es treten sprechende Tiere und Pflanzen auf, die dem Helden helfen oder ihm schaden können. Außerdem erscheinen Phantasiewesen wie Riesen, Zwerge, Elfen, Nixen, Trolle, Hexen, Zauberer, gute oder böse Feen sowie Fabeltiere wie Drachen und Einhörner. Fantastische Ereignisse geschehen mitten in einer alltäglichen Welt, etwa wenn sich ein Stein in einen Goldklumpen verwandelt, ein Berg einen Schatz freigibt oder ein Lebkuchenhaus auf einer Waldlichtung steht.

Handlung, Figuren und Werte

Im Mittelpunkt steht meist ein Held, der am Anfang benachteiligt ist: Er kann ein Stiefkind, der Jüngste oder der scheinbar Dümmste sein. Die Ausgangslage ist oft durch eine Notlage, eine Aufgabe oder ein Bedürfnis bestimmt. Eine Aufgabe kann zum Beispiel darin bestehen, einen kostbaren Gegenstand zu finden, ein Rätsel zu lösen oder einen verwunschenen Menschen zu erlösen. Häufig muss der Held dabei sein Leben riskieren.

Neben dem Helden treten typische Rollen auf: Gegner, Helfer, Neider, Ratgeber und Gerettete oder zu Rettende. Während der Handlung erscheinen immer wieder magische oder übernatürliche Elemente. Oft gibt es Wiederholungsstrukturen, zum Beispiel drei Rätsel, drei Aufgaben oder drei Hindernisse.

Ein besonders wichtiges Merkmal ist der deutliche Gegensatz zwischen Gut und Böse. Meist wird das Gute belohnt und das Böse bestraft. Es gibt aber auch ambivalente Figuren, die nicht eindeutig nur gut oder böse sind. Ein glücklicher Ausgang ist im Volksmärchen nicht immer garantiert. Viele Märchen enthalten außerdem grausame oder gewalttätige Szenen, besonders bei der Bestrafung von Bösewichtern. Deshalb ist ihre Wirkung auf Kinder umstritten, obwohl sie heute häufig mit Kinderliteratur verbunden werden.

Erzählweise und Stil

Volksmärchen sind meist leicht verständlich, einfach gebaut und bildhaft erzählt. Ihr Stil ist anschaulich und dadurch auch für Kinder gut vorstellbar. Ursprünglich waren Volksmärchen aber keineswegs nur für Kinder gedacht.

Max Lüthi beschreibt mehrere typische Stilmerkmale des europäischen Volksmärchens. Dazu gehört die Formelhaftigkeit: Märchen verwenden wiederkehrende Anfangs- und Schlussformeln wie „Es war einmal...“ oder „...und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Solche Formeln machen die Textsorte sofort erkennbar.

Ein weiteres Merkmal ist die Wirklichkeitsferne. Die Motive stammen zwar aus der Wirklichkeit, werden aber durch magische und mythische Elemente „entwirklicht“. Das Märchen betrachtet nicht nur ein einzelnes Schicksal, sondern nimmt in vereinfachter Form die ganze Welt in den Blick.

Auch die Eindimensionalität ist wichtig: Diesseits und Jenseits, also alltägliche Welt und übernatürliche Welt, sind miteinander verbunden, ohne dass sie streng getrennt werden. Dazu kommt die Flächenhaftigkeit: Figuren haben kaum körperliche oder seelische Tiefe. Körperliche Merkmale oder Charaktereigenschaften werden nur knapp genannt, außer wenn besondere Kraft oder Kunstfertigkeit für die Handlung wichtig ist.

Der abstrakte Stil bedeutet, dass Volksmärchen aus mehreren aneinandergereihten Handlungsgliedern bestehen. Verschiedene Ereignisse laufen nicht gleichzeitig ab; erzählt wird aus der Perspektive des Helden, und nur die wichtigsten Personen werden vorgestellt. Häufig geht der Held allein seinen Weg. Diese Isolation steht aber zugleich neben einer Allverbundenheit, weil der Held mit Menschen, Tieren, Pflanzen oder magischen Kräften in Beziehung treten kann.

Zahlen spielen eine wichtige Rolle. Besonders die Dreizahl kommt oft vor und macht Reime und Handlungsabläufe einprägsam: Der Held muss zum Beispiel dreimal handeln oder drei Hindernisse überwinden. Ähnlich bedeutsam können die Zahlen sieben und dreizehn sein. Sympathieträger sind häufig die Armen, Dummen, Naiven, Hungrigen, Schwachen oder Jüngsten. Am Ende bestehen gerade sie die Gefahren und finden ihr Glück.

Sammlung und Veröffentlichung

Bis zur Erfindung des Buchdrucks waren Volksmärchen mündlich überlieferte Prosaerzählungen. Sie wurden von Erzählern vor einem Zuhörerkreis vorgetragen, oft mit bestimmter Aufführungspraxis in Sprache, Gestik und Mimik. Auch märchenkundige Personen in Familien erzählten sie weiter. Das Publikum bestand nicht nur aus Kindern; im Orient gibt es solche Erzähltraditionen teilweise bis heute.

Die ältesten europäischen Volksmärchensammlungen stammen von Giovanni Francesco Straparola mit „Ergötzliche Nächte“ (1550), Giovanni Battista Basile mit dem „Pentameron“ (1634) und Charles Perrault (1696/97). Die deutschsprachige Publikationstradition beginnt im 17. Jahrhundert mit Johannes Praetorius. Besonders bekannt wurden die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, die 1812 erstmals erschienen und weltweite Bedeutung erlangten.

Weitere wichtige deutschsprachige Sammler und Herausgeber waren Ludwig Bechstein (1801–1860) mit dem „Deutschen Märchenbuch“ (1845) und Johann Karl August Musäus (1735–1787) mit „Volksmärchen der Deutschen“ (1782–1786). In Österreich veröffentlichte Franz Ziska 1819 in den „Wöchentlichen Nachrichten“ das Märchen „Da Schneida und da Ries“, das 1843 auch in die Sammlung der Brüder Grimm aufgenommen wurde. Tiroler Volksmärchen erschienen 1852 bei den Brüdern Zingerle unter dem Titel „Kinder- und Hausmärchen aus Tirol“. Weitere österreichische Sammlungen stammen von Theodor Vernaleken mit den „Alpenmärchen“ (1863), Karl Haiding mit „Österreichs Märchenschatz“ (1953) und Karl Haller (1915).

Auch „Tausendundeine Nacht“ gehört zum Typ der Volksmärchen. Die Ursprünge dieser orientalischen Sammlung reichen bis ins 9. Jahrhundert zurück; niedergeschrieben und veröffentlicht wurde sie erst im 16./17. Jahrhundert in Ägypten. Heute sind Märchen aus allen Kulturen der Erde bekannt und werden in vielen Übersetzungen veröffentlicht.

Typen des Volksmärchens

Als Gattungsbegriff wurde das Volksmärchen besonders durch die Brüder Grimm bekannt. Nach ihrer Einteilung gibt es drei Haupttypen.

Das Tiermärchen ist ein Märchen, in dem dankbare und hilfreiche Tiere auftreten. Das schwankhafte Märchen stellt das Komisch-Scherzhafte in den Vordergrund. Das sogenannte „eigentliche Märchen“ unterscheidet sich von diesen beiden Formen durch seine Mehrgliedrigkeit, also durch eine stärker aus mehreren Handlungsteilen aufgebaute Struktur.

Das „eigentliche Märchen“ wird wiederum in drei Formen untergliedert: legendenartige und novellenartige Märchen, Zaubermärchen oder Wundermärchen, bei denen das phantastische Geschehen im Mittelpunkt steht, sowie Märchen vom dummen Riesen oder Teufel.

Einen besonderen Typ bildet das Feenmärchen. Feen sind gutartige oder boshafte Frauen aus einem übernatürlichen Reich, die mit normalen Menschen in Beziehung treten. Oft sind sie Zauberinnen oder an Naturgeister und Schicksalsgöttinnen angelehnt. Häufig erscheint die Fee als Patin.

Feenmärchen stehen in der Tradition ägyptisch-indischer Zaubererzählungen, persischer Geister- und arabisch-orientalischer Dämonenmärchen, etwa im Umfeld von „1001 Nacht“, Peris und Dschinnen. Seit der Zeit der Kreuzzüge im 12. Jahrhundert verschmolzen solche Vorstellungen mit einheimischen, besonders keltischen Vorstellungen. Im deutschen Sprachraum gehören dazu Alben oder Elfen. Daraus entstand die Idee eines Feenreichs, in das Feen auch geliebte irdische Männer entführen.

Motive und Beispiele

Die Motive von Volks- und Kunstmärchen stammen aus verschiedenen Traditionen. Viele Motive gehen in ihrer ursprünglichen Form auf den Orient zurück und wurden zur Zeit der Kreuzzüge nach Europa gebracht. Daneben wurden keltische und germanische Mythen verarbeitet. Das deutsche Märchen „Frau Holle“ geht wahrscheinlich auf eine vorchristliche Gottheit zurück. Außerdem bestehen Motivzusammenhänge mit Heldenepos und Tierfabel.

Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass gleiche Motive in verschiedenen Ländern und Kulturkreisen auftreten. Teilweise lässt sich das durch gegenseitige Beeinflussung erklären. Wo diese Erklärung unwahrscheinlich ist, etwa wenn Kulturkreise zur Entstehungszeit keinen nachweislichen Kontakt hatten, wird häufig Carl Gustav Jungs Archetypenlehre herangezogen. Danach verfügt die Menschheit über ein Kollektives Unbewusstes mit einem Vorrat gemeinsamer Vorstellungen. Eine andere Erklärung besagt, dass bestimmte Märchen als Initiationsmärchen in verfremdeter Form den Ritus der Initiation beschreiben.

Bekannte Motive sind ausgesetzte Kinder wie in „Hänsel und Gretel“, Waisenkinder wie in „Die Sterntaler“, Geschwister, die sich erlösen, wie in „Die zwölf Brüder“ oder „Die sieben Raben“, und missgünstige Geschwister wie in „Frau Holle“. Weitere Beispiele sind die schlafende Schöne in „Dornröschen“, die missgünstige Stiefmutter in „Schneewittchen“, „Brüderchen und Schwesterchen“ und „Aschenputtel“, der reiche Prinz, der ein armes Mädchen heiratet, oder der arme Knabe, der eine Königstochter heiratet, wie in „Der gestiefelte Kater“. Häufig sind auch Bedrohungen durch wilde Tiere, etwa in „Rotkäppchen“ und „Der Wolf und die sieben Geißlein“, die Bestrafung hochmütiger junger Frauen wie in „König Drosselbart“ und der Umgang mit Verzweiflung wie in „Der Gevatter Tod“.

Lernvideos zu Volksmärchen

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Märchen Märchen (Diminutiv zu mittelhochdeutsch mære „Kunde, Bericht, Nachricht“) sind Prosatexte, die von wundersamen Begebenheiten erzählen. Sage Eine Sage (von althochdeutsch saga „Aussage, Rede, Erzählung“; Prägung durch die Brüder Grimm) ist, dem Märchen und der Legende ähnlich, eine zunächst auf … Legende Die Legende ist eine mit dem Märchen und der Sage verwandte Textsorte bzw. literarische Gattung, in der historische Ereignisse durch spätere Hinzufügungen … Das Böse Unter diese Gebrauchsregel fällt auch die Bezeichnung von sündhaftem Verhalten als böse, falls es sich religiös begründeten Normen verschließt oder sie bewusst … Diesseits Die Weltreligionen und viele andere Religionen gehen von einer diesseitigen und jenseitigen Wirklichkeit aus. Das Typische einer Religion lässt sich … Jenseits Religiöse Jenseitsvorstellungen · Vorgeschichtliche Zeit und ethnische Religionen · Altes Ägypten · Hinduismus · Buddhismus · Daoismus · Judentum · Christentum · Islam. Ägypten Ägypten hat vor allem wegen seiner hohen Bevölkerungszahl eine enorme politische und kulturelle Ausstrahlung in der arabischen und islamischen Welt. Auch in der … Novelle Eine Novelle (lateinisch novus ‚neu', italienisch novella ‚Neuigkeit') ist eine kürzere Erzählung in Prosaform. Als Gattung lässt sie sich nur schwer … Indien Indien ; Amtssprache · Hindi und Englisch (Amtssprachen der Union) 21 weitere, offiziell anerkannte Sprachen dienen auf regionaler Ebene teils als Amtssprachen. Kreuzzug Die Kreuzzüge waren von der lateinischen Kirche sanktionierte, strategisch, religiös und wirtschaftlich motivierte Kriege zwischen 1095/99 und dem 13. Europa Europa ; 10.523.000 km² · 746 Millionen (2020) · 70 Einwohner/km² · ca. 50 · UTC±0 (Island) bis UTC+5 (Russland) … Germanen Als Germanen wird eine Gruppe ehemaliger Stämme in Mitteleuropa und im südlichen Skandinavien bezeichnet, deren Identität in der Forschung traditionell über …