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Oral History

Oral History (englisch; wörtlich übersetzt „mündliche Geschichte“) ist eine Methode der Geschichtswissenschaft, die auf dem Sprechenlassen von Zeitzeugen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Definition und Bedeutung
  2. 2. Ausgangspunkt und Erkenntnisinteresse
  3. 3. Durchführung und Aufbereitung
  4. 4. Entwicklung und heutige Nutzung
  5. 5. Beispiele für Projekte
  6. 6. Grenzen und Quellenkritik

Definition und Bedeutung

Oral History ist eine Methode der Geschichtswissenschaft, die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen möglichst frei erzählen lässt. Die Forschenden sollen die Erzählung so wenig wie möglich beeinflussen. Dadurch können Menschen aus unterschiedlichen sozialen Milieus ihre Lebenswelt, Erfahrungen, Gefühle und Sichtweisen für die Nachwelt festhalten. Die Methode wird besonders in der Alltagsgeschichte, Volkskunde und Lokalgeschichte eingesetzt.

Oral History wird oft auf jedes Gespräch mit Zeitzeugen bezogen. Im engeren Sinn handelt es sich jedoch gerade nicht um ein gewöhnliches Gespräch mit vielen vorgegebenen Fragen, sondern um freies Sprechen. Meist werden lebensgeschichtliche Erinnerungen als Audio- oder Video-Interview aufgezeichnet. Solche narrativ-biografischen Interviews verbinden die persönliche Lebensgeschichte mit größeren historischen Entwicklungen und sind wichtige Quellen der Geschichts-, Sozial- und Geisteswissenschaften.

Ausgangspunkt und Erkenntnisinteresse

Historische Forschung ist auf Quellen angewiesen. Schriftliche Zeugnisse stammen jedoch nur von einem begrenzten Personenkreis. Deshalb besteht die Gefahr, dass andere Menschen in der Geschichtsschreibung zu wenig berücksichtigt werden. Das betrifft besonders Angehörige der Unterschicht, kann aber beispielsweise auch für Manager gelten, die ihre Erinnerungen nicht von sich aus aufschreiben.

Anhänger der Oral History befürchten, dass herkömmliche Interviews die Befragten durch Fragen zu stark einengen. Beim freien Erzählen bestimmen die Zeitzeugen selbst, was sie für wichtig halten. So werden auch Emotionen und persönliche Standpunkte sichtbar, die in Quellen wie Personenstandsakten oder Nekrologen kaum vorkommen. Außerdem lässt sich zum Zeitpunkt des Interviews nicht vollständig vorhersehen, welche Fragen spätere Historiker interessieren werden. Die Aufzeichnung soll daher möglichst viel von der eigenen Erzählweise und Schwerpunktsetzung der befragten Person bewahren.

Durchführung und Aufbereitung

Bei der traditionellen Vorgehensweise erzählt ein Zeitzeuge möglichst frei aus seinem Leben. Ein Tonaufnahmegerät oder eine Videokamera hält die Erzählung fest. Fotoalben, persönliche Gegenstände, Tagebücher und ähnliche Erinnerungsstützen können dabei helfen, Erinnerungen anzuregen.

Häufig werden Tonaufnahmen transkribiert, also mehr oder weniger wörtlich in Schrift übertragen. In einer Nachbearbeitung, gegebenenfalls gemeinsam mit dem Zeitzeugen, lassen sich Widersprüche klären und Unklarheiten beseitigen. Größere Sammlungen werden oft verschlagwortet: Die Interviews erhalten Suchbegriffe, über die bestimmte Themen und Inhalte auffindbar werden. Anschließend können sie in digitalen Interview-Archiven aufbereitet und für weitere Forschung zugänglich gemacht werden.

Seit der Jahrtausendwende erleichtern digitale Archive die Sekundärnutzung, also die erneute Auswertung bereits vorhandener Interviews durch andere Forschende. Während früher häufig das Transkript im Mittelpunkt stand, werden heute verstärkt die ursprünglichen Ton- und Videoaufnahmen untersucht. Dadurch geraten neben dem Inhalt auch die mediale Form und die digitale Rezeption in den Blick.

Entwicklung und heutige Nutzung

Der Begriff Oral History kam in den 1930er-Jahren auf und wird seit den 1960er-Jahren auch im deutschen Sprachraum verwendet. Besonders viele Projekte befragten Überlebende des Holocaust. Im Sinne einer emanzipatorischen „Geschichte von unten“ wurden außerdem Lebensgeschichten von Frauen, Arbeitern und Geflüchteten aufgezeichnet, die vergleichsweise selten schriftliche Zeugnisse hinterlassen. Hinzu kamen Sammlungen zu unterschiedlichen Erfahrungen in der DDR und während der Wende sowie, in geringerem Umfang, Interviews mit Angehörigen politischer und wissenschaftlicher Eliten.

Seit den 1980er-Jahren entstanden sowohl große Forschungs- und Dokumentationsprojekte mit jeweils Hunderten Interviews als auch kleinere regionale oder thematische Sammlungen. Universitäten, Museen, Gedenkstätten, Archive, Bibliotheken und Mediatheken bewahren solche Bestände. Viele sind jedoch unzureichend erschlossen, nicht digitalisiert oder nur vor Ort zugänglich. Nur wenige Forschende stellen ihre eigenen Interviews nach Projektende für Sekundäranalysen bereit.

Zu den größten deutschen Zentren gehören das Archiv „Deutsches Gedächtnis“ an der FernUniversität in Hagen mit 3.000 Interviews, die Werkstatt der Erinnerung an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg mit 2.200 Interviews und die Digitalen Interview-Sammlungen der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin mit 800 Interviews. Die Gedenkstätten zu nationalsozialistischen Konzentrationslagern und zur DDR-Geschichte besitzen zusammen vermutlich über 10.000 Zeitzeugen-Interviews. Eine kleine, aber wachsende Zahl von Archiven kann über das Interviewportal Oral-History.Digital durchsucht werden.

Mit dem Cultural Turn und dem Boom der Memory Studies wurden audiovisuelle Erinnerungen zu wichtigen Quellen der Alltags-, Kultur- und Erfahrungsgeschichte. Sie dienen außerdem der Geschichtsvermittlung in Ausstellungen und Bildungsprojekten. Auch Literaturwissenschaft, Linguistik und Philosophie untersuchen solche Interviews. Standards für Interviewführung und Auswertung werden im Austausch unter anderem mit qualitativer Sozialforschung, Bildungswissenschaften, Traumaforschung und Gender Studies weiterentwickelt.

Beispiele für Projekte

Lutz Niethammer und Alexander von Plato untersuchten unter anderem die Lebens- und Sozialgeschichte des Ruhrgebiets zwischen 1930 und 1960 sowie noch vor dem Mauerfall die „volkseigene Erfahrung“ in der DDR. Die von Steven Spielberg gegründete Shoah Foundation zeichnete möglichst viele Berichte zur Shoah auf; das Visual History Archive soll die Erinnerungen der Überlebenden auch nach dem Aussterben ihrer Generation erhalten.

Das Schweizer Projekt Archimob sammelte zwischen 1999 und 2001 Aussagen über die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs. Aus 555 Videointerviews entstanden 22 kurze Dokumentarfilme und die Ausstellung „L’Histoire c’est moi“. Es gilt als das bisher größte Oral-History-Projekt der Schweiz. Ein weiteres Schweizer Projekt dokumentierte in Erzählworkshops die Lebensgeschichten von mehr als siebzig Migrantinnen und Migranten sowie von Menschen, die aus abgelegenen Bergregionen in städtische Zentren gezogen waren.

Das Online-Archiv „Zwangsarbeit 1939–1945“ enthält lebensgeschichtliche Audio- und Video-Interviews mit 600 ehemaligen Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen aus 27 Ländern. Die Anwendung „Lernen mit Interviews: Zwangsarbeit 1939–1945“ unterstützt Schülerinnen und Schüler dabei, diese Berichte als historische Quellen zu verstehen. Weitere Beispiele sind das seit 2018 öffentliche deutsch-griechische Projekt „Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland“ und das Portal „Zeitzeugen berichten“ des Hauses der Bayerischen Geschichte mit über 800 Interviews.

Grenzen und Quellenkritik

Nur wenige Historiker betreiben Oral History in ihrer ursprünglichen, aufwändigen Form des weitgehend freien Erzählens. In der Praxis verwenden sie häufig Fragen und Nachfragen. Das entspricht eher einem gewöhnlichen Interview. Der Begriff Oral History wird deshalb inzwischen oft allgemein für Interviews in der Geschichtsforschung oder für eine Geschichtsschreibung verwendet, die Interviews als zentrale Quellen nutzt.

In der Frühzeit verbanden Forschende mit der Methode große Erwartungen und stellten einer „offiziellen Geschichte“ die Idee einer „demokratischen Geschichte“ gegenüber. Zeitzeugeninterviews sind jedoch keine unmittelbare oder automatisch zuverlässige Abbildung der Vergangenheit. Wie Autobiografien müssen sie quellenkritisch gelesen und zusammen mit anderen Quellen interpretiert werden. Unter dieser Voraussetzung können sie nicht nur subjektive Erfahrungen und Deutungen vermitteln, sondern auch zur Rekonstruktion von Fakten beitragen, die häufig präzise erinnert werden.

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