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Mächtegleichgewicht

Neben dem Mächtegleichgewicht existieren als Modell der Friedenssicherung die Machtausübung eines Hegemons und die Machtkontrolle durch internationale Verträge …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Entstehung und klassische Phase
  3. 3. Europäisches Konzert und Erster Weltkrieg
  4. 4. Vom Völkerbund zum Gleichgewicht des Schreckens
  5. 5. Neorealistische Grundtheorie
  6. 6. Weiterentwicklungen der Theorie

Grundidee und Bedeutung

Als Mächtegleichgewicht oder Gleichgewicht der Kräfte (englisch Balance of Power) bezeichnet man eine politische Ordnung souveräner Staaten, die sich seit dem 17. Jahrhundert besonders in Europa entwickelte. Die Staaten stehen dauerhaft in Konkurrenz und Konflikt. Weil sich schwächere Staaten jedoch jederzeit gegen den stärksten Staat verbünden können, soll keiner von ihnen eine uneingeschränkte Vormachtstellung erreichen oder schrankenlos Krieg führen können.

Das Gleichgewicht entsteht vor allem durch zwei Mittel: Staaten können ihre eigene militärische und wirtschaftliche Macht vergrößern oder Allianzen mit anderen Staaten bilden. Neben dem Mächtegleichgewicht nennt der Artikel zwei weitere Modelle der Friedenssicherung: die Machtausübung durch einen Hegemon, also einen überlegenen Führungsstaat, sowie die Kontrolle von Macht durch internationale Verträge und Institutionen. In der Theorie der Internationalen Beziehungen ist die Verteilung von Macht zwischen Staaten besonders für den Neorealismus wichtig.

Entstehung und klassische Phase

Nach Jacob Burckhardt entstand ein erstes Modell des Mächtegleichgewichts zwischen den italienischen Stadtrepubliken des ausgehenden Mittelalters und der Renaissance. Auf gesamteuropäischer Ebene setzte sich das Konzept in der Frühen Neuzeit durch, als nach den Konfessionskriegen souveräne Territorialstaaten entstanden. Es verdrängte universalistische Vorstellungen wie den Weltherrschaftsanspruch des Papstes und die Reichsidee.

Als Hochphase des klassischen Gleichgewichtsdenkens gilt die Zeit vom Westfälischen Frieden 1648 bis zum Ausbruch der Französischen Revolution. Dauerhaft durchgesetzt habe sich das Prinzip 1713 nach dem Spanischen Erbfolgekrieg: Eine von England geführte Allianz verhinderte den Hegemonieanspruch Frankreichs. Die Friedenssicherung blieb allerdings unvollkommen. Bis 1790 führten die europäischen Großmächte 16 Kriege. Bei Friedensschlüssen wurden häufig Kompensationen vereinbart, ohne die Interessen dritter Staaten oder der betroffenen Bevölkerung zu berücksichtigen. Trotzdem blieb das europäische Staatensystem bis zur Französischen Revolution insgesamt stabil, wozu auch das Fehlen starker ideologischer Gegensätze beitrug.

Der Ausdruck „Mächtegleichgewicht“ beziehungsweise balance of power stammt ebenfalls aus dieser Zeit. 1741 bezeichnete der britische Premierminister Robert Walpole damit sein politisches Konzept für den europäischen Kontinent.

Europäisches Konzert und Erster Weltkrieg

Nach der Zerschlagung der von Napoleon I. errichteten französischen Hegemonie wurde auf dem Wiener Kongress 1815/15 ein neues Mächtegleichgewicht geschaffen. Der Kongress legte Europas Grenzen für mehrere Jahrzehnte fest. Das daraus hervorgegangene „Europäische Konzert“ umfasste die Großmächte Russland, Vereinigtes Königreich, Österreich, Preußen und Frankreich; diese Ordnung wird auch Pentarchie genannt. Sie sollte die Grundsätze einer Gemeinschaft unabhängiger und gleichberechtigter Staaten mit einem Kräftegleichgewicht verbinden. Der Status quo sollte durch abgestimmtes Handeln der fünf Großmächte erhalten werden.

Von 1818 bis 1822 kooperierten die Mächte auf vier Monarchenkongressen. Sie wollten revolutionäre Aktivitäten bekämpfen und internationale Konflikte beilegen oder eindämmen. Die Kongressdiplomatie hatte jedoch eine klare Grenze: Gemeinsame Maßnahmen gingen nur so weit, wie der zurückhaltendste beteiligte Staat zu handeln bereit war.

Großbritannien war aufgrund seines Kolonialreiches die einzige Weltmacht, war auf dem europäischen Festland aber jeder der vier anderen Großmächte zu Lande unterlegen. Deshalb versuchte es, die Festlandsmächte so auszubalancieren, dass sie sich gegenseitig blockierten und Großbritannien seine Handlungsfreiheit in Übersee behielt. Diese Politik funktionierte bis zum späten 19. Jahrhundert, als Deutschland auf dem Kontinent ein Übergewicht gewann. Der deutsche Schlachtflottenbau führte zu britischer Aufrüstung und zu neuen Bündnissen.

Frankreich und Russland hatten bereits 1892 eine Militärkonvention geschlossen, nachdem Bismarck im russisch-österreichischen Balkankonflikt das Bündnis mit Österreich-Ungarn gewählt hatte. Großbritannien schloss 1904 mit Frankreich die Entente cordiale und verständigte sich 1907 im Vertrag von Sankt Petersburg mit Russland. Damit standen sich zwei feste Blöcke gegenüber: Frankreich und Russland auf der einen sowie das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn auf der anderen Seite; kleinere Staaten ordneten sich diesen Blöcken zu. Wegen der deutschen Weltmachtpolitik trat Großbritannien schließlich dem russisch-französischen Block bei. Deutschland und Österreich-Ungarn standen nun der Triple Entente gegenüber. Beim Beginn des Ersten Weltkriegs wurden innerhalb weniger Tage alle fünf Großmächte in den Krieg hineingezogen. Die über Jahrzehnte entwickelten Verfahren der Krisenlösung brachen vollständig zusammen.

Vom Völkerbund zum Gleichgewicht des Schreckens

Nach dem Ersten Weltkrieg sollte der auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 gegründete Völkerbund das Mächtegleichgewicht durch kollektive Sicherheit ersetzen. Kollektive Sicherheit bedeutet hier, dass die Staatengemeinschaft gemeinsam gegen Friedensbrüche vorgehen soll. Dieses System scheiterte in den 1930er Jahren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand durch die militärische Parität der beiden Atommächte USA und Sowjetunion ein „Gleichgewicht des Schreckens“. Parität bezeichnet eine ungefähr gleich starke militärische Stellung. Die gegenseitige Fähigkeit zur atomaren Abschreckung prägte die Grundkonstellation der Weltpolitik bis zum Ende des Kalten Krieges.

Neorealistische Grundtheorie

Kenneth Waltz, der Begründer des Neorealismus, beschreibt die internationalen Beziehungen als System aus einer Struktur und den einzelnen Staaten als miteinander handelnden Einheiten („interacting units“). Da es keine Zentralgewalt oder Weltregierung gibt, herrscht nach dieser Theorie Anarchie. Damit ist nicht Unordnung gemeint, sondern das Fehlen einer übergeordneten Instanz, die alle Staaten wirksam kontrolliert.

Diese Lage zwingt Staaten nach Waltz zu einem auf Sicherheit und Macht gerichteten Verhalten nach dem Hilf-dir-selbst-Prinzip. Staaten gelten als rationale, interessengeleitete Akteure mit unterschiedlich großer Macht; ihr oberstes Ziel ist das eigene Überleben. Deshalb wird die Sicherung der eigenen Macht zur wichtigsten Aufgabe staatlicher Sicherheitspolitik. Neben militärischer Stärke ist dabei auch wirtschaftliche Macht bedeutsam.

Entstehen Machtungleichgewichte, versuchen Staaten sie laut Waltz durch eigene Aufrüstung oder die Bildung von Allianzen auszugleichen. Eine bipolare Struktur mit zwei großen Machtzentren, wie im Ost-West-Konflikt, hält er für die am ehesten friedenssichernde Ordnung.

Weiterentwicklungen der Theorie

Stephen M. Walt entwickelte die Theorie zum „Gleichgewicht der Bedrohungen“ (Balance of Threat) weiter. Staaten reagieren demnach nicht automatisch auf jede Machtkonzentration mit balancing, also mit Ausgleichsmaßnahmen. Sie gleichen vor allem gegenüber Staaten oder Bündnissen aus, die sie als Bedrohung wahrnehmen. Im Kalten Krieg versuchten die westeuropäischen Staaten beispielsweise, ein Gegengewicht zum Warschauer Pakt zu bilden. Untereinander betrachteten sie sich dagegen nicht als bedrohlich und deshalb auch nicht als „ausgleichungswürdig“.

John J. Mearsheimer stellte die Theorie nach dem Ende des Ost-West-Konflikts neu auf, weil der (Neo-)Realismus das Ende des Kalten Krieges weder vorhergesagt noch erklärt hatte. Er bezeichnet sich als „offensive realist“: Staaten betreiben seiner Ansicht nach nicht nur balancing, sondern müssen zur Sicherung ihres Überlebens häufig auch aggressiv handeln. Waltz ordnet er dagegen als „defensive realist“ ein, weil dieser das Überleben von Staaten durch die Herstellung eines Gleichgewichts gesichert sieht. Mearsheimer kritisiert konkurrierende Ansätze wie Neoliberalismus und Konstruktivismus stark und warnt besonders vor einem aufstrebenden China.

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