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Moritz Schlick
Schlick studierte nach seinem Abitur am Luisenstädtischen Realgymnasium in Berlin Naturwissenschaften und Mathematik an den Universitäten Heidelberg, Lausanne …
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Bedeutung und Lebensweg
Friedrich Albert Moritz Schlick (* 14. April 1882 in Berlin; † 22. Juni 1936 in Wien) war deutscher Physiker und Philosoph. Er begründete den Wiener Kreis und gehörte zu den führenden Vertretern des Logischen Empirismus. Diese Richtung verlangt, philosophische Aussagen mit Mitteln der Logik und anhand empirischer, also erfahrungsbezogener Wissenschaften zu klären. Schlick arbeitete zur Naturphilosophie, Erkenntnistheorie, Ethik und Ästhetik.
Er studierte Naturwissenschaften und Mathematik in Heidelberg, Lausanne und Berlin und wurde 1904 bei Max Planck mit einer Arbeit zur Reflexion des Lichts promoviert. Nach Studien in Psychologie habilitierte er sich 1911 in Rostock mit Das Wesen der Wahrheit nach der modernen Logik. Dort beschäftigte er sich mit einer Reform der traditionellen Philosophie im Zeichen neuer Naturwissenschaften und setzte sich früh mit Albert Einsteins Relativitätstheorie auseinander.
1918 erschien sein Hauptwerk Allgemeine Erkenntnislehre. Es verteidigt einen erkenntnistheoretischen Realismus gegen positivistische und neukantische Positionen. Nach einer Professur in Kiel wurde Schlick 1922 als Nachfolger Ernst Machs Professor für Naturphilosophie in Wien. Den von ihm 1924 gegründeten interdisziplinären Diskussionszirkel nennt man Wiener Kreis. Ab 1926 stand er mit Ludwig Wittgenstein in Kontakt und diskutierte von 1929 bis 1932 regelmäßig mit ihm.
Erkenntnis, Sprache und Wirklichkeit
Schlick zufolge kann man Einzelwissenschaften zwar ohne Erkenntnistheorie betreiben, aber ihre Grundlagen nicht vollständig verstehen. Erkenntnistheorie fragt nach den allgemeinen Gründen, die gültiges Erkennen möglich machen. Sie unterscheidet sich daher von der empirischen Psychologie, welche psychische Vorgänge beschreibt, in denen Menschen Erkenntnisse entwickeln.
Grundlegend für Schlick sind Verifikation, also die Prüfung von Aussagen durch Erfahrung, und Begriffsanalyse. Wissenschaftliche Sprache soll eindeutig sein und sprachliche Mehrdeutigkeiten möglichst ausschließen; dadurch werden Aussagen intersubjektiv nachprüfbar, also von verschiedenen Personen überprüfbar. Eine formale Zeichen- oder Wissenschaftssprache soll philosophische Probleme analysieren und Scheinprobleme sichtbar machen. Schlick hält an der strengen Unterscheidung zwischen analytischen Urteilen und synthetischen Urteilen fest und lehnt synthetische Urteile a priori ab.
Anschauliches oder intuitives Erkennen lehnt er ab. Erkenntnis entsteht nicht allein aus einem Objekt und einem erkennenden Subjekt, sondern durch einen Erkenntnisakt: Das Subjekt ordnet dem Gegenstand eindeutig Zeichen und Begriffe zu. Das bloße Kennen oder Vorstellen ist deshalb nicht mit Erkennen gleichzusetzen. Zeichen und der Akt des Zeigens sind für objektiv gültige, gemeinsame Erkenntnis notwendig.
Abstrakte Begriffe werden nach Schlick implizit definiert: Sie werden durch ihre Beziehungen zu anderen Begriffen festgelegt. Auf Wirklichkeit angewandt heißt dies, einen bestimmten Komplex von Beziehungen auszuwählen und mit einem Namen zu bezeichnen. Eindeutigkeit des Bezeichnens ist für ihn die entscheidende Voraussetzung wahrer Urteile.
Schlick kritisiert subjektivistische, idealistische und immanenzphilosophische Ansätze. Auch nicht unmittelbar gegebene, transzendente Größen dürfen nach seiner Auffassung angenommen werden, wenn dies keine Widersprüche erzeugt. Wirklichkeit ist für ihn zugleich die konkrete Lebenswelt und ein unendlich großer Komplex von Elementen und raumzeitlichen Ereignissen. Wissenschaft bildet diese Wirklichkeit jedoch nicht unmittelbar ab: Ihr physikalisches Weltbild ist ein System von Begriffen und Gesetzmäßigkeiten. Erkenntnis richtet sich letztlich auf Beziehungen und Abhängigkeiten, nicht auf Dinge oder Substanzen. Wissenschaftliche Begriffe und Grundgesetze sollen dabei möglichst sparsam und widerspruchsfrei gewählt werden; dies entspricht dem Ökonomieprinzip Ernst Machs.
Protokollsätze und wissenschaftliche Prüfung
Das Protokollsatzproblem, auch Basissatzproblem, fragt danach, wie empirische Aussagen eine gemeinsame sprachliche Grundlage erhalten können. Gesucht ist ein verifizierendes Sinnkriterium, das wissenschaftlich bedeutungsvolle Aussagen von metaphysischen oder bedeutungslosen Ausdrücken abgrenzt.
Schlick versteht Protokoll- oder Basissätze nicht als endgültige Fundamente. Sie verwirklichen eine logische, raumzeitliche Ordnungsstruktur. Mit seiner „Methode der Koinzidenzen“ werden etwa zwei Punkte zur Deckung gebracht; dadurch lassen sich Orte und Gegenstände in einem Raum-Zeit-Schema einordnen. Messungen, Versuchsergebnisse und Begriffe verschiedener Wissenschaften sollen so begrifflich geordnet werden.
Die Ordnung enthält eine gewisse Willkür, weil unterschiedliche Wahrnehmungskomplexe verschieden verknüpft werden können. Entscheidend sind Kohärenz, also Widerspruchsfreiheit, und Ökonomie. Protokollsätze haben daher grundsätzlich denselben Charakter wie andere wissenschaftliche Sätze: Sie sind Hypothesen. Vollständige Erkenntnis verlangt nach Schlick quantitative Bestimmbarkeit, weil quantitative Beziehungen eine geschlossene logische Ordnung ermöglichen.
Zusätzlich braucht Wissenschaft Konstatierungen: unmittelbare Aussagen über ein einzelnes gegenwärtiges Erleben. Sie vollenden Verifikation oder Falsifikation im Moment der Beobachtung, lassen sich aber nicht dauerhaft als logische Bausteine verwenden. Wissenschaftliche Theorien werden somit rückblickend an solchen Erlebnissen bewährt.
Schlick vertritt außerdem einen psychophysischen Monismus. Danach genügt grundsätzlich ein einziges Begriffssystem zur Erkenntnis aller Dinge; psychische Erlebnisse und physische Ereignisse sollen strukturell übersetzbar sein. Er setzt auf die Einheit und fortschreitende Erkennbarkeit der Welt. Philosophie darf dabei nicht auf Wissenschaftslogik beschränkt werden: Logik ist für ihn ein Werkzeug der Sprachkritik, das auch Fragen des alltäglichen Lebens philosophisch zugänglich macht.
Empirische Ethik
Schlick versucht in Fragen der Ethik von 1930 eine rein empiristische Ethik. Ethik ist für ihn als Teil der Psychologie eine Tatsachenwissenschaft. Sie soll nicht vorschreiben, was gut sein soll, sondern untersuchen, unter welchen Bedingungen Menschen etwas gut nennen und warum bestimmte Regeln als Richtschnur des Handelns gelten. Sie darf deshalb nicht selbst moralisch bestimmen wollen, was das Gute ist.
Ethische Werturteile beziehen sich bei Schlick vor allem auf das Motiv einer Handlung. Wollen ist dabei mehr als Wünschen: Es ist das erste innere Stadium der Handlung und mit Anstrengung verbunden. Die Wertfrage ist sinnvoll, wenn ein Mensch aufgrund widerstreitender Motive auch anders hätte handeln können.
Menschen wollen letztlich die am stärksten lustbetonte Vorstellung. Das bedeutet jedoch nicht Egoismus. Soziale Triebe setzen Rücksicht auf andere voraus und sind für Schlick „die sittlichen Triebe par excellence“. Er unterscheidet Motivlust, die eine Handlung antreibt, von Erfolgslust, der Freude am Ergebnis. Beide fallen nicht notwendig zusammen; auch Disziplin, Verzicht, Schmerz oder Traurigkeit können lustvoll erlebt werden. Glücksfähigkeit bedeutet, dass Motivationslust und Erfolgslust in einem stabilen Verhältnis stehen und der Einzelne nicht gegen seine Umwelt handelt.
Der Inhalt moralischer Vorschriften hängt von den Lebensbedingungen einer Gesellschaft ab. Die Gesellschaft ist der „moralische Gesetzgeber“; moralisch ist Verhalten, von dem sie glaubt, dass es ihre eigene Wohlfahrt am meisten fördert. Güte beruht nach Schlick letztlich auf einer eigenen Neigung und verbindet das Wohl des Einzelnen mit dem anderer Menschen.
Tod und Nachwirkung
Am 22. Juni 1936 wurde Schlick auf der Philosophenstiege der Universität Wien von seinem ehemaligen Studenten Hans Nelböck durch vier Schüsse getötet. Nelböck hatte Schlick zuvor bedroht; Schlick hatte dagegen polizeiliche Anzeigen erstattet. Nelböck war zeitweise in psychiatrische Anstalten eingeliefert, aber als ungefährlich entlassen worden. Er wurde als zurechnungsfähig eingestuft, gestand die Tat und erhielt zehn Jahre Haft. 1938 wurde er von den Nationalsozialisten vorzeitig auf Bewährung entlassen.
Als Tatmotiv wurde zeitgenössisch auch ein Streit um die Studentin Sylvia Borowicka hervorgehoben; der Artikel bezeichnet dies als verharmlosende, vom politischen Kontext ablenkende Deckerzählung. Seit 1993 erinnert eine Inschrift am Tatort daran, dass ein durch Rassismus und Intoleranz vergiftetes geistiges Klima zur Tat beigetragen habe.
Als Philosophielehrer wurde Schlick laut Friedrich Waismann durch Klarheit, Strenge, Geduld und Offenheit für unterschiedliche Auffassungen geprägt. Er wollte kein geschlossenes Lehrgebäude errichten, sondern den Sinn einzelner Aussagen und Fragen untersuchen. Seine Ermordung veränderte nach Heinrich Neider den Charakter des Wiener Kreises wesentlich.