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Ludwig Rubiner

Ludwig Rubiner (* 12. Juli 1881 in Berlin; † 27. Februar 1920 ebenda) war Dichter, Literaturkritiker und Essayist des Expressionismus.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick
  2. 2. Ausbildung und frühes Umfeld
  3. 3. Erste Veröffentlichungen und Kritik
  4. 4. Übersetzungen und Vermittlung zwischen Literaturen
  5. 5. Paris, Politik und Schweizer Exil
  6. 6. Rückkehr, Kulturarbeit und Tod

Überblick

Ludwig Rubiner (* 12. Juli 1881 in Berlin; † 27. Februar 1920 ebenda) war ein deutscher Dichter, Literaturkritiker und Essayist des Expressionismus. Der Expressionismus war eine Kunst- und Literaturströmung, die starke innere Erfahrungen, gesellschaftliche Krisen und den Wunsch nach Erneuerung ausdrückte. Rubiner ist besonders wichtig, weil er Literatur nicht nur als Kunst verstand, sondern auch als Eingriff in Politik und Gesellschaft.

Zu seinen wichtigsten Werken gehören das Manifest „Der Dichter greift in die Politik“ von 1912 und das Drama „Die Gewaltlosen“ von 1919. Mit den „Kriminalsonetten“ von 1913 gilt er als Vorläufer des Dadaismus, einer späteren avantgardistischen Kunstrichtung, die mit traditionellen Formen brach.

Ausbildung und frühes Umfeld

Rubiner wurde als Sohn von Wilhelm Rubiner und Betty Rubiner in eine ostjüdische Familie geboren, die aus Galizien stammte und sich in Berlin niedergelassen hatte. Er besuchte ein evangelisches Gymnasium. 1902 schrieb er sich zunächst an der medizinischen Fakultät der Berliner Universität ein, wechselte aber bald an die philosophische Fakultät. Bis Ende 1906 studierte er Musik, Kunstgeschichte, Philosophie und Literatur.

Während seiner Studienzeit wurde Rubiner Mitglied der Berliner Freien Studentenschaft. Dort hielt er Vorträge über Lew Tolstoi, Strindberg und Wedekind und beschäftigte sich mit Theateraufführungen. Das Universitätsleben brachte ihn in das Milieu der Berliner Avantgarde, also in Kreise experimenteller und radikaler Künstler und Schriftsteller. Dort gehörte er zu den Radikalsten. Während viele in diesem Umfeld Nietzsche verehrten, stellte Rubiner Max Stirners Buch „Der Einzige und sein Eigentum“ von 1845 als „bedeutendste[s] Manifest des Jahrhunderts“ heraus.

In diesen Kreisen lernte Rubiner zahlreiche Vertreter des Expressionismus kennen, darunter Erich Mühsam, Paul Scheerbart, René Schickele, Ferdinand Hardekopf, Wilhelm Herzog und Herwarth Walden. Die Freundschaft mit Walden erleichterte ihm den Beginn seiner publizistischen Tätigkeit.

Erste Veröffentlichungen und Kritik

Rubiners erstes Gedicht „Zu den Höhen“ erschien 1904 in der anarchistischen Zeitschrift „Der Kampf“. 1906 begann er, wie schon sein Vater, als Kritiker journalistisch zu arbeiten. Bis 1911 veröffentlichte er Glossen, Theaterkritiken und Gedichte in Zeitschriften wie „Die Gegenwart“, „Morgen“, „Der Demokrat“, „Das Theater“, „Der Sturm“ und „Pan“. Seine frühen Texte waren meist kurze Schriften über Literatur, Essays über Schriftsteller, Komponisten und Maler, Besprechungen einzelner Werke aus Literatur und Musik sowie Erläuterungen zu Kunstausstellungen.

Als Literaturkritiker besprach Rubiner unter anderem Werke von Else Lasker-Schüler, Max Brod, Ernst Blass, Eduard Stucken, Arthur Holitscher, Peter Hille und Heinrich Mann. In seinen Artikeln über Musik schrieb er über Debussy, Pfitzner, Schönberg, Strauss, Busoni und Puccini. Zur Malerei erläuterte er Künstler der Berliner Neuen Sezession sowie Matisse und Rousseau.

1906 schrieb Rubiner das Textbuch zu Herwarth Waldens Oper „Der Nachtwächter“ und versuchte, Gustav Mahler darauf aufmerksam zu machen. Die Zusammenarbeit mit Walden dauerte bis Ende 1910. Gemeinsam schrieben sie für den Schlesinger’schen Opernführer die Einleitung zu Puccinis „Madame Butterfly“. Zwischen 1908 und 1909 reiste Rubiner durch mehrere europäische Städte und Länder. Ein halbes Jahr verbrachte er in Italien, vor allem in Pisa und Florenz; außerdem hielt er sich in Weimar, Russland, Österreich und der Schweiz auf.

Übersetzungen und Vermittlung zwischen Literaturen

Schon zu Beginn seiner Tätigkeit als Literaturkritiker interessierte sich Rubiner stark für fremdsprachige Literatur, besonders für französische und russische Werke, da er beide Sprachen beherrschte. 1907 schrieb er einen Essay über Joris-Karl Huysmans, 1909 einen über Fjodor Sologub. Von Sologub übersetzte er auch mehrere Gedichte.

Außerdem übersetzte Rubiner eine Erzählung von Paul Verlaine und schrieb einen Essay über den belgischen Schriftsteller Fernand Crommelynck. Weitere Übersetzungen waren Michail Kusmins Roman „Taten des großen Alexander“ von 1908 und Nikolai Gogols Novellen „Abende auf dem Gutshof bei Dikanka“ von 1831–1832. Diese Arbeiten erschienen in Zeitschriften wie „Zwei Herrscher“, „Die Phantasie“, „Die Gegenwart“, „Die Schaubühne“, „Das Theater“ und „Der Demokrat“.

Bei den Übersetzungen arbeitete auch Rubiners Frau Frida mit, die er 1908 kennengelernt hatte. In seiner letzten Lebenszeit übersetzte er mit ihr Romane und Erzählungen von Voltaire. Für die 1920 im Gustav Kiepenheuer Verlag Potsdam erschienene zweibändige Ausgabe wählte er seinen Essay „Der Dichter Voltaire“ als Vorwort.

Paris, Politik und Schweizer Exil

1910 veröffentlichte Rubiner unter dem Pseudonym „Ernst Ludwig Grombeck“ den Kriminalroman „Die indischen Opale“. Von 1911 bis 1918 arbeitete er bei Franz Pfemferts Zeitschrift „Die Aktion“ mit. Im November 1912 zog er nach Paris, wo er mit dem Schriftsteller und Kunstkritiker Carl Einstein in einem kleinen Hotel wohnte. In Paris vermittelte Rubiner zwischen deutscher und französischer Literatur. Für „Die Schaubühne“, „März“ und „Die Aktion“ schrieb er regelmäßig Artikel über wichtige französische Ereignisse der Zeit.

In der Künstlerkolonie Fleury-en-Bière, die vom holländischen Maler Otto van Rees gegründet worden war und in der Kees van Dongen zu Gast war, lernte Rubiner Marc Chagall kennen. Chagall stellte seine Bilder in der ersten deutschen Herbsthalle Waldens aus; Rubiner schloss mit ihm Freundschaft.

1912 wandte sich Rubiner stärker der Sozialkritik zu. In Paris schrieb er das politisch-literarische Manifest „Der Dichter greift in die Politik“, das im selben Jahr in „Die Aktion“ erschien. 1913 veröffentlichte er die „Kriminalsonette“, die er zusammen mit Livingstone Hahn und Friedrich Eisenlohr schrieb. Außerdem übersetzte er die Autobiografie von Eugène François Vidocq und verfasste dazu ein Vorwort; die Ausgabe erschien 1920.

Bei Kriegsausbruch ging Rubiner mit seiner Frau freiwillig ins Exil nach Zürich. Er war ein radikaler Kriegsgegner. In der Schweiz schrieb er für die „Neue Zürcher Zeitung“ und leitete 1917 die Exilzeitschrift „Zeit-Echo“ in vier Heften. 1916 veröffentlichte er in „Die Weißen Blätter“ die Gedichtsammlung „Das himmlische Licht“, die im selben Jahr auch als Buch erschien. Ebenfalls 1916 erschien das Manifest „Die Änderung der Welt“ in der Zeitschrift „Das Ziel“.

1917 war für Rubiner besonders produktiv. Im „Zeit-Echo“ veröffentlichte er Tolstois Briefwechsel unter dem Titel „Revolutionstage in Russland“. In „Die Aktion“ erschien die programmatische Schrift „Der Kampf mit dem Engel“, im „Aktionsbuch“ fünf Gedichte unter dem Titel „Zurufe an die Freunde“. Außerdem veröffentlichte er die Anthologie „Der Mensch in der Mitte“, in der er frühere Essays sammelte. 1918 übersetzte er zusammen mit seiner Frau Tolstois Tagebücher und veröffentlichte das Manifest „Die Erneuerung“ in „Das Forum“. Am 24. Dezember 1918 erhielt er in Zürich einen österreichischen Pass. Wegen seiner Idealisierung der russischen Revolution wurde er Ende 1918 aus der Schweiz ausgewiesen.

Rückkehr, Kulturarbeit und Tod

Nach der Ausweisung aus der Schweiz kehrte Rubiner über München nach Berlin zurück und wohnte dort in der ehemaligen Wohnung von Busoni. 1919 begann er als Lektor beim Verlag Gustav Kiepenheuer in Potsdam. Er veröffentlichte erneut die Essaysammlung „Der Mensch in der Mitte“, außerdem die Anthologien „Kameraden der Menschheit. Dichtungen zur Weltrevolution“ und „Die Gemeinschaft. Dokumente der geistigen Weltwende“. Im selben Jahr erschien auch sein Drama „Die Gewaltlosen“, das er 1917 und 1918 in der Schweiz geschrieben hatte. Ebenfalls 1919 veröffentlichte er den Essay „Die kulturelle Stellung des Schauspielers“ in der Zeitschrift „Freie Deutsche Bühne“.

Im Frühjahr 1919 gründete Rubiner in Berlin zusammen mit Arthur Holitscher, Rudolf Leonhard, Franz Jung und Alfons Goldschmidt den „Bund für proletarische Kultur“ nach sowjetischem Muster. Der Bund entstand nicht innerhalb der Kommunistischen Partei. Sein Ziel war eine proletarische Kultur, die den Kampf der revolutionären Massen gegen das bürgerliche Wirtschafts- und Bildungsmonopol unterstützen sollte.

Rubiner war 1919 auch an der Gründung des Proletarischen Theaters beteiligt. Dieses Theater war als Wanderbühne für Arbeiter gedacht; Aufführungen fanden unter anderem in Fabriken statt. Das Proletarische Theater endete mit der Premiere des Dramas „Freiheit“ von Herbert Kranz am 14. Dezember 1919. Der Bund für proletarische Kultur löste sich 1920 wegen Meinungsverschiedenheiten auf, ohne Rubiners Drama „Die Gewaltlosen“ aufgeführt zu haben. Dieses wurde erst am 22. Mai 1920 im Neuen Volkstheater in Berlin uraufgeführt.

In der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1920 starb Ludwig Rubiner nach einer sechswöchigen Lungenkrankheit in einer Berliner Privatklinik. Wenige Tage zuvor hatte die Gesellschaft „Das junge Deutschland“ ihm einen Ehrentitel zur Würdigung seiner literarischen Tätigkeit verliehen. Am 3. März wurde er in Berlin-Weißensee beigesetzt. Die Grabreden hielten Franz Pfemfert und Felix Hollaender.

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