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Lost Generation

Mit der Aussage „You are a lost generation“ (deutsch „Ihr seid eine verlorene Generation“), die Gertrude Stein gegenüber Ernest Hemingway machte – einem …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernbedeutung
  2. 2. Ursprung in Paris
  3. 3. Erweiterung zur Generation
  4. 4. Deutschsprachige Verwendung
  5. 5. Kunst und weitere verlorene Generationen
  6. 6. Plural und Kritik

Kernbedeutung

Als „Lost Generation“ („Verlorene Generation“) bezeichnet die Encyclopedia Britannica im engeren Sinn eine Gruppe US-amerikanischer Schriftsteller, die im Ersten Weltkrieg volljährig wurden, daran teilnahmen und in den 1920er Jahren in Paris lebten. Der Ausdruck geht auf Gertrude Stein zurück, die zu Ernest Hemingway sagte: „You are a lost generation“ („Ihr seid eine verlorene Generation“). Gemeint waren nach ihrer eigenen Deutung „alle ihr jungen Leute, die Kriegsdienst geleistet haben“.

Wichtig ist der Begriff, weil er eine verbreitete Erfahrung nach dem Ersten Weltkrieg bündelt: Viele junge Menschen empfanden Krieg, Nachkriegszeit und den Verlust früherer Werte als Bruch in ihrem Leben. In der Literatur und Kunst wurde daraus ein Deutungsmuster für Menschen, die durch Kriegserfahrungen, gesellschaftliche Umbrüche und fehlende Zukunftsperspektiven geprägt waren.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff erweitert. Historiker und Soziologen verwendeten „Lost Generation“ auch für alle Angehörigen der Jahrgänge 1883 bis 1900. Einige Kunsthistoriker im deutschsprachigen Raum fassten den Begriff noch anders und bezogen Künstler ein, deren Werke bis etwa 1950 von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts geprägt waren.

Ursprung in Paris

Nach Hemingways Bericht in A Moveable Feast (deutsch: Paris – ein Fest fürs Leben) entstand die Wendung in Paris. Gertrude Stein hörte sie angeblich vom Besitzer einer Werkstatt, der über einen jungen Autoschlosser sagte, seine Generation sei verloren. Sylvia Beach erklärte dies damit, dass junge Leute im Krieg keine ordentliche Ausbildung erhalten hätten und deshalb für viele Arbeiten ungeeignet gewesen seien.

Stein übersetzte den Satz ins Englische und deutete ihn auf junge ehemalige Kriegsteilnehmer: Sie seien respektlos und tränken zu viel. Hemingway widersprach spöttisch und vermutete, der Werkstattbesitzer selbst sei schon früh betrunken gewesen. Dennoch machte Hemingway die Formulierung berühmt, indem er sie als eines von zwei Motti seines ersten Romans The Sun Also Rises (deutsch: Fiesta) verwendete. Der Roman spielt in dem Milieu, das Stein meinte.

Viele Schriftsteller der amerikanischen Moderne lebten zeitweise in Europa, besonders in Paris. Unter ihnen waren Auslandsamerikaner wie Ezra Pound und T. S. Eliot. Gemeinsam war einigen eine kulturkritische Haltung gegenüber der amerikanischen Gesellschaft und Literatur. F. Scott Fitzgerald formulierte die Stimmung seiner Generation mit dem Satz, sie sei aufgewachsen, um „alle Götter tot, alle Kriege gekämpft, jeden Glauben in die Menschheit zerstört“ vorzufinden.

Mitte der 1920er Jahre lebten über 30.000 Amerikaner im Pariser Exil. Die Britannica betont aber, dass die Schriftsteller der Lost Generation in Frankreich bis in die 1930er Jahre keine einheitliche Gruppe mehr bildeten. Ezra Pound verließ Paris zum Beispiel 1924 und wurde in Italien Anhänger Benito Mussolinis. Malcolm Cowley beschrieb 1934 in Exile's Return die Ernüchterung der aus Frankreich zurückgekehrten US-Amerikaner.

Erweiterung zur Generation

Eine weitere wichtige Begriffsverwendung stammt von den Historikern William Strauss und Neil Howe. Sie verwendeten 1991 in ihrem Buch Generations „Lost Generation“ als Sammelbegriff für die Jahrgänge 1883 bis 1900. Damit wurde der Ausdruck von einer literarischen Gruppe auf eine Geburtsgeneration ausgeweitet.

Strauss und Howe ordneten die Kinder der US-Amerikaner dieser Generation der „G.I. Generation“ zu, ihre Enkel den „Baby-Boomern“. Zur „Lost Generation“ rechneten sie auch ausländische Teilnehmer am Ersten Weltkrieg, sofern sie zwischen 1883 und 1900 geboren wurden.

Auch Frauen der genannten Jahrgänge wurden einbezogen. Begründet wurde dies damit, dass Frauen nach dem Aufbruch der Männer an die Front bereits „auf den Geschmack einer gewissen Selbständigkeit gekommen“ seien und nach dem Krieg die Emanzipation der Frauen vorangetrieben hätten.

Deutschsprachige Verwendung

In Deutschland verbreitete sich der Topos der Verlorenen Generation besonders durch Erich Maria Remarques Roman Im Westen nichts Neues, der 1928 erstmals erschien. Manuela Bernauer sieht einen direkten Zusammenhang mit dem angloamerikanischen Konzept der geschlagenen, verlorenen oder zerstörten Generation.

Im Vorwort des Romans heißt es, das Buch wolle „über eine Generation“ berichten, „die vom Kriege zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam.“ Die Hauptfigur Paul Bäumer beschreibt, dass ältere Menschen noch mit früheren Lebensformen verbunden seien: Familie, Beruf, Interessen. Seine eigene Altersgruppe sei dagegen noch nicht „eingewurzelt“ gewesen; der Krieg habe sie „weggeschwemmt“. Im 6. Kapitel sagt er: „Wir sind verlassen wie Kinder und erfahren wie alte Leute, wir sind roh und traurig und oberflächlich – ich glaube, wir sind verloren.“

Auffällig ist, dass Paul Bäumer nicht alle Kriegsteilnehmer meint. Er beschreibt eine kleinere Kohorte, also eine Gruppe bestimmter Jahrgänge: junge Männer, die ab 1914 ihre Schul- oder Berufsausbildung nicht mehr normal abschließen konnten und bis 1918 ohne Abschluss Kriegsteilnehmer wurden.

Nicht jede Kriegsliteratur gehört in diesen Diskurs. Manuela Bernauer grenzt etwa Ernst Jüngers In Stahlgewittern ab. Henning Müller beschreibt Jüngers Werk als ästhetische Darstellung jener Frontsoldaten und Kriegsfreiwilligen, die sich auch nach der Niederlage nichts anderes als Krieg vorstellen konnten und die Friedenszeit verachteten. Ein österreichisches Politiklexikon für junge Leute beschreibt die Lost Generation dagegen als Jugendliche oder junge Erwachsene, die durch Krieg und Nachkrieg traumatisiert wurden, schnell erwachsen werden mussten, Autoritäten und menschliche Werte infrage stellten und keine positive Zukunft mehr erwarteten.

Kunst und weitere verlorene Generationen

Im deutschsprachigen kunsthistorischen Kontext wurde der Begriff auf andere Jahrgänge und Problemlagen übertragen. Der Kunsthistoriker Rainer Zimmermann prägte 1980 den Begriff der „Verschollenen“ oder „Verlorenen“ Generation. Er meinte Künstler, die zwischen 1890 und 1914 geboren wurden. Diese Gruppe überschneidet sich nur teilweise mit der engeren „Lost Generation“.

Maike Bruhns stellte 2013 in der Hamburger Kunsthalle 80 Exponate für die Ausstellung „Nachtmahre und Ruinenengel“ zusammen. Die Werke aus der Zeit zwischen 1920 und 1950 sollten die Brüche einer Generation zeigen, die zwischen die Kriege geraten war. Hier meint „Verlorene Generation“ nicht nur Menschen, die gerade erwachsen wurden, sondern eine Erlebnisgeneration: eine Gruppe, die durch ähnliche historische Erfahrungen geprägt wurde.

Das 2017 eröffnete „Museum Kunst der Verlorenen Generation“ in Salzburg folgt Zimmermanns Begriffsverwendung. Es beherbergt etwa 500 Gemälde, Skulpturen und Grafiken der Sammlung Heinz R. Böhmes (Stand: März 2022). Ausgestellt werden Werke von Schülern Max Liebermanns, Max Beckmanns, Otto Dix’, Lovis Corinths und Henri Matisses. Viele dieser Künstler standen 1933 auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. In Deutschland wurde ihr Stilpluralismus nach dem Ende der Weimarer Republik unerwünscht; 1937 wurden ihre Werke im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ aus öffentlichen Sammlungen und Museen entfernt, verspottet, zerstört oder versteckt. Viele Künstler gerieten in Vergessenheit.

Auch das Karlsruher Forschungs- und Dokumentationsprojekt Lost Generation Art beschäftigt sich mit dieser Künstlergruppe. Seine 2024 veröffentlichte Online-Plattform zeigt rund 160 Gemälde und Grafiken aus der eigenen Sammlung sowie 60 Biografien von Künstlerinnen und Künstlern der Verlorenen Generation (Stand: Juli 2026).

Plural und Kritik

Die Formulierung „a lost generation“ lässt offen, ob es mehrere verlorene Generationen geben kann. Nur wenn man „Lost Generation“ als festen Namen für Hemingways Künstlergeneration oder für die Jahrgänge 1883 bis 1900 versteht, ist damit eine einzige Gruppe gemeint.

Hannah Arendt unterschied mehrere Formen von Verlorenheit. In einem Aufsatz über den 1898 geborenen Bertolt Brecht beschrieb sie in Deutschland nach der ersten verlorenen Generation weitere Gruppen: eine Generation, die etwa zehn Jahre später durch Revolution, Inflation und Arbeitslosigkeit geprägt wurde, und eine weitere, die wiederum etwa zehn Jahre später erste Welterfahrungen in Konzentrationslagern, im Spanischen Bürgerkrieg oder bei den Moskauer Prozessen machte. Diese Gruppen seien im Zweiten Weltkrieg altersmäßig nahe genug gewesen, um in einer gemeinsamen historischen Erfahrung zusammenzufallen: als Soldaten, Flüchtlinge, Widerstandskämpfer, Internierte, Zivilisten unter Bomben oder Überlebende zerstörter Städte.

Arendt kritisierte zugleich das Konzept der „verlorenen“ Menschen. Viele Schriftsteller hätten aus dieser psychologischen und gesellschaftlichen Problematik Literatur gemacht, in der Individuen ihre eigene Interessantheit ausstellten. Für Arendt lag das Entscheidende aber nicht in einzelnen Menschen, sondern in der Welt: Die Menschen hätten „ihr Gewicht verloren“ und trieben durch eine verlorene Welt, die sie nicht mehr behaust. Ihre Kritik verschiebt den Blick also von einer besonderen Eigenschaft einzelner Personen auf die zerstörten gesellschaftlichen und historischen Bedingungen, in denen sie lebten.

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