Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Lohntheorie

Unter Lohntheorie versteht man in der Volkswirtschaftslehre eine Vielzahl von Theorien, welche die Ursachen für die Höhe und die Veränderungen des …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Fragestellungen
  2. 2. Klassische Ansätze und Subsistenzlohn
  3. 3. Neoklassik und Grenzproduktivität
  4. 4. Keynes und Arbeitslosigkeit
  5. 5. Weitere Ansätze und Arbeitsmigration
  6. 6. Kritik an den Annahmen

Gegenstand und Fragestellungen

Lohntheorien sind in der Volkswirtschaftslehre Theorien über die Ursachen der Höhe des Arbeitslohns und seiner Veränderungen im Zeitablauf. Sie sind wichtig, weil der Lohn zugleich Einkommen der Beschäftigten und Kostenfaktor für Unternehmen ist.

Ausgangspunkt sind die Lohnkosten eines Arbeitnehmers, unabhängig davon, ob sie als Lohn, Gehalt oder Dienstbezüge gezahlt werden. Als Einheit dient der Lohnsatz, also das Entgelt für eine geleistete Arbeitsstunde. Betrachtet werden die Faktorkosten des Produktionsfaktors Arbeit; häufig sind dies Arbeitskosten abzüglich der Lohnnebenkosten.

Mit Total- oder Partialanalysen werden drei Fragen untersucht: Erstens, wodurch Lohnniveau und Lohnveränderungen bestimmt werden. Zweitens, wie Lohnänderungen Arbeitsangebot, Arbeitsnachfrage, Ausbringung, Auslastungsgrad, Beschäftigungsgrad und Preisniveau beeinflussen. Drittens, wann ein „gerechter Lohn“ oder „natürlicher Lohn“ vorliegt. Lohntheorien im engeren Sinn behandeln nur die erste Frage; die anderen gehören eher zur Beschäftigungs- oder Wohlfahrtstheorie.

Klassische Ansätze und Subsistenzlohn

Klassische Lohntheorien umfassen auch die Lohntheorie des Sozialismus. Aristoteles und Thomas von Aquin forderten einen Subsistenzlohn, der den standesgemäßen Unterhalt sichert. François Quesnay bezog das Existenzminimum auf die Agrarproduktion und vertrat 1758 die Auffassung, der Lohn werde vom Getreidepreis bestimmt.

Adam Smith vertiefte diese Überlegungen in Der Wohlstand der Nationen, erschienen im März 1776, entwickelte aber keine geschlossene Lohntheorie. Für ihn ist Arbeit der einzige wertschaffende Produktionsfaktor und damit Ursache von Reichtum und Wertschöpfung. Bei ihm finden sich Ansätze zur Lohnfondstheorie, zur von James Mill vertretenen Existenzminimumtheorie und zur Produktivitätstheorie. Ein wichtiger Vertreter der Lohnfondstheorie war John Stuart Mill, der sie 1848 vertrat.

David Ricardo behandelte 1817 den natürlichen Lohn als Existenzminimum. Höhere Löhne erhöhen nach seiner Auffassung das Arbeitsangebot und fördern das Bevölkerungswachstum. Dann muss der Lohnfonds auf mehr Arbeiter verteilt werden, sodass der Lohn je Arbeiter sinkt. Karl Marx baute von 1859 bis 1864 auf Ricardo auf. Seine Arbeitswerttheorie bestimmt die Arbeitswerte für eine gerechte Entlohnung vor allem durch die verausgabte Arbeit. Technischer Fortschritt, Rationalisierung und die damit verbundene Freisetzung von Arbeitern führten nach dieser Sicht zu Lohnsenkungen und Ausbeutung. Ferdinand Lassalle prägte 1863 dafür den Begriff „Ehernes Lohngesetz“: Langfristig könne der durchschnittliche Arbeitslohn den Subsistenzlohn weder über- noch unterschreiten.

Auch Thomas Robert Malthus ging von der Lohnfondstheorie aus. Sein Bevölkerungsgesetz besagt, dass ein hohes Lohnniveau das Bevölkerungswachstum fördere; dadurch wachse das Arbeitsangebot und das Lohnniveau sinke. Den natürlichen Preis definierte Malthus 1820 als Durchschnittspreis, der ein durchschnittliches Arbeitsangebot hervorbringt, das der tatsächlichen Arbeitsnachfrage genügt.

Neoklassik und Grenzproduktivität

Neoklassische Lohntheorien behandeln Arbeit wie ein Gut und übertragen das allgemeine Gleichgewichtsmodell der Gütermärkte auf den Arbeitsmarkt. Sie nehmen einen polypolistischen Arbeitsmarkt an: Viele Anbieter und Nachfrager von Arbeit stehen einander gegenüber. Der Lohn ist als Faktorpreis ein Gleichgewichtspreis. Unternehmen handeln gewinnmaximal, Arbeitnehmer nutzenmaximal.

Bei vollkommener Konkurrenz entspricht der Reallohn dem Grenzprodukt der Arbeit. Das Grenzprodukt ist der zusätzliche Produktionsertrag, der durch eine weitere Einheit Arbeit entsteht. Arbeit wird daher nach ihrer Grenzproduktivität entlohnt.

Die Grenzproduktivitätstheorie setzt homogenes und atomistisches Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage voraus. Arbeitgeber maximieren ihren Gewinn, Arbeitnehmer ihren Nutzen; das Arbeitsangebot reagiert völlig unelastisch auf den Lohn, der Sachkapitalbestand bleibt konstant und Arbeit sowie Kapital sind frei substituierbar. Für ein einzelnes Unternehmen gilt: Gewinnmaximierung liegt vor, wenn Grenzkosten und Grenzerlöse übereinstimmen. Die Grenzkosten einer zusätzlichen Arbeitskraft entsprechen beim gegebenen Lohnsatz diesem Lohnsatz. Unternehmen stellen deshalb so lange Personal ein, bis der Grenzertrag der Produkte den Arbeitskosten entspricht. Das Arbeitsangebot entsteht aus der Entscheidung zwischen Freizeit und Arbeitseinkommen. Neuere neoklassische Ansätze sind Humankapitaltheorie, Kontrakttheorie und Effizienzlohntheorien.

Keynes und Arbeitslosigkeit

John Maynard Keynes akzeptierte die Grenzproduktivitätstheorie für den Fall der Vollbeschäftigung. Seine Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes vom Februar 1936 ist jedoch vor allem eine makroökonomische Beschäftigungstheorie und keine ausgearbeitete Lohntheorie.

Vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933 erklärte Keynes Arbeitslosigkeit nicht mit überhöhten Löhnen, sondern als abgeleitetes, also derivatives, makroökonomisches Phänomen. Bei gegebenem Kapitalstock, gewinnmaximaler Beschäftigung und vollkommener Konkurrenz entspricht der Reallohn dem Grenzprodukt der Arbeit. Ohne Produktivitätssteigerung bedeutet mehr Arbeitseinsatz eine sinkende Grenzproduktivität. Steigt dagegen die Arbeitsproduktivität, können Beschäftigung und Reallöhne zugleich zunehmen.

Die Arbeitsnachfrage steigt bei sinkendem Reallohn, während das Arbeitsangebot bei steigendem Reallohn wächst. Bei sinkenden Reallöhnen, also bei gegebenen Nominallöhnen und steigendem Preisniveau, bleibt ein Angebotsüberhang auf dem Arbeitsmarkt bestehen: Arbeitslosigkeit wird nicht automatisch dadurch abgebaut, dass das Arbeitsangebot zurückgeht. Dies widerspricht der neoklassischen Annahme.

Weitere Ansätze und Arbeitsmigration

Johann Heinrich von Thünen stellte 1850 eine Formel für den „naturgemäßen Lohn“ vor. Der Arbeiter soll das geometrische Mittel aus Existenzminimum und durchschnittlicher Arbeitsproduktivität erhalten. Dieser Lohn ist damit ein Mittelwert zwischen dem niedrigsten und höchsten denkbaren Lohn und beruht nicht allein auf dem Verhältnis von Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage, sondern auf der „freien Selbstbestimmung der Arbeiter“.

Die Kaufkrafttheorie der Löhne entstand ab 1928 besonders durch Fritz Tarnow. Bei Unterauslastung der Produktionsfaktoren sollen Löhne bis zur Höhe des Produktivitätsfortschritts erhöht werden können, ohne Inflation auszulösen. So steigen Kaufkraft und Nachfrage nach Konsumgütern. Die Produktivitätstheorie fordert Lohnsteigerungen im Ausmaß der gestiegenen Arbeitsproduktivität. Dadurch bleibt das Verhältnis der Aufteilung der Wertschöpfung auf Gewinne und Löhne gleich; dies heißt „produktivitätsorientierte Lohnpolitik“. Ludwig Erhard sah 1964 Lohnerhöhungen entsprechend einer höheren Ergiebigkeit der Volkswirtschaft als Teil der Marktwirtschaft. Die Effizienzlohntheorie beschreibt den Zusammenhang von Lohnhöhe und Produktivitätssteigerung und sieht Arbeitgeber als Ursache von Lohnsenkungen. Nach der 1984 entwickelten Insider-Outsider-Theorie sind dagegen Arbeitnehmer der Auslöser für Lohnsenkungen.

Lohntheorien betrachten außerdem Arbeitsmigration zwischen Staaten. Wandern Arbeitskräfte aus einem Niedriglohnland in ein Hochlohnland, sinkt das Arbeitsangebot im Niedriglohnland und steigt im Hochlohnland. Die Arbeitskräfte werden im Niedriglohnland knapper, sein Lohnsatz steigt; im Hochlohnland sinkt der Lohnsatz. Die Lohnniveaus nähern sich an, was Lohnkonvergenz heißt. Bei perfekter Arbeitsmigration ist sie erreicht, wenn das Grenzprodukt der Arbeit in den betroffenen Staaten identisch ist.

Kritik an den Annahmen

Die Kritik richtet sich vor allem gegen die Voraussetzungen der Theorien. Gustav Cassel kritisierte Ricardo und die Lohnfondstheorie. Für ihn ist der Arbeitslohn der Preis des Produktionsfaktors Arbeit und wird in der Wertschätzung durch Konsumenten berücksichtigt. Die Lohnfondstheorie übersehe, dass Kapital und Arbeit unterschiedlich verändert werden können und dass die Arbeitsnachfrage der Unternehmen auch von deren Ertragslage abhängt. Rationalisierungen erhöhen meist das Grenzprodukt des Kapitals stärker als das der Arbeit; dadurch können Arbeitskräfte eingespart werden.

Das Malthussche Bevölkerungsgesetz unterstellt einen Zusammenhang von Geburtenrate und Einkommen, der heute nur für Entwicklungs- und Schwellenländer gilt. Die Grenzproduktivitätstheorie berücksichtigt nicht ausreichend, dass Unternehmen Arbeitslöhne entscheidend mitbestimmen können. Der heutige Mindestlohn ist dabei ein gesetzlicher Mindestpreis, den Arbeitgeber hinnehmen müssen. Ihre teilweise realitätsfernen Annahmen können den heutigen Arbeitsmarkt nicht erklären; unfreiwillige Arbeitslosigkeit wäre in dieser Theorie definitionsgemäß unmöglich, wurde aber in Phasen der Massenarbeitslosigkeit nachgewiesen.

Kurz vor Beginn der Great Depression erklärten viele Ökonomen, darunter Arthur Cecil Pigou (1933), Arbeitslosigkeit mit einem zu hohen Lohnniveau. Sie berücksichtigten Außenhandel, Konsum, technischen Fortschritt oder Zinsniveau nicht oder nur teilweise bewusst nicht. Hohe Löhne und Einkommen führen zu Wohlstand und Konsum, tendenziell auch zu Überkonsum; geringe Einkommen können Unterkonsum bewirken.

Weiterlesen

Volkswirtschaftslehre Ökonomische Modelle ... Besonders kritisiert wurden vor allem die vorherrschenden DSGE-Modelle, die als umfassende Makro-Modelle der Wirtschaft entwickelt wurden. Arbeitnehmer Arbeitnehmer und Arbeitgeber sind deshalb Komplementärbegriffe, mit denen das Arbeitsverhältnis und der Arbeitsvertrag erst funktioniert. Arbeitnehmer sind … Maßeinheit Maßeinheiten können für alle Größenarten definiert werden, auch für nicht physikalische Größen, etwa Währungen oder die wahrnehmungsbezogenen Größen Tonheit … Produktionsfaktor Als Produktionsfaktor bezeichnet man in der Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre jene in der Produktion verwendeten materiellen und … Arbeit (Volkswirtschaftslehre) Arbeit (englisch labour) ist in der Volkswirtschaftslehre ein Produktionsfaktor, der jede menschliche Tätigkeit mit dem Ziel der Einkommenserzielung umfasst … Arbeitskosten Arbeitskosten sind allgemein die Kosten des Produktionsfaktors Arbeit und speziell eine volkswirtschaftliche Kennzahl, mit der die Kosten einer Arbeitskraft … Volkswirtschaftliche Kennzahl Volkswirtschaftliche Kennzahlen sind Kennzahlen, die volkswirtschaftliche Makrodaten und Größen miteinander in Beziehung setzen und zur Beurteilung der … Arbeitsmarkt Der Arbeitsmarkt ist ein Markt, an dem die Nachfrage nach Arbeitskräften mit dem Angebot von Arbeitskräften zusammentrifft. In der Arbeitsmarktökonomik wird … Beschäftigung (Kostenrechnung) Beschäftigung (oder Kapazitätsauslastung, Ausbringung, Ausbringungsmenge; englisch capacity utilization) ist in der Kosten- und Erlösrechnung von Unternehmen … Preisniveau Steigt das Preisniveau in der Volkswirtschaft, sinkt die Kaufkraft und umgekehrt. Tendenziell steigendes Preisniveau nennt man Inflation, fallendes Deflation. Sozialismus Der Sozialismus (von lateinisch socialis ‚kameradschaftlich') ist neben dem Liberalismus und dem Konservatismus eine der drei großen politischen Ideologien, … Aristoteles Das Organon · Bedeutungstheorie · Prädikate und Eigenschaften · Deduktion und Induktion: Argumenttypen und Erkenntnismittel · Dialektik: Theorie der Argumentation.