Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Lohn-Preis-Spirale
Die Lohn-Preis-Spirale ist in der Volkswirtschaftslehre und in der Umgangssprache ein politisches Schlagwort, mit dem die Hypothese vertreten wird, …
Inhalt5 Abschnitte
Grundidee und Voraussetzungen
Die Lohn-Preis-Spirale ist in der Volkswirtschaftslehre und in der Alltagssprache ein politisches Schlagwort. Gemeint ist die Hypothese, dass steigende Nominallöhne (Löhne in Geld) das Preisniveau erhöhen und diese Preissteigerungen wiederum neue Lohnforderungen auslösen. Arbeitnehmer und Gewerkschaften wollen dabei mindestens ihren Reallohn, also ihre Kaufkraft, sichern; Unternehmen wollen ihre Gewinnmarge erhalten.
Steigen die Arbeitskosten und können Unternehmen sie nicht durch Kostensenkungen, etwa durch höhere Produktivität, ausgleichen, können sie die Kosten in Form höherer Güterpreise überwälzen. Höhere Preise senken den Reallohn und können weitere Forderungen nach höheren Nominallöhnen auslösen. Diese Lohndruck-Inflation (wage push inflation) ist jedoch nur eine von vielen möglichen Inflationsursachen. Die beschriebene Entwicklung ist plausibel, aber nicht zwingend.
Lohnsetzung aus Sicht der Arbeitnehmer
Die Lohnsetzungsgleichung lautet: W = Pᵉ F(u,z).
Der Nominallohn W hängt von den erwarteten Preisen Pᵉ sowie von F(u,z) ab. Diese Funktion fasst den Einfluss der Arbeitslosenquote u und weiterer Faktoren z zusammen. Zwischen Arbeitslosenquote und Nominallohn besteht ein negativer Zusammenhang: Bei niedriger Arbeitslosigkeit finden Unternehmen schwer passende Arbeitskräfte; die Verhandlungsposition von Arbeitnehmern und Gewerkschaften ist stärker und die Löhne steigen (↓u → W↑). Bei hoher Arbeitslosigkeit ist ihre Verhandlungsposition schwächer.
Die Variable z umfasst weitere Einflüsse auf die Lohnsetzung, zum Beispiel Arbeitslosengeld und gesetzliche Mindestlöhne. Sie wirkt positiv auf den Nominallohn (↑z → W↑) und wird normalerweise als konstant angenommen. Die erwarteten Preise richten sich nach der erwarteten Inflation Πᵉ; üblicherweise wird dafür die tatsächliche Inflationsrate des Vorjahres verwendet: Πᵉₜ = Πₜ₋₁.
Preissetzung durch Unternehmen
Die Preissetzungsgleichung lautet: P = (1 + μ)W.
Der Preis P hängt damit vom Nominallohn W und vom Gewinnaufschlag μ ab. Soll μ konstant bleiben, müssen Unternehmen bei steigenden Löhnen auch ihre Preise erhöhen. Zusammen mit den Lohnforderungen zur Sicherung des Reallohns ergibt sich der theoretische Kreislauf der Lohn-Preis-Spirale.
Wann sich keine Spirale entwickelt
Eine Lohn-Preis-Spirale entsteht nicht oder nur teilweise, wenn Unternehmen höhere Kosten nicht auf Preise überwälzen können. Dies kann besonders bei starkem europäischem oder globalem Wettbewerb gelten, weil ein Preiskampf Preiserhöhungen erschwert.
Der Effekt wird außerdem abgeschwächt, wenn Produktivitätssteigerungen die höheren Kosten auffangen. In einer schwachen Konjunktur können Gewerkschaften Lohnerhöhungen seltener durchsetzen. Auch bei geringer inflationärer Entwicklung ist die Wirkung eingeschränkt. Ohne oder mit stark begrenzten Überwälzungsmöglichkeiten kann sich keine Lohn-Preis-Spirale entwickeln.
Bezug zur Phillipskurve und Grenzen der Erklärung
Alban W. Phillips stellte 1958 für Großbritannien anhand der Jahre seit 1861 eine negative Korrelation zwischen Arbeitslosigkeit und Inflationsrate fest: Hohe Arbeitslosigkeit ging mit niedriger Inflation einher und umgekehrt. Eine Untersuchung für die USA mit Daten von 1900 bis 1960 zeigte dieselbe Tendenz. Der Schnittpunkt der Phillipskurve mit der horizontalen Achse steht für die natürliche Arbeitslosenquote beziehungsweise NAIRU (nonaccelerating inflation rate of unemployment), also eine inflationsneutrale Arbeitslosenquote. Sinkt die Arbeitslosigkeit darunter, verbessert sich die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer. Höhere durchsetzbare Nominallöhne können bei konstantem μ Preiserhöhungen auslösen.
Die Lohn-Preis-Spirale erklärt Inflation aber nicht allein. Starke Konkurrenz kann Preiserhöhungen verhindern, Produktivität kann Lohnsteigerungen teilweise ausgleichen, und Löhne werden meist branchenabhängig ausgehandelt. Daher sind flächendeckende Lohn- und anschließende Preiserhöhungen unwahrscheinlich.
Als Beispiel nennt der Artikel die italienische Scala mobile: Löhne wurden vierteljährlich automatisch an steigende Preise angepasst. Dies verstärkte die Inflation, die 1980 nahezu 22 % betrug. Das Gesetz wurde nach langem Streit 1993 abgeschafft. Die Preissteigerungen dürfen jedoch nicht ausschließlich mit steigenden Löhnen erklärt werden, da weitere Faktoren die Inflation beeinflussen.