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Literaturpolitik der DDR
Die Literaturpolitik in der DDR war ein Teil der Kulturpolitik der DDR und der damit verbundenen staatlichen Zensur. In allen Bereichen war sie von den …
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Grundlagen und Ziele der Literaturpolitik
Die Literaturpolitik der DDR war Teil der staatlichen Kulturpolitik und eng mit Zensur verbunden. Die politische Führung betrachtete Literatur als Bestandteil des Klassenkampfes: Sie sollte beim Aufbau des Sozialismus helfen und die Menschen zur „sozialistischen Persönlichkeit“ erziehen. Der Staat förderte deshalb Bücher, Autoren, Verlage, Buchhandlungen und Bibliotheken intensiv, setzte dem literarischen Schaffen aber zugleich enge inhaltliche und formale Grenzen.
Die Steuerung verlief nicht immer einheitlich. Kompetenz- und Machtkämpfe zwischen Staat, SED und verschiedenen kulturpolitischen Gruppen führten auch zu willkürlichen oder wechselnden Eingriffen. Autoren erhielten Vorgaben für Inhalt und Schreibweise, Verlage und Lektoren für die Veröffentlichung, Buchhändler für den Verkauf und Leser für die erlaubte Lektüre. Zeitweilige Lockerungen änderten nichts an der grundsätzlich autoritären Lenkung, der Zensur und der Überwachung von Schriftstellern.
Literatur besaß dennoch einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Die Lesesozialisation begann bereits im Kindergarten. Im Deutschunterricht standen literarische Texte im Mittelpunkt, Theaterbesuche wurden gefördert, und besonders die Gegenwartsliteratur der DDR erhielt große Aufmerksamkeit. Da die Medienlandschaft stark gelenkt war und weniger Freizeitangebote bestanden, hatten Bücher eine besondere Bedeutung.
Entwicklung von der Besatzungszeit bis Honecker
Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor Leipzig 1945 seine frühere Stellung als international führender Ort des Buchhandels. Am 12. Juli 1945 verließen bedeutende Verlage wie Brockhaus, Teubner, Thieme und Insel mit den abziehenden US-Streitkräften die Stadt. Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland erließ am 25. September 1945 den SMAD-Befehl Nr. 51 zur Wiedererrichtung der Kulturinstitutionen. Bestehende Verlage wurden verstaatlicht; unter anderem entstanden Aufbau-Verlag, Henschelverlag und Verlag Neues Leben neu.
In der Sowjetischen Besatzungszone sollte Literatur zunächst der „antifaschistisch-demokratischen Erneuerung“ dienen. Seit 1948/49 setzte sich zunehmend ein sozialistisches Modell nach sowjetischem Vorbild durch. Bildungsgüter sollten allen Bevölkerungsschichten offenstehen. Die am 5. November 1945 eröffneten Volksbuchhandlungen hatten einen Erziehungsauftrag: Sie sollten Bücher über Humanismus, Frieden und das „Heldentum der Arbeit in einer gerechten Gesellschaftsordnung“ verbreiten und besonders die arbeitenden Menschen in Stadt und Land erreichen. Seit 1953 sollten Parteien, Gewerkschaften, Jugendverband und andere Organisationen das Lesen fördern. Betriebsbüchereien boten kostenlose Lektüre an; das Buchhaus Leipzig sollte Bücher portofrei aufs Land liefern. Bei der FDJ-Aktion „500.000 Bücher aufs Land“ von 1958 wurden schließlich 650.000 Bücher abgerechnet.
Johannes R. Becher prägte 1950 die Vorstellung der „Literaturgesellschaft“. Autoren, Verlage, Redaktionen, Lektorate, Buchhandel und Leserschaft sollten gemeinsam einen Auftrag der Arbeiterklasse erfüllen und Literatur zu einer „geistigen Großmacht“ machen. Voraussetzung der Teilhabe war die Zustimmung zu dem, was politisch als historisch notwendig galt. Becher stellte dieses Modell dem kapitalistischen Literaturmarkt gegenüber.
Unter Walter Ulbricht wurde der Sozialistische Realismus zur maßgeblichen Kunstrichtung. Er zeigte bevorzugt die sozialistische Produktion und vorbildhafte Helden als Identifikationsfiguren. Im Formalismusstreit von 1951 wandte sich die Führung gegen eine moderne Kunst, in der die Form eigenständige Bedeutung erhielt. Auf dem V. Parteitag der SED vom 10. bis 16. Juli 1958 verlangte Ulbricht, die Trennung zwischen Kunst und Leben sowie zwischen Künstler und Volk zu überwinden. Der Bitterfelder Weg führte 1959 unter der Losung „Greif zur Feder, Kumpel!“ zur Gründung Hunderter Zirkel schreibender Arbeiter; später beteiligten sich auch Angestellte, Lehrer und Schüler.
Nach Ulbrichts Ablösung erklärte Erich Honecker im Dezember 1971, bei einer festen sozialistischen Position dürfe es in Kunst und Literatur hinsichtlich Inhalt und Stil keine Tabus geben. Tatsächlich blieben Schriftsteller wie Wolf Biermann, Reiner Kunze, Volker Braun, Stefan Heym, Rainer Kirsch und Heiner Müller Einschränkungen ausgesetzt. Die Ausbürgerung Biermanns am 17. November 1976 löste offene Proteste aus. Danach setzte der Staat Sanktionen von Hausarrest und Verhaftung über Organisationsausschlüsse und Publikationsverbote bis zur schnellen Ausreisegenehmigung ein. Bis tief in die 1980er Jahre verließen mehr als 100 Schriftsteller die DDR.
Der seit 1978 verwendete und 1981 von Honecker aufgegriffene Ausdruck „Leseland“ stellte die DDR propagandistisch als besonders lesefreudiges „Bücherland“ dar. Klaus Höpcke verbreitete diese Vorstellung 1982 weiter. Als Belege dienten Produktions-, Bestands-, Ausleih- und Verkaufszahlen, die den Anspruch bei genauerer Betrachtung jedoch nicht trugen. Das weniger anspruchsvolle Leseland-Konzept war nicht mit Bechers bereits aufgegebener „Literaturgesellschaft“ gleichzusetzen.
Organisation des Buchwesens und Versorgung
Das Ministerium für Kultur plante und kontrollierte nach dem Prinzip des demokratischen Zentralismus die Buchproduktion und die Verteilung an Buchhandlungen und Bibliotheken. Seine Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel verantwortete gemeinsam mit der Kulturabteilung des ZK der SED Druckgenehmigungen, Papierzuteilung und Zensur. Offizielle Verbotslisten gab es nicht; die Zugänglichkeit eines Werkes konnte sich mit der politischen Lage ändern.
Die DDR-Verlage produzierten regelmäßig mehr als 6.000 Titel und etwa 150 Millionen Bücher jährlich. Die durchschnittliche Auflage lag damit bei annähernd 25.000 Exemplaren; im Gesamtzeitraum 1949 bis 1990 erschienen über 200.000 Titel in mehr als 120 Verlagen, mit einer durchschnittlichen Auflage von etwa 23.000 Exemplaren. Pro Einwohner wurden jährlich acht bis neun neue Bücher hergestellt. Damit gehörte die DDR neben der Sowjetunion und Japan bei der Pro-Kopf-Produktion zur Weltspitze. Hauptverteiler war der 1962 verstaatlichte Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel. Die direkt dem ZK der SED unterstellte VOB Zentrag besaß rund 90 Prozent der Produktionsmittel der DDR-Druckereien.
Der Versandhandel des Buchhauses Leipzig war zeitweise in elf Sparten gegliedert. Dazu gehörten „Der Fachbuchversand“, „Das Bauernbuch“ und das Abonnement „Die kleine Hausbibliothek“ mit zwölf Monatsbänden und einem Gratisband zum Jahresende. Der 1965 gegründete buchclub 65 war die erste DDR-Buchgemeinschaft; für zeitweise 50.000 Mitglieder erschienen bis 1990 mehr als 1.000 Titel.
Ein dichtes Bibliotheksnetz erleichterte den Zugang. Insgesamt bestanden einschließlich der Gewerkschafts- und Betriebseinrichtungen etwa 32.000 Bibliotheken. 84 Prozent der DDR-Bevölkerung berichteten von Bibliothekserfahrungen, 46 Prozent nutzten sie mindestens einmal jährlich. Etwa drei Viertel der lesefähigen Kinder liehen Bücher aus. Seltene Titel waren außerdem in staatlich kontrollierten Antiquariaten sowie auf Sonderveranstaltungen wie dem seit 1978 veranstalteten Leipziger Buchmarkt und dem Rostocker Bücherbasar erhältlich.
In den 1980er Jahren verschärften Finanz-, Devisen- und Papiermangel die Versorgungsprobleme. Die Verwaltung unterschied zwischen „gekürzten“ und „ungekürzten“ Buchbeziehern: Einrichtungen der SED und der Nationalen Volksarmee wurden bevorzugt, der Volksbuchhandel dagegen gekürzt. Verlage blockierten zusätzlich Auflagenteile für Export oder Sonderveranstaltungen. Zwischen 1987 und 1989 gingen Buchhandlungen deshalb trotz hoher Auflagen teilweise leer aus. 1987 musste der Großhandel neue Bücher im Freien lagern, obwohl selbst Planen kaum erhältlich waren.
Offizieller Buchmarkt und veröffentlichte Literatur
Der überwiegende Teil der Buchproduktion bestand aus Sachliteratur. Besonders beliebt waren außerdem Krimis, Romanhefte, Science-Fiction, Ratgeber sowie Fachbücher für Beruf und Hobby; Belletristik und andere schöngeistige Literatur hatten einen geringeren Anteil. Lesen, Buchkauf und Bibliotheksnutzung lagen im Vergleich zur Bundesrepublik und zu anderen osteuropäischen Staaten auf hohem Niveau. Bücher konnten wegen der eingeschränkten Meinungs- und Reisefreiheit als „Weltersatz“ dienen und vereinzelt Themen behandeln, die in anderen Medien tabu waren.
Die meisten bedeutenden deutschsprachigen Autoren wurden veröffentlicht, jedoch in unterschiedlichem Umfang. Goethe, Schiller und Lessing galten als nationales Erbe und erschienen nahezu vollständig. Als weltanschaulich problematischer eingestufte Autoren wie Novalis, E. T. A. Hoffmann, Hölderlin und Kleist wurden erst spät umfangreicher gedruckt. Wichtige Texte Franz Kafkas erschienen erst in den 1980er Jahren nach Bemühungen bekannter DDR-Schriftsteller; auch Karl May und Sigmund Freud wurden erst damals wieder publiziert. Begehrt waren ebenso Heinrich Böll, Max Frisch, Hermann Hesse, Stefan Zweig und Thomas Mann. Werke westlicher Weltliteratur wurden teils spät und nur in Auswahl gedruckt. Ideologisch einordnende Vor- und Nachworte ermöglichten mitunter die Veröffentlichung „problematischer Texte“. Russische und sowjetische Autoren wie Puschkin, Tolstoi, Dostojewski, Bunin und Bulgakow erschienen in hohen Auflagen.
Die Kinder- und Jugendliteratur sollte nach einem Gesetz vom 8. Februar 1950 neu geschaffen und an sozialistischer Literatur ausgerichtet werden. Als Vorbild diente die sowjetische Kinderliteratur mit Maxim Gorkis Formel von der „großen Literatur für die Kleinen“. Früh und in hohen Auflagen erschienen Nikolai Ostrowskis Wie der Stahl gehärtet wurde und Arkadi Gaidars Timur und sein Trupp. Bei internationalen Klassikern verlief die Zulassung unterschiedlich: Selma Lagerlöfs Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen wurde früh berücksichtigt, Alice im Wunderland erhielt 1967 und Pippi Langstrumpf erst 1975 eine Druckgenehmigung.
Zensur, Gegenöffentlichkeit und Ende der DDR
Unerwünschte Literatur wurde meist nicht ausdrücklich verboten, sondern unter Hinweis auf Papiermangel oder fehlende Devisen für ausländische Lizenzen nicht gedruckt. Welche Titel ausgeschlossen waren, wechselte teilweise mit der politischen Lage. Dauerhaft stark eingeschränkt blieben systemkritische Werke wie George Orwells 1984, Alexander Solschenizyns Der Archipel Gulag, Arthur Koestlers Sonnenfinsternis, Reiner Kunzes Die wunderbaren Jahre, Rudolf Bahros Die Alternative sowie Stefan Heyms Collin und Fünf Tage im Juni. Besitz oder Schmuggel konnten schwere Strafen nach sich ziehen.
In größeren Bibliotheken waren solche Werke nur mit besonderer Berechtigung zugänglich. Als besonders gefährlich eingestufte Texte durften ausschließlich in überwachten Sonderlesesälen und ohne Abschriftmöglichkeit gelesen werden. Reisende schmuggelten zugleich in großem Umfang westliche Bücher und Zeitschriften ein. Bei Entdeckung drohten Konfiszierung, Einreise- oder Ausreisesperren und Strafverfahren. Die Schriften wurden weitergegeben, abgeschrieben oder kopiert; viele geschmuggelte Publikationen waren allerdings Western, Liebesromane oder Versandhauskataloge.
Seit den frühen 1980er Jahren entstand mit dem Samisdat eine kleine inländische Gegenöffentlichkeit: nicht lizenzierte Veröffentlichungen, die durch geringe Auflagen und die Verbindung von Literatur und Kunst die Zensur umgingen. Bis 1989 erschienen in der DDR 31 solcher Zeitschriften mit insgesamt 238 Ausgaben, gewöhnlich in Auflagen zwischen 4 und 100 Exemplaren; beteiligt waren insgesamt etwa 60 Autoren. Zu den Titeln gehörten Entwerter/Oder, UND, Mikado, Schaden und Anschlag. Die Staatssicherheit überwachte die Szene, tolerierte sie teilweise und arbeitete bei Ariadnefabrik sogar eng mit. Trotzdem wurden Beteiligte inhaftiert oder ausgewiesen.
Nach dem Mauerfall brachen DDR-Buchproduktion und Buchhandelsbestand rasch zusammen. Noch vor Einführung der D-Mark bestimmte westdeutsche Literatur die Nachfrage; DDR-Bücher verschwanden in Keller oder wurden ausgesondert. Im ersten Halbjahr 1990 wurden Bestände im Wert von rund 70 Millionen DDR-Mark ausgebucht, etwa 40 Prozent aller seit 1954 vorgenommenen Ausbuchungen. Bücher landeten auch auf einer Abraumhalde bei Leipzig; Martin Weskott und später Peter Sodann retteten Teile davon.
Nach Einführung der D-Mark am 1. Juli 1990 drängten westdeutsche Verlage auf den ostdeutschen Markt. Im Frühjahr 1991 wurden knapp zwei Drittel der alten Buchhandlungen von Buchhändlern aus der früheren DDR übernommen, das übrige Drittel gelangte in westdeutsche Hände. Von 667 hauptamtlich geführten Betriebsbibliotheken bestanden 1992 nur noch 16. Zunächst blieben Autoren wie Erwin Strittmatter und Christa Wolf im Osten besonders gefragt, in den 2010er Jahren näherten sich die Leseinteressen an. Bis 2008 hatte sich das Leseverhalten auf rückläufigem Niveau weitgehend angeglichen: 42 Prozent der Ostdeutschen und 43 Prozent der Westdeutschen lasen wöchentlich ein Buch.