Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Literatur der französischsprachigen Schweiz

Die französischsprachige Schweiz, oft auch Romandie oder Welschland genannt, umfasst den westlichen Teil der Schweiz, und zwar die protestantischen Kantone …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Raum, Sprache und literarisches Profil
  2. 2. Vom Spätmittelalter zur Reformation
  3. 3. Aufklärung, Glaubensstreit und Wissenschaft
  4. 4. Revolution, Restauration und neue Zentren
  5. 5. Literatur im 19. Jahrhundert
  6. 6. Moderne französischsprachige Schweizer Literatur

Raum, Sprache und literarisches Profil

Die Literatur der französischsprachigen Schweiz umfasst das literarische Schaffen der Romandie beziehungsweise des Welschlands. Dazu gehören die protestantischen Kantone Genf, Waadt und Neuenburg, der katholische Kanton Jura, die zweisprachigen Kantone Freiburg und Wallis sowie Teile des Kantons Bern. Da diese Gebiete politisch, konfessionell und kulturell lange keine Einheit bildeten, verbindet ihre Literatur unterschiedliche Einflüsse. Sie unterscheidet sich sowohl von der Literatur Frankreichs als auch von jener der übrigen Schweizer Sprachregionen.

Die ältere romanische Regionalsprache erlangte kaum literarische Bedeutung. Seit dem 13. Jahrhundert setzte sich Französisch als Amts- und Schriftsprache durch, während das Patois romand, also die regionalen französisch-romanischen Mundarten, auf dem Land länger erhalten blieb. Literarisch erscheint es vor allem in Fassungen des Kuhreihens, des „ranz des vaches“.

Ein gemeinsames nationales Bewusstsein entwickelte sich erst nach der Gründung des schweizerischen Bundesstaates 1848. Auch danach blieben Genf, Lausanne, Neuenburg und Freiburg eigenständige geistige Zentren. Die wichtigste Rolle spielte Genf: Die Stadt wurde im 16. Jahrhundert zum Hauptsitz der französischen Reformation und gewann dadurch europäische Bedeutung.

Vom Spätmittelalter zur Reformation

Vor der Reformation entstanden nur wenige bedeutende französischsprachige Werke. Überliefert sind Gedichte des Ritters Otto von Grandson aus dem 14. Jahrhundert, Chroniken über die Schweizer Kriege gegen Karl den Kühnen sowie geistliche Spiele und Satiren. François Bonivard (1493–1570), der „Gefangene von Chillon“, schilderte in seiner Chronik den Widerstand Genfs gegen den Herzog von Savoyen.

Die Reformation veränderte das geistige Leben grundlegend. Guillaume Farel gewann Genfer Bürger für die neue Lehre und bewog Johannes Calvin, sich in Genf niederzulassen. Farel begründete anschließend die Reformation in Neuenburg; Pierre Viret wirkte als Gelehrter, Prediger und Polemiker in Lausanne.

Calvin ordnete Kirche, Staat und Bildungswesen Genfs neu. Die Bibel wurde zur Grundlage des Staates, die neu gegründete Akademie bildete Pastoren, Lehrer und Gelehrte für ganz Europa aus. Calvin galt als Meister des Französischen und trug durch seine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit wesentlich zur Bedeutung Genfs bei. Buchhandel und Druckereien blühten auf; reformatorische Schriften wurden für Frankreich, Deutschland, Holland und England hergestellt. Humanisten und ungefähr 2000 Flüchtlinge aus Frankreich und Italien kamen in die Stadt. Zugleich herrschte eine strenge Kirchenzucht, die Spiele, Vergnügungen und aufwendige Lebensführung einschränkte.

Nach Calvins Tod 1564 wurde Théodore de Bèze zum führenden Vertreter des französischen Protestantismus. Er wirkte 42 Jahre als Lehrer und Prediger. Seine satirischen und polemischen Schriften zeigen seine rednerische Begabung; seine Psalmenübersetzung besitzt dichterischen Schwung. Literatur stand damals überwiegend im Dienst der Religion, und viele Autoren waren Pastoren oder Pastorensöhne. Selbst Bèzes Tragödie „Le sacrifice d’Abraham“ hat den Charakter einer Predigt.

Die Reformatoren gründeten außerdem Elementarschulen, Lateinschulen und die Académie de Lausanne. Später nahm der Zustrom ausländischer Gelehrter ab, weil viele Flüchtlinge und Humanisten ihre Tätigkeit nach Holland verlagerten.

Aufklärung, Glaubensstreit und Wissenschaft

Im 17. Jahrhundert stagnierte die geistige Entwicklung zunächst. Nach dem Widerruf des Edikts von Nantes 1685 kamen jedoch erneut Flüchtlinge nach Genf; davon profitierten besonders Mathematik und Naturwissenschaften. Gleichzeitig wurde die Opposition gegen den strengen Calvinismus stärker. Unter dem Einfluss Jean-Alphonse Turrettinis und Jean Frédéric Ostervalds entwickelte sich eine mildere kirchliche Praxis und, im Anschluss an den Pietismus, ein liberaler Protestantismus. Béat de Muralts „Lettres sur les Anglais et les Francais“ gelten im Artikel als Vorläufer vergleichbarer Briefwerke von Montesquieu und Voltaire. Politische und soziale Konflikte zwischen Négatifs, Représentants und Natifs erzeugten zahlreiche politische Schriften, Satiren und Lieder.

Voltaire ließ sich im Dezember 1754 bei Genf nieder. Als das Genfer Konsistorium die Aufführung seines Dramas „Zaire“ verhinderte, fand er in Lausanne mehr Zustimmung. Danach verschärfte er den Konflikt durch Artikel in der „Encyclopédie“, religionskritische Werke wie „Poème sur le désastre de Lisbonne“ und „Candide, ou l’optimisme“ sowie Theateraufführungen auf seinem Landgut Ferney. Jean-Jacques Rousseau unterstützte als Demokrat die Représentants und wandte sich in den „Lettres sur les spectacles“ gegen Voltaire. Der Genfer Rat ließ sowohl „Candide“ als auch „Émile“ verbrennen und verbot „Julie oder Die neue Heloise“ als unmoralisch. 1782 wurde schließlich eine Schauspieltruppe zugelassen und ein steinernes Theater errichtet.

Parallel erlebten die Naturwissenschaften einen starken Aufschwung. Besonders Charles Bonnet und Horace-Bénédict de Saussure, aber auch Gabriel Cramer, Jean-Louis Calandrini, Jean Jallabert, De Luc und Marc-Auguste Pictet wurden durch Forschungen, Beobachtungen und Reisen europaweit bekannt. Bern besaß zweisprachig arbeitende Gelehrte wie Albrecht von Haller und Karl Viktor von Bonstetten.

Lausanne entwickelte eine kosmopolitische Gesellschaft nach dem Vorbild der Pariser Salons. Der Arzt Victor Tissot erzielte mit „Avis au peuple de la santé“ 15 Auflagen; das Werk wurde in 17 Sprachen übersetzt. Isabelle de Montolieu hatte mit Romanen und Übersetzungen Erfolg, besonders mit „Caroline de Lichtfield“ von 1786. In Neuenburg versammelten Isabelle de Charrière und der Kritiker David Chaillet einen kleinen literarischen Kreis, dem zeitweise Benjamin Constant angehörte.

Revolution, Restauration und neue Zentren

Während der Französischen Revolution und des Kaiserreichs band Frankreich viele politische und literarische Kräfte der Schweiz. Die Helvetische Republik und die Mediationsakte verstärkten diese Verbindung. Schweizer wie Jacques Necker, Benjamin Constant und der Militärschriftsteller Antoine-Henri Jomini wirkten für Frankreich. Germaine de Staël war zwar in Paris geboren und kulturell stark französisch geprägt, sollte nach Darstellung des Artikels aber durch ihre Nähe zu Rousseau und zum germanischen Denken zwischen romanischer und germanischer Kultur vermitteln. Ihren Aufenthalt in Coppet empfand sie dennoch als Strafe.

Nach der Loslösung der Schweiz von Frankreich 1814 erwachte besonders in Genf neues geistiges Leben. Die 1796 von Marc-Auguste Pictet und Charles Pictet de Rochemont gegründete „Bibliothèque britannique“ entwickelte sich zur „Bibliothèque universelle de Genève“. Zu den prägenden Persönlichkeiten gehörten der Historiker Jean Charles Léonard Sismondi und der Naturforscher Augustin-Pyrame de Candolle. Rodolphe Töpffer (1799–1846) verband moralistische Erzählkunst mit Karikatur; zu seinen Werken zählen „Voyages en zigzag“ und „Nouvelles genevoises“. Das 1826 gegründete „Journal de Genève“ ging aus einem Kreis junger Dichter hervor, die politische Chansons pflegten.

Albert Richard galt als erster nationaler Dichter und erreichte mit Darstellungen der Schweizer Geschichte besonders die Jugend. Die politische Revolution von 1846 bildete in Genf einen Einschnitt. Jean-Antoine Petit-Senn verband die ältere mit der neueren Generation und förderte in seinem Haus jüngere Autoren und Gelehrte, darunter Henri-Frédéric Amiel und Marc Monnier. Philippe Godet (1850–1922) trat später zugleich als Dichter, Literaturhistoriker und Redner hervor.

Literatur im 19. Jahrhundert

In Lausanne übernahmen im 19. Jahrhundert zunehmend Einheimische die geistige Führung. Alexandre Vinet (1797–1847) war Literaturhistoriker, Kritiker, Prediger und Verfechter von Toleranz und Gewissensfreiheit. Der patriotische Dichter Juste Olivier (1807–1876) lehrte zwölf Jahre neben ihm Geschichte und beeinflusste die Studierenden stark. Die Revolution von 1845 kostete beide ihre Stellen. Olivier schrieb im Pariser Exil die „Chansons lointaines“, fand später jedoch kaum noch öffentliche Beachtung. Weitere wichtige Formen waren politische Publizistik, Übersetzungen, Geschichtsschreibung, regionale Szenen, Essays und Biografien. Alfred Cérésoles „Scènes vaudoises“ von 1885 verwendeten die waadtländische Sprache.

In Neuenburg beendete die Revolution von 1848 die kurze Blüte der erst 1839 gegründeten Akademie. Besonders Geographie und Geologie waren dort bedeutend: Louis Agassiz begründete die Gletschertheorie, Pierre Jean Édouard Desor erforschte Pfahlbauten und Bronzezeit. Die schöngeistige Literatur blieb wegen der strengen Zensur des Konsistoriums schwächer. Ab 1883 sollte die „Revue suisse romande“ die literarische Annäherung zwischen der Schweiz und Frankreich fördern. Große Aufmerksamkeit fanden Alice de Chambriers nachgelassene Gedichte „Au delà“, die Philippe Godet veröffentlichte; sie erreichten rasch vier Auflagen.

Die katholische Westschweiz, besonders Freiburg und Wallis, spielte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts literarisch nur eine Nebenrolle. Der Freiburger Jesuit Jean Baptiste Girard wurde für seine praktische und theoretische Pädagogik anerkannt und erhielt für seinen „Cours de langue“ den großen Preis Monthyon. Die 1841 gegründete Zeitschrift „L’Émulation“ erfüllte für die katholische Schweiz eine ähnliche Funktion wie die 1838 gegründete „Revue suisse“ für die protestantische. Pierre Sciobéret wurde als Märchenerzähler bekannt, Étienne Eggis als fantasievoller Dichter mit Gedichten nach Art deutscher Burschenlieder.

Moderne französischsprachige Schweizer Literatur

Im 20. und 21. Jahrhundert brachte die Romandie eine vielfältige Lyrik und Prosa hervor. Zu den bedeutenden Dichtern zählt der Artikel Gustave Roud, Edmond-Henri Crisinel, Philippe Jaccottet, Jean-Georges Lossier und Pericle Patocchi. Patocchi stammte aus dem Tessin, schrieb sein gesamtes lyrisches Werk jedoch auf Französisch. Als wichtige Schriftsteller werden besonders Charles Ferdinand Ramuz und Jacques Chessex genannt; auch Blaise Cendrars und Charles-Albert Cingria stammten aus der Schweiz.

Das weitere Spektrum reicht unter anderem von S. Corinna Bille, Nicolas Bouvier, Maurice Chappaz, Alice Rivaz, Agota Kristof und Yvette Z’Graggen bis zu Étienne Barilier, Alain de Botton, Markus Hediger, Pascale Kramer, Daniel de Roulet und Alexandre Voisard. Einen großen internationalen Publikumserfolg erzielte Joël Dicker: Seine Romane wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt und in Millionenauflagen verkauft.

Weiterlesen

Romandie Romandie. Gebiet der Schweiz mit einer überwiegend französisch sprechenden Bevölkerung. Artikel · Diskussion. Kanton Waadt Der Kanton Waadt ist hinsichtlich der Einwohnerzahl und des Bruttoinlandproduktes nach den Kantonen Zürich und Bern der drittgrösste Schweizer Kanton. Bezüglich … Kanton Neuenburg Kanton Neuenburg ; Kürzel/Kontrollschild: NE ; Amtssprache: Französisch ; Hauptort: Neuenburg (Neuchâtel) ; Grösster Ort: Neuenburg (Neuchâtel). Kanton Wallis Kanton Wallis lanciertes Projekt gegen den brain drain. Frankreich Die Französische Republik wird in ihrer Verfassung als unteilbar, laizistisch, demokratisch und sozial erklärt. Ihr Grundsatz lautet: „Regierung des Volkes … Schweizer Französisch Das Schweizer Französisch ist die Varietät der französischen Sprache, die in der französischsprachigen Schweiz geschrieben und gesprochen wird. Reformation Ihr Beginn wird traditionell auf den 31. Oktober 1517 datiert, als Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Tür der Schlosskirche zu … Karl der Kühne Karl der Kühne wurde in Dijon als Sohn von Philipp III. · Gemäß dem Vertrag von Arras wurde Karl 1440 mit sechs Jahren mit · Karl lernte den Dauphin und späteren … Wilhelm Tell Wilhelm Tell ist ein legendärer Schweizer Freiheitskämpfer. Seine Geschichte spielt in der heutigen Zentralschweiz und wird auf das Jahr 1307 datiert. Calvinismus Die fünf Punkte des Calvinismus · Völlige Verdorbenheit/Unfähigkeit (Total depravity) · Bedingungslose Erwählung (Unconditional election) · Begrenzte Versöhnung/ … Montesquieu Über Gewaltenteilung · „Sobald in ein und derselben Person oder derselben Beamtenschaft die legislative Befugnis mit der exekutiven verbunden ist, gibt es keine … Voltaire Als Lyriker, Dramatiker und Epiker schrieb er in erster Linie für das französische Bildungsbürgertum, als Erzähler und Philosoph für die gesamte europäische …