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Liquiditätsrisiko

Das Liquiditätsrisiko beschreibt die unternehmerische Gefahr für Banken und andere Marktakteure, eingegangenen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen zu …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Messung des Liquiditätsstatus
  3. 3. Liquiditätsrisiko im Bankwesen
  4. 4. Regulierung und Steuerung
  5. 5. Kennzahlen, Zahlungsstromanalyse und Versicherungen

Begriff und Bedeutung

Liquiditätsrisiko ist die Gefahr, dass Banken oder andere Marktakteure ihre eingegangenen Zahlungsverpflichtungen nicht erfüllen können oder vollständig ausfallen. Es ist eine wichtige Kenngröße des Risikomanagements, weil davon die finanzielle Stabilität eines Unternehmens abhängt.

Als Stromgrößen betrachtet, liegt das Risiko vor, wenn Einzahlungen nicht genügen, um alle fälligen Auszahlungen zu decken, oder wenn Zahlungsmittel nur zu erhöhten Refinanzierungskosten beschafft werden können. Betroffen sein können Unternehmen, Privathaushalte und der Staat. Unternehmen müssen ihre Liquidität als Ziel oder Nebenbedingung sichern.

Messung des Liquiditätsstatus

Einzahlungen EZ umfassen Barzahlungen und bargeldlose Gutschriften; Auszahlungen AZ umfassen Barauszahlungen und bargeldlose Belastungen wie Lastschriften. Ein Liquiditätsrisiko liegt insbesondere vor, wenn tatsächliche Einzahlungen unter den geplanten liegen (EZ_t < EZ_p) oder tatsächliche Auszahlungen die geplanten übersteigen (AZ_t > AZ_p).

Der Liquiditätsstatus wird durch den tatsächlich vorhandenen Zahlungsmittelbestand ZMB_I und den geplanten oder erforderlichen Bestand ZMB_S beschrieben:

  • Idealliquidität: ZMB_I = ZMB_S.
  • Liquiditätsüberschuss: ZMB_I > ZMB_S.
  • Liquiditätsdefizit: ZMB_I < ZMB_S.

Formal zeigt sich Liquiditätsrisiko somit als Überschuss oder Defizit. Bei Nichtbanken soll Cash- oder Liquiditätsmanagement jederzeit ausreichend Liquidität sichern. Dabei sind Überschüsse zu vermeiden, weil sie die Rentabilität mindern können, und Defizite, weil sie das Insolvenzrisiko erhöhen. Privathaushalte können ihr Risiko mittels privater Liquiditätsrechnung verringern.

Liquiditätsrisiko im Bankwesen

Für Kreditinstitute ist Liquiditätsrisiko besonders bedeutsam. Es besteht, wenn unsichere Zahlungsströme von ihrem Erwartungswert abweichen und eine Bank fällige Verpflichtungen möglicherweise nicht jederzeit vollständig und termingerecht erfüllen kann. Die Liquidität von Banken wird stark durch Bankkunden und den Interbankenhandel bestimmt; das erschwert die Planung.

Wichtige klassische Ansätze sind die Goldene Bankregel von Otto Hübner (1854), die gleiche Kapitalbindungsdauern auf Aktiv- und Passivseite verlangte, die Bodensatztheorie von Adolph Wagner (1857), nach der Einlagen teilweise länger verfügbar bleiben als ihre nominale Bindungsdauer, und die Shiftability-Theorie. Diese beruht auf Karl Knies’ Realisationstheorie von 1879 und wurde von Harold G. Moulton entwickelt: Entscheidend ist die Veräußerbarkeit von Vermögenswerten. Marktliquide Wertpapiere dienen als Liquiditätsreserve und können durch Verkauf oder Pensionsgeschäfte in Primärliquidität umgewandelt werden.

Wolfgang Stützels Maximalbelastungstheorie von 1959 betrachtet den Bank Run als Ausnahme, in der die Bodensatztheorie nicht greift. Vermögenswerte gelten grundsätzlich als mit Wertabschlägen liquidierbar; reichen diese Abschläge insgesamt nicht an das Eigenkapital heran, können Mittelabflüsse ohne Insolvenz gedeckt werden. Die Goldene Bankregel ist im modernen Bankwesen bedeutungslos, weil sie Fristentransformation ausschließt. Bodensatz- und Shiftability-Theorie wirken dagegen in modernen Verfahren fort; Stützels Ansatz ist unter der Going-Concern-Annahme kein geeignetes Steuerungsinstrument, weil er erhebliche Liquidationen vorsehen kann.

Banktypische Transformationsleistungen erzeugen weitere Risiken: Fristentransformation führt zu Zinsänderungs- und Refinanzierungsrisiko, Losgrößentransformation zu Großkredit- und Millionenkreditrisiko, räumliche Transformation zu Länder- und Währungsrisiko. Liquiditätstransformation bedeutet die Refinanzierung illiquider Aktiva durch hochliquide Passiva, etwa eines notleidenden Kredits durch eine Spareinlage. Zum Refinanzierungsrisiko zählen Refinanzierungsrisiko im engeren Sinne, Terminrisiko und Abrufrisiko. Letzteres kann bei unerwartetem Abruf von Einlagen oder Kreditzusagen auftreten; seine Extremform ist der Bank Run. Das Liquiditätsspreadrisiko bezeichnet steigende Zinsaufschläge bei Anschlussfinanzierungen, welche den Gewinn durch höhere Refinanzierungskosten mindern.

Regulierung und Steuerung

Seit Januar 2014 regelt die Kapitaladäquanzverordnung (CRR) die Liquiditätsanforderungen in allen EU-Mitgliedstaaten. In Deutschland ergänzen MaRisk BTR 3 als Konkretisierung von § 25a KWG sowie die Liquiditätsverordnung (LiqV) die Vorgaben. Die LiqV gilt seit Januar 2018 nur noch für Bürgschaftsbanken, Wohnungsunternehmen mit Spareinrichtung, Wertpapierfirmen und Finanzdienstleistungsinstitute nach § 1 Abs. 1a KWG. Für die übrigen Kreditinstitute gelten Art. 411 bis 428 CRR.

Nach Art. 412 CRR müssen liquide Aktiva ZMB die Liquiditätsabflüsse AZ abzüglich der Zuflüsse EZ unter erheblichen Stressbedingungen für 30 Tage abdecken. Die im Artikel angegebene Definitionsgleichung lautet: ZMB = EZ ≥ AZ. Art. 415 CRR begründet Meldepflichten; liquide Aktiva werden nach Art. 418 CRR zum Marktwert gemeldet, jedoch unter angemessenen Abschlägen, die unter anderem Duration, Kredit- und Liquiditätsrisiko berücksichtigen.

Die internationalen Vorgaben sehen die Liquiditätsdeckungsquote LCR für die kurze Frist bis 30 Tage und die strukturelle Liquiditätsquote NSFR für die mittlere Frist bis 1 Jahr vor. Ein modernes Liquiditätsrisikomanagement leitet künftige Zahlungszu- und -abflüsse aus dem Geschäftsbestand ab und steuert eigenständig die Risikoquellen. Wesentliche Bestandteile sind Risikostrategie, klare Zuständigkeiten, Mess- und Überwachungsinstrumente, Krisenszenarien, Limite, Berichtswesen, Notfallplanung, diversifizierte Refinanzierungsquellen und Reserveliquidität. Diese Aufgaben müssen in einer Organisationseinheit gebündelt werden.

Kennzahlen, Zahlungsstromanalyse und Versicherungen

Traditionelle Liquiditätskennziffern beruhen meist auf Bilanzgrößen. Der Liquiditätsindex setzt die Summe laufzeitgewichteter Aktiva ins Verhältnis zur Summe laufzeitgewichteter Passiva; je größer er gegenüber 1 ist, desto stärker ist die Fristentransformation. Liquiditätsgrade ersten, zweiten und dritten Grades vergleichen kurzfristige Auszahlungsverpflichtungen mit kurzfristig verfügbaren Zahlungsmitteln oder Liquiditätsreserven. Kennzahlen zur Einlagenkonzentration zeigen, wie stark einzelne Großeinleger die Liquidität beeinflussen können. Ihr Nachteil ist, dass sie nur Teile der Risikotreiber und Bestände statt Zahlungsströme abbilden.

Eine Liquiditätsablaufbilanz prognostiziert künftige Zahlungszu- und -abflüsse auf einem Zeitstrahl. Sie berücksichtigt Bankgeschäfte, gegebenenfalls Neu- und Anschlussgeschäfte sowie außerbilanzielle Positionen wie Kreditzusagen und Finanzderivate. Die Gap-Analyse untersucht daraus Fristeninkongruenzen zwischen Ein- und Auszahlungen. Unbekannte, stochastische Zahlungsströme erfordern Modellannahmen. Ungünstige Marktannahmen können prüfen, ob ein Unternehmen Banken- oder Finanzkrisen überlebt. Werden veränderliche Refinanzierungsaufschläge einbezogen, lässt sich mit dem Liquiditätsausgleichsverfahren das erfolgswirksame Liquiditätsrisiko bestimmen.

Bei Versicherungsunternehmen verlangt § 124 Abs. 1 Nr. 2 VAG, dass das Sicherungsvermögen Sicherheit, Qualität, Liquidität und Rentabilität des Portfolios gewährleistet und verfügbar ist. Nach § 7 Nr. 19 VAG besteht Liquiditätsrisiko, wenn Kapitalanlagen und andere Vermögenswerte nicht rechtzeitig realisiert werden können, um fällige Verpflichtungen zu erfüllen. Es wird allgemein als gering eingestuft, sofern der Versicherungsbestand nicht sinkt, Prämien angemessen kalkuliert sind, Risikoselektion, Reservierung und vorsichtige Anlage des Sicherungsvermögens ausreichen. Je niedriger die Schadenquote, desto geringer ist das versicherungstechnische Liquiditätsrisiko.

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