Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Linksfaschismus
Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas warnte 1967 vor einem „linken Faschismus“ der APO, der eine Gewalteskalation fördern und rechtfertigen könne. Obwohl …
Inhalt5 Abschnitte
Begriff und politische Funktion
Linksfaschismus, auch „linker Faschismus“, „roter Faschismus“ oder „Rot-Faschismus“, ist ein politischer Kampfbegriff ohne einheitliche Bedeutung. Meist dient er dazu, realsozialistische Staaten, linksgerichtete Politik oder linke Ideologien als faschistisch zu bewerten. Seltener bezeichnet der Ausdruck antikapitalistische Elemente faschistischer Ideologien und Bewegungen als „links“.
Anders als den Faschismusbegriff verwendet die Politikwissenschaft „Linksfaschismus“ nicht zur Beschreibung einer bestimmten Ideologie oder Gesellschaftsordnung. Der Begriff stellt meist eine strukturelle oder politische Ähnlichkeit zwischen linken und rechten Diktaturen beziehungsweise Bewegungen her. Er soll insbesondere Politik, die sich als antifaschistisch legitimiert, als antidemokratisch und gewaltorientiert angreifen und delegitimieren.
In der Bundesrepublik wurde das Wort häufig gegen linksgerichtete Gruppen und Parteien verwendet. Es entwickelte sich zu einem beliebig einsetzbaren Stereotyp. Politiker, Behörden und Medien verbanden es ähnlich wie „Anarchismus“ und „Linksextremismus“ mit Chaos, Gewalt, Terror und Kriminalität und stellten „Linksfaschisten“ als Gefahr für die innere Sicherheit dar.
Entstehung und frühe Verwendungen
In Italien bezeichneten Demokraten seit 1926 den Stalinismus als eine Diktatur, die mit dem italienischen Faschismus vergleichbar sei. Bereits 1925 hatte der Liberale Giovanni Amendola den italienischen Faschismus und den Stalinismus als „totalitäre Reaktion auf Liberalismus und Demokratie“ bezeichnet. Anfang 1926 übernahm die Führung der faschistischen Partei den ursprünglich als Vorwurf gemeinten Begriff „totalitär“ für die eigene Ideologie und Politik. Die konservativ-liberale Opposition übernahm daraufhin die These einer strukturellen Ähnlichkeit beider Diktaturen. Don Luigi Sturzo bezeichnete 1926 den Bolschewismus als „kommunistische Diktatur oder einen Linksfaschismus“ und den Faschismus als „konservative Diktatur oder Rechtsbolschewismus“.
Der Vergleich war damit ursprünglich ein polemischer Kampfbegriff, der zwei politische Systeme parallelisierte und als Diktaturen ablehnte. Hannah Arendt gab dem Begriff des Totalitarismus in ihrem Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, dessen englisches Original 1951 erschien, ein theoretisches Fundament. Sie beschrieb Ähnlichkeiten zwischen Nationalsozialismus, Stalinismus und ansatzweise Maoismus, bezeichnete diese Regime jedoch als „totalitär“ und nicht als faschistisch. Mussolinis Diktatur, den Franquismus und die Regierungen der Ostblockstaaten nach Stalins Tod unterschied sie davon.
In der Weimarer Republik übernahm die KPD 1929 Stalins Sozialfaschismusthese. Danach galten Reformisten der gescheiterten Zweiten Internationale, besonders die deutsche Sozialdemokratie, als „Steigbügelhalter“ des aufkommenden Faschismus. Diese Einordnung sollte die von Moskau gelenkte Komintern gegenüber der Sozialdemokratie stärken und den Führungsanspruch der KPdSU in der Arbeiterbewegung sichern. Die KPD hatte bereits 1923 versucht, die Weimarer Demokratie durch einen Putsch zu stürzen, und sich im „Schlageter-Kurs“ zeitweise an NSDAP-Wähler gewandt. Daraufhin verstärkte die SPD ihre antikommunistische Haltung. Kurt Schumacher bezeichnete 1930 Kommunisten als „rotlackierte Doppelausgaben der Nationalsozialisten“ und betonte, beiden seien Demokratiehass und Gewaltvorliebe gemeinsam. Nach 1945 wurde dies oft zu „rotlackierte Faschisten“ verkürzt.
Der kommunistische Kritiker Otto Rühle verglich 1939 nach dem Hitler-Stalin-Pakt im mexikanischen Exil die Diktaturen Hitlers und Stalins. In seinem Aufsatz Brauner und Roter Faschismus sah er eine „verblüffende Übereinstimmung“ in Machtdoktrin, Autoritätsprinzip, Diktaturapparat, Gleichschaltung und Gewaltmethoden. Beide Systeme bezeichnete er als totalitär.
Habermas und die Studentenbewegung 1967
Seit Frühjahr 1967 wurde „Faschismus“ in Konflikten zwischen Hochschullehrern und Aktivisten der westdeutschen Studentenbewegung als Kampf- und Stigmawort verwendet. Universitätsdirektoren bezeichneten Sit-ins als „faschistische Methoden“ oder sahen darin „faschistische Züge“. Studenten nannten einen amerikafreundlichen Vortrag Max Horkheimers eine „Apologie des Faschismus“. Nach der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 in West-Berlin verschärfte sich der Konflikt.
Auf dem Kongress des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) im Anschluss an Ohnesorgs Beerdigung am 9. Juni in Hannover erklärte Jürgen Habermas, die Polizeiaktionen in West-Berlin seien „Terror“ und könnten die Demokratie einschränken. Zugleich warnte er vor ziellosem Aktionismus und der bewussten Umwandlung latenter in manifeste Gewalt. Hans-Jürgen Krahl entgegnete, der übermächtige Staatsapparat zwinge Studenten möglicherweise erst zu Provokationen. Er schlug „ritualisierte Formen der Provokation“ vor.
Habermas bezeichnete daraufhin eine „systematisch betriebene Provokation von Studenten“ als ein „Spiel mit dem Terror (mit faschistischen Implikationen)“. Nachdem Rudi Dutschke für Sitzstreiks, Aktionszentren und das bewusste Durchbrechen der „etablierten Spielregeln“ der Demokratie eingetreten war, nannte Habermas dessen theoretische Begründung eine „voluntaristische Ideologie“ und schlug dafür den Ausdruck „linker Faschismus“ vor. Er bezog den Begriff nach seiner späteren Erklärung nicht auf Sitzstreiks oder Aktionszentren als solche, sondern auf die Vorstellung, gesellschaftlicher Wandel könne allein durch den bewussten Willen revolutionärer Akteure herbeigeführt werden.
Habermas befürchtete, illegale Aktionen könnten weitere Gewalt und Opfer hervorrufen und dadurch den im Kapitalismus angelegten Faschismus erst erzeugen, ohne dass die revolutionären Kräfte eine erfolgreiche Revolution erreichen könnten. Dahinter stand die marxistische Faschismustheorie der Kritischen Theorie, die Faschismus als Folge und latente Bedrohung des scheinbar liberalen Kapitalismus verstand. Peter Brückner widersprach: Die Brutalität staatlicher Organe liege bereits unter einer dünnen Decke sozialen Friedens; sogenannte Provokationen machten diese Realität lediglich sichtbar.
Habermas nahm den Vorwurf später zurück beziehungsweise schränkte ihn ein. 1967 erklärte er, er habe in Hannover nur in einem „klar hypothetischen Zusammenhang“ vom linken Faschismus gesprochen. 1968 räumte er ein, neue Protestformen zunächst nicht als sinnvolle und notwendige Mittel zur Erzwingung verweigerter Diskussionen erkannt zu haben. Er würde das Etikett künftig vermeiden, weil es eine Identifizierung des SDS mit rechten Studenten der frühen 1930er Jahre nahelege und historische Parallelen möglicherweise nicht zum Verständnis der Revolten beitrügen. Gewaltanwendung hielt er weiterhin nicht für ein vertretbares Mittel. In einem Aufsatz vom 5. Juni 1968 bewertete er neuartige Demonstrationsformen jedoch als geeignete Mittel zur Aufklärung über das kapitalistische Gesellschaftssystem. 1977 schützte er kritische Intellektuelle vor dem Vorwurf des Linksfaschismus und bezeichnete seine Äußerung von 1967 als typische Überreaktion deutscher Linker.
Reaktionen in der APO und der Öffentlichkeit
Die Neue Linke widersprach Habermas energisch, auch weil die Studentenbewegung häufig selbst mit faschistischen Methoden gleichgesetzt wurde. Walter Rüegg, Direktor der Frankfurter Universität, nannte ein geplantes Go-in im November 1967 die „Einübung faschistischer Terrormethoden“. Ein studentisches Flugblatt protestierte gegen die „unreflektierte Verwendung“ des Begriffs und gegen die Diffamierung unbequemer Minderheiten.
Oskar Negt deutete den Vorwurf 1968 als Ausdruck eines bürgerlich-liberalen Bewusstseins, das die Brüchigkeit seiner Institutionen spüre und in sozialistischen Alternativen nur das Ende von Sicherheit und Freiheit sehe. Linksfaschismus sei demnach die Projektion von Faschisierungstendenzen des bestehenden Systems auf leicht diskriminierbare Randgruppen. Wolfgang Abendroth und Oskar Negt veröffentlichten verschiedene Antworten auf Habermas’ Vorwurf.
Teile der APO verwendeten den Begriff auch ironisch. Nach Theodor W. Adornos Weigerung, bei einem Goethe-Vortrag über Ohnesorgs Tod zu diskutieren, erschien 1967 das Spruchband „Berlins linke Faschisten grüßen Teddy den Klassizisten“. Als Adorno 1969 Studenten, darunter Hans-Jürgen Krahl, aus dem Institut für Sozialforschung entfernen und festnehmen ließ, bezeichnete Herbert Marcuse „linker Faschismus“ als contradictio in adiecto, also als Widerspruch in sich. Adorno verteidigte den Begriff dagegen. Daniel Cohn-Bendit urteilte 2001 rückblickend, linke Studenten hätten damals einen Mangel an demokratischer Sensibilität gezeigt und sich teilweise „faschistoid“ beziehungsweise „linksmachistisch“ verhalten.
Medien und Politiker verwendeten das Schlagwort nach Ohnesorgs Erschießung zur Diffamierung der Studentenbewegung. Die Bildzeitung sprach am 3. Juni 1967 von „roter SA“; Peter Boenisch nannte Studenten häufig „Linksfaschisten“. Franz Josef Strauß, Rainer Barzel, Herbert Wehner und Heinz Kühn nutzten ähnliche Vergleiche. Horst Ehmke bezeichnete 1968 bestimmte gewaltsame Protestformen als „pseudo-linken Faschismus“ und warnte, sie könnten die Reaktion stärken und Faschismus „mitproduzieren“. Ein CDU-Leitfaden für den Bundestagswahlkampf 1969 erklärte Gewaltanwendungen des SDS zu einem Beweis für linken Faschismus.
Der Begriff wurde auch in späteren politischen Auseinandersetzungen verwendet. Gerhard Löwenthal bezeichnete 1972 Unterstützer von Heinrich Böll und Peter Brückner als „Sympathisanten des Linksfaschismus“. Joachim Fest warf 1976 Rainer Werner Fassbinder im Zusammenhang mit dessen Theaterstück Der Müll, die Stadt und der Tod einen antisemitischen „Linksfaschismus“ vor. Klaus Farin beschrieb 1997 wechselseitige Faschismusvorwürfe zwischen Skinheads und Autonomen als häufiges Kommunikationsmuster, das Konflikte verschärfe. Rechtsextremisten und Vertreter der Neuen Rechten benutzen den Begriff seit den 1960er Jahren, besonders seit der Wiedervereinigung 1990, zur Diffamierung politischer Gegner. 2011 nannte Thilo Sarrazin Gegner einer abgesagten Diskussion „Linksfaschisten“; die Technische Universität Berlin wies dies zurück.
Analytische Deutungen und internationale Verwendung
Peter Sloterdijk verwendete den Begriff im Streit über seine Elmauer Rede von 1999. Nachdem Jürgen Habermas Sloterdijks Überlegungen zu „Menschenzucht“, „Anthropotechnik“, Keimbahntherapie und pränataler Diagnostik als „genuin faschistisch“ bezeichnet hatte, warf Sloterdijk Habermas „linksfaschistische Agitationen“ vor. 2005 bezeichnete Sloterdijk Kommunismus, Maoismus und insbesondere Mao Tse-tung als Formen eines linken Faschismus. 2006 bezog er den Begriff in Zorn und Zeit auf den Realsozialismus unter Lenin, Stalin und Mao. Als vergleichbare Merkmale nannte er Führerprinzip, Militarismus, Zentralismus, Kollektivismus, Demokratiefeindlichkeit, Misstrauen gegen Individualismus und Pluralismus, die Monopolisierung des öffentlichen Raums und der Medien durch Parteipropaganda sowie die Aufhebung des neuzeitlichen Tötungsverbots im Dienst einer als gut erklärten Sache.
Einige Historiker und Politikwissenschaftler verwenden „Linksfaschismus“ analytisch für sozialistische und antikapitalistische Programmpunkte faschistischer Bewegungen, also für einen „Nationalen Sozialismus“. Peter von Oertzen sah die völkisch-antikapitalistische Komponente als Grundzug des Faschismus und als Unterscheidung gegenüber dem bürgerlichen und reaktionären Rechtsradikalismus der Weimarer Zeit. Johannes Agnoli ordnete den antikapitalistischen Flügel der NSDAP um Otto und Gregor Strasser als Linksfaschismus ein; Adolf Hitler entmachtete diese Vertreter 1926 und ließ sie sowie weitere innerparteiliche Gegner 1934 im angeblichen Röhm-Putsch ermorden. Otto-Ernst Schüddekopf verwendete den Begriff für faschistische Bewegungen nach 1945, die ernsthaft Sozialismus in nationaler Form anstrebten. Dazu rechnete er unter anderem die französische Rassemblement National Populaire, den Faschismus Oswald Mosleys und den Peronismus in Argentinien.
In den Vereinigten Staaten bezeichneten Republikaner die Demokratische Partei vor den Halbzeitwahlen 1946 als „red fascists“. Der Ausdruck richtete sich gegen die Anti-Hitler-Koalition mit der Sowjetunion und Franklin D. Roosevelts Politik. Ab 1947 wurde er bei öffentlichen Denunziationen missliebiger Personen verwendet und war im McCarthyismus von 1948 an eine Sammelbezeichnung für vermutete Kommunisten und ihre Unterstützer in Gewerkschaften, Universitäten und Medien. J. Edgar Hoover gebrauchte „red fascists“ und „communazis“ auch nach der Entmachtung McCarthys 1954.
Lewis Samuel Feuer deutete die amerikanische Neue Linke als „left wing fascism“ aus einem Generationenkonflikt. Irving Louis Horowitz beschrieb die Studentenbewegung 1970 als neuen linken Faschismus und 1981 einen gegenwärtigen „left-wing fascism“ als „infantile Unordnung“, verbunden mit Linksterrorismus und Ideen der Frankfurter Schule. Am 3. Juli 2020 bezeichnete Donald Trump die antirassistische Bewegung Black Lives Matter als „far-left fascism“ und behauptete, sie bedrohe amerikanische Geschichte, Helden, Werte und die Erziehung von Kindern.