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Lesekompetenz
Lesekompetenz (englisch reading literacy; auch Lesefähigkeit oder Leseverstehen) ist die Fähigkeit, einzelne Wörter, Sätze und ganze Texte flüssig zu lesen …
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Begriff und Bedeutung
Lesekompetenz, auch Lesefähigkeit oder Leseverstehen, ist die Fähigkeit, einzelne Wörter, Sätze und ganze Texte flüssig zu lesen und im Textzusammenhang zu verstehen. Sie gehört neben Schreiben und Rechnen zu den Grundfertigkeiten, die in der Grundschule erworben und in weiterführenden Schulen ausgebaut werden sollen.
Die OECD definiert Lesekompetenz als die Fähigkeit, „geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.“ Damit ist Lesen nicht nur Entziffern von Schrift, sondern auch Verstehen, Anwenden, Nachdenken und gesellschaftliche Teilhabe.
Lesekompetenz hängt unter anderem von Lesegeschwindigkeit, Kurzspeicherkapazität beziehungsweise Kurzzeitgedächtnis und Arbeitsgedächtnis ab. Wichtig sind außerdem Vorwissen, lexikalischer Zugriff, also der schnelle Zugriff auf Wortbedeutungen, Wortschatz, Motivation und Einstellungen zum Lesen sowie Kenntnisse über Textmerkmale, Lesestrategien und kognitive Grundfertigkeiten.
Kompetenzstufen und Teilfähigkeiten
Die Stufen der Lesekompetenz beschreiben, wie gut Schülerinnen und Schüler Aufgaben unterschiedlicher Schwierigkeit lösen können. Der Schwierigkeitsgrad hängt unter anderem von der Komplexität des Textes, der Vertrautheit mit dem Thema, der Deutlichkeit von Hinweisen auf relevante Informationen und von ablenkenden Informationen im Text ab.
Unterschieden wird in drei Kategorien: „Informationen ermitteln“, „textbezogenes Interpretieren“ sowie „Reflektieren und Bewerten“. Die Zahl und Einteilung der Stufen hängt vom jeweiligen Modell ab und unterscheidet sich zwischen Tests und Bildungsstudien. Kompetenzstufen sind Interpretationshilfen für psychometrische Kennwerte. Die Zuordnung einer Person zu einer Stufe hängt ausschließlich vom erzielten Rohwert ab und beweist nicht, dass die Person tatsächlich genau die Aufgaben dieser Stufe bewältigt hat.
Die im Artikel dargestellten Stufen orientieren sich an der PISA-Studie aus dem Jahr 2000. Spätere Untersuchungen, etwa PISA 2009, erweiterten das Modell. Auch die IGLU-Studie nutzt ein anderes Stufenmodell, sodass Ergebnisse nicht unmittelbar vergleichbar sind.
Von einfachen zu komplexen Leseleistungen
Auf Kompetenzstufe I, der Elementarstufe, können Schülerinnen und Schüler ausdrücklich genannte Informationen finden, wenn es keine konkurrierenden Informationen gibt. Sie erkennen bei vertrauten Themen einen auffälligen Hauptgedanken oder die Intention des Autors und können einfache Verbindungen zwischen Textinformationen und Alltagswissen herstellen.
Auf Kompetenzstufe II stellen sie einfache Verknüpfungen her. Sie können eine oder mehrere Informationen lokalisieren, die aus dem Text erschlossen werden müssen, auch wenn konkurrierende Informationen vorkommen. Außerdem erkennen sie Hauptgedanken, verstehen Beziehungen im Text durch Schlussfolgerungen und vergleichen mehrere Verbindungen zwischen Text und Wissen außerhalb des Textes mit eigenen Erfahrungen und Einstellungen.
Auf Kompetenzstufe III integrieren sie Textelemente und ziehen Schlussfolgerungen. Sie identifizieren Informationen, die mehrere Bedingungen erfüllen, erkennen Beziehungen zwischen Informationen und erschließen die Bedeutung von Wörtern oder Sätzen, auch wenn mehrere Textteile zusammengeführt werden müssen. Sie können Informationen vergleichen, erklären und Textmerkmale bewerten.
Auf Kompetenzstufe IV erreichen sie ein detailliertes Verständnis komplexer Texte. Sie lokalisieren mehrere eingebettete Informationen, verstehen oder verwenden Kategorien in unbekannten Texten, deuten Sprachnuancen im Gesamtzusammenhang und formulieren kritisch oder stellen Hypothesen mithilfe formalen oder allgemeinen Wissens auf.
Kompetenzstufe V gilt als Expertenstufe: Schülerinnen und Schüler können unbekannte und komplexe Texte vollständig und flexibel nutzen. Sie lokalisieren und organisieren tief eingebettete Informationen, auch wenn Inhalt und Form unvertraut sind, verstehen Texte mit unvertrautem Thema und Format vollständig und bewerten sie kritisch unter Bezug auf spezialisiertes Wissen.
Probleme und Lebenschancen
In den letzten Jahren wurden Zweifel an der Lesekompetenz vieler Jugendlicher geäußert. Manche verlassen die Schule mit geringen Lesekenntnissen und entwickeln sich in einigen Fällen allmählich zu funktionalen Analphabeten. Die internationale PISA-Studie untersuchte deshalb die Lesekompetenz von Schülerinnen und Schülern verschiedener Schulsysteme.
Lesekompetenz gilt als Basis für viele weitere Kompetenzen, weil Wissen in vielen Fächern, etwa aus Fachbüchern, erlesen werden muss. Wer schlecht liest, hat häufig auch Schwierigkeiten beim Begreifen von Rechenaufgaben und beim Erfassen naturwissenschaftlicher Fragestellungen. Nur wenige holen Defizite, die am Beginn der Pubertät festgestellt werden, später noch auf. Gut lesen zu können bedeutet, fließendes und sinnentnehmendes Lesen gelernt zu haben.
In Österreich sind weniger als ein Prozent „echte“ Analphabeten. Drei bis vier Prozent gelten dagegen als „funktionale“ Analphabeten: Ihre Kenntnisse und Fähigkeiten reichen nicht aus, um schriftsprachliche oder rechnerische Alltagsaufgaben selbstständig zu bewältigen. Umstritten ist, ob Veränderungen im Medienkonsum, etwa zunehmende Internetaffinität oder weniger Zeitungslesen bei jüngeren Menschen, tatsächliche oder vermutete Schwächen im Lesen und Schreiben verursachen.
Lesemedium, Textschwierigkeit und Gesellschaft
Eine Metaanalyse zur Forschung von 2000 bis 2017 verglich das Leseverständnis bei vergleichbaren Texten auf Papier und auf digitalen Geräten. Insgesamt wurden Studien mit über 171.000 Teilnehmern ausgewertet. Das Ergebnis zeigte einen Vorteil des papierbasierten Lesens gegenüber digitalem Lesen.
Dieser Vorteil war bei zeitlich beschränktem Lesen stärker als bei zeitlich unbeschränktem Lesen. Er zeigte sich konsistent bei Informationstexten oder bei Mischungen aus Informations- und Erzähltexten, nicht aber bei Studien, die nur Erzähltexte verwendeten. Außerdem nahm der Vorteil des papierbasierten Lesens im Laufe der Jahre zu.
Zur Einordnung von Textschwierigkeit wird im Schulsystem der Vereinigten Staaten das Lexile-System verwendet. Damit werden Schülerlektüren, besonders Kinder- und Jugendbücher, nach Schwierigkeit klassifiziert, sodass Lernende mit unentwickelter Lesekompetenz einfachere Texte und fortgeschrittene Leser anspruchsvollere Texte erhalten.
Lesefähigkeit gilt auch als Voraussetzung demokratischer Gesellschaften. Wer anspruchsvollere, argumentierende Texte versteht, kann sich mit unterschiedlichen Standpunkten zu politischen und gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen. Das Riga-Manifest, vorgestellt im Oktober 2025 in der Lettischen Nationalbibliothek in Riga, formuliert dazu: „Das hochentwickelte Lesen ist eines unserer Überlebensmittel.“
Historische Entwicklung
Im Altertum und Mittelalter war Lesen und Schreiben eher die Ausnahme als die Regel. Selbst Könige konnten trotz Ausbildung durch Hofmeister manchmal nicht lesen oder schreiben. Dafür gab es Kleriker und den Beruf des Schreibers, der Aufgaben für lese- und schreibunkundige Menschen übernahm.
Eine vergleichsweise hohe Lesekompetenz bestand im Volk Israel, weil die 5 Bücher Mose Eltern anwiesen, ihren Kindern, besonders den Jungen, das Lesen und Vorlesen des „Wortes Gottes“ beizubringen. In Mitteleuropa förderte nach der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg besonders die massenhafte Verbreitung der Lutherbibel und anderer Druckschriften Martin Luthers im 16. Jahrhundert die Lesekompetenz.
Weitere Fortschritte brachten im 19. Jahrhundert Sonntagsschulen vieler Landes- und Freikirchen in Deutschland, die der religiösen Unterweisung und dem Bibelstudium dienten. In der Neuzeit förderten die allgemeine Schulpflicht und öffentliche Bibliotheken die Lesekompetenz stark. In Entwicklungsländern mit niedrigem Alphabetisierungsgrad gibt es bis heute den Beruf des Schreibers, der Schreibunkundige zum Beispiel bei Behördenkorrespondenz unterstützt.