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Lebensmitteleinzelhandel
Der Sammelbegriff Lebensmitteleinzelhandel (LEH) bezeichnet Handelsunternehmen im Einzelhandel mit einem Sortiment, das überwiegend aus Lebensmitteln …
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Begriff und Abgrenzung
Lebensmitteleinzelhandel (LEH) ist der Sammelbegriff für Einzelhandelsunternehmen, deren Sortiment überwiegend aus Lebensmitteln besteht. Dies ist die institutionelle Sicht. Funktional bezeichnet LEH die Tätigkeit, Lebensmittel an Endverbraucher zu vertreiben.
Wichtige stationäre Betriebsformen sind Supermärkte, Verbrauchermärkte und Discounter. Tankstellenshops, Bäckereien, Fleischereien, Direktvertriebe, Versandhandel und Abholgroßmärkte gehören nicht zum LEH im engeren Sinn.
Zum funktional verstandenen LEH gehören Fast Moving Consumer Goods (FMCG), also Waren des täglichen Bedarfs mit schnellem Warenumschlag. Daher werden auch Near-Food-Produkte einbezogen: neben Nahrungs- und Genussmitteln etwa Wasch-, Putz- und Reinigungsmittel, Hygiene- und Körperpflegeartikel sowie teilweise Non-Food-Artikel wie Kaffeefiltertüten. Deshalb erscheinen Drogeriemärkte häufig ebenfalls in Umsatz- und Warenstatistiken des LEH.
Entwicklung in Deutschland
Ende des 19. Jahrhunderts veränderten Kauf- und Warenhäuser, Filialbetriebe, Genossenschaften und Markenartikel den deutschen Einzelhandel. Konsumgenossenschaften mit Schwerpunkt auf Nahrungs- und Genussmitteln wurden zu wichtigen Konkurrenten selbständiger Händler. Die Weltkriege unterbrachen die Entwicklung; Lebensmittelmarken und Bezugsscheine ermöglichten nur eine mangelhafte Versorgung, und nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch entstanden teils lebensbedrohliche Lücken bei Grundnahrungsmitteln.
Nach Währungsreform und Aufhebung der Zwangsbewirtschaftung 1948 versorgten in Westdeutschland vor allem Tante-Emma-Läden und Kolonialwarengeschäfte die Bevölkerung. In der DDR bestanden Konsum-Märkte der staatlichen Konsumgenossenschaft. Die Selbstbedienung, deren Idee 1938 aus Amerika übernommen worden war, führte zusammen mit breiteren und tieferen Sortimenten zu einem Strukturwandel.
Seit den 1960er Jahren verlangsamte sich das Umsatzwachstum, während Preiswettbewerb und Kooperationen zunahmen. Viele Händler organisierten sich in Einkaufsgenossenschaften wie Edeka oder Rewe. Hersteller versuchten, die „Preisbindung der zweiten Hand“ – verbindliche Weiterverkaufspreise – mit Lieferboykotten zu sichern. Händler ersetzten Markenartikel zunehmend durch Eigenmarken. Das gesetzliche Verbot der Preisbindung 1974 verstärkte den Preiswettbewerb.
In den 1980er Jahren stiegen die Einzelhandelsumsätze durch Non-Food-Sortimente sowie Fachmärkte und Fachdiscounter real jährlich um 2,9 %. Nach dem Einheitsboom kam es 1993 zu einem realen Umsatzrückgang, der 1998 vorläufig seinen Höhepunkt erreichte. Im 21. Jahrhundert nahm die Konzentration weiter zu: Die Top-8-Handelsgruppen erreichten 2005 98,1 % Marktanteil. Rationalisierung erfolgt durch größere Einheiten, Umorganisation sowie Technik in Transport, Lagerung und Disposition. Discounter setzen Vollsortimenter unter Druck; gute Perspektiven werden profilierten, qualitäts- und serviceorientierten City-Läden zugeschrieben, während unprofilierte kleine und mittlere Geschäfte als Verlierer gelten.
2009 gab es 8.137 Supermärkte mit Vollsortiment und 400 bis 1.500 m² Verkaufsfläche; sie erzielten 29,5 Mrd. € Umsatz. Die 15.219 Discounter erzielten 55,2 Mrd. €. Der Lebensmittelhandel über das Internet blieb vergleichsweise unbedeutend. Bio-Sortimente wurden wichtiger: Der klassische LEH hatte einen Marktanteil von 50 % bei Bio-Lebensmitteln; deren Gesamtmarkt wurde 2010 auf 4,6 Mrd. € geschätzt. Etwa 2.000 Naturkostfachgeschäfte hielten 22 %. Als Kaufmotive nennt der Artikel regionale Produkte, Gesundheitsbewusstsein und Individualität in der Ernährung.
Struktur, Leistung und große Unternehmen in Deutschland
Die Leistungsdaten für 2009 zeigen unterschiedliche Geschäftsmodelle. LEH-Fachhandel und Supermärkte erzielten 160.000 bis 180.000 € Personalleistung je Mitarbeiter und Jahr sowie 3.800 € Flächenproduktivität je m² und Jahr. Ihr Rohertrag betrug 20,5 % des Bruttoumsatzes, die Betriebskosten aber 23,5 %; das betriebswirtschaftliche Ergebnis lag bei −3,0 %. Discounter erreichten 400.000 € Personalleistung und 5.000 € Flächenproduktivität, bei 15,0 bis 16,0 % Rohertrag, 13,2 % Betriebskosten und 1,8 bis 2,8 % Ergebnis. Der Naturkost-Einzelhandel lag bei 137.000 €, 4.500 €, 31,1 %, 29,9 % und 1,2 %.
2006 bestanden in Deutschland 55.026 Geschäfte mit 128 Mrd. € Jahresumsatz. Discounter stellten 14.806 Geschäfte beziehungsweise 27 % aller Geschäfte, erwirtschafteten jedoch 54 Mrd. € oder 42 % des Umsatzes. Supermärkte machten mit 8.170 Geschäften 15 % der Standorte und mit 29 Mrd. € 23 % des Umsatzes aus. Großflächige Märkte umfassten nur 3.150 Standorte oder 6 %, erzielten aber 33 Mrd. € beziehungsweise 26 % des Umsatzes. Übrige, bis 399 m² große Geschäfte stellten 53 % der Standorte, aber nur 10 % des Umsatzes.
Die Ranglisten messen Lebensmittelbruttoumsätze einschließlich Umsatzsteuer; bei Edeka und Rewe werden teils auch Außenumsätze angeschlossener selbständiger Händler gezählt. 2020 führte die Edeka-Gruppe mit 67.034 Mio. € Gesamtumsatz vor Rewe-Gruppe mit geschätzten 55.616 Mio. €, Schwarz-Gruppe mit geschätzten 45.300 Mio. € und Aldi Süd/Aldi Nord mit geschätzten 31.600 Mio. €. Bei geschätzten Werten weist die Tabelle ausdrücklich darauf hin. Aldi Nord und Süd bilden keine Gruppe im rechtlichen Sinn.
Bei den Discountern führte Aldi 2008 mit 24.500 Mio. € Umsatz und 4.267 Filialen, vor Lidl mit 14.725 Mio. € und 3.036 Filialen. Es folgten Penny, Plus, Netto/Diska/NP und Norma. Plus wurde ab 1. Januar 2009 mehrheitlich Teil von Netto der Edeka-Gruppe.
Arbeit, Organisation und Kritik
Der deutsche LEH beschäftigte 2005 rund 660.000 Menschen, darunter etwa 180.000 in Minijobs oder anderen geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen. Die Ausbildung erfolgt dual. Wichtige Ausbildungsberufe sind Kaufmann/-frau im Einzelhandel, Verkäufer/-in und Fachverkäufer/-in im Lebensmittelhandwerk.
Unternehmen sind im Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels organisiert, einem Fachverband des Handelsverbands Deutschland (HDE). Der HDE ist die Spitzenorganisation des deutschen Einzelhandels für rund 410.000 selbständige Unternehmen mit 2,7 Mio. Beschäftigten und jährlich über 395 Mrd. € Umsatz. Das EHI Retail Institute e. V. in Köln ist ein Forschungs- und Bildungsinstitut für Handel und Partner; bis Mai 2006 hieß es EuroHandelsinstitut e. V.
Kritik richtet sich vor allem gegen ein Oligopol auf der Beschaffungsseite: Schwarz-Gruppe, Edeka, Rewe und Aldi gelten als marktbeherrschende Gruppen. Laut Artikel sind viele Lieferanten von diesen vier Abnehmern einseitig abhängig und können Sonderkonditionen kaum ausweichen. Bis 2021 erklärte die Konzentration im LEH laut Artikel rund ein Drittel der Inflation bei Nahrungs- und Genussmitteln. Auf der Absatzseite gebe es weniger Anreize, Konditionenvorteile an Verbraucher weiterzugeben, weil Standortnetze Wechselkosten erhöhen und zwischen Betriebsformen ein Patt auf einem verteilten Markt bestehe.
Bei Lebensmittelverschwendung nennt der Dokumentarfilm Taste the Waste von 2011 rund 20 Mio. Tonnen jährlich beziehungsweise rund die Hälfte aller Lebensmittel über sämtliche Produktionsstufen in Deutschland. Eine EHI-Studie beziffert dagegen die Verluste im LEH durch Beschädigung, Verderb oder ablaufende Mindesthaltbarkeitsdaten auf 1,1 % beziehungsweise 0,3 Mio. Tonnen jährlich; der durchschnittliche Warenwert betrug 4 €/kg. Die Cofresco-Studie ordnet etwa 6,6 Mio. Tonnen der Verschwendung den Endverbrauchern zu. Die Angaben betreffen somit unterschiedliche Stufen und fallen deutlich verschieden aus.
Österreichischer Lebensmitteleinzelhandel
In Österreich prägten zunächst Konsumgenossenschaften, Julius Meinl und Adeg den Markt. In den 1950er Jahren begannen Spar und Billa, 1968 übernahm Aldi die Kette Hofer. Eine wichtige Zäsur war 1995 der Untergang von Konsum Österreich: Rund 600 Filialen und etwa 18 % Marktanteil wurden unter Wettbewerbern aufgeteilt. Rewe übernahm Adeg schließlich vollständig. Zielpunkt wurde im November 2015 insolvent; über 2.000 Handelsangestellte waren betroffen. Im September 2025 wurde angekündigt, dass Unimarkt seine rund 90 Filialen verkaufen und sich aus dem österreichischen Einzelhandel zurückziehen werde; Unilogistik bleibt davon unberührt.
Die Zahl kleiner Lebensmittelgeschäfte ging stark zurück: von rund 20.000 im Jahr 1970 auf 9.989 im Jahr 1990 und 6.654 im Jahr 2001; seit 2008 lag sie unter 6.000. 2010 gab es 5.726 Geschäfte und 17,2 Mrd. € LEH-Umsatz. Supermärkte und Discounter umfassten zusammen 3.240 Standorte; sie stellten mehr als die Hälfte der Geschäfte und erzielten nahezu ein Drittel des Umsatzes.
Der österreichische Markt ist stark konzentriert. 2009 vereinigten Rewe Österreich, Spar Österreich und Hofer zusammen 79,2 % Marktanteil; die Top 5 fast 90 %. 2010 lag Rewe nach vollständiger Adeg-Integration bei 34,6 %, Spar bei 29,2 % und Hofer sowie Lidl zusammen bei 23,3 %. 2018 betrug der LEH-Umsatz 21,738 Mrd. €. Marktführer war Rewe Österreich mit 7,16 Mrd. € und 32,9 %, vor Spar mit 6,9 Mrd. € und 31,7 %, Hofer mit 4,2 Mrd. € und 19,3 % sowie Lidl mit 1,5 Mrd. € und 7,8 %. Diese Top 4 erreichten zusammen 19,76 Mrd. € oder 91,7 % Marktanteil.
Unternehmen sind wegen Pflichtmitgliedschaft in der Wirtschaftskammer Österreich, Sparte Handel, Fachgruppe Lebensmittelhandel organisiert. Daneben besteht freiwillig der Handelsverband, 1921 gegründet, als Berufs- und Arbeitgeberverband.
Große Lebensmittelhändler in Europa
Unter den zehn größten Lebensmittelhändlern Europas befanden sich laut Lebensmittelzeitung und Manager Magazin fünf deutsche Unternehmen. Für 2019, mit Umsätzen des Jahres 2018, führte die deutsche Schwarz-Gruppe, Mutter von Lidl und Kaufland, mit 112 Mrd. € vor Carrefour aus Frankreich mit 64 Mrd. €, Aldi Nord und Süd mit 64 Mrd. €, Tesco aus dem Vereinigten Königreich mit 61 Mrd. €, Edeka mit 59 Mrd. € und Rewe Group mit 57 Mrd. €.
Weitere Plätze belegten Auchan mit 42 Mrd. €, E.Leclerc mit 39 Mrd. €, Metro noch einschließlich Real mit 35 Mrd. € sowie Amazon mit seinem Europa-Geschäft mit 33 Mrd. €. Amazon überholte 2018 Sainsbury’s und Intermarché und erreichte Platz 10.