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Landgewinnung

Landgewinnung oder Neulandgewinnung umfasst verschiedene Maßnahmen zur Erschließung von Neuland, heute vor allem aus Meer und Gewässern.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Zweck
  2. 2. Gewinnung durch Sedimentablagerung
  3. 3. Abdämmung und Trockenlegung
  4. 4. Aufschüttung von Baugrund
  5. 5. Nutzen, Naturschutz und Urbarmachung

Begriff und Zweck

Landgewinnung oder Neulandgewinnung umfasst verschiedene Maßnahmen, durch die neues nutzbares Land erschlossen wird. Heute wird es vor allem aus dem Meer und anderen Gewässern gewonnen. In der Deutschen Bucht bezeichnet der Begriff traditionell besonders die künstliche Beschleunigung der natürlichen Verlandung an geeigneten Stellen des Wattenmeers.

Daneben gehören auch die Trockenlegung eingedeichter Gebiete, das Aufschütten großer Flächen im Küstenbereich und die Urbarmachung bisher landwirtschaftlich ungenutzter Gebiete zur Landgewinnung. Das neu geschaffene Land kann unter anderem für Landwirtschaft, Siedlungen, Häfen, Küstenschutz oder Naturschutz genutzt werden.

Gewinnung durch Sedimentablagerung

Im Nordseeraum werden häufig Buhnen und Lahnungen angelegt. Diese Bauwerke beruhigen das Wasser und verzögern bei Ebbe den Abfluss der mitgeführten Schwebstoffe. Zusätzlich hebt man Grüppen aus, also Entwässerungsgräben, in denen sich besonders viel Schlick sammelt.

Die Flut führt Sand, Schluff, Ton, organisches Material und andere Schwebstoffe heran. In den Ruhephasen des Gezeitenwechsels lagert sich dieses Material zwischen den Buhnen und Zäunen sowie in den umgrenzten Becken als Sediment oder Schlick ab. Dadurch steigt der Meeresboden allmählich an. Salztolerante Pionierpflanzen wie Queller oder Strandhafer können sich ansiedeln und weitere Sedimente binden.

Wenn der Boden die Fluthöhe erreicht, werden Gräben ausgehoben. Der dabei gewonnene Schlick wird auf der Fläche verteilt, um sie weiter zu erhöhen; in den Gräben können sich anschließend neue Sedimente sammeln. Das so entstandene Land liegt meist noch vor dem schützenden Deich und heißt Vorland. Es trägt bereits zum Küstenschutz bei, weil es auf den Deich zulaufende Flutwellen abbremst.

Soll ein ausreichend großes Vorland dauerhaft genutzt werden, wird es eingedeicht. Das eingedeichte Land heißt je nach Region Koog in Schleswig-Holstein, Groden in Oldenburg oder Polder in den Niederlanden und Ostfriesland. Erst hinter dem Deich kann der Boden langfristig vollständig entsalzen: Niederschläge spülen das Salz aus. Das Wasser wird gewöhnlich in Wettern, also Entwässerungsgräben, gesammelt und durch Siele abgeleitet. Siele verhindern zugleich, dass erneut Salzwasser eindringt. Traditionell galt Vorland als reif für die Eindeichung, wenn dort Weißklee blühte, weil er einen ähnlichen Salzgehalt verträgt wie landwirtschaftliche Nutzpflanzen.

Durch die vorbereitende Sedimentablagerung entstanden in manchen Marschgebieten sogenannte Poldertreppen: Später eingedeichte Flächen liegen höher als früher eingedeichte. In Deutschland wurden bisher rund 180 Köge beziehungsweise Polder gewonnen. Nicht alle dienen der Landwirtschaft; im Hauke-Haien-Koog wurde ein Teil als Vogelschutzgebiet genutzt.

Abdämmung und Trockenlegung

Bei der Landgewinnung durch Abdämmung wird ein Meeresbereich zunächst abgetrennt. Innerhalb dieses Bereichs baut man Deiche und pumpt die neu umgrenzten Polder leer. In den Niederlanden wurde dieses Verfahren nach der Eindämmung des IJsselmeeres in Verbindung mit dem Küstenschutz eingesetzt. Anfangs verwendete man Windpumpen, später auch dampf- oder motorbetriebene Pumpen.

Anders als bei der Ablagerungsmethode wird nicht gewartet, bis Sedimente den Boden erhöhen. Deshalb liegt das gewonnene Land durchgängig unter dem Meeresspiegel; eine solche tiefe Lage wird als Depression bezeichnet. Der wesentliche Nachteil ist, dass auch das Niederschlagswasser dauerhaft abgepumpt werden muss. Das Verfahren wurde teilweise auch an anderen Orten eingesetzt, etwa beim Bau des Speicherkooges in der Meldorfer Bucht, wenn die Erhöhung durch Sedimentablagerung noch nicht weit genug fortgeschritten war.

Aufschüttung von Baugrund

Land kann außerdem durch große Aufschüttungen aus Sand oder Steinen geschaffen werden. Das dient beispielsweise der Küstensicherung oder der Gewinnung von Baugrund. In Singapur wurden auf diese Weise 135 Quadratkilometer und in Tokio 249 Quadratkilometer Land aufgeschüttet und gesichert. Solche Flächen werden in Japan als Umetate chi bezeichnet.

In Deutschland wurden für den JadeWeserPort bei Wilhelmshaven 360 Hektar Land aufgespült. Auf den Malediven vergrößerte man die Flughafeninsel Hulhulé und die benachbarte Insel Hulhumalé durch Landgewinnung; dies geschah auch mit Blick auf den Anstieg der Meere. In Monaco entstand im Dezember 2024 durch Landgewinnung der neue Stadtteil Le Portier. Derartige Großvorhaben des Erdbaus sind erst seit einigen Jahren technisch möglich.

Nutzen, Naturschutz und Urbarmachung

Der Nutzen der Landgewinnung ist umstritten. Einerseits kann sie dem Küstenschutz dienen, wenn besiedelten Gebieten Köge vorgelagert werden. Andererseits zerstört sie wertvolle Ökosysteme wie Wattflächen und Salzwiesen.

In Deutschland wurde zuletzt 1923/24 mit dem privat finanzierten Neufelderkoog ein Koog aus rein kommerziellen Gründen angelegt. Neuere Projekte verbinden Landgewinnung stärker mit Naturschutz. Der von 1958 bis 1960 geschaffene Hauke-Haien-Koog umfasst bewusst große Vogelschutzgebiete. Die letzte große Eindeichung Deutschlands war der Beltringharder Koog mit Deichschluss 1987. Er besitzt eine Fläche von 3350 ha und bildet heute das größte Naturschutzgebiet des schleswig-holsteinischen Festlandes.

Neulandgewinnung kann außerdem die Urbarmachung zuvor landwirtschaftlich ungenutzter Wildnis zu Ackerland bedeuten. Beispiele sind die als zelina bezeichneten Neuland-Kampagnen der ehemaligen Sowjetunion. Sie fanden in den 1920er, 1930er und 1950er Jahren in den Schwarzerdgebieten Südsibiriens, Kasachstans, Usbekistans und Turkmenistans statt. Die großflächige Erschließung wurde meist mit Schutzwaldstreifen gegen Winderosion und teilweise mit großen Bewässerungssystemen verbunden. Sie verursachte jedoch auch massive ökologische Probleme, etwa am Aralsee.

Ähnliche Grundsätze wurden vom 18. bis zum 20. Jahrhundert bei der Erschließung von Land in der Ukraine, in Südrussland, im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten, in Argentinien sowie in Teilen Afrikas und Australiens angewandt.

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