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Land Grabbing

Land Grabbing. illegitime oder illegale Aneignung von Landflächen oft durch wirtschaftlich oder politisch durchsetzungsstarke Akteure. Artikel · Diskussion.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und zentrale Merkmale
  2. 2. Entwicklung und internationale Akteure
  3. 3. Ausmaß und Beispiele
  4. 4. Chancen, Risiken und Bewertung
  5. 5. Europa und weitere Folgen

Begriff und zentrale Merkmale

Land Grabbing bezeichnet die illegitime oder illegale Aneignung von Landflächen, insbesondere von Agrarflächen. Seit den 2020er Jahren betrifft dies verstärkt auch Flächen für Wind- und Solarparks. Meist setzen sich dabei wirtschaftlich oder politisch mächtige Akteure gegenüber schwächeren Gruppen durch. Für die eindeutig illegale Form wird auch der Begriff Landraub verwendet.

Beteiligt sein können inländische oder ausländische Akteure, Kleinbauern und Großgrundbesitzer, Unternehmen, Staatsbedienstete, Privatpersonen, Investoren oder Finanzfachleute. Im deutschen Sprachraum wird der Ausdruck besonders für Geschäfte verwendet, bei denen Regierungen oder Unternehmen große Ländereien in anderen Staaten erwerben, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern. Teilweise werden aber auch rechtlich zulässige Großkäufe, etwa in Ostdeutschland, als Land Grabbing kritisiert.

Die Käufer oder Pächter können unterschiedliche Ziele verfolgen: die Ernährung der eigenen Bevölkerung sichern, Nahrungsmittel oder andere Agrargüter für den Weltmarkt produzieren, nachwachsende Rohstoffe für Biokraftstoffe anbauen oder durch steigende Bodenpreise Gewinne erzielen. Letzteres wird als Bodenspekulation bezeichnet.

Entwicklung und internationale Akteure

Ein frühes historisches Beispiel ist die Aneignung von vielen Millionen Hektar Land im Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Bäuerliche Siedler, Spekulanten und industrielle Interessenten erwarben dort Land unter anderem auf Grundlage des Homestead Act von 1862. Seit etwa Anfang der 1930er Jahre wird untersucht, inwiefern dies als illegitime Landaneignung gelten kann.

Im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh wurde illegale Landaneignung Anfang der 1980er Jahre als schwerwiegendes Problem erkannt. Der Land Grabbing (Prohibition) Act von 1982 stellte sie unabhängig von Ort und Täter unter Strafe. Auch in Bangladesch kommt eine häufig gewaltsame Aneignung von Land vor, die meist von einflussreichen einheimischen Akteuren ausgeht.

In den vergangenen Jahrzehnten dienten Landkäufe in Entwicklungsländern zunächst überwiegend privaten Gewinninteressen. Im Mittelpunkt standen hochwertige landwirtschaftliche Exportprodukte, sogenannte Cash Crops, statt Grundnahrungsmittel für die örtliche Bevölkerung. Später kauften auch Staaten Land im Ausland, besonders seit der Nahrungsmittelpreiskrise 2007–2008. Ihre Ziele waren die eigene Ernährungssicherung oder die Erzeugung von Rohstoffen für Biokraftstoffe.

Wichtige Akteure sind Staaten mit wenig Land und Wasser, aber ausreichendem Kapital, darunter die Golfstaaten und bis zum Umsturz Libyen. Hinzu kommen bevölkerungsreiche Länder wie China, Südkorea und Indien. Investiert wird meist in Entwicklungsländern mit niedrigen Produktionskosten und vergleichsweise gut verfügbaren Land- und Wasserressourcen. Allerdings betreiben nicht nur ausländische Staaten und Großunternehmen Land Grabbing; auch einflussreiche inländische Akteure können beteiligt sein.

Ausmaß und Beispiele

Mehrere Großgeschäfte verdeutlichen die Größenordnung. Im Januar 2009 wurde bekannt, dass Katar 40.000 Hektar in Kenia erworben hatte. Medien berichteten im Januar 2010, China habe in der Demokratischen Republik Kongo 2,8 Millionen Hektar für die größte Ölpalmenplantage der Welt erworben. Äthiopien hatte bis Ende 2009 bereits 600.000 Hektar an ausländische Investoren verpachtet.

In Madagaskar verhandelte die Daewoo Logistics Corporation über den Kauf von 1,3 Millionen Hektar für den Anbau von Mais und Ölpalmen. Diese Verhandlungen sollen bei den politischen Konflikten, die 2009 zum Sturz der Regierung führten, eine Rolle gespielt haben.

Oxfam schätzt, dass ausländische Investoren seit 2001 in Entwicklungsländern mehr als 220 Millionen Hektar Land gekauft oder gepachtet haben. Nach Angaben der Welthungerhilfe bleibt erworbenes Land jedoch häufig unproduktiv. Gründe sind unter anderem seine isolierte Lage sowie schwierige ökologische, soziale, wirtschaftliche, politische oder bürokratische Bedingungen.

Chancen, Risiken und Bewertung

Die Bewertung großflächiger ausländischer Agrarinvestitionen ist umstritten. Der Agrarökonom Harald von Witzke hält Investitionen in armen Ländern grundsätzlich für sinnvoll, weil die landwirtschaftliche Produktivität steigen müsse und kaum neues Agrarland erschlossen werden könne. Ausländisches Kapital könne moderne Technik vermitteln und den Zugang zu neuen Märkten ermöglichen. Für Investoren bestehe allerdings das Risiko, dass Verträge wegen unsicherer Eigentumsrechte nach einem Machtwechsel ihre Gültigkeit verlieren.

Nach Olivier De Schutter, dem damaligen UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf angemessene Ernährung, können solche Investitionen zur Verwirklichung des Rechts auf Nahrung beitragen. Voraussetzung sind geeignete institutionelle Regeln, besonders die Information, Zustimmung und Beteiligung der lokalen Bevölkerung. Auch Bildung, Gesundheitsversorgung und Arbeitsmarkt könnten profitieren. Joachim von Braun vom International Food Policy Research Institute sieht ebenfalls die Möglichkeit, dringend benötigte Investitionen in Landwirtschaft und ländliche Entwicklung anzustoßen.

Dem stehen erhebliche Risiken gegenüber. Arme Bevölkerungsgruppen können ihren Zugang zu Land verlieren. Hans-Heinrich Bass weist darauf hin, dass staatlich verpachtete Flächen häufig kein ungenutztes Niemandsland sind, sondern zu traditionellen Landnutzungssystemen gehören. Für diese bestehen oft keine rechtlich einklagbaren Eigentumsrechte. Betroffene erhalten möglicherweise keine ausreichende Entschädigung, während weniger Fläche zur Deckung des örtlichen Bedarfs übrig bleibt. Auch die Wasserversorgung benachbarter Gebiete kann sich verschlechtern, wenn Großprojekte viel Wasser verbrauchen. Jacques Diouf, Generaldirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), stellte deshalb die Frage, ob solche Entwicklungen eine Form des Neokolonialismus darstellen.

Das GIGA German Institute of Global and Area Studies kommt aufgrund erster Forschungsergebnisse zu einer gemischten Beurteilung: Großinvestitionen können wichtige Mittel für die Landwirtschaft bereitstellen, aber zugleich die Landrechte der betroffenen Bevölkerung einschränken. Weder eine ausschließlich positive Bewertung noch eine grundsätzliche Ablehnung ist daher angemessen. Entscheidend sind die konkreten Rahmenbedingungen, etwa eine transparente Vergabe der Flächen.

Europa und weitere Folgen

Auch in Europa konzentriert sich landwirtschaftlicher Boden zunehmend bei wenigen Eigentümern. Nach einer Untersuchung der Menschenrechtsorganisation FIAN ist diese Entwicklung mit Vorgängen in Afrika, Asien und Lateinamerika vergleichbar. Besonders betroffen sind Rumänien, Ungarn und Bulgarien als neuere EU-Mitgliedstaaten sowie die Ukraine. Ähnliche Vorgänge gibt es in Deutschland, Italien und Spanien.

In wirtschaftlich schwächeren Ländern kaufen häufig ausländische Investoren große Gebiete. In wohlhabenderen Staaten treten eher einheimische Banken, Versicherungen und andere Kapitalgeber als Käufer auf. In Ostdeutschland gelangen Äcker und Wiesen laut der TAZ weiterhin in die Hände ortsfremder Großinvestoren. Für Rumänien wurde ein Zusammenhang zwischen der Konzentration landwirtschaftlicher Flächen und einer Verschlechterung des Lebensstandards der einheimischen Bevölkerung nachgewiesen. Begünstigt wird die Konzentration durch EU-Förderungen, deren Höhe von der bewirtschafteten Fläche abhängt.

In Deutschland besitzen Landwirte nur etwa ein Drittel der von ihnen genutzten landwirtschaftlichen Fläche. Bei Pachtflächen können sie mit landwirtschaftlicher Nutzung nicht die Pachtpreise erwirtschaften, die Betreiber von Solarparks zahlen. Dadurch verschärft der Flächenbedarf der Energieerzeugung den Wettbewerb um Land.

Als weitere mögliche Folge wird Waldverlust genannt, der zu den großen Problemen der Menschheit zählt. Nach Angaben der FAO wird er in betroffenen Regionen unter anderem durch Armut, Land Grabbing und starkes Bevölkerungswachstum verursacht.

Lernvideos zu Land Grabbing

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