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Ladino

In Nordafrika vollzog sich seit dem Kontakt mit der spanischen Kolonialmacht ab 1860 eine rasche Angleichung von Ladino an das iberische Spanisch. Die als …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Sprache der Sepharden
  2. 2. Entstehung in der Diaspora
  3. 3. Rückgang und heutige Lage
  4. 4. Sprachliche Merkmale
  5. 5. Dialekte, Schrift und Erhaltung

Sprache der Sepharden

Ladino, auch Djudeo-Espanyol oder Djudezmo genannt, ist eine romanische, genauer iberoromanische Sprache der sephardischen Juden. Sie beruht vor allem auf dem Kastilischen des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts, enthält aber auch Einflüsse aus Hebräisch, Aramäisch sowie aus Arabisch, Türkisch, Italienisch, Griechisch, slawischen Sprachen und Französisch. Die heutigen Angaben zur Sprecherzahl reichen von 25.000 bis höchstens 100.000.

Die Bezeichnung „Ladino“ ist nicht eindeutig. Ursprünglich meinte sie eine künstliche Schriftsprache für wortgetreue Interlinearübersetzungen hebräischer religiöser Texte in ein iberoromanisches Idiom. Diese Übersetzungen sollten den Wortlaut der hebräischen Vorlage möglichst genau abbilden und folgten deshalb teilweise dem hebräischen Satzbau statt der spanischen Grammatik. Ein Beispiel ist die 1553 von Abraham Usque gedruckte Bibel von Ferrara, die Gracia Nasi in Auftrag gegeben hatte. Die gesprochene Sprache der Sepharden ist damit ursprünglich nicht identisch; in der Sprachwissenschaft ist „Djudeo-Espanyol“ eine häufige Bezeichnung für diese Sprache.

Ladino ist nicht mit dem Ladinischen der Alpenregion zu verwechseln. Als Sprache ohne eigenes Staatsgebiet erkannte der Europarat Ladino 1998 als „langue minoritaire déterritorialisée“ an. Das Verhältnis von Ladino zu den Sepharden wird kulturgeschichtlich und soziolinguistisch mit dem Verhältnis von Jiddisch zu den Aschkenasim verglichen.

Entstehung in der Diaspora

Juden lebten vermutlich schon seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. auf der Iberischen Halbinsel; der älteste dokumentierte jüdische Grabstein stammt aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. Unter römischer Herrschaft wurden sie romanisiert und verwendeten die aus dem Latein entstandenen Volkssprachen. Vor 1492 ist nicht sicher belegt, ob sie bereits eigenständige jüdische Varianten von Kastilisch, Katalanisch oder anderen romanischen Sprachen sprachen. Wahrscheinlich unterschieden sich ihr Sprachgebrauch aber in einzelnen Bereichen, etwa durch hebräische und aramäische Wörter für religiöse, rechtliche oder kommunale Angelegenheiten.

Am 31. März 1492 erließen Isabella von Kastilien und Ferdinand II. von Aragón das Alhambra-Dekret. Juden in Kastilien-León und Aragón mussten sich innerhalb von vier Monaten taufen lassen oder auswandern. Die Zahl der Auswandernden wird auf 90.000 bis 400.000 geschätzt; etwa 40.000 flohen zunächst nach Portugal, die meisten ostwärts in das Osmanische Reich. Sultan Bayezid II. gewährte ihnen dort Asyl. Im östlichen Mittelmeerraum entwickelten sich die mitgebrachten iberoromanischen Varietäten, besonders das zahlenmäßig dominante Kastilische, zu einer eigenständigen jüdischen Volkssprache. Sie war von der weiteren Sprachentwicklung auf der Iberischen Halbinsel getrennt und bewahrte daher viele ältere Merkmale.

Das Millet-System des Osmanischen Reiches gewährte religiösen Gemeinschaften gegen Steuern Schutz, freie Religionsausübung und weitgehend selbstständige Organisation. Dies unterstützte die Bewahrung von Sprache und Kultur. In Konstantinopel und Saloniki setzten sich die Sepharden gegenüber anderen jüdischen Sprachgruppen durch. Im 16. Jahrhundert diente Ladino im östlichen Mittelmeerraum sogar als Handelssprache zwischen nichtjüdischen Gruppen. Im 19. und 20. Jahrhundert war es weiterhin Alltags-, Unterrichts-, Literatur- und Pressesprache und galt zeitweise als Nationalsprache der osmanischen Sepharden.

In Nordmarokko entwickelte sich die arabisch beeinflusste Varietät Haketía. Nach Italien geflüchtete Sepharden wechselten dagegen bald zum Italienischen. In Amsterdam, Bordeaux, London, Emden und Hamburg setzte sich kein Ladino durch: Dort verwendeten aus Iberien geflohene Conversos bereits modernes Spanisch oder Portugiesisch und gingen anschließend relativ rasch zu den jeweiligen Umgebungssprachen über. Das spanische Ausweisungsdekret wurde 1924 aufgehoben; in den heutigen jüdischen Gemeinden Spaniens spielt Ladino jedoch keine Rolle.

Rückgang und heutige Lage

Seit dem 19. Jahrhundert verlor Ladino im Mittelmeerraum an Bedeutung. Industrialisierung und der Niedergang jüdischen Handwerks veränderten die soziale Grundlage vieler Gemeinden. Die Tanzimat-Reformen nach dem Edikt von Gülhane 1839 stärkten den osmanischen Zentralstaat. Als Griechenland 1830, Serbien 1867 sowie Bulgarien, Sarajevo und Rumänien 1878 unabhängig wurden, wurden bisher zusammenhängende jüdische Gemeinden durch Staatsgrenzen getrennt. Allgemeine Schulpflicht in den jeweiligen Nationalsprachen förderte die sprachliche Anpassung.

In der Türkei gaben bei den Volkszählungen 1935 und 1955 fast 72 % der befragten Juden Ladino als Muttersprache an. 1965 waren es nur noch rund 32 %; weitere 18 % nannten Ladino als Zweitsprache. Der Sprachgebrauch verlagerte sich zunehmend in den privaten Bereich. Die deutsche Invasion im Zweiten Weltkrieg trug durch Verfolgung und Ermordung jüdischer Bevölkerung, besonders in Griechenland und Jugoslawien, erheblich zum Verlust bei. Saloniki hatte einst 56.000 jüdische Einwohner und die größte sephardische Gemeinde Europas; heute leben dort nur noch wenige Sepharden.

Auch die 1860 gegründete Alliance Israélite Universelle (AIU) beeinflusste die Entwicklung. Sie wollte die gesellschaftliche und wirtschaftliche Stellung jüdischer Menschen durch moderne Bildung verbessern. 1910 bestanden 116 AIU-Schulen im Osmanischen Reich und in Marokko. Da ein großer Teil des Unterrichts auf Französisch stattfand, wurde Französisch zur bevorzugten Sprache der Gebildeten, während Ladino an Ansehen verlor. Zwischen 1920 und 1930 wurden AIU-Schulen in der Türkei und Griechenland verstaatlicht; Türkisch und Griechisch wurden für die jüdische Jugend wichtig.

Die Sprecherzahlen sind umstritten. Eine Schätzung von 1966 nannte weltweit 360.000 Sprecher, davon 300.000 in Israel. Michael Studemund-Halévy schätzte 2012 dagegen nur noch rund 25.000 Sprecher weltweit; in Israel seien es etwa 20.000, fast ausschließlich ältere Menschen. Jacques Leclerc ging 2005 von etwa 110.000 Sprechern aus, darunter etwa 100.000 in Israel. In Israel ist Ladino weder Amts- noch Bildungssprache und wird nicht an Schulen gelehrt. Die Weitergabe an jüngere Generationen hat kaum stattgefunden, weshalb ein Sprachtod befürchtet wird.

Sprachliche Merkmale

Ladino und modernes Spanisch sind eng verwandt und meist gegenseitig gut verständlich. Syntax, Lautsystem, Formenlehre und Wortschatz beruhen überwiegend auf älterem Kastilisch. Unterschiede wurden etwa ab Beginn des 17. Jahrhunderts deutlich. Ladino wird nach der Schreibung von Aki Yerushalayim gewöhnlich ohne Akzente geschrieben.

Im Lautsystem bewahrt Ladino ältere spanische Merkmale. Wo modernes Spanisch j und g als Kehllaut [x] spricht, stehen im Ladino häufig [ʃ], [ʒ] oder [dʒ]: abasho entspricht spanisch abajo („unten“), deshar spanisch dejar („lassen“) und pasharo spanisch pájaro („Vogel“). Das anlautende f- in fierro gegenüber spanisch hierro („Eisen“) ist ebenfalls ein regional erhaltenes altspanisches Merkmal. Anders als im modernen Spanisch bleibt die Unterscheidung von /b/ und /v/ erhalten.

Es gibt außerdem eigene lautliche Neuerungen, etwa muevo statt spanisch nuevo („neu“), sivdad statt ciudad („Stadt“), yamar statt llamar („rufen“) und vedre statt verde („grün“). Die wichtigsten lateinischen Buchstaben nach Aki Yerushalayim umfassen unter anderem CH [tʃ], DJ [dʒ], J [ʒ], NY [ɲ], SH [ʃ] und Z [z].

Die Formenlehre stimmt größtenteils mit dem Standardspanischen überein. Abweichend sind beispielsweise andere grammatische Geschlechter: la azeta statt el aceite („Öl“) und la onor statt el honor („Ehre“). Häufig endet die Genusmarkierung auf -o oder -a statt auf -e, etwa la klasa statt la clase. Das Perfekt existiert nicht; die zusammengesetzte Vergangenheit, pasado kompozado, wird mit Tenor als Hilfsverb gebildet. Im Präteritum lautet die erste Person bei Verben auf -ar beispielsweise (f)avli und (f)avlimos zu (f)avlar.

Die Grundwortstellung ist wie im Spanischen SVO, also Subjekt–Verb–Objekt. Eine typische Neuerung sind balkanische Konstruktionen mit Konjunktiv statt Infinitiv: Ke ke aga? bedeutet „Was soll ich tun?“; kale ke aga bedeutet „ich muss tun“.

Der Wortschatz bewahrt viele ältere spanische Wörter und Bedeutungen, verwendet aber auch Entlehnungen. Ladino kennt beispielsweise nur nunka für „nie“, während Spanisch nunca und jamás hat. Bedeutungen können abweichen: boda heißt im Ladino „Feiertag“, im Spanischen „Hochzeit“; atravesar bedeutet im Ladino „sich übergeben“. Beispiele für hebräische Wörter sind ganéden („Paradies, Garten Eden“) und sedaká („Almosen, Wohltätigkeit“), für türkische djomerto („großzügig“), für französische banker („Bankier“) und für italienische lavoro („Arbeit“).

Dialekte, Schrift und Erhaltung

Es gibt orientalisches und westliches Judenspanisch. Das orientalische Judenspanisch des Balkans und der Türkei ist unter anderem von Türkisch und Griechisch beeinflusst. Es gliedert sich in eine südliche sowie eine nördliche Varietät; die nördliche umfasst eine nordwestliche Varietät im ehemaligen Jugoslawien und eine nordöstliche in Rumänien und Bulgarien außerhalb des Küstenstreifens. Saloniki mit seinem Hinterland bildet eine eigene Dialektzone.

Das westliche Judenspanisch, Haketía, wurde in Nordmarokko gesprochen und weist besonders im Wortschatz starke arabische Einflüsse auf; die grammatischen Strukturen wurden kaum vom Arabischen beeinflusst. Seit dem 19. Jahrhundert näherte sich Haketía wegen des spanischen Einflusses und der spanischen Kolonialverwaltung Nordmarokkos rasch dem Standardspanischen an. Seit den 1980er Jahren wird Haketía in Israel wieder stärker als eigenständiges Kulturgut wahrgenommen.

Ladino wurde ursprünglich mit hebräischen Buchstaben geschrieben, besonders in Raschi- und Quadratschrift. Später entstanden unterschiedliche lateinische Schreibweisen. Luzero de la Paciencia verwendete ab 1887 als erste ladinosprachige Zeitung lateinische Schrift; Şalom erscheint seit seiner Gründung 1947 in lateinischen Lettern. Bis heute gibt es keine vollständig verbindliche Orthografie: „Nacht“ wird beispielsweise noche, notche oder noçe geschrieben.

Zur Dokumentation und Belebung erscheinen unter anderem El Amaneser in Istanbul und Aki Yerushalayim online aus Jerusalem. Der israelische staatliche Hörfunk sendet wöchentlich eine Stunde in Ladino. Spezielle Studienprogramme bestehen an drei Universitäten in Israel; am INALCO in Paris gibt es Bachelor- und Masterstudiengänge zu jüdischspanischer Sprache und Literatur.

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