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La gazza ladra
La gazza ladra (Die diebische Elster) ist eine Opera semiseria (Originalbezeichnung: „Melodramma“) in zwei Akten von Gioachino Rossini auf ein Libretto von …
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Werk und Bedeutung
La gazza ladra (Die diebische Elster) ist eine italienischsprachige Opera semiseria in zwei Akten von Gioachino Rossini. Das Libretto schrieb Giovanni Gherardini nach dem französischen Schauspiel La pie voleuse, ou La servante de Palaiseau von Louis-Charles Caigniez und Jean-Marie-Théodore Baudouin d’Aubigny. Die Uraufführung fand am 31. Mai 1817 im Teatro alla Scala in Mailand statt. Die Spieldauer beträgt ungefähr drei Stunden.
Eine Opera semiseria verbindet ernste und heitere Elemente. La gazza ladra enthält außerdem Merkmale einer Rettungsoper: Die unschuldig zum Tode verurteilte Hauptfigur wird im letzten Augenblick gerettet. Im Mittelpunkt stehen Ninetta, das Dienstmädchen des reichen Pächters Fabrizio Vingradito, ihr Geliebter Giannetto und ihr verfolgter Vater Fernando. Die Handlung spielt Anfang des 19. Jahrhunderts zur Zeit der napoleonischen Gegenrevolution in einem großen Dorf nahe Paris.
Verdacht und Verhaftung
Fabrizio Vingradito und seine Frau Lucia bereiten die Heimkehr ihres Sohnes Giannetto vor, der als Kriegsheld zurückkehrt. Ninetta, die Giannetto liebt, freut sich zugleich auf ihren Vater Fernando. Im Hof steht der Käfig einer Elster, die Wörter und Namen nachahmt. Schon zu Beginn weist das Verhalten des Vogels auf seine spätere Bedeutung hin.
Nach Giannettos Ankunft erscheint Fernando heimlich. Er berichtet Ninetta, dass sein Rittmeister ihm den beantragten Urlaub verweigert habe. Im folgenden Streit habe Fernando den Degen gezogen, sei entwaffnet und zum Tode verurteilt worden. Mithilfe von Freunden konnte er fliehen und wird nun als Fahnenflüchtiger gesucht. Fernando gibt Ninetta Silberbesteck, das sie verkaufen soll, um Geld für seine weitere Flucht zu beschaffen.
Der Podestà Gottardo, also der Bürgermeister und örtliche Richter, begehrt Ninetta. Als sein Diener einen Steckbrief bringt, kann Gottardo ihn ohne Brille nicht lesen und lässt Ninetta vorlesen. Sie erkennt die Beschreibung ihres Vaters und verändert beim Lesen dessen Personalien. Deshalb hält Gottardo den anwesenden, als Wanderer ausgegebenen Fernando nicht für den Gesuchten. Nach einer abgewiesenen Annäherung schwört der Podestà Ninetta Rache. Unbemerkt stiehlt die Elster währenddessen einen Silberlöffel vom Tisch.
Ninetta verkauft das Besteck ihres Vaters an den Händler Isacco. Kurz darauf entdeckt Lucia, dass aus ihrem eigenen Besteckkorb ein Löffel fehlt. Der Podestà weist darauf hin, dass auf Hausdiebstahl die Todesstrafe steht. Als Ninetta vor Aufregung das von Isacco erhaltene Geld verliert, verstärkt dies den Verdacht. Isacco erklärt, er habe von ihr eine Gabel und einen Löffel mit den Initialen „F“ und „V“ gekauft. Diese Initialen passen sowohl zu Fernando Villabella als auch zu Fabrizio Vingradito. Da Isacco die Gegenstände bereits weiterverkauft hat, kann Ninetta ihre Herkunft nicht beweisen. Zusätzlich wird bekannt, dass der gesuchte Deserteur ihr Vater ist. Der Podestà nutzt die scheinbar eindeutigen Indizien zur Rache und lässt Ninetta festnehmen.
Urteil, Rettung und Begnadigung
Im Gefängnis fordert Giannetto Ninetta auf, ihre Unschuld zu beweisen und die ganze Wahrheit zu erzählen. Sie schweigt jedoch, weil eine Erklärung ihren Vater verraten würde. Der Podestà bietet ihr die Freiheit an, wenn sie sich von ihm küssen lässt. Ninetta weist ihn entschieden zurück. Anschließend bittet sie Pippo, ihr Schmuckkreuz zu verkaufen, das Geld für Fernando in einer alten Kastanie zu verstecken und Giannetto ihren Ring zu übergeben.
Als Fernando von der Verhaftung seiner Tochter erfährt, will er sie um jeden Preis retten. Das Gericht verurteilt Ninetta dennoch zum Tode. Fernando dringt in den Gerichtssaal ein, wird aber als Deserteur erkannt und ebenfalls festgenommen. Ninetta wird zur Hinrichtung geführt.
Nachdem Pippo das Geld in der Kastanie versteckt hat, stiehlt ihm die Elster ein Goldstück und fliegt damit auf den Kirchturm. Pippo verfolgt sie und entdeckt in ihrem Nest neben der Münze auch den vermissten Silberlöffel aus Fabrizios Haushalt. Er läutet die Kirchenglocken und wirft das Besteck hinunter, um Ninettas Unschuld zu beweisen. Die Anwesenden eilen zum Richtplatz. Eine aus der Ferne hörbare Flintensalve scheint zunächst die Vollstreckung des Urteils anzuzeigen, ist aber lediglich eine Freudensalve: Ninetta wurde rechtzeitig gerettet und durch ein Gerichtsurteil rehabilitiert. Auch Fernando wird aufgrund eines Erlasses des Monarchen begnadigt, „per un ordine firmato dal monarca“. Die Oper endet mit allgemeiner Freude; nur der Podestà leidet unter Gewissensbissen.
Musikalische Gestaltung
Die Musik ist besonders durch den Gegensatz zwischen militärischen Klängen und einem in Moll stehenden Hauptthema geprägt, das vor allem von den Streichern gespielt wird. Die Orchesterbesetzung umfasst zwei Flöten beziehungsweise Piccoloflöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte, vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen, Pauken, Große Trommel, Triangel, Becken, zwei Kleine Trommeln, Glocke, Streicher und Continuo.
Die Oper beginnt mit einer Sinfonia und gliedert sich anschließend in insgesamt 16 nummerierte Abschnitte mit Introduktion, Cavatinen, Arien, Duetten, Terzett, Quintett, Chören, Rezitativen und zwei großen Finali. Eine Cavatine ist hier ein solistisches Gesangsstück; Rezitative tragen die Handlung in einem sprachähnlichen Gesangsstil weiter. Die Cabaletta bezeichnet einen schnellen Schlussteil, die Stretta einen beschleunigten Schlussabschnitt.
Ninettas Cavatine „Di piacer mi balza il cor“ mit der schlichten Cabaletta „Tutto sorridere“ verdeutlicht ihren unschuldigen Charakter. Das Duett von Ninetta und Fernando „Come frenar il pianto“ gestaltet die enge Vater-Tochter-Beziehung. Das Terzett „Oh nume benefico“ zwischen Ninetta, Fernando und dem Podestà ist straff und dramatisch. Das Tutti, also das Ensemble aller Beteiligten, „Mi sento opprimere“ bildet einen spannungsvollen Abschluss des ersten Akts.
Im zweiten Akt gehören das Duett Ninetta/Giannetto „Forse un dì conoscerete“, das Duett Ninetta/Pippo „E ben, per mia memoria“, der kraftvolle Chor „Tremate, o popoli“ und Lucias Arie „A questo seno“ zu den hervorgehobenen Nummern. Im Finale „Infelice, sventurata“ ist besonders das Zusammenspiel von Chor und Orchester wichtig.
Das bekannteste Stück ist die eingängige Ouvertüre. Sie beginnt mit einem Trommelwirbel und erreicht ihren Höhepunkt durch ein für Rossini typisches Crescendo, also eine allmähliche Steigerung der Lautstärke. Ein Andantino im Duett zwischen Ninetta und Pippo verwendet musikalisches Material aus dieser Ouvertüre.
Entstehung und Aufführungsgeschichte
Gherardinis Libretto beruht auf dem 1815 veröffentlichten französischen Melodram La pie voleuse, ou La servante de Palaiseau. Es hatte einen Mailänder Librettowettbewerb unter dem Motto „Avviso ai giudici“ („Klage beim Richter“) gewonnen. Zunächst wollte Ferdinando Paër den Text vertonen, gab den Plan aber 1816 auf. Rossini übernahm den Stoff kurz nach La Cenerentola und arbeitete besonders sorgfältig an der Instrumentation, damit die Musik den großen Saal der Scala ausfüllen konnte. Bis auf wenige kurze Anklänge besteht die Oper aus Originalmusik. Gegenüber der französischen Vorlage erhielt sie ein glückliches Ende; außerdem wurde der tyrannische Schultheiß in einen buffonesken, also komisch gezeichneten Podestà verwandelt.
Die Uraufführung am 31. Mai 1817 war ein großer Erfolg und erreichte in derselben Spielzeit 27 Aufführungen. Das Werk verbreitete sich rasch: München folgte am 20. November 1817, Pesaro am 10. Juni 1818 und Wien mit der ersten deutschsprachigen Aufführung am 3. Mai 1819. Weitere Aufführungen fanden unter anderem in St. Petersburg, London, Paris, Warschau, Philadelphia und New York statt. Für eine Aufführung in Pesaro ergänzte Rossini die Cavatine Fernandos „Dunque invano i perigli e la morte“.
Bis in die späten 1850er Jahre blieb die Oper auf den Spielplänen, wurde jedoch häufig gekürzt und verändert. Danach geriet sie weitgehend in Vergessenheit. Einer Aufführung in Breslau 1937 folgte ab 1941 eine fast zwei Jahrzehnte lang gespielte gekürzte Bearbeitung von Riccardo Zandonai. Rekonstruktionsversuche der Originalfassung begannen 1966 an der Sadler’s Wells Opera in London. Alberto Zeddas kritische Ausgabe erschien 1979 und wurde 1980 beim Rossini Opera Festival in Pesaro aufgeführt. Seitdem wird La gazza ladra wieder häufiger gespielt. Zahlreiche Ton- und Videoaufnahmen dokumentieren sowohl stark gekürzte als auch rekonstruierte Fassungen; Noten, historische Libretti und die französische Vorlage sind zudem als Digitalisate zugänglich.