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Kulturkampf in Preußen und im Deutschen Reich
Der Kulturkampf in Preußen und im Deutschen Reich war der Konflikt zwischen Preußen bzw. später dem Deutschen Kaiserreich unter Reichskanzler Otto von …
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Überblick und Bedeutung
Der Kulturkampf in Preußen und im Deutschen Reich war ein Konflikt zwischen dem preußischen Staat beziehungsweise dem 1871 gegründeten Deutschen Kaiserreich unter Reichskanzler Otto von Bismarck und der katholischen Kirche unter Papst Pius IX. Er eskalierte nach der Reichsgründung, wurde ab 1878 schrittweise beendet und 1887 diplomatisch beigelegt.
Im Kern stritten Staat und Kirche um politische Autorität, Bildung, gesellschaftlichen Einfluss und die Grenzen kirchlicher Selbstständigkeit. Bismarck wollte die katholische Kirche und die organisierte katholische Minderheit schwächen. Besonders richtete sich seine Politik gegen die überwiegend katholischen Polen in den östlichen Gebieten Preußens, deren erzwungene Germanisierung sie beschleunigen sollte. Bismarck erklärte deshalb am 3. Dezember 1884 im Reichstag, er sei durch „die polnische Seite“ in den Kampf hineingezogen worden.
Die protestantischen Kirchen waren von den Maßnahmen nur wenig betroffen und begrüßten die gegen ihre katholischen Konkurrenten gerichteten Gesetze zunächst. Als Bismarcks Vorgehen immer härter wurde, sahen jedoch auch Protestanten und Liberale Freiheitsrechte bedroht und gingen auf Abstand.
Ursachen und Zuspitzung
Seit dem Mittelalter hatte die Kirche wichtige Aufgaben im Bildungswesen und in der Sozialfürsorge übernommen. Unter dem Einfluss von Absolutismus, Aufklärung und Säkularisation beanspruchte der moderne Staat diese Bereiche zunehmend für sich. Er verstand sich als von konfessionellen Bindungen unabhängig und wollte das öffentliche Leben ohne päpstliche Einflussnahme gestalten. Die katholische Kirche verlangte dagegen eine allgemeine Geltung christlicher Normen auch für Staat und Gesellschaft. Dieser Gegensatz verschärfte sich im 19. Jahrhundert durch Liberalismus und Sozialismus.
Der Konflikt war kein ausschließlich deutsches Phänomen. Ähnliche Auseinandersetzungen gab es unter anderem in der Schweiz, Italien, Österreich-Ungarn, Frankreich, Spanien, Mexiko und Brasilien. Eine wichtige Rolle spielte der Ultramontanismus, eine konservative katholische Strömung, die den Vorrang des Papstes und eine enge Verbindung von Staat und Kirche vertrat. Diese Richtung war auch innerhalb des Katholizismus umstritten. In Preußen hatten bereits die Kölner Wirren von 1837 und die Verhaftung des Kölner Erzbischofs Clemens August Droste zu Vischering Katholiken politisch mobilisiert.
Papst Pius IX. verschärfte den Gegensatz zur modernen Gesellschaft. Im Syllabus errorum von 1864 verurteilte er in einer Liste von 80 angeblichen Irrtümern unter anderem Rede- und Religionsfreiheit sowie die Trennung von Staat und Kirche. Das Erste Vatikanische Konzil von 1869 bis 1870 verkündete das Infallibilitätsdogma: Bei ex cathedra verkündeten Entscheidungen über Glaubens- und Sittenlehre galt der Papst als unfehlbar. Besonders Liberale betrachteten dies als Gefahr für Meinungs- und Gewissensfreiheit.
Nach der Besetzung des Kirchenstaates durch Italien 1870 verlor der Papst sein weltliches Herrschaftsgebiet. Gleichzeitig entstand 1871 unter preußischer Führung ein protestantisch geprägtes Deutsches Kaiserreich. Katholiken organisierten sich seit Ende 1870 in der Zentrumspartei, um kirchliche Rechte zu schützen. Bismarck betrachtete das Zentrum sowie Polen, Dänen und Bewohner Elsaß-Lothringens als Gefahren für staatliche Autorität und Reichseinheit. Seine Ziele waren unter anderem die Bekämpfung der ultramontanen Partei, besonders in Westpreußen, Posen und Oberschlesien, die Trennung von Kirche und Staat sowie von Kirche und Schule und die Übertragung der Schulaufsicht an Nichtgeistliche.
Gesetze und staatliche Eingriffe
Bismarck setzte Maßnahmen durch, die entweder im gesamten Deutschen Reich oder nur in Preußen galten.
Auf Reichsebene verbot der Kanzelparagraph vom Dezember 1871 Geistlichen, bei beruflichen Verlautbarungen den „öffentlichen Frieden“ zu gefährden. Das Jesuitengesetz vom Juli 1872 verbot den Jesuitenorden und mit ihm verbundene Orden; deren Mitglieder durften sich nicht einmal in Deutschland aufhalten. Im Februar 1875 wurde im ganzen Reich die Zivilehe eingeführt, also die rechtlich wirksame Eheschließung vor einer staatlichen Behörde.
In Preußen löste Bismarck am 8. Juli 1871 die Katholische Abteilung des Kultusministeriums auf. Das Schulaufsichtsgesetz vom März 1872 ersetzte die geistliche durch eine staatliche Schulaufsicht. Die Maigesetze von 1873 unterwarfen Ausbildung und Einstellung katholischer Geistlicher staatlicher Kontrolle; gewählte Gemeindevertretungen sollten außerdem das Kirchenvermögen verwalten.
Seit Januar 1874 war in Preußen nur noch die Eheschließung vor dem Standesamt gesetzlich gültig. Eine kirchliche Trauung durfte erst danach stattfinden. Das Brotkorbgesetz vom April 1875 entzog der Kirche staatliche Zuwendungen. Das Klostergesetz vom Juni 1875 löste die Klostergenossenschaften in Preußen auf, ausgenommen reine Krankenpflegeorden, und führte zur Ausweisung römisch-katholischer Ordensleute.
Nationalliberale und andere Liberale unterstützten diese Maßnahmen zunächst, weil sie sich als Vertreter von Aufklärung und Modernisierung verstanden. Sie hofften auf eine weitgehende Trennung von Staat und Kirche. Später erkannten sie jedoch, dass eine radikale Trennung auch die evangelische Kirche und ihr landesherrliches Kirchenregiment betroffen hätte. Zugleich empfanden sie die Strafmaßnahmen zunehmend als Gefahr für die Grundrechte. Bismarcks Bruch mit den Liberalen erfolgte 1878 beim Übergang zur Schutzzollpolitik und mit dem Sozialistengesetz.
Auswirkungen und Ende
Die staatlichen Eingriffe hatten schwere Folgen für die katholische Kirche. Bis zum Ende des Konflikts waren 1800 katholische Pfarrer inhaftiert und Kircheneigentum im Wert von 16 Millionen Goldmark beschlagnahmt worden, laut Artikel entsprechend einem Gegenwert von 147 Millionen Euro. Bischöfe wurden verurteilt, inhaftiert oder ins Exil gedrängt. Im Bistum Trier standen beim Tod des Bischofs Matthias Eberhard 250 Priester vor Gericht; 230 von 731 Pfarreien waren unbesetzt.
1872 brach das Deutsche Reich die diplomatischen Beziehungen zum Vatikan ab. Bismarck bekräftigte mit dem Satz „Nach Canossa gehen wir nicht!“, dass er nicht nachgeben werde. Am 13. Juli 1874 verübte der katholische Handwerker Eduard Kullmann ein Attentat auf Bismarck, bei dem dieser leicht verletzt wurde. Bismarck nutzte den Anschlag, um die Zentrumspartei weiter als staatsfeindlich darzustellen.
Politisch erreichte Bismarck seine Ziele jedoch nur teilweise. Der Katholizismus zerfiel nicht, und das Zentrum wurde nicht geschwächt: 1878 erreichte es wie die Nationalliberale Partei 23,1 Prozent; 1881 mit 23,2 Prozent und 1884 mit 22,6 Prozent stellte es die größte Reichstagsfraktion. Die Verfolgung stärkte somit den politischen Zusammenhalt vieler Katholiken. Zugleich wandten sich protestantische Konservative wegen Zivilehe und staatlicher Schulaufsicht sowie Liberale wegen der bedrohten Grundrechte gegen den Kulturkampf.
Nach dem Tod Pius’ IX. im Februar 1878 wurde Leo XIII. Papst. Bismarck war nun zu einem Ausgleich bereit, zumal er neue politische Mehrheiten, unter anderem für das Sozialistengesetz, suchte. In Verhandlungen mit der Kurie wurden die harten Bestimmungen schrittweise abgemildert. Im Sommer 1882 nahmen Preußen und der Vatikan ihre diplomatischen Beziehungen wieder auf. Die Friedensgesetze vom 21. Mai 1886 und 29. April 1887 legten den Konflikt bei. Leo XIII. erklärte am 23. Mai 1887 den „Kampf, welcher die Kirche schädigte und dem Staat nichts nützte“ öffentlich für beendet.
Gesellschaftliche und kulturelle Dimensionen
Der Kulturkampf war mehr als ein Streit zwischen Regierung und Kirchenleitung. Sozial standen sich häufig das bürgerlich-städtische, liberale Milieu und eine Koalition aus antiliberalen Adligen, Geistlichen und bäuerlicher Landbevölkerung gegenüber. Der Klerus trat als Fürsprecher der durch die Industrialisierung zunehmend benachteiligten Landbevölkerung auf. Um die Arbeiterschaft konkurrierten Ultramontane, Liberale und Sozialisten. Christlich-Soziale Arbeitervereine hatten allein im Ruhrgebiet Mitte der 1870er Jahre 30.000 Mitglieder. Sie besaßen gewerkschaftsähnliche Merkmale und lehnten Streiks nicht grundsätzlich ab, wurden aber durch Kulturkampf und Sozialistengesetz weitgehend bedeutungslos.
Politisch veränderten das 1867 im Norddeutschen Bund und 1871 im Deutschen Reich eingeführte allgemeine, gleiche Männerwahlrecht die Kräfteverhältnisse. Katholische Parteien erzielten rasch Erfolge. Liberale wollten deshalb den Einfluss des Klerus auf katholische Wähler begrenzen, bewirkten damit aber eine stärkere Mobilisierung katholischer Geistlicher und Laien.
Kulturell trafen nach dem Historiker David Blackbourn unterschiedliche Lebenswelten aufeinander. Ein Beispiel waren die Marienerscheinungen von Marpingen 1876/1877. Drei Mädchen behaupteten, Maria im Härtelwald gesehen zu haben, widerriefen ihre Aussagen später jedoch; auch die katholische Kirche erkannte die Erscheinungen nicht an. Trotzdem kamen Tausende Pilger, und es entstanden Berichte über weitere Erscheinungen und Heilungen. Die preußischen Behörden sperrten das Gelände und setzten Militär und Gerichte ein, um die Pilgerbewegung zu stoppen. Ähnliche Spannungen hatte bereits die Wallfahrt zum Heiligen Rock in Trier 1844 ausgelöst.
Langfristige Folgen und Bewertung
Der Kulturkampf förderte die Trennung von Kirche und Staat. Eine bis heute prägende rechtliche Ordnung des Verhältnisses beider Seiten entstand später mit der Weimarer Reichsverfassung. Dennoch blieben einzelne Kulturkampfgesetze lange bestehen: Das Jesuitengesetz wurde erst 1917 und der Kanzelparagraph erst 1953 in der Bundesrepublik aufgehoben. Das Schulaufsichtsgesetz blieb erhalten. Seit dem 1. Januar 2009 muss eine kirchliche Trauung nicht mehr zwingend nach einer standesamtlichen Eheschließung stattfinden.
Die gesellschaftlichen Folgen sind schwer genau zu bestimmen. Zentrumspolitiker blieben von wichtigen Machtpositionen weitgehend ausgeschlossen, und besonders bis 1918 konnten sich Katholiken als Bürger zweiter Klasse empfinden. Vergleichbare Konflikte zwischen Staat und Kirche gab es allerdings auch in anderen Ländern.
Umstritten ist die Rolle der Liberalen. Nach einer verbreiteten Deutung ließen sie sich von Bismarck gegen die katholische Kirche einsetzen. Der Historiker Armin Heinen widerspricht: Wichtige Maßnahmen seien auf süddeutsche katholische Liberale zurückgegangen. Nach seiner Bewertung drängten die Liberalen Bismarck zu einer von ihm nicht gewünschten Trennung von Staat und Kirche, während Bismarck sie mit Strafgesetzen überrumpelte, ohne alle Ziele durchzusetzen. Den eigentlichen Kulturkampf sieht Heinen vor allem als publizistische Auseinandersetzung, die bereits vor 1871 begonnen hatte.