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Kulturelle Aneignung
Kulturelle Aneignung (englisch cultural appropriation) bezeichnet die Übernahme von Ausdrucksformen oder Artefakten, Geschichte und Wissensformen von …
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Bedeutung und Einordnung
Kulturelle Aneignung (englisch cultural appropriation) ist die Übernahme von Ausdrucksformen, Artefakten, Geschichte oder Wissensformen einer anderen Kultur oder kulturellen Identität. Im wissenschaftlichen Austausch ist der Begriff zunächst neutral: Je nach Zusammenhang kann er Bereicherung, aber auch Ausbeutung bedeuten. Entscheidend für die Bewertung sind unter anderem Motivation und Machtverhältnisse: Geht es um Machtausübung, kommerzielle Interessen oder Diskriminierung, oder um eine unreflektierte, wohlmeinende oder anerkennende Übernahme?
Im engeren, meist kritischen Sinn bezeichnet der Begriff die Übernahme von Elementen einer Minderheitskultur durch Angehörige einer dominanteren Kultur, wenn dies ohne Genehmigung, Anerkennung oder Entschädigung geschieht und die Elemente in einen neuen Zusammenhang gestellt werden. Die ethische Frage wird besonders bei sozial, politisch, wirtschaftlich oder militärisch benachteiligten Minderheiten diskutiert. In der öffentlichen Debatte wird diese enge negative Bedeutung häufig als Vorwurf verwendet. Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass oft unklar oder umstritten ist, wie Angehörige der betroffenen Kultur selbst die Handlung bewerten, und dass ein starres Kulturverständnis kulturelle Anpassungsprozesse ausblenden kann.
Formen und mögliche Folgen
Richard A. Rogers unterscheidet vier Formen:
- Kultureller Austausch: Gegenseitiger Austausch von Symbolen, Artefakten, Ritualen, Genres oder Technologien zwischen Kulturen mit ungefähr gleicher Macht.
- Kulturelle Dominanz: Angehörige einer unterworfenen Kultur übernehmen Elemente der dominanten Kultur zur Assimilation oder Integration, aber auch als Widerstand.
- Kulturelle Ausnutzung: Eine dominante Kultur übernimmt Elemente einer untergeordneten Kultur ohne nennenswerte Gegenseitigkeit, Erlaubnis oder Kompensation.
- Transkulturation: Elemente wurden von verschiedenen Kulturen hervorgebracht und lassen sich keiner Ursprungskultur mehr eindeutig zuordnen. Das soll einer globalisierten, vielfach verflochtenen Welt Rechnung tragen.
Distelhorst nennt als Bereiche den Diebstahl kultureller Güter wie Raubkunst aus kolonialen Zusammenhängen, die ungefragte Repräsentation von Minderheiten sowie die Aneignung von Artefakten und Wissen in Mode und Lifestyle. Der Fokus auf kulturelle Ausnutzung soll Macht- und Diskriminierungsverhältnisse sichtbar machen. Kritisiert wird, dass Gegenstände materieller Kultur kommodifiziert, also zur Ware gemacht, oder instrumentalisiert werden. Dadurch könnten Kulturen verloren gehen oder verfälscht werden; externe Kommerzialisierung kann zudem die wirtschaftliche Betätigung innerhalb der betroffenen Ethnien beeinträchtigen.
In der Critical-Whiteness-Debatte stehen etwa Musik, Tanz, religiöse Symbole, Spiritualität und Zeremonien, aber auch Mode, Sprache und Sozialverhalten im Mittelpunkt.
Argumente in der Debatte
Kritik an als Aneignung wahrgenommenen Handlungen richtet sich vor allem gegen dominante Gruppen und kulturelle Outsider. Nach dieser Sicht werden Bestandteile kultureller Identität im Unterschied zum kulturellen Austausch zur Ware gemacht, trivialisiert und oft verzerrt wiedergegeben. Das kann Stereotype fördern. Kultureller Austausch beruhe dagegen auf Respekt, Wertschätzung und gegenseitigem Kennenlernen. Kritisiert wird auch, dass Gewinne aus vermarkteten Gütern von Minderheiten häufig nicht bei deren Urhebern ankommen und Billigvarianten traditionelle Künstler verdrängen können.
Ein Beispiel für Stereotypisierung sind Indianerkostüme, Federschmuck oder Kriegsbemalung im Karneval: Sie können den Eindruck einer einheitlichen indianischen Kultur erwecken, obwohl es mehrere Tausend Stämme mit jeweils eigener Kultur und Tradition gibt. Auch Museumsobjekte können problematisch sein, wenn sie aus ihrem Zusammenhang gelöst und vor allem nach ihrem ästhetischen Erscheinungsbild beurteilt werden.
Kritiker des Konzepts halten Aneignung dagegen für unvermeidlich, weil Kulturen sich ständig beeinflussen. Sie könne aus Bewunderung entstehen, Vielfalt fördern und Wertschätzung ausdrücken. Als Beispiele für lange kulturelle Transfers nennt der Artikel die Seidenstraße sowie Sofas und Apfelstrudel, deren Ursprünge in asiatischen Kulturen liegen. Susanne Schröter bezeichnet die Menschheitsgeschichte als Geschichte kultureller Aneignungen und sieht darin eine wichtige Kulturtechnik für friedliches Zusammenwachsen.
Weitere Einwände richten sich gegen eine Re-Essenzialisierung: Kultur werde dann als fest, einheitlich und nur einer Gruppe zugehörig gedacht. Jens Kastner und Lea Susemichel fordern etwa, zwischen einer möglicherweise solidarischen, nicht gewinnorientierten Geste wie dem Irokesenschnitt eines Punkers und Millionengewinnen eines Unternehmens wie Chanel zu unterscheiden. Samuel Salzborn kritisiert die Vorstellung „authentischer“ und kollektiv fixierter Kulturmerkmale; Kwame Anthony Appiah meint, das gemeinte Unrecht lasse sich treffender als Missachtung oder Ausbeutung beschreiben. Floris Biskamp entgegnet, Kritik an Aneignung müsse keine homogenen Kulturen voraussetzen, sondern könne auf unscharfe Unterschiede, kontextabhängige Machtverhältnisse, Hegemonie und Dominanz schauen.
Typische Beispiele und betroffene Gruppen
Als mögliche Beispiele gelten Schmuck oder Mode mit religiösen Symbolen ohne Verständnis oder Glaubensbezug, etwa Warbonnet, Medizinrad, Kreuz, Mehndi oder Bindi. Kritisiert wurden auch Batik, die Kufiya und Symbole nicht-europäischer Kulturen in der Hippie-Bewegung. Bei Karneval oder Halloween werden Kostüme beanstandet, wenn sie auf ethnischen Stereotypen beruhen, beispielsweise „Vato Loco“, „Pocahottie“ oder „Indian Warrior“.
In Deutschland löste 2022 die Ausladung der Musikerin Ronja Maltzahn durch Fridays for Future Hannover wegen ihrer Dreadlocks Debatten aus. Ebenfalls 2022 nahm der Ravensburger Verlag zwei Winnetou-Kinder- und Jugendbücher nach negativen Rückmeldungen in sozialen Medien aus dem Programm. In der Schweiz wurde 2022 ein Konzert der Band Lauwarm in Bern abgebrochen; Zuschauer begründeten ihre Beschwerde mit Rastas, afrikanischer Kleidung und Reggae. Ein weiteres Konzert des Musikers Mario Parizek in Zürich wurde wegen seiner Dreadlocks abgesagt.
Bei amerikanischen Ureinwohnern wird besonders die Verwendung indigener Symbole als Sportmaskottchen an US-Universitäten kritisiert. Die NCAA erließ 2005 eine Richtlinie, die zu Änderungen von Namen und Maskottchen führte; laut NCAI wurden in den vergangenen 50 Jahren zwei Drittel solcher Namen und Maskottchen abgeschafft. Einige Ethnien stimmen einzelnen Nutzungen jedoch zu, etwa die Seminolen der Verwendung von Häuptling Osceola und Appaloosa Renegade durch die Footballmannschaft der FSU.
Für afroamerikanische Subkultur steht der Ausdruck Wigger für Weiße, die etwa afroamerikanisches Englisch oder Straßenmode imitieren. Das Phänomen wurde über Jazz, Swing, Hipster, Beatnik, Blue-Eyed Soul und Hip-Hop beschrieben; afroamerikanische Kultur wird heute weltweit verbreitet und vermarktet. In Australien wird über eine „authentische Marke“ für indigene Kunst diskutiert. Anlass ist auch unzureichender Schutz traditioneller Kunststile: Das Urheberrecht bezieht sich vor allem auf einzelne Künstler, nicht auf geistiges Eigentum einer Kultur. 2017 wurde Chanel kritisiert, weil das Unternehmen einen Bumerang für 1.260 € anbot.
Aneignung als Widerstand und Integration
Kulturelle Aneignung kann auch als stiller Protest Unterdrückter gegen eine Übermacht verstanden werden. Bei selektiver Aneignung werden aufgezwungene Regeln oder Kleidung übernommen, aber durch kleine Veränderungen eigenständig umgedeutet. Jean und John Comaroff beschreiben dies für Südafrika: Die lokale Bevölkerung akzeptierte Normen europäischer Besetzer, grenzte sich durch Veränderungen des Kleidungsstils aber von Missionaren ab. Innerhalb der Gemeinschaft galten diese kaum sichtbaren Änderungen als Protest. Die Umdeutung trug zu einer angepassten Neuinterpretation des Christentums bei.
Mimesis bedeutet hier die Nachahmung hegemonialer, also vorherrschender, Muster, um sie lächerlich zu machen und zu entwerten. Im Kurzfilm von Jean Rouch ahmen Hauka-Rituale in der ehemaligen Kolonie Ghana europäische Neuankömmlinge satirisch nach. Solche Rituale wurden während der Kolonialzeit teilweise verboten. George Lipsitz sieht im gezielten Gebrauch anderer Kulturformen eine Strategie der Selbstdefinition von Mehrheiten und Minderheiten. Die Mehrheitskultur soll dabei die soziohistorischen Bedingungen und ungleichen Machtverhältnisse beachten. Als Beispiel gelten Mods im Vereinigten Königreich der späten 1950er und frühen 1960er Jahre: Jugendliche aus der Arbeiterklasse imitierten und überspitzten den Kleidungsstil der gehobenen Mittelschicht und verwendeten den Union Jack sowie die Kokarde der Royal Air Force.
Bei Integration geht es nach Detlef Garz um die Überwindung von Fremdheit: Menschen, die migrieren, entscheiden, ob und wie stark sie sich eine neue Kultur zu eigen machen. Evelin Dürr beschreibt Elena aus Argentinien, die ihrer Herkunft treu bleibt, und Juan aus Chile, der sich als Pākehā bezeichnete und sich stark in Neuseeland integrierte. Seine spanische Übersetzung des Vertrags von Waitangi sollte Neuankömmlinge mit Māori und der Tradition von Einheit und Gleichheit vertraut machen, wurde von Māori jedoch als unbefugte Einmischung in kulturelle und politische Angelegenheiten wahrgenommen. Historisch schlossen sich auch europäische „Zivilisationsflüchtlinge“ indigenen Gemeinschaften an; Austauschprogramme nach der Gründung Québecs 1608 machten bikulturelle Menschen zu Übersetzern und Bindegliedern zwischen Kulturen. A. Irving Hallowell nennt dies „Transkulturalisation“.