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Kritische Geographie
Als Kritische Geographie werden zusammenfassend Strömungen innerhalb der Geographie bezeichnet, die sich kritisch mit dem Zusammenhang von …
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Gegenstand und Grundidee
Kritische Geographie bezeichnet verschiedene Strömungen innerhalb der Geographie, die den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen und dem geographischen Raum untersuchen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Gesellschaften Räume hervorbringen und wie räumliche Strukturen wiederum gesellschaftliche Verhältnisse prägen. Die Kritische Geographie entstand als Gegenposition zum Geodeterminismus und zur Raumwissenschaft beziehungsweise zum „spatial approach“, die zuvor als zentrale Paradigmen der Geographie galten.
„Kritik“ wird grundsätzlich im Sinne der Kritischen Theorie als Gesellschaftskritik verstanden. Sie dient damit auch als Grundlage für Werturteile. Direkte Bezüge auf Vertreter der Frankfurter Schule sind allerdings selten. Der Begriff Critical geography wurde etwa Mitte der 1980er Jahre von politisch engagierten, tendenziell links-emanzipatorischen Geographen im angloamerikanischen Raum, vor allem in der Humangeographie, als Selbstbezeichnung verwendet.
Die Beziehung zwischen Critical geography und der älteren radical geography ist umstritten. Am weitesten verbreitet ist die Auffassung, dass die Kritische Geographie die durch die radical geography begründeten Ansätze fortführte und um postmodernistische sowie poststrukturalistische Einflüsse erweiterte. Der Ausdruck radical geography wird im deutschen Sprachraum meist im Original verwendet, weil „radikal“ stärker mit der Fremdzuschreibung des Radikalismus als mit der Selbstzuschreibung der Radikalität verbunden ist. Er kann außerdem bewusst als Gegenposition zu einer sich als Mainstream verstehenden Critical Geography eingesetzt werden.
Entwicklung seit dem 20. Jahrhundert
Bis weit ins 20. Jahrhundert war die traditionelle Geographie stark vom Geodeterminismus geprägt. Darunter versteht man die Vorstellung, dass die natürliche Umwelt die Kultur einer menschlichen Gesellschaft bestimmt. Die als Länder- und Landschaftskunde verstandene Geographie berücksichtigte die kapitalistische Inwertsetzung natürlicher Ressourcen durch industrielle Produktion und die damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen nur wenig. Sozialtheorie wurde häufig vor allem dazu genutzt, nationale Herrschafts- und Expansionsansprüche im Sinne der Geopolitik als quasi-natürlich zu begründen. Kritische Gegenstimmen gab es nur vereinzelt, etwa Karl August Wittfogel 1929 sowie einige japanische Geographen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, besonders ab Ende der 1950er Jahre, deuteten Vertreter der „quantitativen Revolution“ die Bedeutung des Fachs neu. Mit mathematischen Methoden untersuchten sie den geographischen Raum als Erklärungsfaktor für gesellschaftspolitische Probleme. Eine stärkere sozialtheoretische Grundlage entstand zunächst jedoch nicht.
Die gesellschaftlichen Umwälzungen in vielen westlichen Ländern ab Ende der 1960er Jahre lenkten das Interesse auf die sozialen, insbesondere ökonomischen, Ursachen räumlicher Unterschiede. David Harvey brach vollständig mit der kurz zuvor entstandenen quantitativen Orientierung. William Bunge und James Morris Blaut verbanden dagegen neue sozialtheoretische Ansätze mit kartographischen Darstellungen. Die 1969 gegründete Zeitschrift Antipode wurde unter ihrem Herausgeber Richard Peet zum Sprachrohr der Radical Geography.
Auch in anderen Ländern entstand eine vorwiegend marxistisch orientierte Kritik an der bisherigen Geographie, besonders im Mittelmeerraum und in Lateinamerika. Genannt werden Milton Santos, Lucio Gambi und Yves Lacoste, der unter anderem die Verbindungen der Geographie zu militärischen Operationen untersuchte. In Ländern des Ostblocks, etwa in der Sowjetunion und der DDR, entwickelte sich vor allem eine wirtschaftsgeographische Interpretation des Marxismus.
In den 1980er Jahren entstand aus mehreren emanzipatorischen Strömungen eine breiter aufgestellte Kritische Geographie. Dazu gehörten die Welfare Geography und die Humanistic Geography, die sich stärker mit der Verteilung kapitalistischer Güter und der Lebenssituation benachteiligter Gruppen befassten. Auch die Feministische Geographie entwickelte sich in dieser Zeit. Kulturelle Faktoren wie Rassismus, die von der Radical Geography zeitweise vernachlässigt worden waren, wurden ebenfalls wichtiger. Der sozialtheoretische Kern blieb jedoch der Marxismus und seine Weiterentwicklungen.
Als Reaktion auf neoliberale Wirtschaftspolitik wie Thatcherismus und Reaganomics entstand eine zweite Generation marxistisch orientierter Geographen um Neil Smith, Erik Swyngedouw sowie später Don Mitchell und Jamie Peck. Sie vertiefte besonders die Frage, wie politische Macht bestimmte Maßstabsebenen, sogenannte scales, in einem Gebiet erst hervorbringt, und welche Rolle Arbeitnehmer für ungleiche räumliche Entwicklungen spielen. 1997 wurde die International Critical Geography Group gegründet, um den internationalen Austausch in der weitgehend anglophon geprägten Kritischen Geographie zu fördern.
Verbreitung im deutschsprachigen Raum
Im angloamerikanischen Raum bildet die Kritische Geographie den akademischen Mainstream und besitzt teilweise einen quasi-hegemonialen Status. Auch in Frankreich und Spanien hat sie Bedeutung erlangt. In der physischen Geographie und im deutschsprachigen Raum blieb sie dagegen weitgehend eine Randerscheinung.
Im deutschsprachigen Raum beschränkte sie sich lange auf einzelne Werke und studentische Initiativen. Eine politisch „engagierte Geographie“ wurde vor allem als Forschung verstanden, die sich an den Aufgaben von Raumordnung und Raumplanung orientiert. Der ursprünglich neomarxistische Ansatz der Regulationstheorie wurde dabei weitgehend von seinen politischen Bedeutungen gelöst.
Seit den 2000er Jahren ist jedoch eine stärkere Hinwendung zu kritischen Fragestellungen festzustellen. Als Vertreter werden Bernd Belina, Georg Glasze, Michael Janoschka und Christian Zeller genannt. Die kurzen Lebenszeiten westdeutscher kritischer Zeitschriften der 1970er Jahre und ihre studentischen Herausgeber zeigen zugleich, dass kritische Ansätze im damaligen akademischen Lehrkörper nur wenig Unterstützung fanden. Erst in den 1980er Jahren, mit dem Ende der traditionellen Ordinarienuniversität und einem Generationswechsel, kam es zu vorsichtigen Öffnungen.
Zentrale Themenfelder
Die Kritische Geographie versteht geographischen Raum als abhängig von den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen. Ihr sozialtheoretisch fundierter, das heißt ideologiefreier Forschungsansatz untersucht daher die gesellschaftliche Produktion von Raum im Sinne des Soziologen Henri Lefebvre. Diese Produktion führt nach Neil Smith zu räumlich ungleichen Entwicklungen.
Untersucht werden Räume auf allen Maßstabsebenen. Dazu zählen Staaten, etwa in der Kritischen Geopolitik, ebenso wie Regionen und Städte. Auch Ebenen, die häufig als naturgegeben gelten, gehören zu den Forschungsgegenständen, darunter Landschaften und der menschliche Körper. Im deutschsprachigen Raum entwickelte sich außerdem in Anlehnung an die Kritische Kriminologie eine kritische Kriminalgeographie.
Die Politische Ökologie wurde in wesentlichem Maß von Vertretern der Kritischen Geographie mitbegründet. Sie untersucht, wie der Naturraum im Rahmen kapitalistischer Produktion wirtschaftlich in Wert gesetzt wird. Eine ausdrücklich kritische physische Geographie besteht bislang noch nicht beziehungsweise befindet sich erst im Entstehen.
Publikationen und Einwände
Mit der Kritischen Geographie entstanden mehrere Zeitschriften. In Frankreich erscheinen Hérodote seit 1976 ununterbrochen dreimonatlich, gegründet von Yves Lacoste, und Espaces et Sociétés seit 1970 ununterbrochen dreimonatlich, gegründet von Henri Lefebvre. In Spanien erschien Geo Crítica von 1976 bis 1994 ununterbrochen zweimonatlich und wird danach als Portal fortgeführt; Gründer war Horacio Capel. Scripta Nova erscheint seit 1996 ununterbrochen dreimonatlich und wird vom Departament de Geografia der Universitat de Barcelona herausgegeben. In den USA erscheint Antipode seit 1969 ununterbrochen fünfmal jährlich; Gründer war Richard Peet.
In Westdeutschland erschienen Roter Globus von 1971 bis 1973 mit insgesamt sechs Ausgaben einschließlich Sonderausgaben, Geografiker von 1968 bis 1972 mit insgesamt acht Ausgaben sowie Geographie in Ausbildung und Planung von 1974 bis 1976 mit insgesamt sechs Ausgaben. Diese Zeitschriften wurden von Studenten der Universität Marburg, West-Berliner Studenten beziehungsweise Studenten der Universität Bochum herausgegeben. Im Unterschied zu anderen Ländern, in denen unzufriedene Professoren kritische Zeitschriften gründeten, waren die westdeutschen Herausgeber ausschließlich Studenten. Dies wird als Hinweis auf die Abgeschlossenheit des damaligen akademischen Lehrkörpers gegenüber kritischen Denkansätzen gedeutet.
An der Kritischen Geographie wird im angloamerikanischen Kontext kritisiert, dass ihre weite Definition offenlässt, was der Begriff überhaupt umfasst und was nicht. Im deutschsprachigen Kontext stellt sich umgekehrt die Frage, ob die Geographie grundsätzlich geeignet ist, politisch-ökonomische Fragestellungen zu bearbeiten. Ein weiterer Einwand lautet, dass die ursprünglich formulierten gesellschaftspolitischen Ziele nicht erreicht wurden: Trotz der akademischen Etablierung blieben marginalisierte gesellschaftliche Gruppen weiterhin ausgeschlossen.