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Kritik am Marxismus

Die Kritiker kommen sowohl von außen als auch aus den Reihen des Marxismus selbst – dann als eine Form der Selbstkritik und Weiterentwicklung des Marxismus.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kern und Bedeutung der Kritik
  2. 2. Innere Streitpunkte
  3. 3. Nichtmarxistische Kritik
  4. 4. Ökonomische Einwände
  5. 5. Antworten marxistischer Richtungen

Kern und Bedeutung der Kritik

Kritik am Marxismus ist die kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaftstheorie, die sich auf Karl Marx (1818–1883) und Friedrich Engels (1820–1895) beruft. Sie entstand bereits mit den ersten marxistischen Schriften und richtet sich gegen fast alle Teilbereiche der Theorie. Kritiker kommen sowohl von außerhalb des Marxismus als auch aus marxistischen Strömungen selbst; innermarxistische Kritik versteht sich oft als Selbstkritik und Weiterentwicklung.

Ein Grund für viele Kontroversen ist, dass Marx’ spätere Werke unvollständig blieben und Marx seine Theorie bei begründeter Kritik auch veränderte. In einem Brief an Wera Sassulitsch (1881) bezog er sich zum Beispiel auf Russland, das damals als rückständiges Agrarland galt. Die russische Dorfkommune mit Gemeinbesitz betrachtete er unter Vorbehalt als möglichen „Stützpunkt der sozialen Wiedergeburt Rußlands“. Grundsätzlich hielt Marx aber daran fest, dass normalerweise das Proletariat, also die Klasse der lohnabhängigen Arbeiter, Wegbereiter einer Revolution sein solle.

Auch Marx’ Aussagen zum Staat gelten als nicht immer eindeutig. Nach den Erfahrungen der Pariser Kommune (1871) meinte er, das Proletariat solle die politische Macht erobern und dafür politische Parteien bilden. Zugleich schrieb er, „die Arbeiterklasse“ könne „nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen“. Lenin deutete dies später so, dass die Arbeiterklasse die bestehende Staatsmaschine zerschlagen müsse. Marx selbst machte jedoch keine konkreten Angaben zur politischen Ordnung eines kommunistischen Staates.

Im 20. Jahrhundert verschärfte sich die Kritik durch Staaten, die sich auf Marx beriefen. Besonders angegriffen wurden inhumane Politik und ökonomische Ineffizienz im „Realsozialismus“. Vollständige Ablehnung marxistischer Theorien findet sich vor allem bei Anhängern anderer Weltanschauungen, Wissenschaften oder Philosophien.

Innere Streitpunkte

Innerhalb des Marxismus gibt es viele Richtungen, die sich teilweise stark widersprechen. Fast alle Elemente der marxschen Theorie werden kontrovers diskutiert. Besonders umstritten sind die Rolle der Arbeiterklasse und ihr Verhältnis zu anderen sozialen Bewegungen, die Definition und Organisation von „sozialistischer Demokratie“, die Voraussetzungen einer sozialistischen Umgestaltung, Fragen der Wertschöpfung sowie das Verhältnis von Basis und Überbau. „Basis“ meint dabei die ökonomischen Verhältnisse einer Gesellschaft, „Überbau“ politische, rechtliche und kulturelle Formen.

Ernest Mandel veränderte im Anschluss an Leo Trotzki das von Marx formulierte Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate. Er verband es mit einer marxistischen Theorie der langen Wellen und betonte, dass Gegenkräfte über längere Zeit stärker sein können als der Fall der Profitrate.

Neomarxisten lehnen besonders die Dogmatisierung des Marxismus als „Proletarische Weltanschauung“ ab, wie sie in Staatsdoktrinen des realen Sozialismus auftrat. Eurokommunisten und Reformisten verwerfen Klassenkämpfe als Mittel zur Herbeiführung des Sozialismus und suchen demokratische Wege zur Überwindung von Klassengegensätzen. Einige Postmarxisten stellen mit der Wertkritik Marx’ Klassentheorie und Geschichtsphilosophie infrage.

Von Marx beeinflusste Denker kritisieren außerdem, er habe beim Gebrauchswert einer Ware dessen Bedeutung für den Übergang zum Kommunismus überschätzt und Kultur sowie Natur kaum in seine ökonomischen Theorien einbezogen. Umstritten sind auch die Voraussetzungen für den Übergang von einer sozialistischen zu einer kommunistischen Gesellschaft. Marx selbst merkte an, dass dieser Übergang erst nach einer weltweiten Revolution gelingen könne.

Nichtmarxistische Kritik

Nichtmarxistische Kritiker lehnen die marxschen Theorien meist grundsätzlich ab und greifen zugleich einzelne Punkte auf, die auch innerhalb des Marxismus kritisiert werden. Der Artikel weist darauf hin, dass dieser Abschnitt in der Wikipedia-Fassung nicht ausreichend belegt ist.

Karl Raimund Popper kritisierte in Die offene Gesellschaft und ihre Feinde die hegelsche Dialektik, auf der historischer und dialektischer Materialismus aufbauen. Er sah Marx’ Denken als Weg in eine „geschlossene Gesellschaft“. Damit meinte er eine Gesellschaft, die von Eliten geplant werde, die glaubten, wissenschaftlich die „objektiven Interessen“ der Menschen zu kennen, auch wenn diese von den subjektiv empfundenen Interessen abwichen. Eine solche geschlossene Gesellschaft sei nach Popper diktatorisch und totalitär.

In Das Elend des Historizismus kritisierte Popper 1957 am historischen Materialismus die Annahme, Geschichte verlaufe zielgerichtet, bestimmte geschichtliche Muster würden notwendig aus früheren Mustern folgen, und eine angeblich „objektive“ Erkenntnis dieser Muster erlaube Prognosen und politische Vorgaben. Den „wissenschaftlichen Sozialismus“ hielt Popper nicht für wissenschaftlich, weil er nicht falsifizierbar sei. Falsifizierbarkeit bedeutet, dass eine Theorie angeben muss, unter welchen Bedingungen sie als widerlegt gelten würde. Popper kritisierte, marxistische Ideologiekritik könne Zweifel als bloße Ideologieproduktion im Interesse der herrschenden Klasse abwerten und sich dadurch gegen Widerlegung abschirmen. In dieser Sicht erscheint Marxismus als Pseudowissenschaft. Über solche Fragen wurde in den sechziger Jahren der Positivismusstreit geführt.

Weitere Kritik richtet sich gegen ein zu enges Verhältnis von Basis und Überbau, etwa in der Stamokap-Theorie oder in vulgärmarxistischen Kartelltheorien. Dort würden Staat und Institutionen als direkte Befehlsempfänger der Industriellen und als „Agenten des Monopolkapitalismus“ dargestellt. Gerd Koenen und Daniel Pipes bezeichnen den Marxismus-Leninismus deshalb als Verschwörungstheorie.

Ein weiterer Vorwurf lautet, der Weg zum Kommunismus über einen mächtigen Parteiapparat, also die Diktatur des Proletariats, könne dazu führen, dass Führer keine Reformen im Interesse des Proletariats einleiten, sondern ihre Macht verteidigen. Forscher wie die Herausgeber des umstrittenen Schwarzbuchs des Kommunismus nehmen an, Massenmorde von Diktatoren wie Stalin, Mao oder Pol Pot seien nicht bloße Abirrungen, sondern in der Lehre selbst angelegt. Einige Kritiker sehen sich durch das Scheitern des real existierenden Sozialismus beziehungsweise des autoritären Kommunismus bestätigt.

Ökonomische Einwände

In den westlichen Wirtschaftswissenschaften setzte sich seit dem Ausklingen des 19. Jahrhunderts die neoklassische Theorie durch. Sie brach mit der klassischen Nationalökonomie, auf der Marx’ Analyse beruhte, und erklärte Wertbildung mithilfe des Marginalprinzips. Dieses Prinzip betrachtet den zusätzlichen Nutzen oder die zusätzliche Wirkung einer weiteren Einheit und wurde für die moderne Volkswirtschaftslehre wichtig.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert M. Solow bezeichnete 1988 die marxistische Wirtschaftsanalyse als heute „irrelevante Sackgasse“. Zu den liberalen Kritikern gehörten Milton Friedman aus der Chicagoer Schule sowie Friedrich Hayek und Ludwig von Mises aus der Österreichischen Schule. Auch John Maynard Keynes übte Kritik; seine Theorien haben weiterhin bedeutenden Einfluss auf die Wirtschaftspolitik der Industrieländer. Thomas Piketty kritisierte, dass Marx die Steigerung der Produktivität außer Acht gelassen habe.

Antworten marxistischer Richtungen

Die Kritik am Marxismus blieb nicht unwidersprochen. Gegenkritiker betonen, dass Marx und Engels ihre theoretischen Annahmen im Lauf ihrer Arbeit weiterentwickelten. Deshalb müsse man beachten, aus welcher Periode eine Aussage stammt, besonders wegen der Unterschiede zwischen Frühwerk und Spätwerk von Karl Marx. Der Artikel nennt als Beispiel, Marx habe den Historischen Materialismus über den Dialektischen Materialismus fortentwickelt. Auch dieser Abschnitt ist in der Wikipedia-Fassung als nicht ausreichend belegt markiert.

Neomarxistische Ansätze wenden sich gegen eine teleologische und deterministische Deutung des Marxismus. „Teleologisch“ bedeutet, dass Geschichte auf ein festes Ziel zulaufe; „deterministisch“ bedeutet, dass Entwicklungen fest vorherbestimmt seien. Nach neomarxistischer Sicht ist gesellschaftliche Entwicklung weder ein festgeschriebener Prozess zu einem bestimmten Ziel noch vollständig durch materielles Umfeld oder Produktionsweise festgelegt. Die Basis bestimmt den Überbau in dieser Sicht nicht einfach, und die Abfolge gesellschaftlicher Entwicklungsstufen bleibt grundsätzlich offen. Damit weisen Neomarxisten Poppers Kritik zurück, der Marxismus leite aus angeblichen Gesetzen der Geschichte fertige Zukunftslösungen ab. Zugleich halten sie an einem normativen Modell der Kritik fest, also an Maßstäben dafür, gesellschaftliche Verhältnisse zu beurteilen.

Für den jungen Marx war die Verelendung des Arbeiters vor allem Entfremdung. Entfremdung bedeutet hier, dass das Produkt der eigenen Arbeit dem Arbeiter als fremde, beherrschende Ware gegenübertritt. Ohne Produktionsmittel wird er vom Besitzer der Produktionsmittel in die Produktion gezwungen und arbeitet nicht zur freien Bedürfnisbefriedigung, sondern weil ihm in der Warenproduktion nichts anderes übrigbleibt. Nach dieser Sicht wächst sein Elend mit dem Ausmaß und der Bedeutung seiner Arbeit: Je mehr Reichtümer er erzeugt, desto ärmer wird er, unabhängig davon, ob sein Lohn steigt oder fällt. Auch ein höherer Lohn gebe ihm nach dieser Darstellung keine menschliche Würde zurück.

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