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Ideologiekritik
Feuerbachs Religionskritik. Bearbeiten · Ludwig Feuerbach leitet aus dem Wesen des Menschen die Gottesvorstellung ab. In seiner Schrift Das Wesen des …
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Begriff und Ziel
Ideologiekritik ist ein philosophisches und soziologisches Kritikmodell. Sie untersucht, warum Denken und gesellschaftliche Wirklichkeit nicht übereinstimmen, und legt die Ursachen dieser Diskrepanz offen. Ideologie bezeichnet dabei nicht einfach einen individuellen Irrtum: Sie gilt als notwendig erzeugtes Produkt anthropologischer, psychologischer oder gesellschaftlicher Ursachen.
Ideologiekritik fragt besonders nach gesellschaftlichen Verhältnissen, die dem Denken Grenzen setzen. Sie bedeutet nicht Kritik am Konzept der Ideologie, sondern die Aufdeckung ideologischer Motive in der Gesellschaft. Prägend wurde sie vor allem durch Karl Marx und Friedrich Engels; auch die Frankfurter Schule knüpft daran sowie an Sigmund Freud und Georg Wilhelm Friedrich Hegel an.
Frühe Ansätze
Francis Bacons Idolenlehre wurde später als Vorläufer der Ideologiekritik verstanden. In Novum Organum (1620; deutsche Ausgabe 1870) kritisiert Bacon die Scholastik. Die „Idole“ sind vorgefasste Anschauungen und überlieferte Meinungen. Zusammen mit der Neigung zum anthropomorphen Denken, also zur Übertragung menschlicher Eigenschaften auf Nichtmenschliches, verhindern sie ein dem Gegenstand angemessenes Erkennen.
Ludwig Feuerbach erklärt in Das Wesen des Christentums (1841) die Gottesvorstellung aus dem Wesen des Menschen. Die Idee eines allmächtigen und gütigen Schöpfergottes sei eine anthropologische Projektion: Geheime Wünsche und Sehnsüchte des Menschen würden in ein überirdisches Subjekt verlegt und dort verkörpert.
Marx und Engels: Ideologie und Herrschaft
Die klassische Ideologiekritik von Karl Marx und Friedrich Engels steht im Zusammenhang mit ihrer materialistischen Basis-Überbau-Lehre. In der posthum veröffentlichten Deutschen Ideologie kritisieren sie die Junghegelianer Feuerbach, Bruno Bauer und Max Stirner. „Moral, Religion, Metaphysik und sonstige Ideologie und die ihnen entsprechenden Bewusstseinsformen“ gelten ihnen als Überbau-Phänomene: Sie sind von den materiellen Verhältnissen abhängig und nicht selbständig.
Ideologiekritik soll deshalb erstens der Ideologie den „Schein der Selbständigkeit“ nehmen und ihre Abhängigkeit von materiellen Verhältnissen erklären. Zweitens untersucht sie ihre Funktion für bestehende oder angestrebte Herrschaft. Nach Marx und Engels sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken die Gedanken der herrschenden Klasse. Jürgen Habermas deutet Marx’ Kritik der Politischen Ökonomie als Ideologiekritik der bürgerlichen Gesellschaft, insbesondere als Entlarvung der „Basisideologie des gerechten Tausches“.
Marx versteht Ideologiekritik zugleich als immanente Kritik. Das heißt: Der Gerechtigkeitsanspruch einer Ideologie wird zum Maßstab, an dem die wirklichen gesellschaftlichen Verhältnisse gemessen werden. Die Kritik soll die „versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt“ und als bestimmte Negation „aus der Kritik der alten Welt die neue finden“.
Verdinglichung bei Lukács
Georg Lukács entwickelt in Geschichte und Klassenbewußtsein (1923) aus dem Fetisch-Kapitel des ersten Bandes von Marx’ Kapital eine Theorie der Verdinglichung. Verdinglichung bedeutet hier, dass gesellschaftliche Beziehungen im Bewusstsein als Beziehungen zwischen Dingen erscheinen.
Die Warenförmigkeit der Arbeit führt nach Marx dazu, dass das Verhältnis einzelner Arbeiten zur gesellschaftlichen Gesamtarbeit als Verhältnis von Waren auf dem Markt erscheint. In der privat arbeitsteiligen Warenproduktion verselbständigen sich die Produkte gegenüber ihren Produzenten. Arbeitsprodukte scheinen durch ihre Warenform ein selbstregulatives Marktverhalten zu besitzen, das die Wareneigentümer nicht beeinflussen können. So erscheint das Verhältnis der Produzenten zueinander als Verhältnis von Dingen.
Lukács sieht darin die ideologische Hauptquelle des falschen Bewusstseins des Proletariats. Die theoretische Beschreibung dieses falschen Scheins könne den Anfang seiner Überwindung bilden. Christoph Demmerling zufolge verbindet Lukács Marx’ Kritik der Politischen Ökonomie mit Max Webers Theorie des welthistorischen Rationalisierungsprozesses: Die Ware sei nicht nur auf dem Markt vorhanden, sondern strukturiere menschliche Beziehungen und die gesamte gesellschaftliche Wirklichkeit.
Kritische Theorie und Wissenssoziologie
Die Begründer der Kritischen Theorie übernehmen marxistische Ideologiekritik besonders über Lukács’ Verdinglichungstheorem. Für sie ist Ideologie „objektiv notwendiges und zugleich falsches Bewusstsein“: Sie wird durch gesellschaftliche Verhältnisse hervorgebracht. Zentral ist der durch Warenfetisch erzeugte gesellschaftliche Verblendungszusammenhang, in dem Verhältnisse zwischen Menschen als Verhältnisse zwischen Waren erscheinen.
Beim Äquivalententausch gehe es „mit rechten Dingen und doch nicht mit rechten Dingen zu“. Der Lohnarbeiter erhält zwar als Gegenwert für seine Arbeitskraft seine Reproduktionskosten, wird aber um den von ihm geschaffenen Mehrwert gebracht. Dadurch wird Ausbeutung verschleiert. Nach Theodor W. Adorno ist die Funktion der Ideologie Rechtfertigung: Sie rechtfertigt bestehendes Unrecht mit Idealen und Theoremen der Gerechtigkeit. Ihre „Wahrheit“ liegt gerade in diesem erhobenen Gerechtigkeitsanspruch. Ideologiekritik konfrontiert die Ideologie mit ihrer eigenen Wahrheit und zeigt etwa beim Äquivalententausch, dass nur scheinbar Vergleichbares getauscht wird. Emmerich Nyikos beschreibt Ideologie als Operation auf der Erscheinungswelt, die real oder illusionär gestaltet, modifiziert, moduliert, verformt oder verfremdet sein kann.
In den 1920er Jahren wurde die Ideologienlehre auch zum Gegenstand der Wissenssoziologie. Karl Mannheim versteht Ideologie wertfrei als „seinsgebundenes“ Denken, das in einer bestimmten gesellschaftlichen Lage verwurzelt ist. Sein totaler Ideologiebegriff unterscheidet sich von Ansätzen, die Ideologie mit verzerrtem oder falschem Denken gleichsetzen: Für Mannheim ist jedes Denken ideologisch.