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Kredittheorie
Kredittheorie ist in der Volkswirtschaftslehre ein Sammelbegriff für mehrere, nebeneinander stehende, sich ganz oder teilweise gegenseitig widersprechende …
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Grundidee und zentrale Streitfrage
Kredittheorie ist in der Volkswirtschaftslehre ein Sammelbegriff für mehrere nebeneinanderstehende und teilweise widersprüchliche Theorien. Sie untersuchen die Entstehung, die Funktionen, das Wesen und die Wirkungen von Krediten auf den Kreditmärkten.
Im Mittelpunkt steht die Frage, was logisch zuerst kommt: Entsteht Kredit aus zuvor angesammeltem Geld beziehungsweise Geldguthaben, oder entsteht Geld durch die Vergabe von Kredit? Während die Geldtheorie unter anderem den Geldmarkt mit Geldangebot und Geldnachfrage erklärt, befasst sich die Kredittheorie besonders mit dem Kreditmarkt, auf dem Kreditangebot und Kreditnachfrage zusammentreffen.
Unterschieden werden vor allem die klassische und die moderne Kredittheorie. Der IWF systematisierte 2019 gegenüber der OECD drei Ansätze: die klassische Theorie, die Geldschöpfungsmultiplikator-Theorie als obsolete „Hybrid-Theorie“ und die moderne Kredittheorie als postulierte „accounting reality“, also als buchhalterische Realität.
Banken als Vermittler
Die klassische Kredittheorie betrachtet hauptsächlich das Kreditgeschäft eines einzelnen Kreditinstituts. Sie geht davon aus, dass Banken die Einlagen ihrer Kunden als Refinanzierung für Kredite verwenden. Ihr Grundsatz lautet: „Am (logischen) Anfang steht das Geld“. Die mögliche Höhe der Kreditvergabe wird demnach durch den vorhandenen Bestand an Spareinlagen bestimmt.
Banken sind in diesem Modell reine Finanzintermediäre, also Vermittler zwischen Sparenden und Kreditnehmenden beziehungsweise Kapitalsammelstellen. Der Kreditzins sorgt dafür, dass Kreditangebot und Kreditnachfrage auf dem Kreditmarkt miteinander in Einklang kommen.
Einen Übergang zur modernen Sicht leitete im deutschen Sprachraum Karl Knies 1879 ein. Ab 1918 wurde der entsprechende Ansatz durch H. G. Moulton als Shiftability-Theorie bezeichnet. Danach gelten Wertpapiere einschließlich der Kreditforderungen einer Bank bei hoher Bonität als sekundärliquide Mittel: Sie sind zwar nicht selbst Primärliquidität, können aber in diese umgetauscht werden.
Kredit als Ausgangspunkt der Geldschöpfung
Die moderne Kredittheorie setzt nicht das angesparte Geld, sondern den Kredit an den logischen Anfang. Sparen als freiwilliger Verzicht auf Konsum ist deshalb nicht die einzige Finanzierungsquelle für Investitionen. Hinzu kommt die Kreditschöpfung des Bankensystems, auch Giralgeldschöpfung genannt. Fristenlose Modelle der Kreditschöpfung lassen dabei die Unterscheidung zwischen kurz- und langfristigen Krediten in den Hintergrund treten.
Begründet wurde die moderne Kredittheorie ab 1891 von Henry Dunning Macleod. Für ihn war Geld die höchste und allgemeinste Form des Kredits. Er begründete zugleich die Kreditschöpfungslehre, einen zentralen Bestandteil der modernen Theorie. Bereits 1882 erklärte er in „Lectures on Credit and Banking“, dass Banken keine Einlagen verleihen. Nach seiner Auffassung kann Geldschöpfung ungenutzte Produktionsfaktoren mobilisieren, etwa Unterbeschäftigte auf dem Arbeitsmarkt.
John Law hatte schon 1705 ein auf Grund und Boden gestütztes Papiergeld vorgeschlagen. Eine Vermehrung des Geldes könne nach seiner Begründung „eine Beschäftigung der bislang Arbeitslosen“ ermöglichen. Zu den weiteren Vertretern gehört Adolph Wagner ab 1862. Joseph Schumpeter und Ralph George Hawtrey entwickelten die moderne Kredittheorie weiter. Schumpeter stellte 1911 den Kredit an den logischen Anfang. L. Albert Hahn bezeichnete Banken 1920, angeregt durch Macleod, Knut Wicksell und Schumpeter, als „Kreditmanufakturen“.
John Maynard Keynes beschrieb 1930 in „A treatise on money“ zwei Wege, auf denen eine Bank Guthaben schafft: Sie kann Werte kaufen und den Kauf zunächst durch einen Anspruch gegen sich selbst bezahlen, oder sie kann zugunsten eines Kreditnehmers gegen dessen Rückzahlungsversprechen einen solchen Anspruch schaffen. In beiden Fällen entsteht ein Bankguthaben.
Entsprechend erklärt die Europäische Zentralbank seit 2017: „Geschäftsbanken können auch ‚Innengeld‘ schaffen, d. h. Bankeinlagen – dies geschieht bei jeder neuen Kreditvergabe.“ Die Bank of England legte 2014 eine differenziertere Darstellung vor, die einzel- und gesamtwirtschaftliche Betrachtungen verbindet.
Zusammenspiel von Kredit, Tilgung und Geldmenge
Die Kreditmechanik bildet nach Wolfgang Stützel eine dritte Phase der Kredittheorie und eine Art Synthese aus klassischer und moderner Kredittheorie. Sie geht besonders auf Wilhelm Lautenbach, Hans Gestrich, Otto Pfleiderer und Leonhard Gleske zurück. Ein Modellfall ist die von Gestrich 1936 behandelte „Kreditgewährung im Gleichschritt“.
Die Kreditmechanik überwindet eine ausschließlich auf einzelne Banken gerichtete Sicht. Nicht jede Kreditvergabe führt in voller Höhe zu einer Vergrößerung der Geldmenge. Entscheidend ist, an wen die daraus entstehenden Zahlungsströme fließen und ob die Empfänger sie zur Tilgung bestehender Kredite verwenden. Zahlen Kreditoren an Debitoren und bedienen diese damit ihre Bankschulden, verkürzt sich die zusammengefasste Bankbilanz; es kommt zur „Nettogeldvernichtung“. Die Geldmenge wird somit durch das Zusammenspiel von Kreditentstehung und Kredittilgung beeinflusst.
Ob Geschäftsbankenkredite die Geldmenge deutlich erhöhen, hängt nicht nur von der Geldpolitik ab, sondern unter anderem auch von der Marktstimmung und der Wirtschaftslage. Werden Geldvermögen gespart und dadurch der Nachfrage beziehungsweise Kaufkraft entzogen, müssen sie nach dieser Theorie durch zusätzliche Kreditvergabe kompensiert werden, wenn eine Abkühlung der Konjunktur vermieden werden soll. Neoklassische Ansätze wie die Loanable-Funds-Theorie bestreiten diese Auffassung weiterhin.
Die Kreditmechanik relativiert außerdem die klassische Vorstellung des Crowding-out-Effekts. Kredite an Private und Kredite an den Staat werden nicht als notwendig miteinander konkurrierend angesehen.
Stützels Saldenmechanik beschreibt die gegenseitige Abhängigkeit der Finanzierungsüberschüsse und -defizite verschiedener Gruppen: „Die Unternehmergewinne bleiben stets nur genau um jenen Betrag hinter dem Unternehmeraufwand für Konsum und Investition zurück, um den die Nichtunternehmer Einnahmeüberschüsse bilden.“ Bilden private Nichtunternehmer insgesamt monetäre Überschüsse und wollen sich inländische Unternehmen zugleich entschulden, ist dies nur durch einen zusätzlichen Ausgabenüberschuss des eigenen Staates und/oder des Auslands finanzierbar. Umgekehrt können staatliche Budgetdefizite nur erfolgreich sinken, wenn andere Haushalte entsparen oder ihre eigenen Ausgabenüberschüsse erhöhen.
Kreditgeld als Zahlungsmittel
Kreditgeld bezeichnet zusätzliche Zahlungsmittel, die aus „schöpferischem Bankkredit“, also aus der Nettokreditaufnahme der Nichtbanken, entstehen. Nichtbanken sind dabei Wirtschaftsteilnehmer außerhalb des Bankensystems. Kreditgeld besteht ebenso lange wie materielle Schulden beziehungsweise wie die Nutzung übertragbarer Schuldforderungen zu Zahlungszwecken.
Keynes erklärte die Funktionsweise damit, dass die Übertragung einer Schuld häufig ebenso gut zur Abwicklung eines Geschäfts dienen kann wie die Übertragung des Geldes, auf das die Schuld lautet. Ein Schuldtitel ist ein Anspruch auf Geld. Solange seine schnelle Umwandlung in Geld als zuverlässig gilt, kann er auch über große Entfernungen als Bankgeld eingesetzt werden. Wechsel erfüllten diese Aufgabe bereits in der alten Welt, weil ihre Übermittlung weniger kostete und weniger riskant war als der Transport von Bargeld.
Heinrich Rittershausen wies darauf hin, dass auch Einnahmeüberschüsse aus konventioneller Kreditvergabe als Kreditgeld verstanden werden können. Den Einnahmeüberschüssen stehen in beiden Fällen monetäre Schulden in gleicher Höhe gegenüber. Nach Edward Cohen verwendeten bereits die Trapeziten, die ersten Privatbanken der Welt im antiken Athen, Gold-Kreditgeld.