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Geldschöpfungsmultiplikator

Durch diese Geschäfte wirkt auch die Zentralbank an der aktiven Geldschöpfung mit, denn die Geldschöpfung entspricht der Zunahme der Geldbasis.

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Kernbegriff und Geldarten
  2. 2. Arten und historischer Hintergrund
  3. 3. Geldschöpfungsprozess und Formeln
  4. 4. Wirtschaftliche Bedeutung und Kritik

Kernbegriff und Geldarten

Der Geldschöpfungsmultiplikator ist ein makroökonomischer und geldtheoretischer Multiplikator. Er soll die maximale Grenze der aktiven Geldschöpfung eines Bankensystems angeben. Geldschöpfung bedeutet die Schaffung zusätzlichen Buchgeldes durch Geschäftsbanken. Zusätzliches Bargeld können dagegen nur Zentralbanken durch die Ausgabe von Banknoten und Münzen schaffen. Bargeld und Buchgeld der Nichtbanken – also von Privathaushalten, Unternehmen und öffentlichen Haushalten – bilden zusammen die Geldmenge.

Das Konzept gehört zur traditionellen Darstellung von Mindestreserve-Systemen. Diese Darstellung wird heute jedoch als irreführend kritisiert, unter anderem von der Federal Reserve (2021), der Bank of England (2014, 2015), der Deutschen Bundesbank (2017) und Standard & Poors (2013).

Arten und historischer Hintergrund

Bei der Geldschöpfung werden zunächst aktive und passive Formen unterschieden. Passive Geldschöpfung geht ausschließlich vom Bankkunden aus: Er zahlt Bargeld auf sein Girokonto ein. Die Geschäftsbank verbucht das Bargeld als Zugang auf dem Kassenkonto und schreibt dem Kunden gleichzeitig eine Sichteinlage gut. Diese Gutschrift gilt als passive Geldschöpfung.

Aktive Geldschöpfung entsteht durch das Kreditgeschäft der Geschäftsbanken mit Nichtbanken. Die vergebenen Kredite erscheinen bei den Zahlungsempfängern erneut als Bankguthaben. Als Refinanzierungsgrundlage dieses Kreditgeschäfts gilt im traditionellen Modell die Überschussreserve.

Eine weitere Einteilung richtet sich danach, wer die Geldschöpfung ausführt. Primäre Geldschöpfung erfolgt durch die Zentralbank: bei Bargeld durch das Notenmonopol, bei Buchgeld durch den Ankauf von Devisen oder Wertpapieren, etwa im Rahmen der Offenmarktpolitik und der Wertpapierkaufprogramme des Eurosystems, sowie durch Lombardkredite. Sekundäre Geldschöpfung erfolgt durch Geschäftsbanken in Form der Giralgeldschöpfung. An der Geldschöpfung sind somit Zentralbanken und Geschäftsbanken beteiligt.

Als Begründer der Lehre von der Schaffung zusätzlichen Giralgeldes durch Geschäftsbanken gilt Henry Dunning Macleod (1863). Chester Arthur Phillips (1882–1976) stellte den Geldschöpfungsmultiplikator in seiner heutigen Form 1920 vor; der Bargeldabfluss wurde 1933 als beschränkende Größe ergänzt.

Geldschöpfungsprozess und Formeln

Der Geldschöpfungsprozess setzt ein, wenn nicht nur eine einzelne, sondern alle kreditgewährenden Geschäftsbanken ihre Überschussreserven für aktive Geldschöpfung einsetzen. Die Einlagen, die durch Kredite bei Zahlungsempfängern entstehen, können erneut als Grundlage für Kreditvergaben dienen. Dadurch wird aus einer ursprünglichen Überschussreserve ein Vielfaches an Buchgeld. Diese wiederholte Entstehung von Giralgeld wird multiple Giralgeldschöpfung genannt; im traditionellen Modell wiederholt sie sich unendlich.

In der formalen Darstellung wird sie als unendliche geometrische Reihe beschrieben. Die Überschussreserve R ist der Ausgangspunkt. Die zusätzlich geschaffene Geldmenge ΔG hängt von der Bargeldquote c und dem Mindestreservesatz r ab:

ΔG = R · 1 / ((c + r) · (1 − c)).

Die Formel unterstellt mechanisch, dass das neu geschaffene Giralgeld als Kreditangebot auf den Kreditmarkt gelangt, dort durch die Kreditnachfrage vollständig aufgenommen wird und wiederholt zu Sichteinlagen führt. Diese Sichteinlagen bilden anschließend die Grundlage weiterer Geldschöpfung.

Im Multiplikatormodell ist die von der Zentralbank emittierte Geldbasis der Ausgangspunkt. Die Zentralbank stellt Zentralbankgeld den Geschäftsbanken kontingentiert und gegen den Leitzins zur Verfügung. Die Geschäftsbanken reichen es in Form von Krediten an Nichtbanken weiter. Da Nichtbanken einen Teil ihrer Liquidität nicht als Bargeld halten, sondern als Buchgeld im Geschäftsbankensystem belassen, können diese Einlagen erneut für Kreditvergaben verwendet werden. Die Mindestreservepflicht schwächt den Multiplikatoreffekt, weil Banken Einlagen nicht vollständig als Kredite weiterreichen dürfen.

Für die Geldmenge M1 und das Zentralbankgeld M0 wird im Modell angegeben:

M1 = M0 · (1 + BH) / (RS + BH).

Dabei ist RS der Mindestreservesatz der Banken und BH die Bargeldhaltung der Nichtbanken, also der Anteil des Bargeldes an ihrem Buchgeldbestand. Mit G als Buchgeldbestand der Nichtbanken und B als deren Bargeldbestand gilt:

M1 = G + B = G · (1 + BH),

M0 = G · RS + B = G · (RS + BH).

Daraus folgt:

M1 / M0 = (1 + BH) / (RS + BH).

Wirtschaftliche Bedeutung und Kritik

Das Modell ist mechanisch, weil es auf starren Verhaltensannahmen beruht. Es nimmt etwa an, dass die Bargeldquote dauerhaft konstant bleibt. Tatsächlich schwankt sie im Jahresverlauf beträchtlich, beispielsweise während der Urlaubssaison. Außerdem wird angenommen, dass eine Geschäftsbank höchstens bis zur Höhe ihrer Überschussreserve Geld schöpfen kann. In der Praxis kann sie ihre Überschussreserve jedoch unvollständig nutzen oder überschreiten, wenn sie über andere Quellen von Zentralbankgeld verfügt. Ebenso ist unsicher, ob immer eine ausreichende Kreditnachfrage in Höhe der Überschussreserve besteht.

Die Zentralbank besitzt das Monopol zur Schaffung von Zentralbankgeld. Sie beeinflusst die Geldbasis unter anderem durch Devisen- und Wertpapierkäufe. Geschäftsbanken können sich außerdem begrenzt über Lombardkredite, die Spitzenrefinanzierungsfazilität oder Wertpapierpensionsgeschäfte Zentralbankgeld beschaffen. Die Überschussreserve ist daher keine feste Obergrenze der aktiven Giralgeldschöpfung. Eine expansive Geldpolitik erhöht grundsätzlich das Kreditangebot, während eine restriktive Geldpolitik es vermindert. Steigt der Leitzins, erhöhen sich die Refinanzierungskosten, sodass das optimale Kreditangebot und wahrscheinlich auch die Kreditnachfrage sinken.

Bei unverändertem Güterangebot kann eine steigende Geldmenge – ceteris paribus, also unter sonst gleichen Bedingungen – eine Inflationsursache sein. Die Zentralbank kann deshalb unter anderem die Mindestreserve erhöhen, um die maximale Geldschöpfung der Geschäftsbanken einzuschränken.

Nach dem Liquiditätssaldokonzept von Claus Köhler sind Mindest- und Überschussreserve nur Teilaspekte der Kreditschöpfungsmöglichkeit. Ebenso wichtig sei die Sekundärliquidität einer Bank, also ihre Möglichkeit, sich für bereits vergebene Kredite mit guter Bonität jederzeit bei der Zentralbank oder am Geld- beziehungsweise Interbankenmarkt zu refinanzieren. Die Zentralbank kann diese Sekundärliquidität nur bedingt beeinflussen.

Der Multiplikator ist in der Praxis höchstens eine theoretische Annäherung und beschreibt vor allem eine Korrelation bei normalen Zinsniveaus. An der Nullzinsgrenze beziehungsweise bei Negativzinsen und in einer Liquiditätsfalle gilt dieser Zusammenhang nicht mehr ohne Weiteres. Eine Ausweitung von Zentralbankgeld, etwa durch quantitative Lockerung (QE), führt nicht automatisch zu einer direkt inflationär wirkenden „Geldschwemme“, weil Nichtbanken keinen Zugang zu Zentralbankkonten haben und Zentralbankgeld – abgesehen vom Bargeld – nicht unmittelbar in den Geldkreislauf der Realwirtschaft gelangt.

Ein weiterer unbeachteter Faktor ist die konjunkturabhängige Kreditnachfrage der Nichtbanken. Claus Köhler verwies hierzu auf das Rezessionsjahr 1975. Gesamtwirtschaftlich entstehen Einlagen nicht zwingend vor der Kreditvergabe: Die Summe der Einlagen entsteht im Bankensystem aus der Nettokreditvergabe. Wenn eine Zahlung die Verbindlichkeiten von Bank A vermindert, erhöht sie gleichzeitig die Liquidität der komplementären Bank B. Bank A kann für weitere Kredite gegebenenfalls Refinanzierung bei der Zentralbank oder im Interbankenhandel benötigen. Angebotsseitig hängt die Kreditvergabe daher vor allem von der Zinspolitik der Zentralbank, nachfrageseitig insbesondere von der Investitionsbereitschaft des Unternehmenssektors ab.

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