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Kleider machen Leute (Zemlinsky)
Kleider machen Leute ist eine Oper (Originalbezeichnung: „Musikalische Komödie“) in einem Vorspiel und drei Akten von Alexander von Zemlinsky (Musik).
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Grunddaten und Bedeutung
Kleider machen Leute ist eine Oper von Alexander von Zemlinsky. Die Originalbezeichnung lautet „Musikalische Komödie“. Das Werk hat in der Erstfassung ein Vorspiel und drei Akte, in der Neufassung von 1922 ein Vorspiel und zwei Akte. Die Sprache ist Deutsch. Das Libretto, also der Operntext, stammt von Leo Feld und basiert auf der gleichnamigen Novelle aus dem zweiten Band von Gottfried Kellers Novellenzyklus Die Leute von Seldwyla von 1874.
Die Handlung spielt im 19. Jahrhundert in Goldach in der Schweiz. Im Mittelpunkt steht der Schneidergeselle Wenzel Strapinski, der wegen seiner vornehmen Kleidung irrtümlich für einen polnischen Grafen gehalten wird. Aus dieser Verwechslung entsteht eine Komödie über Schein und gesellschaftliches Ansehen: Die Bürger behandeln Strapinski ehrfürchtig, weil sie ihn für adlig halten, obwohl er tatsächlich arm und beruflich ein Schneider ist. Besonders wichtig ist die Beziehung zu Nettchen, der Tochter des Amtsrats, die sich in ihn verliebt.
Die Erstfassung wurde am 2. Oktober oder 2. Dezember 1910 in der Volksoper Wien uraufgeführt. Die überarbeitete zweite Fassung wurde am 20. April 1922 im Neuen Deutschen Theater in Prag erstmals gespielt. Die Spieldauer beträgt etwa zwei Stunden.
Handlung der Erstfassung
Im Vorspiel hat Wenzel Strapinski seine Stelle in Seldwyla aufgegeben, weil er mit seinen Geschäften unzufrieden ist. Er trägt seine Gesellenstücke, einen vornehmen Reisemantel und eine Zobelmütze. Auf der Landstraße begegnet ihm eine leere herrschaftliche Kutsche. Der Kutscher fragt ihn nach dem Weg nach Goldach und nimmt ihn mit.
Im ersten Akt kommt Strapinski vor dem Wirtshaus „Zur Waage“ in Goldach an. Melchior Böhni, Prokurist von Quandt & Sohn, wirbt um Nettchen, die Tochter des Amtsrats. Sie lehnt ihn ab, weil sie seine Selbstgefälligkeit nicht mag und von einer großen Liebe mit einem Adligen träumt. Als Strapinski in der Kutsche vorfährt, halten ihn alle wegen seines Auftretens für einen Edelmann. Der Kutscher nennt ihn sogar „Graf Strapinski aus Polen“. Die Bürger umschmeicheln ihn, und Strapinski spielt die Rolle weiter, obwohl er unsicher ist. Böhni bemerkt die von der Schneiderei zerstochenen Finger und wird misstrauisch. Er will in Seldwyla nachforschen.
Im zweiten Akt lädt der Amtsrat Strapinski und die Goldacher Honoratioren auf sein Gut ein. Nettchen singt das Heine-Lied „Lehn’ deine Wang’ an meine Wang“ und begleitet sich selbst am Klavier. Strapinski möchte eigentlich fliehen, will sich aber vorher von Nettchen verabschieden. Beide gestehen einander ihre Liebe. Böhni ertappt sie, und Nettchen erklärt Strapinski kurzerhand zu ihrem Verlobten. Böhni kennt inzwischen Strapinskis wahre Herkunft, schweigt aber zunächst und plant eine öffentliche Entlarvung bei der Feier im „Waldhaus“.
Im dritten Akt lässt Böhni bei der Verlobungsfeier eine Pantomime aufführen. Ein Prologus erklärt das Stück mit dem Titel „Kleider machen Leute“. Strapinskis früherer Meister spielt darin einen „Wolf im Schafspelz“ und trägt dieselbe Mütze wie Strapinski. Dadurch wird Strapinski vor allen bloßgestellt und flieht unter dem Spott der Bürger. Später findet Nettchen ihn schlafend im Straßengraben. Er erklärt ihr die Ursache der Verwechslung und will auf sie verzichten. Doch Nettchen hält zu ihm: Auch wenn er nur Schneider und kein Graf sei, habe er ein gutes Herz. Am Ende jubeln alle.
Handlung der Neufassung
Die Fassung von 1922 beginnt wie die Erstfassung: Strapinski verlässt Seldwyla, trägt seinen vornehmen Mantel und die Zobelmütze und wird von einer leeren Equipage nach Goldach mitgenommen. Auch hier gilt er nach seiner Ankunft wegen Kleidung, Kutsche und Auftreten als „Graf Strapinski aus Polen“.
Im ersten Akt in Goldach weist Nettchen den selbstgefälligen Böhni zurück. Die Bürger bewirten Strapinski, der zunächst zögert, dann aber hungrig eine große Pastete isst. Er macht bei der gesellschaftlichen Scharade mit, während Böhni durch seine zerstochenen Finger Verdacht schöpft und Nachforschungen plant. Strapinski denkt an Flucht, möchte Nettchen aber noch einmal sehen.
Im zweiten Akt findet die Einladung auf dem Gut des Amtsrats statt. Nettchen singt wieder „Lehn’ deine Wang’ an meine Wang“. Strapinski und Nettchen gestehen sich ihre Liebe, und Nettchen erklärt ihn nach Böhnis Entdeckung ihrer Umarmung zu ihrem Verlobten. Böhni ist eifersüchtig, ruft aber dennoch zum Walzer. Danach folgt das Zwischenspiel „Der arglistige Böhni“.
Im Waldhaus versammelt sich die Gesellschaft aus Goldach und Seldwyla. Böhni organisiert die Pantomime zur Entlarvung. Anders als in der Erstfassung lässt sich Strapinski nach der Bloßstellung nicht einschüchtern. Er sagt, die Anwesenden hätten sich selbst zum Narren gemacht, weil sie vor Ehrfurcht vor ihm „scharwenzelt“ seien. Schuldig fühle er sich nur gegenüber Nettchen. Nachdem die Menge gegangen ist, erzählt er Nettchen die Wahrheit und ist bereit, sie aufzugeben. Nettchen bleibt jedoch bei ihm und sagt: „Kann ich schon keine Frau Gräfin sein, so werd’ ich Frau Meisterin!“
Gestaltung und Musik
Die Orchesterbesetzung der Fassung von 1922 ist groß. Sie umfasst Holzbläser, Blechbläser, Pauken und Schlagzeug, Harfe, Celesta, Streicher sowie Bühnenmusik. Zu den Holzbläsern gehören drei Flöten, drei Oboen, drei Klarinetten und drei Fagotte, jeweils teilweise mit Nebeninstrumenten wie Piccolo, Englischhorn, Bassklarinette und Kontrafagott. Bei den Blechbläsern sind vier Hörner, drei Trompeten, vier Posaunen und Tuba vorgesehen.
Das Libretto wurde nach der Premiere der Zweitfassung von Max Brod grundsätzlich als dramatisch wirksam beschrieben. Er lobte die Spannung, Verseinfälle und zugespitzten Aktschlüsse. Zugleich wird im Artikel erwähnt, dass manche Reime trivial wirken und dass die feine Figurenzeichnung und Psychologie von Kellers Erzählung vergröbert seien. Einige wichtige Elemente der Vorlage fehlen, etwa der ursprüngliche Grund für Strapinskis Wanderung, seine Bindung an die Mutter und das zugespitzte Ende der Novelle mit seiner Bereitschaft zum Selbstmord.
Musikalisch steht die Oper in der Tradition des romantischen Lustspiels, etwa bei Herrmann Goetz und Hugo Wolf. Sie wird als Komödie der „leisen Töne“ beschrieben. Die Tonsprache liegt zwischen Richard Strauss und Arnold Schönberg und erinnert auch an die Wiener Operette. Die Ensembleführung erinnert an Wolfgang Amadeus Mozart.
Die Oper beginnt mit einer Parodie auf den Quartenakkord aus Arnold Schönbergs 1. Kammersinfonie. Quarten und Quinten prägen auch spätere Motive. Die Haupttonart ist d-Moll, zugleich Strapinskis Tonart. Nettchen wird als Gegenpol mit As-Dur verbunden, einer im Quintenzirkel möglichst weit entfernten Tonart. Ein wichtiges musikalisches Symbol ist das „Schneiderlein-Lied“. Es steht für Strapinskis Identitätsfrage und kehrt ähnlich einem Leitmotiv in verschiedenen Formen wieder. Zu den wichtigen größeren Nummern gehören im ersten Akt das „Zigarrenquintett“, Strapinskis Monolog über eine mögliche Flucht und das Orchester-Notturno am Schluss; im zweiten Akt das Heine-Lied und der Verlobungstanz.
Entstehung und Aufführungsgeschichte
Zemlinsky komponierte Kleider machen Leute zwischen April 1907 und August 1909, während er als Kapellmeister an der Wiener Volksoper arbeitete. Die dreiaktige Erstfassung wurde 1910 unter seiner eigenen Leitung im Kaiser-Jubiläums-Stadttheater, der Wiener Volksoper, uraufgeführt. Als Nettchen sang Josefine Ritzinger, als Wenzel Strapinski Karl Ziegler. Die Aufführung war wenig erfolgreich; die Kritik bemängelte vor allem die Musik.
Eine zweite Produktion in Mannheim war für 1914 geplant, kam aber nicht zustande. Seit 1913 dachte Zemlinsky über eine Überarbeitung nach. Im Frühjahr 1921 begann er mit der Neufassung. Bis Ende 1921 schrieb er sieben Einlagen, strich Nettchens Traumballade vom Grafen im ersten Akt, entfernte die Nebenhandlung um Lieselein und Federspiel und kürzte und ordnete weitere Teile um. Der zweite und dritte Akt wurden zu einem einzigen Akt zusammengefasst. Das neue Zwischenspiel „Der arglistige Böhni“ ersetzte einen Monolog Böhnis. Der Klavierauszug der Zweitfassung hat sechzig Seiten weniger als der der Erstfassung.
Die zweite Fassung wurde am 20. April 1922 im Neuen Deutschen Theater Prag uraufgeführt, wiederum unter Zemlinskys Leitung. Es sangen Maria Müller als Nettchen und Richard Kubla als Wenzel Strapinski. Diese Neufassung war erfolgreich. Vor dem Verbot von Zemlinskys Musik durch die Nationalsozialisten, die sie als „Zersetzungsromantik“ diffamierten, gab es mehrere Aufführungen, unter anderem 1924 in Düsseldorf, 1927 in Dortmund, 1928 in Altenburg, Aachen, Osnabrück und Görlitz, 1932 in Bremen, 1934 in Köln und 1935 in Zürich.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Werk erst 1982 wiederentdeckt. Danach gab es Produktionen unter anderem in Oberhausen, München, Wien, St. Gallen, Zürich, Osnabrück, Eisenach, Hagen, Görlitz, am Theater Vorpommern, 2023 in Prag und 2025 am Staatstheater Cottbus. Insgesamt erschienen drei verschiedene Klavierauszüge. Das Aufführungsmaterial der Erstfassung ist verschollen.
Überlieferte Aufnahme
Der Artikel nennt eine Aufnahme vom 29. Juni 1990 aus Zürich. Ralf Weikert dirigierte Orchester und Chor des Opernhauses Zürich. Es handelt sich um eine konzertante Live-Aufnahme. Hermann Winkler sang Wenzel Strapinski, Edith Mathis Nettchen und Wicus Slabbert Melchior Böhni. Die Aufnahme erschien auf CD bei Schwann unter der Nummer 314 069.