Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Die Leute von Seldwyla
Die Leute von Seldwyla ist ein zweiteiliger Novellenzyklus des Schweizer Dichters Gottfried Keller. ... Kleider machen Leute. Bearbeiten. Keller als Kunststudent …
Inhalt6 Abschnitte
Werk und Bedeutung
Die Leute von Seldwyla ist ein zweiteiliger Novellenzyklus des Schweizer Dichters Gottfried Keller. Teil I mit den ersten fünf Novellen entstand 1853–1855 in Berlin und erschien 1856 im Vieweg Verlag. Teil II entstand zwischen 1860 und 1875, größtenteils während Kellers Amtszeit als Staatsschreiber in Zürich; das Gesamtwerk erschien 1873–1875 in der Göschen’schen Verlagsbuchhandlung.
Der Zyklus umfasst zehn „Lebensbilder“, die durch den gemeinsamen Schauplatz Seldwyla verbunden sind, eine erfundene Schweizer Kleinstadt. Bis auf Romeo und Julia auf dem Dorfe, eine tragische Adaption von Shakespeares Stoff, sind die Seldwyler Geschichten Komödien in Novellenform mit satirisch-grotesken Zügen. Das Werk gilt als Meisterwerk der deutschsprachigen Erzählkunst des 19. Jahrhunderts und als repräsentativ für den poetischen Realismus. Besonders Romeo und Julia auf dem Dorfe und Kleider machen Leute gehören zu den bekanntesten deutschsprachigen Erzählungen und wurden vielfach übersetzt, verfilmt und für Opern bearbeitet.
Seldwyla als Schauplatz
Seldwyla wird als schöner, sonniger Ort in der Schweiz beschrieben, umgeben von grünen Bergen, Weinbergen und großen Wäldern. Satirisch zugespitzt ist die Gemeinde reich, weil ihr Wald gehört, während die Bürger arm sind. Niemand weiß recht, wovon die Seldwyler seit Jahrhunderten leben.
Die Seldwyler sind temperamentvoll, vergnügungslustig und leichtsinnig. Ihnen fehlen Sparsamkeit, Zielstrebigkeit und dauerhafter Gewerbefleiß. Sie leben gern auf Kredit, spekulieren mit Wertpapieren und lassen lieber andere arbeiten. Junge Leute bilden den Glanz der Stadt; nach der Mitte dreißig sind viele zahlungsunfähig und müssen sich mit kleinen Arbeiten durchschlagen. Die Tüchtigsten verlassen Seldwyla und ziehen in fremde Kriegsdienste oder ferne Länder.
Auch politisch handeln die Seldwyler sprunghaft. Sie lieben die Opposition und wechseln ihre Haltung je nach Lage: gegen Fortschrittsleute halten sie sich an den Pfarrer, gegen Konservative an den radikalen Schullehrer, gegen liberale Juristen und Geldmänner an Sozialisten. In Teil II erklärt der Erzähler ironisch, mehrere Schweizer Städte hätten sich in Seldwyla wiedererkannt. Seldwyla solle aber als ideale, auf Bergnebel gemalte Stadt gelten. Zugleich habe die moderne Spekulation die Welt selbst „seldwylisiert“: Die Seldwyler sehen immer mehr wie andere Leute aus und verlieren dabei ihr Lachen.
Novellen des ersten Teils
Pankraz, der Schmoller erzählt von einem jungen Seldwyler, der seine Mutter und Schwester mit ständigem Beleidigtsein quält. Mit vierzehn läuft er fort, wird Soldat in der britischen Kolonialarmee und später Oberst in Algerien. Nach einer enttäuschten Liebe zu Lydia und einer gefährlichen Begegnung mit einem Löwen kehrt er mit siebenunddreißig Jahren geheilt von Schmollerei und Liebeskummer zurück.
Romeo und Julia auf dem Dorfe verlegt Shakespeares Tragödie in die Schweiz des 19. Jahrhunderts. Zwei reiche Bauern eignen sich den Acker eines Armen an, geraten darüber in Streit, ruinieren sich in Prozessen und werden erbitterte Feinde. Ihre Kinder Sali und Vrenchen lieben sich, sehen aber keine gemeinsame Zukunft. Nach einem letzten schönen Tag nehmen sie sich gemeinsam das Leben.
Frau Regel Amrain und ihr Jüngster zeigt eine tatkräftige Mutter. Regula Amrain übernimmt nach der Flucht ihres Mannes nach Amerika drei Söhne und einen überschuldeten Steinbruch. Sie rettet den Betrieb, erzieht ihre Söhne gegen die Seldwyler Leichtfertigkeit und schützt besonders Fritz durch praktische, politische und erotische Erziehung.
Die drei gerechten Kammmacher handelt von drei fleißigen deutschen Handwerksgesellen, die alle die Kammmacherei ihres Meisters kaufen wollen. Ihre übertriebene Ordnungsliebe und Konkurrenz führen zum Konflikt. Züs Bünzlin, gebildet, redegewandt und berechnend, treibt zwei ins Verderben; der dritte erreicht zwar sein Ziel, wird aber in der Ehe unglücklich.
Spiegel, das Kätzchen ist ein Märchen aus dem späten Mittelalter. Der Kater Spiegel verkauft dem Stadthexenmeister Pineiß sein künftiges Fett, um nicht zu verhungern. Als er geschlachtet werden soll, rettet er sich durch die Geschichte von einem Goldschatz. Am Ende erhält Pineiß Gold und eine junge Ehefrau, die sich in der Hochzeitsnacht als seine verhasste Nachbarin und Hexe entpuppt.
Novellen des zweiten Teils
Kleider machen Leute erzählt von Wenzel Strapinski, einem schlesischen Schneidergesellen. Wegen seiner guten Kleidung, seiner Manieren und einer zufälligen Ankunft in einer herrschaftlichen Kutsche halten ihn die Goldacher für einen polnischen Grafen. Er möchte fliehen, verliebt sich aber in Nettchen. Als Seldwyler ihn bei der Verlobungsfeier entlarven, folgt Nettchen ihm, prüft seine Liebe und heiratet ihn gegen Widerstand. Mit ihrem Vermögen gründet er ein Atelier.
Der Schmied seines Glückes zeigt Hans Kabis, der sich in John Kabys umbenennt und sein Glück erzwingen will. In Augsburg gewinnt er das Vertrauen des reichen Vetters Litumley und wird als Erbe eingesetzt. Durch eine Affäre mit dessen junger Frau verliert er alles, nachdem Litumley doch noch einen Sohn bekommt. Kabys kehrt nach Seldwyla zurück, kauft eine kleine Schmiede und lernt Nägel machen.
Die mißbrauchten Liebesbriefe handelt von Viggi Störteler, einem Händler und Freizeitliteraten, der seine Frau Gritli zur Muse machen will. Sie kann seine hochtrabenden Briefe nicht beantworten und schickt sie an den Schulmeister Wilhelm weiter. Dessen Antworten schreibt sie wiederum an Viggi ab. Der Betrug fliegt auf: Viggi verliert Frau und Vermögen, Wilhelm seine Stelle; später finden Gritli und Wilhelm zusammen.
Dietegen spielt wieder im späten Mittelalter. Der Waisenknabe Dietegen wird in Ruechenstein zu Unrecht zum Tode geführt, überlebt aber und wird von Seldwyla aufgenommen. Küngolt entdeckt ihn und wächst mit ihm auf. Als sie später durch Herrschsucht Unheil stiftet und von Ruechensteinern der Hexerei angeklagt wird, rettet Dietegen sie, indem er sie nach altem Rechtsbrauch vom Schafott weg heiratet.
Das verlorne Lachen spielt im modernen Seldwyla. Jukundus und Justine verlieben sich, heiraten und verlieren nach einem schweren Ehestreit ihr fröhliches Lachen. Getrennt folgen sie religiösen und politischen Wegen, die sich als Irrwege zeigen. Eine Handelskrise und eine politische Verleumdungskampagne erschüttern beide. Als sie einander zufällig wiederfinden, versöhnen sie sich, und mit ihrer Aussprache kehrt das Lachen zurück.
Themen und Humor
Seldwyla gehört literarisch zu den Narrenstädten wie Abdera oder Schilda. In jeder Novelle greift Keller eine oder mehrere Narrheiten an, meist durch Satire, Ironie und komische Zuspitzung, selten direkt belehrend. Zugleich sind alle Seldwylergeschichten Liebesgeschichten oder enthalten eine Liebesgeschichte im Kern. Narrheit und Verliebtheit erscheinen oft miteinander verbunden.
Kellers Humor hat eine helle und eine dunkle Seite. Er kann freundlich wirken, etwa wenn Figuren aus List, Mut oder Liebesklugheit handeln. Er kann aber auch schonungslos sein, wenn Besitzgier, Heuchelei, intellektuelle Unredlichkeit oder gefährliche Selbsttäuschung sichtbar werden. Besonders hart ist die Kritik in Romeo und Julia auf dem Dorfe: Die Väter handeln lächerlich und zugleich zerstörerisch; ihre Besitzwut führt zur Tragödie.
Viele Stoffe hängen mit Kellers eigener Erfahrung zusammen, aber stark verwandelt. Der Artikel nennt etwa die Liebesenttäuschung in Pankraz, der Schmoller, Kellers Freischärler-Erfahrung in Frau Regel Amrain, die Auseinandersetzung mit dem Verleger in Spiegel, das Kätzchen und politische Erfahrungen im Verlornen Lachen. Der Humor erlaubt Keller, solche Lebensstoffe in erfundene Lebensläufe und Situationen zu verwandeln.
Realismus
Die Leute von Seldwyla wird dem poetischen Realismus zugeordnet. Realismus bedeutet hier nicht bloß eine fotografische Wiedergabe der Wirklichkeit, sondern eine dichterische Darstellung, die Wirklichkeit erkennt, auswählt und gestaltet. Keller selbst formuliert in der Vorbemerkung zu Romeo und Julia auf dem Dorfe, Dichter erfänden viel weniger, als man meine: Sie fänden Stoffe im wirklichen Menschenleben vor, wo sie sich immer wieder in neuer zeitlicher Verkleidung ereignen.
In der Forschung wurde unterschiedlich bewertet, wie realistisch der Zyklus ist. In der östlichen Germanistik galt besonders Teil I als Darstellung einer kleinstädtischen, halb ländlichen Welt, die vom Kapitalismus berührt wird. Keller wurde dort als kritischer „bürgerlicher Realist“ verstanden. Im Westen betonte man stärker die dichterische Einbildungskraft und das Überzeitliche und ordnete ihn als „poetischen Realisten“ ein; dadurch konnte die gesellschaftskritische Schärfe leichter in den Hintergrund treten.
Kellers Figuren sind meist „kleine Leute“ in einer Kleinstadt. Gerade an ihnen zeigt er große menschliche Themen: Liebe, Besitzgier, Selbsttäuschung, Arbeit, soziale Anerkennung, Moral, Politik und Glück. Dass er keine Könige, Feldherren und Helden braucht, sondern Seldwyler Bürger, Handwerker, Bauern, Händler, Geistliche und Liebende, gehört zum besonderen Charakter des Zyklus.