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Islam in Indien
Von den 1,2 Milliarden Einwohnern Indiens bei der letzten Volkszählung 2011 waren 79,8 % Hindus und 14,2 % Muslime. Nach Indonesien und vor Pakistan ist Indien …
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Bedeutung und historische Entwicklung
Der Islam ist in Indien nach dem Hinduismus die zweitgrößte Glaubensrichtung. Bei der Volkszählung 2011 waren 79,8 % der 1,2 Milliarden Einwohner Hindus und 14,2 % Muslime. Mit 172 Millionen Muslimen besaß Indien nach Indonesien und vor Pakistan die zweitgrößte islamische Gemeinschaft der Welt. Der Islam prägte Kultur, Gesellschaft und Politik Indiens, führte aber auch wiederholt zu Konflikten mit Hindus. Diese Gegensätze trugen wesentlich zur Teilung Britisch-Indiens 1947 in das überwiegend muslimische Pakistan und die überwiegend hinduistische Republik Indien bei.
Erste Kontakte entstanden während der islamischen Expansion. 664 führte Al Muhallab ibn Abi Suffrah den ersten Vorstoß nach Multan; 712 erreichten die umayyadischen Heere den Indus. Der letzte Vorstoß unter Muhammad ibn al-Qasim endete 738 mit einer Niederlage in der Schlacht von Rajasthan. Parallel entwickelten sich Handelsbeziehungen zwischen Arabern und Indern. Besonders an der Westküste und in Kerala traten erste Hindus zum Islam über; 642 wurde in Kasaragod eine erste Moschee errichtet. Im Binnenland erfolgte die Konversion zunächst durch Akkreszenz, also durch die schrittweise Aufnahme einzelner Gruppen in die muslimische Gemeinschaft.
Die 977 gegründete turkstämmige Dynastie der Ghaznawiden griff unter Mahmud von Ghazni (998–1030) in 17 Feldzügen das Industal an und setzte sich im Punjab fest. Neben Eroberung und Herrschaft entstanden kulturelle Kontakte, etwa am Hof mit dem Dichter Firdausi und dem Mathematiker Al Biruni. Die Ghuriden stürzten 1186 die Ghaznawiden. 1192 besiegte Muhammad von Ghur in der Schlacht von Taraori die Rajputen unter Prithviraj III. Chauhan und zog in Delhi ein. Nach seinem Tod 1206 behauptete Qutb-ud-Din Aibak, sein General und Statthalter, die Eroberungen; daraus entstand das Sultanat von Delhi.
Sultanat von Delhi und Mogulreich
Bis etwa 1230 kontrollierte das Sultanat von Delhi das Gebiet nördlich der Narmada, während im Süden unabhängige hinduistische Fürsten bestanden. Die Sultane förderten den Islam und organisierten ihre Herrschaft durch die Vergabe großer Lehen, der jagir, an verdiente Gefolgsleute. Kaufleute profitierten vom Handel, während Bauern und Handwerker oft in Armut lebten. Unter Ala ud-Din Khalji mussten sie beispielsweise die Hälfte ihrer Erträge als Steuern abliefern. Viele hinduistische Klöster und Tempel wurden aus religiösen Gründen zerstört, Schriften vernichtet und die Jizya, eine Steuer für Nichtmuslime, erhoben.
Sultan Muhammad bin Tughluq eroberte ab 1325 zwar den gesamten Subkontinent, überforderte damit aber die Ressourcen des Sultanats. 1338 entstand in Bengalen ein eigenes Sultanat, 1347 das Bahmani-Sultanat. Das hinduistische Reich Vijayanagar wurde zum mächtigen Gegner. Sultan Firuz III. versuchte ab 1351 mit Reformen, wirtschaftlicher Förderung und der Rücknahme besonders hindu-feindlicher Maßnahmen den Machtverlust aufzuhalten. Nach Timurs Einfall 1398 zerfiel die Herrschaft weiter; im frühen 15. Jahrhundert kontrollierten die Sultane kaum mehr als Delhi.
1526 besiegte Babur, ein Urenkel Timurs, den Sultan Ibrahim Lodi in der Ersten Schlacht bei Panipat mithilfe von Artillerie und begründete das Mogulreich. Es bestand als muslimischer Staat von 1526 bis 1858. Unter Humayun (1530–1556) wurde das Reich zeitweise durch Sher Khan und die Sur-Dynastie (1538–1555) verdrängt, 1555 eroberte Humayun es zurück. Akbar I. (1556–1605) gilt als Höhepunkt der Mogulherrschaft. Er besiegte 1556 die Hindus in der Zweiten Schlacht bei Panipat, hob 1564 Sondersteuern für Hindus auf, öffnete den Staatsdienst für Hindus und verkündete 1583 religiöse Toleranz. Seine Verwaltung beruhte stärker auf politischen als auf religiösen Gesichtspunkten.
Jahangir (1605–1627) setzte Akbars Toleranzpolitik fort. Unter Shah Jahan (1628–1657/9) wurde mit dem 1648 vollendeten Taj Mahal ein Höhepunkt islamischer Baukunst erreicht. Aurangzeb (1659–1707) wandte sich stärker dem Dekkan zu. Nach seinem Tod gewannen regionale Fürsten und europäische Kolonialmächte an Macht. 1788 wurde Delhi von Afghanen geplündert; 1858 setzten die Briten den Mogulkaiser nach dem Aufstand von 1857 endgültig ab.
Religiöse Strömungen im Mogulreich
Der Islam war im Mogulreich keine Mehrheitsreligion. Neben Muslimen lebten dort Hindus, Juden, Christen, Zoroastrier und Anhänger synkretistischer, also religiös gemischter Strömungen. Die Bhakti-Bewegung war auch für Muslime offen. Kabir verband um 1500 den islamischen Monotheismus mit der Lehre vom Karma.
Der Sufismus bezeichnet mystische Strömungen des Islam. Erste Sufis kamen im 11. Jahrhundert nach Nordwestindien. Der Chishtiyyaorden gelangte zu Beginn des 13. Jahrhunderts durch Chwaja Mu’in ad-Din Chishti (ca. 1142–1236) und Qutb ad-Din Bachtiyar Kaki († 1235) nach Indien. Die Chishtiyya sahen Gemeinschaft als Weg zum spirituellen Fortschritt, lebten in Armut, betrieben Armenküchen und leisteten Seelsorge. Musik und Poesie, besonders spirituelle Musik, unterstützten die Verbreitung ihrer Lehren. Später nahm der Orden auch hinduistische Elemente auf. Mit Babur kamen verstärkt Naqshbandis nach Indien, die während der Mogulzeit an Bedeutung gewannen. Im 20. Jahrhundert setzte sich Khwaja Hasan Nizami (1879–1955) am Nizamuddin-Schrein in Delhi für den Austausch zwischen Hindu- und Sufigelehrten ein.
Die Theosophie Ibn Arabis († 1240) lehrte die „Einheit allen Seins“. Danach haben alle Dinge Anteil am göttlichen Sein. Dieser ontologische Monismus, also die Auffassung, dass alle Wirklichkeit auf eine grundlegende Einheit zurückgeht, wurde im Mogulreich besonders in der Poesie aufgenommen. Er bot eine Orientierung für Verständigung mit anderen Religionen und konnte Grenzen zwischen Hinduismus und Islam abschwächen. Wie stark sich Sufismus und Hinduismus literarisch, philosophisch und in der Volksfrömmigkeit gegenseitig beeinflussten, ist umstritten.
In den islamischen Lehranstalten, den Madrasen, wurden zunächst vor allem religiöse Inhalte und Verwaltungsbeamte ausgebildet. Akbar ergänzte den Lehrplan teilweise um Astronomie, Mathematik, aristotelisch geprägte Philosophie, Logik, Geschichte und Geometrie. Unter persischem Einfluss entstand dadurch eine rational ausgerichtete Wissenschaft, die gemeinsame Ausbildung von Muslimen und Hindus ermöglichte. Die meisten Madrasen behielten jedoch ihre islamische Ausrichtung.
Schiitische und innerislamische Gruppen
Schiitische Gruppen kamen im 13. Jahrhundert mit den Mongolen aus dem Gebiet des heutigen Iran und Irak nach Nordindien; in Südindien bestanden seit der Mitte des 15. Jahrhunderts schiitische Gruppen und Gelehrte aus Persien. Die Zwölferschia, die größte Gruppe innerhalb des Schiitentums, gewann an Bedeutung, nachdem Shah Ismail der Safawide 1501 die Schia zur Staatsreligion Persiens gemacht hatte. Da der Sufismus in Persien verboten war und beide Strömungen häufig verbunden waren, wanderten viele schiitische Gelehrte nach Indien aus. Sie lehrten auch rationale Wissenschaften. Persische Dichter, Künstler und politische Kontakte stärkten den schiitischen Einfluss. Unter Akbar war das öffentliche Bekenntnis zur Schia nur kurzzeitig erlaubt; ansonsten war sie im Mogulreich formal verboten. Spannungen zwischen sunnitischem und schiitischem Adel, die durch ethnische Unterschiede verstärkt wurden, schwächten das Reich besonders im späten 17. Jahrhundert.
Die Mahdawiyya folgte Sayyid Muhammad Kazimi († 1505), der sich 1494 zum Mahdi erklärte. Die Mahdawis führten ein an der Scharia orientiertes Leben, lebten in Armut, halfen Armen und praktizierten meditatives Gottgedenken, waren aber keine Sufis. Seit dem 16. Jahrhundert wurden sie verfolgt; Splittergruppen überlebten bis heute.
Die Raushaniyya entstand im afghanischen Grenzgebiet unter Bayezid Ansari, dem Pir-i Raushan („Leuchtender Meister“, † 1575). Ihre Lehre ähnelte dem Sufismus, verband Fürsorge für Arme und meditatives Gottgedenken aber mit politischer Militanz und Nationalismus. Die Moguln eroberten das Gebiet erst 1600 endgültig und beseitigten die politische Bewegung.
Die Nuqtawis führten sich auf Mahmud Pkakhwani († 1428) zurück. Sie lehnten teilweise islamische Rituale und Glaubensformen ab, vertraten ein fortdauerndes Prophetentum und lehrten, alle Menschen und irdischen Wesen stammten aus einem Punkt Erde. Ihre Lehre nahm Elemente des Sufismus, der Schia und der Philosophie auf. Nach ihrem Einfluss an Akbars Hof verlor die Bewegung später an Bedeutung.
Seit dem frühen 17. Jahrhundert erstarkte als Gegenbewegung zum religiösen Ausgleich am Mogulhof der Rechtsschulen-Islam, besonders durch die Naqshbandis. Unter Aurangzeb verschärfte sich der Gegensatz zu Hindus: 1679 führte er die Hindu-Steuer wieder ein, ließ Tempel zerstören, Pilgerfeste verbieten und erklärte die Scharia zur Grundlage des Rechts. Dadurch entstanden Konflikte unter anderem mit Sikhs, Rajputen und Marathen. Diese Islamisierungspolitik blieb jedoch episodisch und wurde selbst von Aurangzeb politisch nicht vollständig durchgesetzt.
Britische Herrschaft und Unabhängigkeitsbewegung
Die Briten bauten ihre Herrschaft von Bengalen, Madras und Bombay aus. Die East India Company gewann im späten 18. Jahrhundert politische Macht und errichtete zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach der Auflösung alter Territorialreiche einen eigenen Staat. 1803 eroberte sie Delhi, 1818 besiegte sie die Marathen. Die Briten führten westliche Kultur und Technologie ein, verbesserten die Infrastruktur und schafften besonders harte Strafen, Witwenverbrennung und schließlich die Sklaverei ab. Zugleich wurden islamische Bildungseinrichtungen abgewertet. Das Macauley-Edikt von 1837 ersetzte Persisch durch Englisch als Amtssprache; die Stärkung des Urdu zeigte den Verlust der muslimischen Vormachtstellung.
Der Sepoy-Aufstand von 1857/58 wurde blutig niedergeschlagen. Muslime und Hindus beteiligten sich ebenso wie führende islamische Theologen. Danach übernahm die Britische Krone die Herrschaft von der East India Company; Königin Victoria nahm 1877 den Titel „Kaiserin von Indien“ an.
Im 19. Jahrhundert entstanden muslimische Reformbewegungen. Deoband wurde 1867 gegründet und verfolgte ebenso wie die 1864 entstandene Ahl-i-Hadith-Bewegung einen eher isolierten Ansatz; beide lehnten griechische Philosophie und westliche Naturwissenschaften ab, wobei Ahl-i Hadith den Rechtsschulen-Islam radikal ablehnte. Die Barelwi-Bewegung Ahmad Riza Khans grenzte sich strikt vom Hinduismus ab. Die Aligarh-Bewegung Sayyid Ahmad Khans wollte Islam, Naturwissenschaften und Kolonialmacht miteinander vereinbaren, wurde deshalb aber als kollaborierend kritisiert. Muhammad Iqbal trat für eine Reform des Idschtihad und die Vereinbarkeit von Islam und Naturwissenschaft ein. Khwaja Hasan Nizami befürwortete dagegen interreligiöse Zusammenarbeit und einen gemeinsamen unabhängigen Nationalstaat.
1885 gründeten Muslime und Hindus gemeinsam den Indischen Nationalkongress (INC). Wegen der hinduistischen Dominanz im INC entstand 1906 in Dhaka die Muslimliga, die seit 1916 von Ali Jinnah geführt wurde. Im Pakt von Lucknow forderten INC und Muslimliga 1916 gemeinsam Autonomie. Muslimische Politiker wie Abul Kalam Azad, Hakim Ajmal Khan, Khan Abdul Ghaffar Khan und andere unterstützten die Unabhängigkeitsbewegung; auch muslimische Frauen waren beteiligt. Nach dem Moplah-Aufstand von 1921, bei dem in Kerala mehrere Tausend Muslime und Hindus starben, verschärften sich die Gegensätze. 1940 forderte Jinnah in der Pakistan-Resolution einen eigenen muslimischen Staat und begründete dies mit der Zwei-Nationen-Theorie. Der Mountbattenplan führte am 15. August 1947 zur Unabhängigkeit und Teilung in Indien und Pakistan.
Muslime im unabhängigen Indien
Die Teilung löste Massaker und die Vertreibung mehrerer Millionen Menschen aus. Bis 1963 flohen rund 7,5 Millionen Muslime aus Indien nach Westpakistan und 5,5 Millionen Hindus von dort nach Indien. Für Ostpakistan werden 1,0 Millionen muslimische und 3,3 Millionen hinduistische Flüchtlinge genannt. Bis zu 750.000 Menschen starben vermutlich; die Zahlen sind daher als Schätzungen zu verstehen.
Kaschmir wurde zum bis heute umstrittenen Zankapfel. Nach dem Aufstand pro-pakistanischer Milizen gegen den pro-indischen Maharadscha begann der Erste Indisch-Pakistanische Krieg, der 1948 unter Vermittlung der UN mit einer Waffenstillstandslinie endete. Indien verleibte außerdem Hyderabad und Junagadh ein. Unter Ministerpräsident Jawaharlal Nehru sollte die säkulare Politik des INC die religiösen Konflikte beruhigen. Die Verfassung von 1950 garantierte religiöse Toleranz und Gleichberechtigung.
Die Lage der Muslime blieb dennoch häufig schwierig, da viele wohlhabendere Muslime nach Pakistan geflohen waren und ärmere Muslime in Indien Verdächtigungen und Übergriffen ausgesetzt waren. Gleichzeitig konnten Muslime in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kunst, Theater, Literatur, Sport und Bollywood erfolgreiche Positionen erreichen. Muslimische Staatspräsidenten waren Zakir Hussain (1967–1969), Fakhruddin Ali Ahmed (1974–1977) und A. P. J. Abdul Kalam (2002–2007). Für Muslime bestehen eigene familienrechtliche Regelungen zur islamischen Ehe.
Weitere Kriege mit Pakistan folgten 1965 und 1971; 1971 entstand mit indischer Unterstützung Bangladesch. In den 1990er Jahren eskalierten die hindu-muslimischen Konflikte erneut. Am 6. Dezember 1992 zerstörte ein Hindu-Mob die Moschee von Ayodhya, die nach der Überlieferung 1528 von Babur auf den Ruinen eines Hindu-Tempels errichtet worden war. Die anschließenden Auseinandersetzungen forderten Tausende Todesopfer. 2002 folgten nach dem Überfall auf einen Zug mit Hindu-Pilgern Massaker hinduistischer Fanatiker an Muslimen in Gujarat. Der Gegensatz zwischen Muslimen und Hindus sowie zwischen Indien und Pakistan blieb damit virulent.
Seit der Unabhängigkeit entstand keine einheitliche landesweite muslimische Partei. Die Muslimliga war wegen ihrer Unterstützung Pakistans diskreditiert; das Mehrheitswahlrecht erschwert muslimische Parteien, da Muslime außer in Jammu und Kashmir sowie Lakshadweep in keinem Bundesstaat die Mehrheit bilden. Regionale Parteien sind die Indian Union Muslim League in Kerala und die All India Majlis-e-Ittehadul Muslimeen im Raum Hyderabad. Traditionell wählten Muslime häufig den religionsneutralen INC; seit den 1990er Jahren unterstützen sie je nach Region auch SP, BSP, RJD, JKNC, JKPDP oder in Assam die 2005 gegründete AIUDF.