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Denis Diderot

... Determinismus und Willensfreiheit sowie zur Kritik an der Religion. In seinen Werken wird eine deutliche Entwicklung von einer theistischen über eine …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Grundideen
  2. 2. Leben und Zeit
  3. 3. Encyclopédie und Zensur
  4. 4. Philosophie, Natur und Politik
  5. 5. Literatur, Theater und Kunst
  6. 6. Reise, Tod und Nachwirkung

Bedeutung und Grundideen

Denis Diderot (* 5. Oktober 1713 in Langres; † 31. Juli 1784 in Paris) war ein französischer Schriftsteller, Übersetzer, Philosoph, Aufklärer, Literatur- und Kunsttheoretiker sowie Kunstagent der russischen Zarin Katharina II. Besonders wichtig wurde er als einer der Hauptorganisatoren und Autoren der großen französischen Encyclopédie. Zusammen mit Jean-Baptiste le Rond d’Alembert gab er dieses Werk heraus und schrieb als Enzyklopädist etwa 6000 von insgesamt 72.000 Artikeln.

Diderot gilt als einer der vielseitigsten Autoren des 18. Jahrhunderts und als wichtiger Wegbereiter der Französischen Revolution. Seine Texte griffen zentrale Fragen der Aufklärung auf: die Selbstbestimmung des Menschen, das Verhältnis von Körper und Seele, den Gegensatz von Determinismus und Willensfreiheit sowie Kritik an Religion, Aberglauben und kirchlicher Deutungshoheit.

In seiner Entwicklung bewegte sich Diderot von einer theistischen über eine deistische zu einer atheistischen Haltung. Seine Philosophie wird dem Sensualismus zugeordnet: Erkenntnis beginnt für ihn bei Sinneseindrücken und Wahrnehmungen. Zugleich entwickelte er eine materialistische Sicht, nach der Natur und Mensch aus Materie erklärbar sind, ohne eine übernatürliche Ursache vorauszusetzen. Zwischen 1754 und 1765 formulierte er die Lehre einer universellen Sensibilität (sensibilité universelle), also die Vorstellung, dass Materie selbst ein Potenzial zur Empfindung und Entwicklung in sich trage.

Leben und Zeit

Diderot wuchs in Langres als Sohn des wohlhabenden Messerschmiedemeisters Didier Diderot und Angélique Vigneron auf. Seit seinem zwölften Lebensjahr sollte er auf das Priesteramt vorbereitet werden; 1726 erhielt er die Tonsur und durfte sich Abbé nennen. In Paris studierte er am Lycée Louis-le-Grand und am Collège d’Harcourt, schloss 1732 als Magister artium und 1735 als Bakkalaureus ab, begann aber kein eigentliches Theologiestudium.

In den Pariser Anfangsjahren lebte er zeitweise in großer Geldnot, arbeitete als Hauslehrer, Übersetzer und Autor von Auftragsarbeiten. Er lernte Englisch und übersetzte unter anderem Werke von Temple Stanyan, Robert James und Shaftesbury. In dieser Zeit knüpfte er wichtige Kontakte zu Intellektuellen wie d’Alembert, Condillac, Melchior Grimm und Jean-Jacques Rousseau.

1743 heiratete Diderot heimlich Anne-Antoinette Champion, genannt Nanette, gegen den Willen seines Vaters. Von ihren vier Kindern überlebte nur Marie-Angélique. Neben seiner Ehe führte Diderot weitere Beziehungen, besonders bedeutsam war seine lebenslange Freundschaft und Liebesbeziehung zu Sophie Volland, mit der er einen intensiven Briefwechsel führte.

Diderots Denken entstand vor dem Hintergrund des Ancien Régime, also der vorrevolutionären französischen Gesellschaft. Wirtschaft, Bürgertum, Lesekultur, Salons und Cafés veränderten das geistige Leben. Diderot stellte im Enzyklopädieartikel Autorité politique von 1751 das Gottesgnadentum und die naturrechtliche Ableitung monarchischer Autorität in Frage. Anfangs hoffte er noch auf aufgeklärten Absolutismus, gab diese Hoffnung aber im Wesentlichen zwischen 1770 und 1774 auf.

Encyclopédie und Zensur

Die Encyclopédie entstand ursprünglich aus dem Plan, Ephraim Chambers’ englische Cyclopaedia von 1728 ins Französische zu übersetzen. Der Verleger André-François Le Breton erhielt 1745 ein königliches Druckprivileg. 1747 übernahm Diderot die Leitung des Projekts, zunächst gemeinsam mit d’Alembert. Aus einer Übersetzung wurde unter Diderots Leitung eine umfassende Sammlung des Wissens seiner Zeit.

Das Werk sollte Wissenschaften, freie Künste und mechanische Künste, also Handwerk und Technik, erklären. Wichtig waren genaue Begriffe, Querverweise und Abbildungen. Besonders neu war, dass handwerkliches Können nicht als minderwertig galt, sondern als Wissen beschrieben und sichtbar gemacht wurde. Diderot führte Gespräche mit Handwerkern, um Arbeitsweisen und Werkzeuge genau darzustellen.

Die Encyclopédie war politisch und religiös umstritten. Diderot wurde am 24. Juli 1749 wegen religionskritischer Schriften verhaftet und in Vincennes festgehalten; am 3. November 1749 wurde er entlassen, nachdem er zugesichert hatte, keine blasphemischen Schriften mehr zu veröffentlichen. Diese Erfahrung machte ihn vorsichtiger. Viele seiner Werke blieben zunächst unveröffentlicht.

Trotz Verboten, Zensur und Angriffen durch Jesuiten, Sorbonne und kirchliche Stellen erschien die Encyclopédie weiter, auch dank Unterstützern wie Madame de Pompadour und dem Chefzensor Malesherbes. Diderot schrieb mehr als 3000 Artikel und widmete dem Projekt rund 20 Jahre. Die erste große Ausgabe umfasste 17 Textbände mit Artikeln und elf Bände mit Abbildungen; insgesamt werden 18.000 Seiten Text, 75.000 Einträge und etwa 20 Millionen Wörter genannt.

Philosophie, Natur und Politik

Diderot baute kein geschlossenes philosophisches System auf. Er lehnte dogmatisches Denken ab und entwickelte seine Gedanken oft in Essays, Briefen, Dialogen, Träumen und Paradoxien. Trotzdem lassen sich Grundlinien erkennen: Erkenntnis entsteht aus Beobachtung, Reflexion und Experiment. Wahrnehmungen wirken auf den Verstand; dieser arbeitet mit Gedächtnis, Vernunft und Einbildungskraft.

In den Pensées sur l’interprétation de la nature von 1754 vertrat Diderot eine experimentelle Methode der Naturerkenntnis. Hypothesen sollten auf Beobachtung beruhen und durch Experimente geprüft werden. Er wandte sich gegen rein mathematische oder rein rationale Naturerklärungen. Naturwissenschaften fragen für ihn weniger nach dem Warum als nach dem Wie.

Diderots späteres Denken ist materialistisch und monistisch: Alles gehört zu einer einzigen Natur aus Materie. In Le Rêve de D’Alembert von 1769 und den Éléments de physiologie von 1773–1774 untersuchte er den Übergang von unbelebter zu belebter Materie. Mit sensibilité universelle meinte er eine allgemeine Empfindungsfähigkeit oder Empfindungspotenz der Materie. Leben entsteht bei ihm aus der Organisation und Kombination sensibler Materieteile, nicht durch eine göttliche Schöpfung.

Politisch kritisierte Diderot uneingeschränkte Herrschaft. In Autorité politique bestritt er das Gottesgnadentum der Könige. Herrschaft müsse durch Zustimmung der Untertanen abgesichert sein. Später wurde er immer skeptischer gegenüber aufgeklärten Monarchen, besonders gegenüber Friedrich II. von Preußen und auch gegenüber Katharina II., obwohl er mit ihr in Kontakt stand. In seinen Russland-Schriften forderte er Glück und Freiheit als Ziele der Gesellschaft, kritisierte die absolute Monarchie, verlangte die Beseitigung der Leibeigenschaft und ein Ende kirchlicher politischer Macht. An der Histoire des deux Indes wirkte er als kolonialkritischer Autor mit; das Werk richtete sich gegen Sklaverei, Kolonialismus, politische Bevormundung und Despotie.

Literatur, Theater und Kunst

Diderot war nicht nur Philosoph, sondern auch Romancier, Dramatiker und Kunstkritiker. Viele seiner erzählerischen Werke erschienen erst nach seinem Tod. La religieuse beschreibt den Leidensweg einer unfreiwilligen Nonne und kritisiert kirchliche Zwangsstrukturen. Jacques le fataliste et son maître erzählt eine Reise und behandelt Fragen von Determinismus und Willensfreiheit. Le Neveu de Rameau ist ein experimenteller Dialog, der gesellschaftliche Rollen, Moral und Widersprüche der Aufklärung sichtbar macht.

Für das Theater entwickelte Diderot das bürgerliche Trauerspiel, das drame bourgeois oder genre sérieux. Es sollte weder klassische Tragödie noch reine Komödie sein, sondern alltägliche bürgerliche Konflikte in Prosa darstellen. Wichtige Stücke sind Le Fils naturel (1757) und Le Père de famille (1758). In seinen theoretischen Schriften forderte er natürliche Sprache, realistische Details und Figuren, deren soziale Rolle und innerer Konflikt erkennbar werden.

In Paradoxe sur le comédien vertrat Diderot die Auffassung, dass ein großer Schauspieler nicht von echter persönlicher Empfindung überwältigt sein dürfe. Er müsse kühl beobachten, planen und die Rolle kontrolliert nachahmen. Gerade dadurch könne er beim Publikum starke Gefühle auslösen.

Als Kunstkritiker schrieb Diderot zwischen 1759 und 1781 neun Salonberichte für Grimms Correspondance littéraire, philosophique et critique. Er beschrieb Gemälde nicht nur technisch, sondern auch nach ihrer Wirkung auf den Betrachter. Für ihn war Schönheit keine absolute Eigenschaft, sondern entstand in wahrgenommenen Beziehungen (rapports) zwischen Teilen, Ganzem und Betrachter. Als Kunstagent Katharinas II. vermittelte er unter anderem 1772 den Verkauf der Sammlung Crozat nach Sankt Petersburg, wodurch bedeutende Werke in die spätere Eremitage gelangten.

Reise, Tod und Nachwirkung

1773 reiste Diderot nach Sankt Petersburg, nachdem Katharina II. ihn schon 1762 nach Russland eingeladen hatte. Am 11. Juni 1773 verließ er Paris, erreichte am 8. Oktober 1773 den Zarensitz und wurde dort regelmäßig von der Zarin empfangen. Er führte mit ihr Gespräche über Reformen, Rechtsprechung und Bildung, konnte die Verhältnisse im Russischen Reich aber nur begrenzt aus eigener Anschauung kennenlernen. Auf ihren Auftrag hin entwarf er den Plan d’une université pour le gouvernement de Russie, einen Plan für ein öffentliches Bildungswesen.

Nach seiner Rückkehr verschlechterte sich Diderots Gesundheit. Er litt an Herz- und Kreislaufproblemen, geschwollenen Beinen und Kurzatmigkeit. 1784 starben seine langjährige Freundin Sophie Volland und seine Enkelin Marie Anne. Diderot starb am 31. Juli 1784 in Paris beim Mittagessen. Er wurde in der Kirche St-Roch beigesetzt; während der Französischen Revolution wurden Grab und Überreste 1796 zerstört.

Viele wichtige Werke Diderots wurden erst nach seinem Tod allgemein bekannt. Jacques-André Naigeon veröffentlichte 1798 eine unvollständige Werkausgabe. Später folgten weitere Ausgaben, und 1948 fand Herbert Dieckmann neues Material aus dem Fonds Vandeul. In Deutschland wurde Diderot früh geschätzt: Lessing übersetzte und würdigte seine Theaterstücke, Goethe übersetzte Le Neveu de Rameau, Hegel bezog sich auf diesen Dialog, und Marx nannte Diderot seinen bevorzugten Prosaautor. Im 20. Jahrhundert beschäftigten sich unter anderem Bernhard Groethuysen, Ernst Cassirer, Henri Lefebvre und Werner Krauss mit ihm. Diderots Bedeutung liegt vor allem in seiner Verbindung von Aufklärung, Religionskritik, Materialismus, Wissensorganisation, Literatur, Theater- und Kunsttheorie.

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