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Kim (Roman)
Kim ist ein Roman des britischen Schriftstellers Rudyard Kipling aus dem Jahr 1901. Der Roman gilt als sein „wahrscheinlich bestes Werk“ und „Kiplings …
Inhalt5 Abschnitte
Roman, Handlung und Figuren
Kim ist ein Roman von Rudyard Kipling aus dem Jahr 1901. Er spielt im Britisch-Indien um 1880, vor dem Hintergrund des Great Game, der Konkurrenz Russlands und Großbritanniens um Einfluss in Zentralasien. Die Hauptfigur Kimball „Kim“ O’Hara ist der Sohn eines irischen Soldaten, wächst nach dem Tod seiner Eltern jedoch im Slum von Lahore auf und ist sprachlich und kulturell stark in Indien verwurzelt.
Kim verdient sich sein Geld mit Botengängen und Betteln. Er kennt den Pferdehändler Mahbub Ali, der zugleich für den britischen Geheimdienst arbeitet. Vor dem Museum von Lahore begegnet Kim einem tibetischen Lama aus Such-zen. Dieser sucht den Fluss des Pfeils, dessen Wasser vom Rad des Lebens, dem Kreislauf der Wiedergeburten, befreien soll. Kim wird sein Chela, also sein Schüler, und begleitet ihn durch Nordindien.
Kims Amulett enthält seine Geburtsurkunde und Unterlagen über die Zugehörigkeit seines Vaters zu einem irischen Regiment. Als Kim auf der Grand Trunk Road die Fahne dieses Regiments sieht – einen roten Stier auf grünem Grund –, wird seine Herkunft erkannt. Er kommt auf die katholische Schule St. Xavier in Lucknow. Dort lernt er Schreiben, Rechnen und Vermessungswesen; später soll er als Landvermesser für den National Survey und den Geheimdienst arbeiten.
In den Ferien unterweist ihn der Juwelenhändler und Spion Lurgan Sahib in Verkleidung und Beobachtung. Nach drei Jahren verfolgt Kim gemeinsam mit dem bengalischen Spion Hurree Babu zwei russische Spione im Himalaya und kann ihre Papiere sichern. Der Lama wird dabei verletzt, erholt sich aber mit Kims Hilfe. Am Ende steigt der Lama in einen Fluss, betrachtet sich als erleuchtet und hofft, dass Kim ebenfalls den Weg der Erleuchtung findet.
Aufbau und Erzählweise
Der Roman besteht aus 15 meist etwa zwanzig Druckseiten langen Kapiteln. Die Handlung gliedert sich ungefähr in drei Teile: Kims erste Reise mit dem Lama auf der Grand Trunk Road, seine dreijährige Schul- und Geheimdienstausbildung in Lucknow sowie die Pilgerfahrt im Himalaya, die zugleich sein erster Geheimdienstauftrag ist.
Die erzählte Zeit reicht von Kims dreizehntem bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr und liegt historisch am Ende der 1870er Jahre. Anfangs werden einzelne Tage der gemeinsamen Wanderung genau geschildert. Mit Kims Schulzeit wird das Tempo schneller: Tage, Monate und Jahre werden zunehmend zusammengefasst. Die auktoriale, also über dem Geschehen stehende Erzählstimme folgt meist Kims Blick und schildert auch Gedanken wichtiger Figuren.
Jedes Kapitel beginnt mit einem Vers aus einem Gedicht Kiplings. Diese Motti verweisen auf Themen wie Respekt gegenüber Menschen, Tieren und Religionen, die Ablehnung von Stolz, moralisches Streben oder Kims doppelte Identität. Die Handlung ist vor allem chronologisch und episodisch verknüpft, nicht streng durch Ursache und Wirkung. Als wichtiges Zentrum gilt deshalb die Freundschaft zwischen dem praktischen, gewitzten Kim und dem spirituell suchenden Lama. Der Roman verbindet Elemente von Abenteuerroman, Bildungsroman, Heldenreise und Spionagegeschichte; zugleich zeigt er ein breites Panorama des Lebens in Nordindien.
Identität, Lama und Befreiung
Ein zentraler Deutungsansatz des Artikels ist das Kim-Konzept. Kim wird häufig als „Freund aller Welt“ bezeichnet. Diese Formel steht für seine Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen: Er ist irischer Herkunft, wächst in indischer Umgebung auf, spricht Hindustani besser als Englisch und bewegt sich zwischen Religionen, Kasten und sozialen Schichten. Seine Rollen als Chela, Schüler und Spion verändern ihn nach dieser Lesart weniger, als dass sie vorhandene Fähigkeiten entfalten.
Der Artikel deutet Kim daher als Figur eines inklusiven Humanismus: Er soll Gegensätze zwischen Orient und Okzident, Hindus und Moslems, Christen und Buddhisten sowie hohen und niedrigen Kasten überbrücken. Dem steht die britische Erwartung entgegen, Kim solle dem Empire exklusiv loyal dienen. Kim selbst fragt wiederholt nach seiner Identität, etwa: „Was ist Kim? […] Was bin ich? […] Wer ist Kim – Kim – Kim?“
Der Lama ergänzt dieses Konzept auf ethischer Ebene. Er wendet sich gegen Gewalt, Krieg, Rache, Stolz, Gier, Hass sowie gegen Trennungen durch Kasten und Religionen. Das Rad des Lebens erscheint im Roman 36-mal. In seiner Mitte stehen Schwein für Dummheit, Tauben für Gier und Wollust sowie Schlange für Zorn und Hass. Der Artikel betont, dass der Lama Religion eher als weltliche Ethik auffasse: Er bete keinen Gott an und werde sogar als „agnostisch“ beschrieben.
Kim und der Lama helfen einander. Kim unterstützt den alten Mönch beim Reisen, Betteln und bei der Orientierung; der Lama bezahlt Kims Schulgeld und beeinflusst seine Moral. Der Kanonenritt am Anfang des Romans – Kim sitzt auf der Zam-Zammah-Kanone – wird im Artikel symbolisch als Überwindung konkurrierender Macht, von Kastenordnung und Kolonialsystem gelesen. Auch die Suche nach dem Fluss des Pfeils wird als Bild einer möglichen Befreiung verstanden. Diese sozialrevolutionäre Deutung ist eine Interpretation des Artikels, nicht die einzige mögliche Lesart des Romans.
Koloniale Gesellschaft und Großes Spiel
Der Roman zeigt die Gesellschaft Britisch-Indiens als von britischer Kolonialherrschaft, lokalen Fürsten, Großgrundbesitzern und Kastenhierarchien geprägt. Der Artikel beschreibt die britische Herrschaft als indirekte Herrschaft: Lokale Eliten und Kasteneliten vermittelten zwischen Kolonialstaat und Bevölkerung und behielten dabei einen Teil ihrer Macht. Genannt werden steigende Steuern, Armut, Gewalt bei der Eintreibung und die Diskriminierung von Frauen und Menschen niedriger sozialer Stellung.
Zugleich nennt der Artikel von den Briten angestoßene Veränderungen wie systematische Landvermessung, den Ausbau der Grand Trunk Road, Kanäle und Eisenbahnen, die Vereinheitlichung des Münzwesens, Colleges, Universitäten und Zeitungen. Diese Darstellung ist selbst umstritten: Postkoloniale Kritik beanstandet, dass solche Modernisierungen im Roman die britische Herrschaft indirekt rechtfertigen könnten und Folgen wie koloniale Ausbeutung oder menschliche Opfer nicht ausreichend sichtbar machten.
Die Spionagehandlung gehört zum Great Game. Kim wird für den britischen Geheimdienst ausgebildet und wirkt gegen russische Spione. Nach dem Artikel bleibt diese Handlung gegenüber Kims und des Lamas ethischer Suche eher zweitrangig. Im Roman begegnen zahlreiche ethnische und religiöse Gruppen einander mit Alltagsstereotypen. Der Artikel hebt hervor, dass auch englische Figuren und die englischen Mitschüler Kims abwertende Bezeichnungen verwenden und dass Kim solche Beschimpfungen verachtet. Damit wird die Darstellung ethnischer Stereotype nicht nur britischen Figuren zugeschrieben.
Literarische Einordnung, Kritik und Verfilmungen
Kim zählt zur anglo-indischen Literatur, also zu englischsprachiger Literatur britischer Autoren über Indien, und gilt als Klassiker der britisch-indischen Literatur. Der Roman wird für seine detaillierte Darstellung von Geografie und Gesellschaft Nordindiens hervorgehoben. Er beeinflusste nach dem Artikel spätere indische Autoren besonders beim Thema Identität und beim Stil eines Englischen mit Indianismen. Das bei Lurgan geübte Gedächtnisspiel, bei dem Kim Größe und Farbe von Edelsteinen merken muss, ist als Kims Spiel bekannt.
Die Bewertung von Kiplings Kolonialismus ist stark umstritten. Edward Said nannte Kim ein „Meisterwerk des Imperialismus“: literarisch hochwertig, aber zugleich von einer imperialistischen Weltsicht geprägt. Weitere postkoloniale Kritiker sehen in der Darstellung von Eisenbahnen, Wissenschaft, britischen Spionen und indischen Figuren eine subtile Behauptung westlicher Überlegenheit. Andere im Artikel dargestellte Positionen betonen dagegen Kims Kritik an Ausgrenzung, die Rolle lokaler Kollaboration mit der Kolonialherrschaft und die historische Tatsache, dass sich eine breite indische Unabhängigkeitsbewegung erst nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte. Der Artikel stellt diese Deutungen nebeneinander.
Der Stoff wurde 1950 als Kim – Geheimdienst in Indien verfilmt; Regie führte Victor Saville, Kim spielte Dean Stockwell, Mahbub Ali Errol Flynn. Eine weitere Fernsehfassung entstand 1984, unter anderem mit Ravi Sheth als Kim und Peter O’Toole als Lama.