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Kerygmatische Theologie
Die Kerygmatische Theologie unterstellt alles theologische und auch orthodoxe Denken dem Kriterium der Verkündigung. Die Verkündigung ist in der Bibel …
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Grundidee und Merkmale
Die Kerygmatische Theologie, auch Verkündigungstheologie, stellt den Gehalt der christlichen Botschaft dar, also des Evangeliums. „Kerygma“ bedeutet dabei Verkündigung oder Botschaft. Im Zentrum steht die Frage, wie die christliche Botschaft so verstanden und weitergegeben wird, dass ihr Kern erhalten bleibt.
Ein wichtiges Merkmal ist die Betonung der unveränderlichen Wahrheit des Kerygmas gegenüber Forderungen, die aus einer bestimmten geschichtlichen Situation, aus gesellschaftlichen Umständen oder aus dem jeweiligen Zeitgeist entstehen. Dadurch richtet sich die Kerygmatische Theologie oft gegen eine Anpassung des Glaubens an zeitgenössische Strömungen, etwa im Gegensatz zum religiösen Nationalismus der „Deutschen Christen“.
Sie stellt alles theologische und auch orthodoxe Denken unter das Kriterium der Verkündigung. Die Verkündigung ist in der Bibel enthalten, ist aber nicht einfach mit der Bibel identisch. Sie gilt als Ausdruck der klassischen Überlieferung der christlichen Theologie.
Nach Joseph Jungmann soll die Verkündigung das Christentum aus einem bloßen „Gewohnheitschristentum“ wieder zum eigentlichen Kern des Glaubens zurückführen. Damit wird besonders die Heilsdimension des christlichen Glaubens betont. In der Theologie soll deshalb zwischen Wissenschaft und Verkündigung unterschieden werden; beide Bereiche bleiben aber aufeinander bezogen.
Protestantischer Ursprung und Entwicklung
In der protestantischen Kirche kann der Anfang der kerygmatischen Theologie bei Martin Kähler gesehen werden. Er hielt 1892 vor der Wupperthaler Pastoralkonferenz den Vortrag „Der sogenannte historische Jesus und der geschichtliche, biblische Christus“. Darin wandte er sich gegen historischen Skeptizismus und gegen wechselnde Moden der Leben-Jesu-Forschung.
Kähler kritisierte besonders den Versuch, das Werden Christi durch eine historische Biographie zu erklären. Für ihn hatten die Evangelien einen kerygmatischen Charakter: Sie wollten nicht einfach vergangenes Geschehen protokollartig überliefern, sondern Christus als Gegenstand der Verkündigung bezeugen.
Nach dem 1. Weltkrieg entstand die formgeschichtliche Methode, die biblische Texte nach ihren Formen und Funktionen untersucht. Ihre theologische Bedeutung konnte durch die Kerygmatheologie erschlossen werden, weil diese einen Ansatz bot, der mit der kritischen Haltung vieler Theologen jener Zeit vereinbar war. Besonders einflussreich war Rudolf Bultmann. Während Kähler noch auf die Geschichte Jesu Bezug nahm, war für Bultmann in seiner konsequenten Kerygmatheologie nur entscheidend, dass der irdische Jesus überhaupt historisch gewesen ist. Er sah eine radikale Diskontinuität zwischen den Worten und Taten Jesu einerseits und der nachösterlichen Verkündigung Christi andererseits.
Luther, Calvin und Barth
Als wichtige Beispiele kerygmatischer Theologie gelten die Reformatorische Theologie von Martin Luther (1483–1546) und Johannes Calvin (1509–1564) sowie die Neureformatorische Theologie Karl Barths (1886–1968) und seiner Schule.
Paul Tillich betonte, dass es nicht ganz zutreffend sei, Luther „orthodox“ und Barth „neuorthodox“ zu nennen. Zwar seien beide in Gefahr gewesen, orthodox zu werden, doch hätten sie dies nicht gewollt. Tillich zufolge ging es beiden darum, die ewige Botschaft in Bibel und Tradition wiederzuentdecken und sie einer entstellten Tradition sowie einem mechanischen Missbrauch der Bibel entgegenzusetzen.
Luther kritisierte die Haltung des Vatikans, besonders Vorstellungen von Heilsstufen und der Vermittlung von Glaubensinhalten. Dagegen stellte er die unveränderliche Wahrheit des Kerygmas. Er betonte die biblischen Kategorien „Gnade“ und „Gericht“, entdeckte die paulinische Botschaft neu und wies auf die unterschiedlichen „Werte“ der biblischen Bücher hin.
Barth kritisierte die neuprotestantisch-bürgerliche Verbindung von modernem Denken seiner Zeit mit der christlichen Botschaft. Dem stellte er das christliche Paradox entgegen, verbunden mit seiner Interpretation des Römerbriefs und seiner radikalen Distanzierung von liberaler Theologie und historisch-kritischer Methode.
Luther und Barth verbindet, dass sie die ewige Wahrheit des Kerygmas den Forderungen der jeweiligen menschlichen Situation gegenüberstellten. Dadurch entstand in ihrer Zeit eine „prophetische, im Tiefsten erschütternde und umwandelnde Gewalt“.
Paul Tillichs Unterscheidung
Paul Tillich (1886–1965) unterschied zwischen Philosophischer Theologie und Kerygmatischer Theologie. Der Begriff „philosophische Theologie“ bedeutet bei ihm nicht „natürliche Theologie“ oder „philosophische Gotteslehre“. Gemeint ist eine Theologie, die auf dem Kerygma basiert, den Inhalt dieser Botschaft aber im engen Wechselverhältnis zur Philosophie begründet.
Kerygmatische Theologie bedeutet bei Tillich dagegen den Versuch, den Gehalt der christlichen Botschaft systematisch und geordnet darzustellen, ohne die Philosophie einzubeziehen.
Tillich betonte aber zugleich, dass philosophische und kerygmatische Theologie einander brauchen. Die Kerygmatische Theologie müsse philosophische Methoden und Begriffe verwenden, weil sie ohne ontologische Begrifflichkeit nicht auskomme. „Ontologisch“ bezieht sich auf Fragen nach dem Sein. Ohne solche Begriffe wäre sie laut Tillich keine „Theo-logie“: Der erste Wortteil verweist auf das Kerygma, in dem Gott sich offenbart; der zweite Wortteil verweist auf die menschliche Vernunft, die diese Botschaft empfangen und auslegen kann.
Katholische Verkündigungstheologie
In Teilen der katholischen Kirche wurde in den 1930er Jahren kritisiert, die Theologie sei erfahrungsarm geworden und ihr Bezug zur praktischen kirchlichen Verkündigung sei kaum noch erkennbar. Daraus entstand im deutschsprachigen Raum die „Kerygmatische Theologie“ oder „Verkündigungstheologie“ innerhalb der katholischen Kirche. Sie sollte zwischen dem Kerygma des Christentums und den Bedürfnissen des Menschen der Gegenwart vermitteln und dabei die scholastische Theologie ausschalten.
Josef Andreas Jungmann (1889–1975) legte mit seinem 1936 erschienenen Buch „Die Frohbotschaft und unsere Glaubensverkündigung“ den Grundstein dieser Richtung. Er gilt als Vater der Innsbrucker Verkündigungstheologie. Sein Ziel war eine Antwort auf ein Christentum, das er als „Gewohnheitschristentum“ empfand und das durch erneute Verkündigung zum wesentlichen Kern des Glaubens zurückgeführt werden sollte.
Auch Hugo Rahner (1900–1968) setzte sich mit anderen Theologen, darunter Karl Rahner (1904–1984), für eine Theologie ein, die ganz im Dienst der Verkündigung steht. Hugo Rahner veröffentlichte seine Grundgedanken 1939 in „Eine Theologie der Verkündigung“. Weitere Vertreter waren unter anderem Romano Guardini (1885–1968) und Franz Xaver Arnold (1898–1969), die die Katechetik in ihrer ursprünglichen Form stärken wollten.
Karl Rahner stellte seine gesamte Theologie so stark in den Dienst der Verkündigung, dass bei ihm die klare Trennung zwischen Schul- und Verkündigungstheologie aufgehoben wurde. Damit legte er den Grundstein für eine neue anthropozentrische Theologie, also eine Theologie „von unten“, die beim Menschen ansetzt. Dieser Subjektivismus und Anthropozentrismus wurden von Papst Pius XII. (1876–1958) und dem Heiligen Offizium, der Kongregation für die Glaubenslehre, deutlich kritisiert.
Diese katholische Ausprägung wird unterschiedlich bewertet: Positiv gilt, dass sie versuchte, die Neuscholastik zu überwinden. Kritisiert wird, dass sie die zwei theologischen Bereiche trennen wollte.
Kerygma-Theorie
In der kritischen Auseinandersetzung mit der kerygmatischen Theologie wird gelegentlich der Begriff Kerygma-Theorie verwendet. Dabei geht es darum, vom Kerygma als Kern der Theologie auf notwendige Bedingungen zu schließen.
Ein Beispiel ist die Annahme, dass Predigten über die Passion Christi, also über das Leiden Christi, bereits die Existenz einer geschlossenen Leidensgeschichte vor der Niederschrift der Evangelien vorausgesetzt hätten. Diese Annahme wird auf „alle kerygmatischen Formulierungen“ gestützt.
Ebenfalls zur Kerygma-Theorie kann die Annahme gerechnet werden, Theologiegeschichte lasse sich vom Ausgangspunkt der Bekenntnisformeln, also Formeln nach Art des Credo, rekonstruieren.