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Katechismusdebatte
Katechismusdebatte. Debatte um den Stellenwert des Holocausts in der Erinnerungskultur in Deutschland. Artikel · Diskussion.
Inhalt6 Abschnitte
Kern der Debatte
Die Katechismusdebatte ist eine Auseinandersetzung über den Stellenwert des Holocausts in der deutschen Erinnerungskultur. Sie wird häufig mit dem Gedenken an koloniale Verbrechen verbunden und in Medien auch als „Zweiter Historikerstreit“ oder „Historikerstreit 2.0“ bezeichnet. Ausgelöst wurde sie vor allem durch einen Artikel des australischen Genozidforschers Anthony Dirk Moses vom 23. Mai 2021 im Online-Magazin Geschichte der Gegenwart.
Moses behauptete, die deutsche Erinnerungskultur funktioniere wie ein religiöser Katechismus: Sie bestehe aus festen Glaubenssätzen, deren Widerspruch als Häresie behandelt werde. Die Debatte knüpfte an ältere Streitfragen an, etwa zur deutschen Erinnerungskultur, zur Antisemitismusdebatte um Achille Mbembe, zur Rückgabe kolonialer Kunstgegenstände, zur Anerkennung des Völkermords an den Herero und Nama, zum BDS-Beschluss des Bundestags vom 17. Mai 2019 und zu Michael Rothbergs Buch Multidirektionale Erinnerung.
Die Bezeichnung als zweiter Historikerstreit ist umstritten. Jürgen Habermas verwendete sie, Dirk Moses und Jürgen Zimmerer lehnten sie ab. Dan Diner sah eine Gemeinsamkeit mit dem Historikerstreit von 1986 in der „Argumentationsfigur der Ursprünglichkeit“: Damals sei bei Ernst Nolte die Frage nach dem Verhältnis von Gulag und Holocaust zentral gewesen, nun gehe es bei postkolonialen Ansätzen um das Verhältnis kolonialer Genozide zum Holocaust. Unterschiede zum Historikerstreit von 1986 werden unter anderem in der größeren kulturellen Bandbreite, Globalität und geschlechtlichen Vielfalt der Beteiligten gesehen.
Moses’ Kritik
Moses beschreibt einen fünfteiligen „Katechismus der Deutschen“. Erstens gelte der Holocaust als einzigartig, weil dort Vernichtung nur um der Vernichtung willen geschehen sei, während andere Genozide mit „pragmatischen und begrenzten Zielen“ verbunden gewesen seien. Zweitens bilde die Erinnerung an den Holocaust als Zivilisationsbruch das moralische Fundament der deutschen Nation und oft auch der europäischen Zivilisation. Drittens trage Deutschland eine besondere Verantwortung gegenüber Juden in Deutschland und dem Staat Israel und sei Israel zu Loyalität verpflichtet. Viertens gelte Antisemitismus als eigenes Ideologem und Vorurteil sui generis, also als etwas Besonderes, das nicht mit Rassismus gleichgesetzt werden solle. Fünftens werde Antizionismus mit Antisemitismus gleichgesetzt.
Nach Moses habe dieser neue Katechismus in verschiedenen Debatten einen älteren konservativen Katechismus abgelöst. Er sei auch mit der geopolitischen Legitimität Deutschlands verbunden gewesen und im Austausch mit amerikanischen, britischen und israelischen Eliten entstanden. Moses kritisiert, der Holocaust sei für Millionen Deutsche zu einem „heiligen Trauma“ geworden, das nicht durch andere Ereignisse „kontaminiert“ werden dürfe. Die deutsche Erinnerungspolitik verdecke dadurch andere Verbrechen. Er schreibt: „Deutsche Eliten instrumentalisieren den Holocaust, um andere historische Verbrechen auszublenden.“
Moses erkennt positive Wirkungen dieser Erinnerungskultur an, etwa bei der Entnazifizierung. Zugleich meint er, Deutschland habe sich verändert und der Katechismus werde einer neuen, migrantisch geprägten Gesellschaft nicht mehr gerecht. Er fordert, die Frage historischer Gerechtigkeit unter Einbezug aller Opfer neu zu verhandeln, darunter BPoC, Juden und Jüdinnen, Muslime und Muslimas, Einwanderer und ihre Nachfahren.
Verlauf und öffentliche Reaktionen
Die ersten Reaktionen erschienen im Blog New Fascism Syllabus. Dort äußerten sich vor allem englischsprachige Historikerinnen und Historiker. Der Grundton war gemischt, aber eher positiv: Viele stimmten Teilen von Moses’ Argumentation zu, verlangten aber mehr Differenzierung. Helmut Walser Smith kritisierte Moses deutlich und stimmte teilweise Patrick Bahners zu, der Moses einen „Sieferle von links“ genannt hatte. Mehrere Autoren kritisierten Moses’ religiöse Sprache, etwa den Begriff Katechismus. Auch seine Darstellung der Bewegung, die sich für Gedenken und Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen eingesetzt hatte, wurde kritisiert: Diese sei breiter gewesen, als Moses mit Begriffen wie „68er“, „Eliten“ oder „Hohepriester“ nahelege. Die Blogdebatte dauerte vom 25. Mai bis zum 16. Juni 2021 und umfasste mit dem Schlussbeitrag von Jennifer Evans 21 Beiträge.
Danach verlagerte sich die Debatte rasch in die Feuilletons. Journalisten und Historiker wie Alan Posener, Jürgen Kaube, Thomas Schmid, Vojin Saša Vukadinović, Norbert Frei, Dan Diner, Saul Friedländer und Götz Aly äußerten sich, viele davon kritisch. Moses veröffentlichte am 17. Juli 2021 selbst einen Gastbeitrag in der Zeit. Unterstützender äußerten sich unter anderem Michael Rothberg und Jürgen Zimmerer. Jürgen Habermas nahm am 9. September 2021 im Philosophie Magazin Stellung; Moses antwortete am 25. September in der Berliner Zeitung.
Ab 2021 und 2022 erschienen erste Buchpublikationen. Der Band Ein Verbrechen ohne Namen versammelte Texte von Saul Friedländer, Norbert Frei, Sybille Steinbacher, Dan Diner und Jürgen Habermas, die Moses’ Thesen kritisch sehen. Auch Charlotte Wiedemanns Den Schmerz der Anderen begreifen und Natan Sznaiders Fluchtpunkte der Erinnerung wurden im Zusammenhang mit der Debatte gelesen. Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt das Thema durch den Antisemitismusskandal der documenta 15. 2022 sorgten außerdem der Sammelband Historiker streiten und die abgesagte Tel-Aviv-Veranstaltung zu Wiedemanns Buch für weitere Kontroversen.
Streit um Singularität und Vergleich
Ein zentraler Streitpunkt ist die Frage, ob der Holocaust als singulär gelten kann. In der Holocaustforschung meint Singularität meist die Verbindung von zwei Merkmalen: einzigartig („unique“) und präzedenzlos („unprecedented“). Jürgen Habermas sieht die Singularität darin, dass sich der Holocaust gegen Juden als „inneren Feind“ richtete, anders als koloniale Genozide, die sich gegen Fremde gewandt hätten. Michael Wildt kritisiert dieses Argument als „erstaunlich deutschzentriert“, weil die meisten im Zweiten Weltkrieg ermordeten Juden nicht aus Deutschland, sondern aus besetzten Gebieten stammten.
Saul Friedländer betont als Besonderheit, dass Juden als „Prinzip des Bösen“ entindividualisiert worden seien. Dan Diner hebt die Gegenrationalität des Holocaust hervor: Er sei ein „fundamentales Dementi sonsthin gültiger anthropologischer Gewissheiten über menschliches Handeln“ gewesen. Andere Historiker, etwa Michael Wildt, halten den Begriff Singularität für problematisch, weil er das komplexe und miteinander verflochtene Gewaltgeschehen des Nationalsozialismus nicht ausreichend erfasse und andere Opfergruppen verdecken könne.
Postkolonial geprägte Historiker wie Jürgen Zimmerer und Dirk Moses setzen den Holocaust stärker in Beziehung zum Kolonialismus. Zimmerer hatte bereits in den frühen 2000er Jahren Kontinuitäten zwischen kolonialen Genoziden und Holocaust beschrieben. Seine These lautet, europäischer Kolonialismus und nationalsozialistische Expansions- und Mordpolitik hätten auf ähnlichen Konzepten von Rasse und Raum beruht und manche Herrschaftspraktiken geteilt. Diese Deutung stieß in der Geschichtswissenschaft vielfach auf Kritik. Einige Historiker sehen koloniale Elemente eher in anderen Teilen der NS-Herrschaft, etwa im Ostfeldzug oder in der Besatzung der Ukraine, nicht aber im Holocaust selbst.
Umstritten ist auch, ob die Betonung der Singularität Vergleiche verhindert. Jürgen Zimmerer und Michael Rothberg fordern ein Ende eines angeblichen Vergleichsverbots. Sybille Steinbacher widerspricht: „Es gibt schlichtweg kein Vergleichstabu.“ Mehrfach wurde darauf hingewiesen, dass die Einschätzung des Holocausts als singulär selbst Vergleiche voraussetzt; methodisch könne es deshalb kein grundsätzliches Vergleichsverbot geben.
Erinnerungskultur und Opfergruppen
In der Debatte geht es auch darum, ob die deutsche Erinnerungskultur andere Opfergruppen oder andere Gewaltgeschichten verdeckt. Moses kritisiert, dass die Erinnerung an die Opfer des Holocausts einseitig hervorgehoben werde. Susan Neiman argumentiert ähnlich: Das Festhalten an der Singularitätsthese könne dazu führen, dass nationalsozialistische Verbrechen an anderen Völkern in den Schatten gestellt würden. Jürgen Zimmerer warnt vor einem „konservative[n] rechte[n], nationalistische[n] bis völkische[n] Rollback-Versuch“ in der Erinnerungskultur, bei dem die Lehren aus dem Nationalsozialismus auf Holocaust und Antisemitismus reduziert würden.
Andere widersprechen der Vorstellung einer Opferkonkurrenz. Sebastian Conrad meint, die zentrale Rolle des Holocausts in der öffentlichen Erinnerung habe historisch auch Raum für andere Opfergruppen geschaffen. Als Beispiel nennt er Stolpersteine für Schwarze, die wegen ihrer Hautfarbe Opfer des Nationalsozialismus wurden. Jacob Eder argumentiert ähnlich: Erst durch die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus seien politische, wissenschaftliche und erinnerungskulturelle Grundlagen entstanden, mit denen auch andere Leidens- und Verbrechensgeschichten erforscht und diskutiert werden könnten. Sebastian Voigt kritisiert Moses scharf und wirft ihm vor, den Holocaust zu relativieren, die Spezifik des Antisemitismus zu leugnen und den antisemitischen Massenmord in eine allgemeine Gewaltgeschichte des Westens aufzulösen.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang Michael Rothbergs Konzept der „multidirektionalen Erinnerung“. Rothberg kritisiert eine „kompetitive Erinnerungskultur“, in der Erinnerung wie ein Nullsummenspiel funktioniert: Eine dominierende Erinnerung verdrängt andere. Multidirektionale Erinnerung soll dagegen verschiedene Verbrechensgeschichten miteinander in Beziehung setzen, ohne eine Opferhierarchie zu schaffen. Natan Sznaider setzt dem die Idee verschiedener „Fluchtpunkte der Erinnerung“ entgegen: Erinnerungen an Holocaust und Kolonialismus verliefen zwar parallel, hätten aber unterschiedliche Bezugspunkte und könnten nicht immer nach Rothbergs Modell verstanden werden.
Israel, Palästina und politische Folgen
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Verhältnis Deutschlands zu Israel und Palästina. Urs Lindner bezeichnet dieses Verhältnis als die „eigentliche Bruchlinie der gegenwärtigen erinnerungspolitischen Debatte“. Moses kritisiert, dass „Glaubenswächter“ in Palästinensern und nicht-zionistischen Juden die „neuen Nazis“ entdeckten, und sieht den BDS-Beschluss des Bundestags vom 17. Mai 2019 als negatives Zeichen.
Meron Mendel deutet Moses’ Artikel vor allem als Israelkritik. Er schreibt, Moses mache keinen Hehl daraus, dass er eigentlich den Staat Israel verurteilen wolle. Mendel kritisiert außerdem, Moses stelle die historische Frage nach der Singularität des Holocausts direkt neben die politische Frage der Solidarität mit Israel, ohne ausreichend zu erklären, wie beide zusammenhängen. Für Mendel sind das zwei verschiedene Fragen, die Moses fälschlich eng miteinander verbindet.
Omer Bartov argumentiert dagegen, die deutsche Erinnerungskultur könne der rechtsgerichteten israelischen Regierung nutzen, weil diese sich dadurch gegen „gerechtfertigte und dringend benötigte Kritik ihrer Unterdrückungspolitik gegenüber den Palästinensern“ abschotten könne. Die Erinnerungspolitik setze der deutschen Politik Grenzen bei kritischen Äußerungen zum Staat Israel. Bartov fordert, im Namen der Vergangenheit gegen Ungerechtigkeiten der Gegenwart Stellung zu beziehen. In der Debatte wurde dem Postkolonialismus zugleich von anderen Stimmen ausdrücklich vorgeworfen, teilweise antiisraelisch oder antisemitisch zu sein.