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Achille Mbembe

Joseph-Achille Mbembe (* Juli 1957 in Malande, Kamerun) ist ein Historiker, Politikwissenschaftler und Theoretiker des Postkolonialismus.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Person und akademischer Weg
  2. 2. Afrika und postkoloniale Projektionen
  3. 3. Nekropolitik und globale Ordnung
  4. 4. Politisches Engagement
  5. 5. Kontroverse um Antisemitismusvorwürfe

Person und akademischer Weg

Joseph-Achille Mbembe (* Juli 1957 in Malande, Kamerun) ist Historiker, Politikwissenschaftler und Theoretiker des Postkolonialismus. Er lehrt und forscht als Professor an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg, Südafrika. Seine Forschung verbindet Philosophie, afrikanische Geschichte, Postcolonial Studies sowie Politik- und Sozialwissenschaften.

Mbembe studierte ab 1982 an der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne und wurde dort 1989 im Fach Geschichte promoviert. Seine Ausbildung ergänzte er mit einem Diplôme d’études approfondies (DEA) am Institut d’études politiques de Paris. Wissenschaftliche Stationen führten ihn unter anderem an die Columbia University, die Brookings Institution, die University of Pennsylvania sowie zeitweilig an die University of California, Berkeley, Yale und Duke University. Von 1996 bis 2000 arbeitete er bei CODESRIA in Dakar; seit 2001 ist er am Institute of Social and Economic Research (WISER) der Witwatersrand-Universität tätig. Seine Schriften wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Zu seinen wichtigen Büchern zählen De la postcolonie (2000; deutsche Ausgabe Postkolonie), Kritik der schwarzen Vernunft, Politik der Feindschaft und Ausgang aus der langen Nacht. 2015 erhielt er für Kritik der schwarzen Vernunft den Geschwister-Scholl-Preis; weitere Auszeichnungen sind der Ernst-Bloch-Preis und der Gerda Henkel Preis (beide 2018), die Albertus-Magnus-Professur (2019) und der Holberg-Preis (2024).

Afrika und postkoloniale Projektionen

In De la postcolonie. Essai sur l’imagination politique dans l’Afrique contemporaine argumentiert Mbembe, dass akademische und populäre Diskurse über Afrika von Klischees geprägt seien. Diese seien an westliche Phantasien und Ängste gebunden.

In Anlehnung an Frantz Fanon und Sigmund Freud versteht er solche Afrikabilder nicht als Abbild eines wirklichen Afrikas. Sie seien vielmehr unbewusste Projektionen, die mit Schuld, Verleugnung und einem Zwang zur Wiederholung verbunden seien. Afrika ist für Mbembe daher kein klar abgegrenzter, isolierter Ort. Er beschreibt es als spannungsreiche Beziehung zwischen Afrika und dem Rest der Welt, die zugleich politisch, psychisch, semiotisch und sexuell wirke. Postkoloniale Perspektiven untersuchen dabei, wie Kolonialismus und seine Denkweisen nach dem Ende formaler Kolonialherrschaft fortwirken.

Nekropolitik und globale Ordnung

Mbembe erweitert Michel Foucaults Begriff der Bio-Macht. Bio-Macht bezeichnet bei Foucault ein Gefüge aus Disziplinierungsmacht und Biopolitik, also Formen, mit denen Macht Körper und Bevölkerung ordnet und steuert. Nach Mbembe reicht dieses Konzept nicht aus, um zeitgenössische Formen der Unterwerfung zu erklären.

Dafür verwendet er den Begriff „Nekropolitik“. Er geht über die bloße „Einschreibung von Körpern in Disziplinarapparate“ hinaus und fragt danach, wie Herrschaft über die Möglichkeit zu töten und über den Tod ausgeübt wird. An Beispielen aus Palästina, Afrika und Kosovo analysiert Mbembe Zonen des Todes: Räume, in denen souveräne Macht den Tod zur äußersten Form der Herrschaft macht und der Tod zugleich zur primären Form des Widerstands werden kann.

In Critique de la raison nègre untersucht Mbembe den globalen Kapitalismus vom transatlantischen Sklavenhandel bis zur neoliberalen Globalisierung. Die millionenfache Ausbeutung setze sprachliche Zurichtung und Entmenschlichung der Auszubeutenden voraus. Deshalb nutzt er bewusst die Begriffe „Rasse“ und „Neger“: Sie seien „reale Fiktionen“, also rassistische Konstruktionen, die dennoch die reale Welt bestimmten.

Politisches Engagement

Gemeinsam mit dem senegalesischen Wirtschaftswissenschaftler Felwine Sarr gründete Mbembe im Oktober 2016 die Ateliers de la Pensée. Die Vereinigung von rund 30 Wissenschaftlern und Künstlern soll einen Raum für intellektuelle Debatten in Afrika schaffen.

Mbembe kritisiert die französische Afrikapolitik, (Neo)-Kolonialismus und das Konzept „Françafrique“. Als Leiter der panafrikanischen Non-Profit-Organisation Fondation de l’innovation pour la démocratie setzt er sich für „afrikanische Demokratisierung“ und auch innerafrikanische Freizügigkeit ein. Trotz seiner kritischen Haltung wurde er zu einem Dialog beim Afrika-Frankreich-Gipfel im Juli 2021 in Montpellier eingeladen; am 5. Oktober 2021 übergab er Präsident Emmanuel Macron den Bericht über diesen Dialog.

Kontroverse um Antisemitismusvorwürfe

Mbembe sollte am 14. August 2020 die Eröffnungsrede der Ruhrtriennale halten. Am 24. März 2020 forderte der NRW-Landtagsabgeordnete Lorenz Deutsch (FDP), ihn auszuladen. Er begründete dies mit einer behaupteten Unterstützung der BDS-Bewegung, Vergleichen von Israels Politik mit Apartheid und Holocaust sowie mit Aussagen in Mbembes Texten. Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, erklärte zusätzlich, Mbembe habe den Holocaust relativiert und Israels Existenzrecht infrage gestellt. Die Ruhrtriennale wurde Ende April 2020 wegen der COVID-19-Pandemie abgesagt.

Diskutiert wurden unter anderem Mbembes Artikel Israël, les Juifs et nous (1992), sein Buch Politik der Feindschaft (2016) und sein Vorwort zu Apartheid Israel (2015). Kritiker wie Jürgen Kaube, Alan Posener und Monika Schwarz-Friesel sahen darin unter anderem problematische Analogien zwischen Apartheid, Holocaust und israelischer Politik sowie antisemitische Sprachmuster. Die Initiative Scholars for Peace in the Middle East, Horst Seehofer, Uwe Becker, Josef Schuster und Israels Botschafter Jeremy Issacharoff unterstützten Kleins Kritik. Sebastian Voigt urteilte 2023, Mbembes Schriften bedienten „zweifellos die Tendenz zu einem Opferkonkurrenz-Antisemitismus“.

Mbembe wies die Vorwürfe zurück. Er erklärte, er habe „keinerlei Beziehung mit BDS“, lehne jedoch Zusammenarbeit mit Institutionen oder Personen ab, die an Verletzungen des Völkerrechts oder der Menschenrechte in den besetzten Palästinensergebieten beteiligt seien. Dies sei weder Antisemitismus noch ein Bestreiten von Israels Existenzrecht. Er betonte, Antisemitismus, Rassismus und Entmenschlichung abzulehnen. Unterstützt wurde er unter anderem von Moshe Zuckermann, Susan Neiman, Aleida Assmann sowie internationalen Solidaritätsaufrufen. Diese betonten die Unterscheidung von Antizionismus, Antisemitismus und Israelkritik beziehungsweise warfen seinen Kritikern verzerrende Zitate vor. Die Kontroverse galt als einer der Auslöser der Katechismusdebatte, die auch „Historikerstreit 2.0“ genannt wird.

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