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Katachrese
Die Katachrese [kataˈçʁeːzə] (altgriechisch κατάχρησις katáchrēsis „Missbrauch, Gebrauch über Gebühr“) bezeichnet eine rhetorische Figur mit bewegter …
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Kern und heutige Bedeutungen
Die Katachrese ist eine rhetorische Figur mit mehreren, historisch veränderten Bedeutungen. Ursprünglich bezeichnete sie den uneigentlichen Gebrauch eines Wortes für einen Sachverhalt, für den zuvor keine eigene Bezeichnung existierte. Dadurch wird eine sprachliche Leerstelle geschlossen. Wenn sich dieser Ausdruck einbürgert und habitualisiert, wird er als „tote“, „konventionalisierte“ oder „lexikalisierte Metapher“ meist nicht mehr als Bild wahrgenommen.
Heute meint Katachrese vorwiegend einen Bildbruch: Mehrere sprachliche Bilder werden in einer zusammengehörigen Texteinheit miteinander verbunden, obwohl sie semantisch unstimmig oder sogar widersprüchlich sind. Außerdem wird der Begriff vereinzelt für die Verbindung eines komplexen Sachverhalts mit einem unmittelbar verständlichen Bild verwendet. Die verschiedenen Bedeutungen erschweren eine einheitliche Definition. In vielen modernen Rhetorikhandbüchern wird die Katachrese vor allem als unbeabsichtigte Stilblüte beziehungsweise als Stilfehler behandelt.
Begriffsgeschichte und antike Definitionen
Die Katachrese ist bereits seit der Antike bekannt. Im Altgriechischen heißt sie κατάχρησις (katáchrēsis), in der lateinischen Rhetorik abusio; beide Bezeichnungen können mit „Missbrauch“ übersetzt werden. Aristoteles beschrieb das Phänomen zunächst im Rahmen der Metapher und erkannte es noch nicht als eigenständige Trope an. Cicero wird die erstmalige Verwendung des Ausdrucks katáchrēsis zugeschrieben.
Cicero definierte die abusio oder Katachrese ausführlicher als eigenständige Trope. Er ordnete sie als „missbräuchliche Metapher“ neben der tralata, der übertragenden Metapher, und der mutata, der verändernden oder vertauschenden Metapher, den drei rhetorischen Tropen des mittleren Redestils zu. Nach Cicero entsteht die Katachrese aus einem sprachlichen Mangel: Sie wird verwendet, wenn für einen Sachverhalt noch keine eigentliche Bezeichnung existiert. Eine übertragende Metapher ersetzt dagegen einen vorhandenen eigentlichen Ausdruck durch einen uneigentlichen, etwa „ut cum minutum dicimus animum pro parvo“.
Quintilianus bestimmte die Katachrese anders. Für ihn ist allein entscheidend, dass ein eigentlicher Ausdruck fehlt. Seine Erklärung lautet: „Um Katachrese handelt es sich da, wo eine Benennung fehlte, um Metapher, wo sie eine andere war.“ Bernd Steinbrink und Gert Ueding fassen dies so zusammen: „Die Katachrese ist also der Tropus, der die Bezeichnung für Dinge, die keine eigene Benennung haben, dem anpasst, was dem Gemeinten am nächsten liegt.“ Als typische aristotelische Beispiele gelten „Lebensabend“ und „Zeitvertreib“: „Lebensabend“ ist eine Metapher für das Alter, während „Zeitvertreib“ einen Sachverhalt bezeichnet, für den es keine eigene ursprüngliche Benennung gab.
Konventionalisierte Metaphern
In dieser Bedeutung ist eine Katachrese ein Wortgebrauch, der eine sprachliche Lücke schließt. Sie dient häufig dazu, neuartige Gegenstände oder fehlende Begriffe zu benennen. Durch die dauerhafte Verwendung verblasst der ursprüngliche Bildcharakter; der Ausdruck wird lexikalisiert und erscheint im normalen Sprachgebrauch nicht mehr als Metapher.
Typische Beispiele sind:
- Tisch-Bein
- Fluss-Bett
- Tal-Sohle
- Schlüssel-Bart
- Buch-Rücken
Die Bildbestandteile dieser Zusammensetzungen werden gewöhnlich nicht mehr als ungewöhnliche Übertragungen empfunden. Sie gehören vielmehr zur festen Bezeichnung des jeweiligen Gegenstands.
Bildbruch als Stilmittel oder Stilfehler
Eine weitere, heute besonders verbreitete Bedeutung bezeichnet die semantisch unstimmige oder widersprüchliche Verbindung mehrerer sprachlicher Bilder innerhalb einer Texteinheit. In der Antike konnte ein solcher Bildbruch gezielt eingesetzt werden, um Komik zu erzeugen. Heute kommt dieses Stilmittel eher selten bewusst zum Einsatz. Beispiele finden sich unter anderem bei Johann Nestroy sowie bei den zeitgenössischen deutschen Kabarettisten Piet Klocke und Johann König.
Entsteht die Verbindung unbeabsichtigt, etwa durch ein Versprechen, bei dem zwei oder mehr Redensarten miteinander vermischt werden, gilt sie als peinlicher oder komischer Stilfehler. Beispiele sind „Das setzt dem Fass die Krone auf!“ beziehungsweise „Das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht!“, „Reinen Tisch einschenken“, „Ein heikles Eisen ansprechen“, „Wir ziehen alle am selben Boot“ und „Das ist ein zweigleisiges Schwert“.
Auch längere Sätze können mehrere Bilder miteinander verknüpfen, etwa: „Der Zahn der Zeit, der schon so viele Tränen getrocknet hat, wird auch über diese Wunde Gras wachsen lassen.“ Weitere Beispiele sind „Wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, darf man den Kopf nicht hängen lassen“ und „Wenn alle Stricke reißen, hänge ich mich auf!“ Das Lied „Die Katachrese“ besteht vollständig aus über 150 falsch verwendeten Redewendungen.
Bilder für komplexe Sachverhalte
Der Literaturwissenschaftler Jürgen Link verwendet Katachrese für ein grundlegendes Prinzip der Textproduktion, besonders in den Massenmedien. Dabei werden verschiedene Spezialdiskurse, etwa Wissenschaft, Ökonomie und Medizin, sowie komplexe Sachverhalte mit einem Bild verbunden. Dieses Bild soll unmittelbar plausibel sein und vom Rezipienten automatisch verstanden werden. Nach dieser Auffassung ist die Katachrese kein Zeichen schlechten Stils, sondern eine grundlegende Möglichkeit, schwierige Inhalte verständlich zu verknüpfen.
Besonders geeignet sind Bildbereiche mit starker pragmatischer Verankerung, also vertraute Vorstellungsfelder wie Schiffe, Automobile, Umweltkatastrophen, Organismen oder Spielmetaphern. Die Wahl des Bildbereichs und der damit dargestellte Sachverhalt können zugleich auf die ideologische Position des Bildproduzenten verweisen. Ökonomische Prozesse werden beispielsweise häufig durch Naturkatastrophen symbolisiert, wodurch sie als „natürlich“ erscheinen.
Ein Beispiel aus der FAZ vom 20. Juni 2005 verbindet mehrere Bildbereiche: „Was Oskar Lafontaine und Gregor Gysi anbieten, ist noch mehr von der Medizin, mit der die überkontrollierte und vom Staat dirigierte deutsche Wirtschaft in den Graben gefahren wurde.“ Darin erscheinen die Bilder Organismus beziehungsweise Medizin, Musik beziehungsweise Dirigieren sowie Technik mit Auto- und Straßenbezug.
Ein weiteres Beispiel lautet: „Mit seinen hohen Lohnnebenkosten ist der Patient Deutschland in den Stürmen der Globalisierung vom Weg abgekommen. Wann wird er untergehen?“ Hier werden Organismus, Natur, Orientierung und Technik beziehungsweise Schiffbruch miteinander verbunden. Auch die Äußerung Claudia Roths in der Tagesschau vom 5. Februar 2010 – „Ich verspreche dieser Regierung einen ‚Heißen Herbst‘, sie mögen (sic?) sich warm anziehen.“ – verknüpft einen politischen Sachverhalt mit bildhaften Vorstellungen.