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Karl Jäger
Karl Jäger (* 20. September 1888 in Schaffhausen, Schweiz; † 22. Juni 1959 im Gefängnis Festung Hohenasperg) war ein deutscher SS-Funktionär in der Zeit des …
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Überblick
Karl Jäger (* 20. September 1888 in Schaffhausen, Schweiz; † 22. Juni 1959 im Gefängnis Festung Hohenasperg) war ein deutscher SS-Funktionär in der Zeit des Nationalsozialismus und ein Täter des Holocaust. Er war seit 1940 SS-Standartenführer, leitete den SD-Abschnitt Münster, führte das Einsatzkommando 3 in Litauen und wurde später Polizeipräsident von Reichenberg im Reichsgau Sudetenland.
Seine historische Bedeutung liegt vor allem in seiner Rolle bei den Massenmorden in Litauen 1941. Besonders bekannt ist der sogenannte Jäger-Bericht vom 1. Dezember 1941. Darin ließ Jäger detailliert aufzählen, wie viele Menschen durch sein Einsatzkommando und unterstützende Kräfte ermordet worden waren. Die Gesamtsumme im Bericht beträgt 138.272 getötete Menschen, darunter Juden, Geisteskranke, Roma und weitere Opfergruppen.
Herkunft und frühe Laufbahn
Karl Jäger wurde in Schaffhausen geboren und kam im Alter von drei Jahren nach Waldkirch im Breisgau. Sein Vater war dort als Musikschullehrer und Dirigent der Stadtmusik tätig. Jäger nahm am Ersten Weltkrieg teil und erhielt mehrere Auszeichnungen.
Beruflich war Jäger gelernter Orchestrionmacher. Ein Orchestrion ist ein mechanisches Musikinstrument, das ein Orchester nachahmen kann. 1914 heiratete er Emma Weber, die Tochter eines örtlichen Orchestrionherstellers. Später wurde Jäger Mitinhaber und technischer Leiter der Orchestrionfabrik Weber.
Aufstieg im Nationalsozialismus
Jäger engagierte sich früh in der NSDAP. 1923 gründete er die Ortsgruppe Waldkirch-Breisgau der NSDAP mit der Mitgliedsnummer 30.988. Nach der Neugründung der NSDAP trat er ihr zum 1. November 1930 erneut bei; seine neue Mitgliedsnummer war 359.269. Nach 1933 galt er deshalb als „Alter Kämpfer“. Wegen seiner Aktivitäten erhielt er nach eigener Aussage den Spitznamen „Waldkircher Hitler“.
1931 ging die Orchestrionfabrik während der Weltwirtschaftskrise in Konkurs, und Jäger wurde arbeitslos. Nach eigener Aussage lehnte er es angeblich ab, Arbeitslosenunterstützung der von ihm verachteten Weimarer Republik zu beziehen. In den Jahren der Arbeitslosigkeit verbrauchte er sein Vermögen. In diese Zeit fiel auch die Trennung von seiner Frau Emma; die Ehe wurde jedoch erst 1940 geschieden.
1932 wurde Jäger in die SS aufgenommen; seine SS-Nummer war 62.823. Am 1. Mai 1938 wurde er zum SS-Führer im SD-Hauptamt ernannt. Der SD, der Sicherheitsdienst der SS, war ein Nachrichtendienst der SS. 1939 wurde Jäger als Leiter des SD-Abschnitts Münster eingesetzt.
Massenmord in Litauen
Im Zweiten Weltkrieg war Jäger zunächst zeitweise im besetzten Niederlande beim SD in Amsterdam eingesetzt, von Mai bis September 1940. Im Juni 1941 wurde er Führer des Einsatzkommandos 3. Einsatzkommandos waren Einheiten der Sicherheitspolizei und des SD, die im Krieg gegen die Sowjetunion im Rücken der Front eingesetzt wurden und an systematischen Massenmorden beteiligt waren. Das Einsatzkommando 3 gehörte zur Einsatzgruppe A und wurde im Raum Litauen eingesetzt.
Die Entscheidung für Jäger als Führer dieses für Litauen wichtigsten Einsatzkommandos ging auf Hans Nockemann zurück, den Inspektor der Sicherheitspolizei Düsseldorf und Vorgesetzten Jägers. Jägers Stellvertreter war ab Einsatzbeginn SS-Sturmbannführer Gustav Grauer. Seit Anfang Dezember 1941 war Jäger Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD für das Generalkommissariat Litauen mit Dienstsitz in Kaunas. Seine Dienststelle umfasste einschließlich Dolmetschern 141 Personen und wurde durch litauische Hilfspolizei unterstützt.
Im Jäger-Bericht vom 1. Dezember 1941 wurde die Zahl der Ermordeten detailliert aufgelistet. Jäger schrieb darin, das Ziel, „das Judenproblem für Litauen zu lösen“, sei vom Einsatzkommando 3 erreicht worden. Er erklärte, in Litauen gebe es keine Juden mehr außer den sogenannten „Arbeitsjuden“ einschließlich ihrer Familien. Genannt wurden etwa 4.500 in Schaulen, 15.000 in Kauen und 15.000 in Wilna. Jäger schrieb außerdem, er habe auch diese Menschen ermorden lassen wollen, sei aber auf Widerstand der Zivilverwaltung und der Wehrmacht gestoßen. Nach dem Bericht wurde das Ziel, Litauen „judenfrei“ zu machen, durch ein Rollkommando unter SS-Obersturmführer Hamann verfolgt, das mit litauischen Partisanen und zivilen Stellen zusammenarbeitete.
Jägers Einsatz für SS-Ziele und der damit verbundene Massenmord wurden von seinen Vorgesetzten anerkennend gewürdigt. Heinrich Himmler verlieh ihm 1937/38 den Totenkopfring der SS und später den Ehrendegen des Reichsführers SS. Adolf Hitler verlieh ihm das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse und 1. Klasse mit Schwertern. Wegen zunehmender Unfähigkeit, seinen Posten so auszufüllen, wie Himmler es erwartete, wurde Jäger am 2. August 1943 kurzfristig abgelöst. Sein Nachfolger wurde Heinrich Schmitz, der bisherige Stellvertreter und ebenfalls aus dem Einsatzkommando 3 kommend.
Spätere Funktionen und Kriegsende
Am 24. Mai 1944 wurde Jäger zum kommissarischen Polizeipräsidenten von Reichenberg im Reichsgau Sudetenland bestellt. Diese Funktion übernahm er nach seiner Ablösung aus dem Einsatzbereich in Litauen.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lebte Jäger nicht unter falschem Namen, sondern arbeitete offen als Landarbeiter in Wiesenbach bei Heidelberg. Später lebte er bis zu seiner Verhaftung auf dem Kümmelbacher Hof bei Neckargemünd. Amerikanische Fahndungsbehörden suchten ihn bereits 1948 wegen Mordes. Identifiziert und verhaftet wurde er jedoch erst im April 1959.
Ermittlungen und Erinnerung
Die Ermittlungen gegen Jäger führten zur Festnahme mehrerer weiterer SS-Offiziere aus seinem unmittelbaren Einsatzbereich der Jahre 1941 bis 1943 in Litauen. Zu einem Gerichtsverfahren gegen Jäger kam es nicht. Während der Untersuchungshaft erhängte er sich am 22. Juni 1959 im Gefängnis auf der Festung Hohenasperg.
Anfang 2017 wurde in Waldkirch ein Mahnmal für die Menschen errichtet, die 1941 in Litauen unter Jägers Verantwortung ermordet wurden. Das Denkmal besteht aus fünf steinernen Stelen des Bildhauers Thomas Friedrich. Texttafeln erläutern die historischen Ereignisse. Ergänzt wird das Mahnmal durch ein Gedicht der Waldkircher Lyrikerin Eva-Maria Berg, das die Nachgeborenen fragt, wie sie handeln, wenn Menschen wegen Aussehen, Glauben oder Denken infrage gestellt werden.