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Karl Bühler

Karl Bühler (* 27. Mai 1879 in Meckesheim; † 24. Oktober 1963 in Los Angeles) war ein deutscher Psychologe. Er war Denk- und Sprachpsychologe sowie …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Bedeutung
  2. 2. Denkpsychologie und Forschungsmethode
  3. 3. Organon-Modell und sprachliches Handeln
  4. 4. Zeigfeld und Symbolfeld
  5. 5. Entwicklung des Kindes und Verständnis der Psychologie
  6. 6. Lebensweg und zentrale Werke

Einordnung und Bedeutung

Karl Bühler (27. Mai 1879–24. Oktober 1963) war ein deutscher Psychologe, Denk- und Sprachpsychologe sowie Sprachtheoretiker. Er gehört zur Würzburger Schule der Denkpsychologie, einem ganzheitspsychologischen Ansatz, der mit der Gestaltpsychologie verwandt ist. Seine wichtigsten Beiträge betreffen die Sprach-, Denk- und Entwicklungspsychologie sowie die Gestaltpsychologie.

Besonders einflussreich wurde seine „Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache“ von 1934. Das zunächst wenig beachtete Werk entwickelte sich seit den 1960er Jahren zu einem Standardtext der Sprachwissenschaften. Bühler verbindet darin psychologische, philosophische, linguistische und kommunikationswissenschaftliche Fragen. Sein feldtheoretischer Ansatz erklärt Sprache als geformtes Werkzeug und Sprechen als zielgerichtetes Handeln. Bedeutend sind vor allem das Organon-Modell sowie die Unterscheidung zwischen Zeigfeld und Symbolfeld der Sprache.

Bühlers Methodenpluralismus verband verschiedene wissenschaftliche Methoden und Fachrichtungen. Sein Werk „Die Krise der Psychologie“ von 1927 zeigt diese interdisziplinäre und internationale Ausrichtung. In der Entwicklungspsychologie fand besonders „Die geistige Entwicklung des Kindes“ von 1918 Beachtung; daraus entstand eine Wiener Schule der Entwicklungspsychologie.

Denkpsychologie und Forschungsmethode

Die Würzburger Schule von 1901 bis 1909 gilt als Geburtsort der Denkpsychologie. Frühere Auffassungen erklärten Denken vor allem durch Vorstellungen und Assoziationen. Assoziationen sind Verbindungen zwischen Gedächtnisinhalten, die aufgrund ihres zeitlichen Ablaufs, ihrer Ähnlichkeit, ihres Gegensatzes oder ihrer räumlichen und zeitlichen Nähe miteinander in Beziehung stehen.

Die Würzburger Schule löste sich von diesem assoziationspsychologischen Rahmen. Versuchspersonen sollten ihre Denkprozesse durch Selbstbeobachtung, also Introspektion, beschreiben. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass beim Denken auch nicht unmittelbar beobachtbare Vorgänge wirksam sind. Bühler kam zu dem Schluss, Gedanken bestünden fast ausschließlich aus solchen Vorgängen und ließen sich nicht als bloße Abfolge sinnlicher Vorstellungen erklären. Auf ihn geht die Beschreibung des „Aha-Erlebnisses“ zurück: Eine Lösung wird plötzlich erkannt, ohne dass alle zugrunde liegenden Gedanken einzeln verfolgt werden können.

Wilhelm Wundt kritisierte Bühlers Einsatz ungeschulter Introspektion und seine Ausfragemethode heftig. Daraus entstand die Wundt-Bühler-Kontroverse. Nach heutiger Auffassung war diese Kritik berechtigt. Spätere denkpsychologische Forschungen konzentrierten sich stärker auf das Individuum und auf die Vorgänge beim Lösen von Problemen. Die Gestaltpsychologie übte darauf entscheidenden Einfluss aus. Unter dem Nationalsozialismus wurden die meisten Arbeiten eingestellt; erst in den 1950er Jahren wurden sie wieder aufgenommen.

Organon-Modell und sprachliches Handeln

Mit dem Organon-Modell wollte Bühler ein vollständiges konkretes Sprechereignis unter Einbeziehung seiner Lebensumstände beschreiben. „Organon“ bedeutet Instrument oder Werkzeug: Sprache transportiert eine Mitteilung von einem Menschen zum anderen. Am Sprechereignis sind Sender, Empfänger und Mitteilung beteiligt; zusätzlich kann das akustische Schallphänomen das Verstehen beeinflussen.

Ein Sprachzeichen erfüllt drei Funktionen:

  • Als Symbol bezieht es sich auf Gegenstände und Sachverhalte; dies ist die Darstellungsfunktion.
  • Als Symptom hängt es vom Sender ab und drückt dessen Gedanken oder Zustand aus; dies ist die Ausdrucksfunktion.
  • Als Signal richtet es sich als Appell an den Empfänger; dies ist die Appellfunktion.

Damit unterscheidet Bühler drei grundlegende Leistungen der Sprache: Ausdruck, Appell und Darstellung. Die einzelnen Beziehungen können jeweils selbstständig sprachwissenschaftlich untersucht werden.

Bühler trennt außerdem Sprechhandlung und Sprachwerk. Eine Sprechhandlung wird mit einem bestimmten Ziel ausgeführt und ist erfüllt, wenn sie das praktische Problem der jeweiligen Situation gelöst hat. Das Sprachwerk, also etwa ein Text, wird dagegen aus der individuellen Sprechsituation herausgelöst und als gestaltetes Handlungsprodukt untersucht. An ihm lassen sich die sprachliche Form sowie Leistungen und Merkmale seines Schöpfers betrachten.

Zeigfeld und Symbolfeld

Das Zeigfeld umfasst sprachliche Ausdrücke, die wie Wegweiser auf Personen, Orte oder Zeiten verweisen. Solche Zeigwörter sind beispielsweise „ich“, „du“, „hier“, „dort“ und „jetzt“. Ihre Bedeutung ergibt sich aus dem konkreten Sprechereignis. Sender und Empfänger müssen ihre jeweiligen Positionen aufeinander abstimmen und einen gemeinsamen Sinnhorizont herstellen.

Den Ausgangspunkt bildet die subjektive „Ich-Jetzt-Hier-Origo“: „ich“ verweist auf den Sprecher, „jetzt“ auf die gegenwärtige Sprechzeit und „hier“ auf den Nahbereich des Sprechenden. Dieses Hier-Jetzt-Ich-System ermöglicht die Orientierung im direkten Sprachverkehr. Zeigwörter können außerdem als Signale wirken. Eine Stimme kann beispielsweise eine bestimmte Person erkennen lassen; eine gehobene Hand oder das Zeigen auf sich selbst kann als Positions- oder Individualsignal dienen. Die Appellfunktion zeigt sich etwa in „Her“, das eine Bewegung zum Sprecher verlangt.

Das Symbolfeld ist der Bezugsrahmen, in dem sprachliche Symbole interpretiert werden. Es stellt den Zusammenhang bereit, der zum Verständnis einer Äußerung oder eines Textes erforderlich ist. Bühler vergleicht es mit der Malfläche eines Malers, dem Netz aus Längen- und Breitengraden eines Kartografen oder dem vorbereiteten Papier eines Notenschreibers. Das Zeigfeld ist besonders deutlich an der situationsgebundenen Sprechhandlung zu erkennen, das Symbolfeld besonders am situationsgelösten Sprachwerk.

Auch Benennungen richten sich nach dem Kontext: Dasselbe Ding kann unterschiedlich bezeichnet werden, damit der Kommunikationspartner es nicht mit anderen vorhandenen Gegenständen verwechselt. Verstehen beruht daher nicht nur auf einer festen Zuordnung zwischen Wort und Inhalt, sondern auch auf Situation, Kontext und gemeinsamem Wissen.

Entwicklung des Kindes und Verständnis der Psychologie

Bühler untersuchte die geistige Entwicklung von Kindern unter anderem auf der Grundlage von Experimenten mit Tieren, besonders mit Affen. Ab ungefähr drei Jahren bezeichnete er das Kind als geistiges Wesen. Im Mittelpunkt standen Sprache, Denken und Vorstellungsfähigkeit.

Er unterschied drei Entwicklungsstufen: Instinkt, Dressur und Intellekt. Der Instinkt ist die unterste Stufe und bildet die Grundlage weiterer Entwicklung. Dressur bedeutet die Fähigkeit, sich an Umweltbedingungen anzupassen und zu lernen; Bühler bezeichnet sie auch als assoziatives Gedächtnis. Instinkt und Dressur finden sich bei Tieren und Menschen. Der Intellekt verbindet ihre Vorteile und ermöglicht es, durch Überlegung und Einsicht neue Ideen oder „Erfindungen“ hervorzubringen. Nach Bühler fehlt Tieren, die nur auf Instinkt oder Dressur reagieren, diese Einsicht.

Körperliche und seelische Entwicklung stehen für Bühler in engem Zusammenhang. Er suchte nach großen Entwicklungsphasen, ihren Strukturgesetzen und den Kräften, die sie verändern. Körperliche und geistige Wachstumsphasen verlaufen miteinander, werden aber auch durch Lebensbedingungen, soziales, nationales und religiöses Milieu sowie durch Erziehung beeinflusst. Entwicklung bedeutet, einen Ausgangspunkt und ein Ziel des Werdens festzulegen; Bühler wollte sie auf Erfahrung statt auf ein rein philosophisches System gründen.

Als Methoden verwendete er natürliche Beobachtung und künstlich angelegte Experimente. Das Leistungsexperiment prüft, was ein Kind in einem bestimmten Alter körperlich und psychisch bewältigen kann. Das Auslösungsexperiment untersucht Reflexe, etwa die Reaktion eines Neugeborenen auf verschiedene Geschmacksrichtungen. Das Ausdrucksexperiment deutet Mimik und Begleitbewegungen als Hinweise auf seelische Zustände. Hinzu kamen psychologische Interpretation und ausnahmsweise Selbstbeobachtung; Letztere spielte eine geringe Rolle, weil Kinder ihre inneren Vorgänge weniger gut beschreiben können als Erwachsene.

Für Bühler konnte Psychologie als „Lehre des Lebens“, als Lehre von der Seele als Bewusstseinsprinzip oder als „Lehre von den Bewußtseinsvorgängen“ verstanden werden. Sie bezog Wissen aus Medizin, Biologie und Geisteswissenschaften. Sprache war für ihn eine Grundlage der menschlichen Weiterentwicklung: Schule sollte Kindern helfen, Logik auszubilden und Symbolsysteme zu verstehen und praktisch zu beherrschen.

Lebensweg und zentrale Werke

Bühler studierte ab 1899 Medizin in Freiburg und wurde dort 1903 zum Dr. med. promoviert. Nach einem zusätzlichen Psychologiestudium erhielt er 1904 in Straßburg den Grad Dr. phil. Seine Würzburger Habilitationsschrift „Tatsachen und Probleme zu einer Psychologie der Denkvorgänge“ von 1907 wurde grundlegend für die Würzburger Schule.

Nach Tätigkeiten in Würzburg, Bonn, München und Dresden wurde Bühler 1922 Professor für Psychologie und Leiter des Psychologischen Instituts der Universität Wien. Das Institut stand im Zusammenhang mit der wissenschaftlich begründeten Neuordnung des Wiener Schulsystems. Bühler arbeitete eng mit seiner Frau Charlotte Bühler zusammen, die besonders in der Jugendpsychologie bekannt wurde. Von 1928 bis 1931 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie.

Unmittelbar nach dem Anschluss Österreichs wurde Bühler am 23. März 1938 kurz von den Nationalsozialisten inhaftiert. Er emigrierte 1940 über Oslo und London in die USA, war von 1940 bis 1945 Professor in Minnesota und von 1945 bis 1955 Professor für Psychiatrie an der University of Southern California in Los Angeles. Dort starb er am 24. Oktober 1963.

Zu seinen zentralen Schriften gehören „Die Gestaltwahrnehmungen“ (1913), „Die geistige Entwicklung des Kindes“ (1918), „Die Krise der Psychologie“ (1927), „Axiomatik der Sprachwissenschaften“ (1933), „Ausdruckstheorie“ (1933) und „Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache“ (1934). 1959 erhielt er die Wilhelm-Wundt-Medaille der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und 1961 den Preis der Stadt Wien für Geisteswissenschaften.

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