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Organon-Modell

Das Organon-Modell (1934) von Karl Bühler ist ein Zeichenmodell zur Veranschaulichung seines Zeichenbegriffs einer natürlichen Sprache.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernidee
  2. 2. Aufbau des Modells
  3. 3. Schall und Zeichen
  4. 4. Drei Sprachfunktionen
  5. 5. Zusammenhang der Funktionen
  6. 6. Bedeutung und Kritik

Kernidee

Das Organon-Modell von Karl Bühler aus dem Jahr 1934 ist ein Zeichenmodell für natürliche Sprache. Es zeigt, wie sprachliche Zeichen funktionieren. Zugleich ist es ein Kommunikationsmodell, weil Sprache darin nicht nur als System von Zeichen, sondern als Mittel der Mitteilung zwischen Menschen verstanden wird.

Der Grundgedanke geht auf Platons Dialog Kratylos zurück. Dort bezeichnet Sokrates das Wort als Organon, also als Werkzeug. Sprache ist demnach ein Werkzeug, mit dem eine Person einer anderen Person etwas über Dinge mitteilt. Bühler fasst dieses Verhältnis als Dreifundamentenschema zusammen: „einer – dem anderen – über die Dinge“. Damit sind die drei zentralen Bezugspunkte jeder sprachlichen Äußerung gemeint: Sender, Empfänger sowie Gegenstände und Sachverhalte.

Bühlers Modell ist außerdem eine Kritik am „physikalistischen Behaviorismus“. Dieser betrachtete Sprache stark vom äußeren Reiz-Reaktions-Schema und vom bloßen Laut her. Bühler grenzt sich davon ab, weil für ihn ein sprachliches Zeichen mehr ist als ein physikalisches Schallereignis.

Aufbau des Modells

Im Organon-Modell steht in der Mitte ein Kreis. Er symbolisiert das konkrete Schallphänomen, also den hörbaren Laut als physikalisches Ereignis. Darüber liegt ein Dreieck, das für das Zeichen steht. Die Seiten des Dreiecks symbolisieren die semantischen Funktionen des komplexen Sprachzeichens. „Semantisch“ bedeutet hier: auf Bedeutung bezogen.

Das Zeichen steht in drei Beziehungen: zum Sender, zum Empfänger und zu Gegenständen und Sachverhalten. Daraus ergibt sich Bühlers „These von den drei Sprachfunktionen“. Ein Sprachzeichen hat eine Ausdrucksfunktion, eine Appellfunktion und eine Darstellungsfunktion. Bühler nennt diese im Modell kurz: Ausdruck, Appell und Darstellung.

Die Ausdrucksfunktion macht das Zeichen zum Symptom. Es zeigt etwas vom Sender an. Die Appellfunktion macht das Zeichen zum Signal. Es richtet sich an den Hörer und beeinflusst dessen Verhalten. Die Darstellungsfunktion macht das Zeichen zum Symbol. Es steht für Gegenstände und Sachverhalte.

Bühler formuliert diesen Zusammenhang so: Das Zeichen ist „Symbol kraft seiner Zuordnung zu Gegenständen und Sachverhalten, Symptom (Anzeichen, Indicium) kraft seiner Abhängigkeit vom Sender, dessen Innerlichkeit es ausdrückt, und Signal kraft seines Appells an den Hörer, dessen äußeres oder inneres Verhalten es steuert wie andere Verkehrszeichen.“

Schall und Zeichen

Ein wichtiger Punkt des Modells ist die Unterscheidung zwischen Schallphänomen und Sprachzeichen. Das Schallphänomen ist der konkrete hörbare Laut. Das Sprachzeichen ist dagegen die bedeutungstragende Einheit, die in Kommunikation verwendet wird. Bühler betont diesen Unterschied auch mit Bezug auf den Unterschied zwischen Phonetik und Phonologie: Phonetik befasst sich mit den konkreten Lauten, Phonologie mit ihrer Funktion im Sprachsystem.

Im Modell sind Kreis und Dreieck deshalb nicht identisch. Das Zeichen ist nach Bühler zugleich weniger und mehr als das physikalische Schallphänomen. Es ist weniger, weil nicht alle konkreten Eigenschaften eines Lautes für seine Bedeutung wichtig sind. Das nennt Bühler das Prinzip der abstraktiven Relevanz: Ein wahrnehmbares physikalisches Phänomen muss nicht „mit der ganzen Fülle seiner konkreten Eigenschaften in die semantische Funktion eingehen“.

Das Zeichen ist aber auch mehr als der bloße Laut, weil das Wahrgenommene geistig ergänzt wird. Bühler nennt dies apperzeptive Ergänzung. Dass das Dreieck im Modell über den Kreis hinausragt, soll zeigen, dass das sinnlich Gegebene immer eine solche Ergänzung erfährt.

Drei Sprachfunktionen

Die Ausdrucksfunktion bezieht sich auf den Sender. Ein Zeichen ist dabei Symptom, also Anzeichen für etwas am Sender. Es kann Gedanken, Empfindungen oder innere Zustände ausdrücken. Bühler nennt als Beispiel die Art, wie jemand mit Kreide etwas an die Tafel schreibt: Diese Art kann Ausdruck seiner Persönlichkeit sein. Daraus wird deutlich, dass die Ausdrucksfunktion auch unbewusst und nicht absichtlich sein kann. Typische Beispiele für Ausdruck sind Ausrufe wie „Wie schön!“, „Au!“ oder „Oh!“.

Die Appellfunktion bezieht sich auf den Empfänger. Ein Zeichen wirkt dann als Signal, das jemanden zu etwas auffordert oder ein Verhalten auslöst. Diese Funktion findet man nicht nur in menschlicher Sprache, sondern zum Beispiel auch bei Warnrufen im Tierreich. Auch die ersten kindlichen Laute können appellative Zeichen sein, etwa wenn ein Baby signalisiert, dass es gefüttert werden will.

Die Darstellungsfunktion bezieht sich auf Gegenstände und Sachverhalte. Ein Zeichen stellt dann eine inhaltliche Information über etwas dar. Diese Funktion steht zum Beispiel in Sachtexten oder Anleitungen im Vordergrund. Bühler berücksichtigt damit nicht nur das Miteinander-Kommunizieren, sondern auch das Über-die-Dinge-Kommunizieren.

Zusammenhang der Funktionen

In konkreten Kommunikationssituationen sind nach Bühler immer alle drei Funktionen vorhanden: Ausdruck, Appell und Darstellung. Allerdings ist meist eine Funktion stärker als die anderen. In Werbung steht zum Beispiel die Appellfunktion im Vordergrund, weil sie den Empfänger zu einer Handlung bewegen soll.

Bühler wollte mit der Ausdrucks- und Appellfunktion die starke Stellung der Darstellungsfunktion eingrenzen. Sprache dient also nicht nur dazu, Sachverhalte darzustellen. Sie zeigt auch etwas über den Sender und richtet sich an den Empfänger. Sender und Empfänger sind deshalb nicht bloß Teil dessen, worüber gesprochen wird, sondern eigene Austauschpartner innerhalb der Sprechhandlung.

Das Organon-Modell zeigt nach Bühler „drei weitgehend unabhängig variable Sinnbezüge“. Jede der drei Zeichenrelationen eröffnet ein eigenes Gebiet sprachwissenschaftlicher Phänomene: Zeichen können als Ausdruck des Senders, als Appell an den Empfänger oder als Darstellung von Gegenständen und Sachverhalten untersucht werden.

Bedeutung und Kritik

Das Organon-Modell ist ein vierstelliges Modell, weil es neben Zeichen, Gegenständen und Empfänger auch den Zeichenproduzenten einbezieht. Damit unterscheidet Bühler ausdrücklich zwischen Sender und Empfänger. Gerade dadurch wird sein Zeichenmodell zugleich zu einem Kommunikationsmodell. Es gilt als „Vorläufer des informationstheoretischen Kommunikationsmodells“ und als „eines der berühmtesten Kommunikationsmodelle“.

Ein Vorteil des Modells ist, dass es nicht nur sprachliche Zeichen beschreibt. Es kann auch auf Zeichen allgemein angewendet werden, also auch auf nichtsprachliche Zeichen. Das ist besonders wichtig, weil sprachliche Kommunikation meist mit nichtsprachlichen Zeichen verbunden ist. In mündlicher Kommunikation spielen neben Wörtern auch Mimik, Gestik und Sprechweise eine Rolle. In schriftlicher Kommunikation wirken neben den sprachlichen Zeichen auch der Schriftträger und der Schrifttyp mit.

Kritisiert wird am Modell unter anderem, dass es den Einfluss der Redekonstellation auf sprachliche Äußerungen vernachlässigt. Das Kommunikationsmodell von Roman Jakobson, das auf Bühler aufbaut, kann zugleich als Kritik an Bühlers Organon-Modell verstanden werden. In der Literatur wird außerdem betont, dass das Organon-Modell nicht isoliert betrachtet werden sollte, sondern im Zusammenhang mit den „Axiomen“ Karl Bühlers.

Lernvideos zu Organon-Modell

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