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Karl-Marx-Schule (Berlin-Neukölln)

Diesem gliederte er 1923 Arbeiter-Abiturientenkurse an, die es ermöglichten, das Abitur auf dem Zweiten Bildungsweg nachzuholen. 1927 ergänzte er die Schule um …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und Bedeutung
  2. 2. Pädagogisches Konzept
  3. 3. Aufbau und Architektur
  4. 4. Arbeiter-Abiturientenkurse
  5. 5. Name, Personal und Ende

Kernidee und Bedeutung

Die Karl-Marx-Schule in Berlin-Neukölln war eines der bekanntesten Reformschulprojekte der Weimarer Republik. Sie ging aus dem Kaiser-Friedrich-Realgymnasium an der Sonnenallee 79 hervor und wurde von Fritz Karsen geleitet, der dort ab 1921 Direktor war. 1923 richtete er Arbeiter-Abiturientenkurse ein, 1927 wurde eine achtstufige Volksschule eingegliedert, und 1929/1930 erhielt der Schulkomplex den Namen Karl-Marx-Schule.

Die Schule war wichtig, weil sie als frühes Modell einer staatlichen Einheitsschule und integrierten Gesamtschule gilt. Sie sollte die Trennung zwischen Volksschule und höherer Schule überwinden und Kindern sowie Erwachsenen aus Arbeiter- und Angestelltenfamilien bessere Bildungswege eröffnen. 1932 war der Neuköllner Schulkomplex zu einem 13-stufigen Gesamtsystem ausgebaut. Schülerinnen und Schüler konnten dort den Volksschulabschluss nach dem achten oder freiwilligen neunten Schuljahr, die Mittlere Reife oder das Abitur erwerben. Damit ähnelte die Karl-Marx-Schule heutigen Gesamtschulen und wird als erste integrierte Gesamtschule Deutschlands beschrieben.

Pädagogisches Konzept

Fritz Karsen entwickelte seine Schulidee im Umfeld des Bundes Entschiedener Schulreformer und unter dem Einfluss des Berliner Oberstadtschulrates Wilhelm Paulsen. Ziel war eine staatliche Einheitsschule, in der Schüler nicht früh nach sozialer Herkunft getrennt wurden. Unterricht und Erziehung sollten lebensnah sein, Selbstverwaltung ermöglichen und zu selbstständigem Denken, solidarischem Zusammenleben und demokratischer Mitbestimmung führen.

Karsens Konzept unterschied sich von der Reformpädagogik der Landerziehungsheime, die auf abgeschlossene, oft ländliche Erziehungsräume setzte. Seine Reform richtete sich dagegen auf das staatliche Schulwesen einer Großstadt. Die Schule sollte nicht ein künstliches Milieu schaffen, sondern den Alltag und die soziale Lage der Schülerinnen und Schüler aufnehmen.

Im Unterricht standen Probleme, Themen und Quellen im Mittelpunkt, nicht die Autorität der Lehrkraft. Die Schule arbeitete ohne gewöhnliche Schulbücher, dafür mit Primärliteratur, Quellen und einer mehrere tausend Bände umfassenden Arbeitsbücherei. Bänke wurden im Rechteck angeordnet, das Katheder abgeschafft, und die Lehrkraft saß zwischen den Lernenden. Ziel war eine kritisch-rationale Arbeitsmethode: Die Schüler sollten lernen, wie man lernt, Informationen prüft und sich einen eigenen Standpunkt erarbeitet.

Eine wichtige Rolle spielte die Schulgemeinde, die etwa einer heutigen Schülervertretung entsprach. Sie hatte weitreichende Mitbestimmungsrechte, zum Beispiel bei disziplinarischen Fragen, bei der Einschätzung mündlicher Leistungen und bei Zeugnisnoten. Ein bekanntes Beispiel für diese aktive Schulkultur war die Auseinandersetzung mit Bertolt Brechts Stück „Der Jasager“. Schülerinnen und Schüler kritisierten die im Stück verlangte Zustimmung des Protagonisten zu seiner eigenen Hinrichtung. Brecht diskutierte mit ihnen und überarbeitete das Stück; später entstanden ein zweiter „Jasager“-Text und der „Neinsager“.

Aufbau und Architektur

Karsen wollte seine pädagogische Idee auch baulich verwirklichen. Zusammen mit dem Architekten Bruno Taut plante er die Dammwegschule für 2500–3000 Schüler. Der Neubau sollte die Einheitsschule nicht nur organisatorisch, sondern auch architektonisch ausdrücken. Schule sollte keine abgeschlossene Anstalt sein, sondern sich durch Gärten, Spielplätze und Kontakte zu Eltern und Bevölkerung nach außen öffnen.

Karsen und Taut planten eine Schule ohne herkömmliche Klassenräume und ohne feste Klassen im traditionellen Sinn. Stattdessen sollte es Fachräume geben, die nach Unterrichtsbereichen ausgestattet waren. Die Schüler sollten in altersübergreifenden Erziehungsgruppen betreut werden, sich aber für die eigentliche Arbeit in unterschiedlichen Fachgruppen und Fachräumen bewegen. Dahinter standen pädagogische Ziele, aber auch Rationalisierungsideen: bessere Raumnutzung, weniger Sitzenbleiben, leichtere Übergänge innerhalb einer Schule und eine Trennung von Verwaltungsarbeit und pädagogischer Arbeit.

Das Projekt wurde trotz politischer Unterstützung durch Kurt Löwenstein nicht vollständig umgesetzt. Widerstand konservativer Kräfte in der Schulverwaltung, die Wirtschaftskrise 1929/30 und schließlich die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verhinderten den Bau. Erhalten blieb nur ein 1928 von Taut errichteter Probepavillon, der 1998–2001 restauriert wurde.

Arbeiter-Abiturientenkurse

Die Arbeiter-Abiturientenkurse waren ein zentraler Teil der Geschichte der Karl-Marx-Schule. Sie begannen am 1. Juni 1923 und gehörten zu den ältesten Einrichtungen in Deutschland, die einen Zweiten Bildungsweg zum Abitur eröffneten. Ihr Ursprung war stark politisch geprägt: Nach der Ermordung des Reichsaußenministers Walther Rathenau im Juni 1922 entstand die Idee, begabten jungen Menschen aus unteren Volksschichten den Zugang zur Universität zu ermöglichen. Man hoffte, in Kindern aus Arbeiter- und Angestelltenfamilien verlässliche Träger des republikanischen Staatsgedankens zu gewinnen.

Die Kurse richteten sich an Männer und Frauen zwischen etwa 18 und 30 Jahren, die nur die Volksschule besucht hatten, bereits berufstätig waren und in drei Jahren auf das Abitur vorbereitet werden sollten. Da es kaum finanzielle Unterstützung gab, mussten viele weiter arbeiten, etwa als Reinigungskräfte in Schulen, Heizer in kommunalen Betrieben oder Hilfshausmeister. Der Unterricht fand zunächst abends von 18 bis 21:30 Uhr statt, später am frühen Morgen, damit Lernen und Erwerbsarbeit besser vereinbar waren. Trotzdem blieb die Belastung sehr hoch; der Artikel beschreibt, dass die Arbeiterstudenten schon während des Kurses nie das Existenzminimum erreichten.

Trotz hoher Anforderungen erzielten die Kurse beachtliche Ergebnisse. Im ersten Kurs bestanden bis 1927 elf Männer und sechs Frauen das Abitur. Im zweiten, der zu Ostern 1926 offiziell begann, legten bis 1929 insgesamt 22 Personen die Reifeprüfung ab, darunter vier Frauen. Bis 1933 wurden acht Arbeiter-Abiturientenkurse organisiert, die zu etwa 150 bestandenen Abiturprüfungen führten. Der siebte und achte Kurs wurden im Mai 1933 durch den neuen nationalsozialistischen Schulleiter aufgelöst; nur wenige Teilnehmende konnten danach am Abendgymnasium noch die Reifeprüfung ablegen.

Die Kurse waren auch umstritten. Kritiker aus Teilen der Arbeiterbewegung warnten vor Entfremdung von der eigenen Klasse und vor Verbürgerlichung durch akademische Bildung. Innerhalb der Schule verschärften sich außerdem die Gegensätze zwischen SPD-nahen und KPD-nahen Gruppen. Der Sozialistische Schülerbund griff Karsen als angeblichen Pseudo-Reformer an. Besonders der Ausschluss des Arbeiter-Abiturienten Gert Schneider im Jahr 1929 löste über Neukölln hinaus Streit aus.

Name, Personal und Ende

Der Name Karl-Marx-Schule wurde erst 1929/1930 eingeführt, wurde später aber zum Synonym für das gesamte Reformprojekt. Die Umbenennung ging wahrscheinlich auf eine mit der KPD sympathisierende Lehrergruppe zurück und wurde von der KPD-Fraktion in der Neuköllner Bezirksversammlung aufgegriffen. Die SPD-Fraktion stimmte zu, und der preußische Kultusminister Adolf Grimme bestätigte die Umbenennung im Mai 1930. Fritz Karsen selbst hatte nach den Erinnerungen seiner Tochter Sonja Petra Karsen Vorbehalte, weil der Name die Schule parteipolitischen Angriffen aussetzte und sie als „rote Schule“ erscheinen ließ.

An der Schule arbeiteten reformorientierte Lehrkräfte, darunter unter anderem Hans Alfken, Robert Alt, Erich Arendt, Walter Damus, Karl Sturm, Marie Torhorst, Otto Koppelmann, Hans Freese, Hedda Korsch und Erwin Marquardt. Seit 1929/1930 gehörte auch ein Studienseminar zur Ausbildung von Referendaren zur Schule. Zu den bekannten Schülern zählten unter anderem Heinz Brandt, Kurt Gossweiler, Wolfgang Leonhard und Wolfgang Ruge; bei den Arbeiter-Abiturientenkursen werden etwa Karl Anders, Bruno Gleitze, Willi Lausen, Walther Lehmkuhl und Stephan G. Thomas genannt.

Mit dem Machtantritt der NSDAP und ihrer deutschnationalen Bündnispartner im Januar 1933 endete das Reformprojekt. Der kommissarische preußische Kultusminister Bernhard Rust entließ Fritz Karsen am 21. Februar 1933, einen Tag vor den Reifeprüfungen. Karsen emigrierte mit seiner Familie zunächst in die Schweiz und nach Paris, später nach Kolumbien und 1938 in die USA. Aus der Karl-Marx-Schule wurde wieder das Kaiser-Friedrich-Realgymnasium.

Nach 1945 wirkte Karsen noch an Debatten zur Berliner Einheitsschule mit. In West-Berlin wurde die Einheitsschulidee politisch bald zurückgedrängt. Eine Schule in Neukölln-Britz, die spätere Fritz-Karsen-Schule, hielt jedoch als einzige Schule in West-Berlin am Konzept fest und galt als „Schule besonderer pädagogischer Prägung“. 1956 wurde sie in Fritz-Karsen-Schule umbenannt. Die frühere Karl-Marx-Schule an der Sonnenallee trägt seit 1956 den Namen Ernst-Abbe-Gymnasium; eine Gedenktafel erinnert dort an Fritz Karsen.

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