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Schule am Meer
Die Schule am Meer, englisch School by the Sea, hebräisch בית ספר ליד הים, auch als S.a.M. bzw. SaM bezeichnet, war ein privates, ganzheitlich orientiertes …
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Kern und Bedeutung
Die Schule am Meer, auch S.a.M. oder SaM genannt, war ein privates reformpädagogisches Landerziehungsheim mit Internat im Loog auf der ostfriesischen Insel Juist. Sie bestand von Anfang Mai 1925 bis Ende März 1934 im damaligen Freistaat Preußen. Ihr Gründer und Leiter war Martin Luserke, der zuvor an der Freien Schulgemeinde Wickersdorf gewirkt hatte.
Die Schule war ganzheitlich ausgerichtet: Wissenschaftliche, künstlerische, sportliche und handwerkliche Fächer sollten gleichwertig sein. Sie gilt als erste reguläre deutsche Freiluftschule, die bis zum Reifezeugnis führte. Eltern wählten sie teils auch für gesundheitlich beeinträchtigte Kinder und Jugendliche. Besonders wichtig war außerdem, dass sie als einzige deutsche Schule eine eigene freistehende Theaterhalle errichtete, die auch zur Ausbildung von Laienspiel-Pädagogen dienen sollte.
Die Schule verstand die Jugendphase als eigenständigen Wert. Sie wollte Schülerinnen und Schülern ein angeleitetes Eigenleben ermöglichen und verband Lernen, Wohnen, Arbeiten, Sport, Musik, Theater und Naturerfahrung zu einem gemeinsamen Alltag. Geschlossen wurde sie vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen „Gleichschaltung“ und des staatlichen Antisemitismus.
Gründung, Aufbau und Gebäude
Die Vorgeschichte reicht in die Reformschulbewegung der frühen 1920er Jahre zurück. 1922 und 1924 trafen sich Vertreter mehrerer Reformschulen, um einen Verbund freier Schulen und Landerziehungsheime zu bilden. Martin Luserke plante ab 1924 eine neue Schule, die von der Sexta bis zur Oberprima und damit bis zum Reifezeugnis führen sollte. Sein Konzept verband Elemente der Landschulheimbewegung Hermann Lietz’, der Kunsterziehungsbewegung, der Jugendmusikbewegung, der Lebensreform, der Anthroposophie und der später so genannten Erlebnispädagogik.
Im Herbst 1924 erwarb das Gründerteam im Loog ein ehemaliges Gasthaus mit Grundstück. Daraus wurde das Hauptgebäude der Schule. Am 29. Januar 1925 genehmigte das Preußische Staatsministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung die Aufnahme des Schulbetriebs. Am 30. März 1925 verließ Luserke mit mehreren Kolleginnen und Kollegen Wickersdorf; siebzehn Schüler wechselten ebenfalls nach Juist. Aufgenommen wurden Mädchen und Jungen ab 10 Jahren, im Regelfall nicht älter als 16 Jahre.
Das Schulgelände wuchs rasch. Es entstanden unter anderem das Hauptgebäude Diesseits, die Wohnbaracke Jenseits, die Westfalenhalle, das große Wohngebäude Arche, die Gebäudegruppe do-re-mi, ein Bootshaus, Stallungen, Gärten, ein botanischer Garten und ein Flaggenplatz. 1930/31 wurde die Theaterhalle nach Plänen des Berliner Architekten Bruno Ahrends gebaut und Pfingsten 1931 eingeweiht. Sie war für Theater, Sport und Tanz gedacht.
Luserkes ursprüngliche Architekturpläne waren wesentlich größer: eine an eine Klosteranlage erinnernde, anthroposophisch beeinflusste Schulanlage in den Dünen. Diese Pläne scheiterten an Genehmigung und Finanzierung. Stattdessen entstand ein gemischtes Ensemble aus Massivbauten, Holzbaracken, zugekauften Häusern und späteren Umbauten. Zwischen 1931 und 1933 gehörten elf Gebäude zum Schulensemble.
Pädagogisches Konzept
Die Schule am Meer gehörte zur Reformpädagogik. Reformpädagogik meint hier eine Schulrichtung, die sich bewusst vom stark autoritären und theorielastigen Schulsystem der Kaiserzeit absetzen wollte. In der Schule am Meer gehörten dazu Koedukation, also gemeinsamer Unterricht von Mädchen und Jungen, die Zusammenarbeit von Lehrern, Schülern und Eltern in einer „Schulgemeinde“, weniger Autorität der Lehrkräfte, eigene wissenschaftliche Beiträge der Schüler sowie musische, sportliche und handwerkliche Bildung.
Luserke sprach von einem „Hunger nach Ganzheit“. Bildung sollte Theorie und Praxis verbinden. Er nannte dies eine Synthese von „Geist- und Lebensbildung“. „Lebensbildung“ bedeutete Bildung am realen Leben: Segeln, Gartenbau, Dünenschutz, Werken, Naturbeobachtung, Musik und Theater waren nicht bloß Zusatzangebote, sondern Teil des Lernens.
Die Natur spielte eine zentrale Rolle. Luserkes Motto war „Erziehung durch die See“. Die Nordsee, das Watt, die Dünen, Sturmfluten, Wetter, Gezeiten, Sterne, Pflanzen und Tiere wurden unmittelbar erlebt und im Unterricht aufgegriffen. Die Schule wollte Lernen aus erster Hand ermöglichen, also durch Beobachtung, Erfahrung und praktische Tätigkeit.
Zur Konzeption gehörten auch problematische ideologische Elemente. Luserke verband seine Reformpädagogik mit mythischen und völkisch „nordisch-germanischen“ Vorstellungen. Er betonte „Deutschtum“ und eine „Schule deutscher Art“, distanzierte sich 1924 aber zugleich von rassistischen Begriffen wie „Rassenreinheit“, „Entartung“ und „völkischer Blutsvergiftung“. Dadurch gab es einerseits Berührungspunkte mit Denkweisen, die der Nationalsozialismus später nutzte, andererseits stand die Autonomie der Schule, die Mitbestimmung der Schüler und die Betonung individueller Selbstfindung im Gegensatz zum NS-Erziehungssystem.
Alltag, Gemeinschaft und Lernen
Der Schulalltag war stark rhythmisiert. Der Tag begann vor 7 Uhr. Luserke weckte die Schüler nach seemännischer Art mit „Rise, rise“. Danach folgten Morgengymnastik in den Dünen und je nach Wetter und Jahreszeit ein Bad in der Nordsee. Vormittags gab es Unterricht, unterbrochen durch „Reinschiff“, also gemeinsames Aufräumen und Putzen. Mittags folgten eine leichte Mahlzeit und eine „stille Zeit“. Nachmittags standen praktische Übungen wie Sport, Zeichnen, Werken, Orchester- und Theaterproben sowie Arbeiten für Ausbau und Unterhalt der Schule auf dem Plan. Von 17:30 bis 19 Uhr wurden Schularbeiten erledigt, danach folgten Abendessen und weitere Tätigkeiten. Die Bettzeit war gestaffelt und für die Oberstufe spätestens um 22 Uhr.
Eine wichtige Organisationsform waren die „Kameradschaften“. Jeweils etwa zehn Schüler unterschiedlichen Alters und Geschlechts bildeten mit einer Lehrkraft eine Gruppe. Diese Gruppen waren familienähnlich, hatten eigene Namen und Signets, etwa Bären, Delphine, Pinguine oder Robben. Auch Lerngruppen umfassten höchstens zehn Schüler. Frontalunterricht gab es nicht; die Schüler saßen mit der Lehrkraft um einen runden Tisch und beteiligten sich aktiv am Gespräch.
Die „Schulgemeinde“ war das höchste Gremium der Schule. Lehrer und Schüler hatten dort Rede- und Stimmrecht. Der „Schülerausschuss“ organisierte unter anderem Ordnungsdienste und half bei der Betreuung jüngerer Schüler. Mitverantwortung war ein wichtiger Grundsatz: Alle sollten Aufgaben übernehmen, gemeinsam arbeiten und Beschlüsse mittragen. 1930 wurde zusätzlich eine Körperschaft aus vier Lehrern und acht Schülern gebildet, „Die Zwölf“, die Unpünktlichkeit, Unordnung und Ungehorsam bekämpfen und Strafen festlegen sollte.
Die Gemeinschaft war für viele prägend. Nach der Schließung beschrieben ehemalige Schüler sie als Verlust einer Heimat. Kritiker sahen darin aber auch eine Gefahr: Der enge Zusammenhalt könne den Anschluss an die Welt außerhalb der Schule erschweren.
Schwerpunkte: Natur, Körper, Handwerk und Kunst
Naturnahe Erziehung prägte den Alltag. Die Schüler erkundeten Watt und Dünen, beobachteten Wolken, Wetter, Lichtstimmungen, Flora und Fauna, sammelten Lebewesen für dreißig selbst gebaute Seewasseraquarien und machten nachts astronomische Beobachtungen. Nach der Sturmflut im November 1930 entstand im Westen der Insel der Hammersee, der ebenfalls zum Studienobjekt wurde. Dünenschutz und Gartenarbeit galten als praktische „Lebensbildung“.
Körperbildung bedeutete mehr als Turnen. Die Schule wandte sich von militärisch geprägtem Exerzieren ab. Stattdessen gab es Gymnastik, Strandläufe, Baden in der Nordsee, Watt- und Dünenwanderungen, Leichtathletik, Faustball, Handball, Völkerball, Rhönrad, Boxen, Fußball, Hockey, Eishockey, Segeln, Schlittschuhlaufen und teilweise Bergsteigen und Skifahren. Zur Körperbildung zählte Luserke auch Malen, Zeichnen, Singen, Musizieren, Gartenbau, Handwerk und besonders Tanz und Laienspiel.
Handwerkliche Bildung sollte keine Berufsausbildung zum Schlosser, Schreiner oder Zimmermann sein, sondern nützliche Fertigkeiten vermitteln. Die Schüler arbeiteten mit Werkzeug und Material, fertigten eigene Werkstücke an, bauten und reparierten Dinge für den Schulbedarf, darunter Schuppen, Karren und teils Segelboote. Mädchen und Jungen beteiligten sich gemeinsam, was damals ein ungewöhnliches Zeichen von Gleichberechtigung war. Auch Gartenbau, Weberei, Aquarienbau und geplante Einrichtungen wie Buchbinderei und Gewächshaus gehörten dazu.
Musik und Darstellendes Spiel nahmen einen besonders großen Raum ein. Eduard Zuckmayer leitete Schulchor und Schulorchester; fast jeder Morgen begann mit Musik, fast jeder Abend mit gemeinsamem Singen. Es entstanden Kompositionen wie die „Pfingstkantate“ von 1930 und die „Herbst-Kantate“ von 1932. Luserke entwickelte das Laienspiel und das „Bewegungsspiel“ als eigene Theorie des Schultheaters. Es sollte nicht professionelles Theater nachahmen, sondern eigene Spielregeln haben und Persönlichkeit, Körpergefühl, Ausdruck und Gemeinschaft fördern. Die Theaterhalle war als „Lehrwerkstätte des Laienspiels“ gedacht, mit weitgehend freier Bühne, ohne strikte Trennung von Bühne und Zuschauerraum.
Krise, Schließung und Nachwirkung
Die Finanzierung blieb schwierig. Anfangs nutzten Aeschlimann und Luserke eigene Mittel; später kamen Schulgeld, Spenden, staatliche Zuschüsse und Kredite hinzu. Am 4. Oktober 1924 wurde die Stiftung Schule am Meer gegründet. Bis zu zehn Prozent der Schülerplätze konnten als Stipendien vergeben werden. Nach 1930 wurden keine öffentlichen Zuschüsse mehr bewilligt, und die wirtschaftliche Lage verschärfte sich. Der Hallenbau war nur teilweise gesichert finanziert; weitere Bauabschnitte wurden nicht verwirklicht.
Politisch geriet die Schule nach der Weltwirtschaftskrise und besonders nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 unter Druck. Jüdische Schüler und Lehrkräfte wurden durch örtliche Nationalsozialisten und die Hitlerjugend diskriminiert. Die Schule wurde auf Juist schon seit 1925 abwertend als „Jöödenschool“ bezeichnet, weil jüdische Eltern und Förderer eine wichtige Rolle spielten. Viele jüdische Eltern meldeten ihre Kinder ab, weil sie Anfeindungen befürchteten, sie auf jüdische oder ausländische Schulen schicken oder emigrieren wollten. Auch die Koedukation passte nicht zur NS-Politik.
Luserke versuchte zeitweise, die Schule an die neuen Bedingungen anzupassen oder eine Übernahme durch die Hitlerjugend beziehungsweise durch Nationalpolitische Erziehungsanstalten zu erreichen. Diese Versuche scheiterten. Im Februar 1934 kündigte er seinen Rückzug an; Ostern 1934 wurde die Schule am Meer geschlossen und die Schulflagge eingeholt.
Nach der Schließung wurden die Gebäude unterschiedlich genutzt. Es gab unter anderem ein kleines Museum mit meeresbiologischen Exponaten, ein Heim für das Landjahr, Nutzungen durch den Reichsverband für deutsche Jugendherbergen, BDM-Ausbildung, einen Aufbaulehrgang, Nutzung durch die Hitlerjugend im Zweiten Weltkrieg, Unterbringung von Besatzungssoldaten und Flüchtlingen sowie später Kindererholung. Die frühere Theaterhalle wurde zum Kinderheim „Inselburg“ und blieb Teil der Jugendherberge. Das heutige Küstenmuseum Juist befindet sich in früheren Schulgebäuden und enthält eine Dokumentation zur Schule am Meer.