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Kanadisches Englisch

Das kanadische Englisch (Canadian English) ist die in Kanada gesprochene und geschriebene Variante der englischen Sprache.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Definition, Status und Entwicklung
  2. 2. Regionen, Dialekte und Aussprache
  3. 3. Grammatik und Sprachgebrauch
  4. 4. Wortschatz, Kanadaismen und Lehnwörter
  5. 5. Rechtschreibung und Beispiele
  6. 6. Forschung und Wörterbücher

Definition, Status und Entwicklung

Kanadisches Englisch (Canadian English) ist die in Kanada gesprochene und geschriebene Variante der englischen Sprache. Es gehört zur westgermanischen Sprachgruppe. Die Aussprache ähnelt stark dem amerikanischen Englisch, dennoch gibt es typische Besonderheiten in Aussprache, Wortschatz, Grammatik und Sprachgebrauch.

Ob das kanadische Englisch eine eigenständige nationale Varietät des Englischen ist, wird unterschiedlich bewertet. In der Sprachwissenschaft wird es seit den 1950er-Jahren als Varietät des nordamerikanischen Englisch behandelt. Befürworter verweisen auf eigene Aussprachemerkmale und kanadischen Wortschatz. Eine Umfrage von 2006 in Vancouver ergab, dass mehr als 70 % der Befragten kanadisches von amerikanischem Englisch meist unterscheiden konnten und mehr als 70 % kanadisches Englisch als Teil der kanadischen Identität betrachteten.

Englisch und Französisch sind die Amtssprachen Kanadas. Nach dem Zensus von 2016 hatten etwa 19 Millionen der rund 34 Millionen Einwohner Englisch als Muttersprache (ca. 56 %), insgesamt konnten etwa 26 Millionen Kanadier Englisch sprechen (76 %). Kanada ist offiziell bilingual, aber die meisten Menschen sprechen nicht beide Sprachen vollständig. Nach dem Zensus von 2006 sprachen von 31 Millionen Kanadiern 21 Millionen nur Englisch, 4 Millionen nur Französisch und 5,5 Millionen beide Amtssprachen. Québec ist überwiegend frankophon; 86 % der Frankophonen lebten dort (Stand 2006). Im übrigen Kanada dominiert Englisch in Behörden, Regierung, Bildung und Medien.

Die Entwicklung des kanadischen Englisch wurde durch mehrere Einwanderungswellen geprägt. Nach der Ankunft John Cabots 1497 wurde Neufundland 1583 zur ersten englischen Kolonie auf amerikanischem Boden. Nach den Kriegen zwischen Großbritannien und Frankreich, besonders dem Siebenjährigen Krieg (1754–1763), wurden die französischen Gebiete durch den Vertrag von Paris 1763 britische Territorien; 1750 wurden Tausende französische Siedler deportiert. Die erste große Einwanderungswelle bestand aus britisch-königstreuen Siedlern aus den USA und dauerte bis 1812. Die zweite Welle kam vor allem aus Großbritannien und Irland und erreichte Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Die dritte begann im späten 19. Jahrhundert, verstärkte sich nach dem Zweiten Weltkrieg und hält bis heute an. Seit den 1990er-Jahren stammen viele Einwanderer eher aus Asien und Lateinamerika. Dadurch ist Englisch für knapp die Hälfte der Kanadier nicht mehr Muttersprache; diese mehrsprachige Situation gilt als einzigartig unter den englischsprachigen Ländern.

Regionen, Dialekte und Aussprache

Kanadisches Englisch wurde lange als relativ homogen betrachtet. Der sogenannte General Canadian oder Standard Canadian English ist jedoch vor allem der Standard der anglophonen gebildeten Mittelklasse; etwa 36 % aller Kanadier sprechen ihn. Deutliche regionale Varianten gibt es unter anderem in Neufundland, den Maritimes (New Brunswick, Nova Scotia, Prince Edward Island), Québec, Ontario und im Westen Kanadas (British Columbia und Prärieprovinzen). Neufundlandenglisch wurde durch frühe Einwanderung aus Südengland und Südirland geprägt. In Prince Edward Island und Nova Scotia sind schottische Einflüsse wichtig, im Ottawa Valley auch irische. Québec ist durch den Kontakt mit der französischsprachigen Mehrheit beeinflusst. Im Norden und in Teilen British Columbias wirkt sich der Kontakt mit indigenen Sprachen auf das Englisch aus.

Die Standardaussprache ist dem amerikanischen Englisch, besonders dem westlichen US-Englisch, deutlich ähnlicher als dem britischen Englisch. Kanadisches Englisch ist rhotisch: Das r wird in jeder Wortposition ausgesprochen, etwa [fɑrm] und [fɑr], während es im britischen Englisch nach einem Vokal stumm sein kann. Wie im amerikanischen Englisch werden ask und class mit /æ/ ausgesprochen. Beim Flapping werden d, t und tt zwischen zwei Vokalen, wenn der zweite unbetont ist, oder zwischen [ɹ] und einem unbetonten Vokal als alveolarer Tap [ɾ] ausgesprochen. Daher können city, better, Ottawa, battle und party ungefähr wie siddy, bedder, Oddawa, baddle und pardy klingen.

Wichtige kanadische Vokalmerkmale sind:

  • Der Low-Back Merger, auch cot-caught merger, verschmilzt /ɑ/ wie in palm, /ɒ/ wie in lot und /ɔ/ wie in lot zu [ɑ]. Für die meisten Sprecher sind cot und caught, sod und sawed sowie collar und caller Homophone. In Kanada ist diese Verschmelzung, mit Ausnahme Neufundlands, seit der Mitte des 20. Jahrhunderts vollständig und flächendeckend verbreitet.

  • Beim Canadian Raising wird die Zungenposition in den Diphthongen /aɪ/ wie in price und /aʊ/ wie in mouth vor stimmlosen Konsonanten wie [p], [t] oder [s] angehoben. Typische Realisierungen sind [ɘi] statt [aɪ] und [əu] statt [aʊ]. Regional hört man beim /aʊ/ in Ontario eher [ɛʊ], im Westen eher [ʌʊ]. In Prärieprovinzen und Nova Scotia können couch und coach gleich klingen; about kann dann a boat ähneln. Die Vorstellung, about werde wie a boot ausgesprochen, ist jedoch eher ein US-amerikanisches Klischee. Canadian Raising kommt auch in Teilen der USA vor.

  • Der Canadian Shift ist eine seit den 1990er-Jahren beobachtete Vokalverschiebung, die bisher auf Kanada beschränkt ist. Clarke, Elms und Youssef beschrieben sie 1995. Nach dieser Analyse bewegen sich die vorderen Kurzvokale /æ/ wie in trap, /ɛ/ wie in dress und /ɪ/ wie in kit nach unten: /æ/ in Richtung /a/, /ɛ/ in Richtung /æ/ und /ɪ/ in Richtung /ɛ/. Charles Boberg beobachtet ebenfalls eine Verschiebung, aber eher in Richtung des hinteren Mundbereichs. Der Canadian Shift grenzt das kanadische Englisch vom Inland North American English südlich der Grenze ab und gilt für einige Linguisten als Argument für einen eigenständigen kanadischen Dialekt.

Bei einigen Lehnwörtern bevorzugen kanadische Sprecher, wenn phonologisch möglich, einen Kurzvokal: drama kann [dɹæmə] statt [dɹɑːmə], pasta [pæstə] statt [pɒstə] und lava [lævə] statt [lɑːvə] ausgesprochen werden. Dieses Merkmal ist allerdings rückläufig.

Grammatik und Sprachgebrauch

Die grammatischen Besonderheiten des kanadischen Englisch sind weniger ausgeprägt als die Unterschiede in Aussprache und Wortschatz. Zu den beschriebenen Variationen gehören:

  • anymore kann auch in positiven Aussagen stehen: I spend a lot of time with my family anymore.
  • awful, terrible und real können als Adverbien verwendet werden: I’ll miss her terrible.
  • Nach dem Survey of Canadian English verwendet die Mehrheit der Kanadier eher drank als Partizip Perfekt: I have drank a cup of tea.
  • Die Konstruktion be + Perfekt kommt vor: I am done dinner. Im britischen und amerikanischen Englisch lautet die entsprechende Form meist I am done with dinner.

Einige Formen gehören nicht speziell zum kanadischen, sondern zum nordamerikanischen Englisch insgesamt. Die Modalverben must, ought und shall sind in Nordamerika weit weniger gebräuchlich als im britischen Englisch. Außerdem werden different than statt different from oder different to, on the street statt im britischen Englisch in the street sowie a quarter before oder a quarter of statt a quarter to verwendet.

Eine bekannte pragmatische Besonderheit ist die Diskurspartikel eh. Sie kann am Ende einer Aussage stehen, um Zustimmung zu erbitten, wird aber auch an Erklärungen, Anleitungen und Anweisungen angehängt. Dann fragt der Sprecher, ob die Äußerung verstanden wurde, etwa in Move the table over here, eh?

Wortschatz, Kanadaismen und Lehnwörter

Der kanadische Wortschatz verbindet Einflüsse des amerikanischen und britischen Englisch. Amerikanische Formen sind beispielsweise soccer statt britisch football, cell phone statt mobile phone und trunk statt boot für den Kofferraum. Britische Formen sind unter anderem zed statt amerikanisch zee für den Buchstaben z, icing statt frosting, bill statt check für die Rechnung und tap statt faucet für den Wasserhahn.

Typisch kanadische Wörter werden als Kanadaismen oder Kanadismen bezeichnet. Beispiele sind:

  • bank machine: Geldautomat; amerikanisch ATM, britisch cash dispenser
  • chesterfield: Sofa; amerikanisch couch oder sofa, britisch settee oder sofa
  • grade one: erste Klasse; amerikanisch first grade, britisch first form
  • bachelor apartment: 1-Zimmer-Wohnung; amerikanisch studio apartment, britisch studio flat oder bed-sitting room
  • parkade: Parkhaus; amerikanisch parking garage, britisch car park
  • toque, tuque oder touque: Wollmütze
  • washroom: Toilette; amerikanisch restroom, britisch lavatory oder loo

Die Verwendung ist eine Tendenz und nicht bei allen Sprechern einheitlich; chesterfield ist rückläufig. Weitere typische Bildungen sind beaver meadow, lumberman und snow tractor. Auf kanadische Kultur und den Alltag beziehen sich loonie für die Ein-Dollar-Münze, toonie für die Zwei-Dollar-Münze, canola, Nanaimo bar und brown bread. In Teilen Ontarios, Québecs, Manitobas und British Columbias wird hydro als Bezeichnung für electricity verwendet, etwa in hydro line und hydro bill.

Durch den Kontakt mit Französisch, Einwanderersprachen und Sprachen der Ureinwohner enthält das kanadische Englisch zahlreiche Lehnwörter. Fast die Hälfte der Entlehnungen stammt aus dem Französischen. Beispiele sind much, outarde für eine Wildgans und die Lehnübersetzung snow apple. Aus indigenen Sprachen kommen etwa caribou aus Mi’kmaq, powwow aus Algonkin, wapiti aus Cree sowie komatik und kossack aus Inuitsprachen. Einige Wörter wie caribou, anorak, igloo und kayak wurden weltweit verbreitet. Auch zahlreiche Ortsnamen, darunter Manitoba, Nunavut, Ontario, Saskatchewan, Toronto, Winnipeg und Yukon, stammen aus indigenen Sprachen.

Rechtschreibung und Beispiele

Die kanadische Rechtschreibung verbindet britische und amerikanische Normen; je nach Medium, Styleguide, Wörterbuch und Sprachwandel sind teilweise beide Schreibweisen zulässig. Amerikanisches Englisch schreibt beispielsweise color, center und plow, britisches Englisch colour, centre und plough.

Typische Tendenzen sind:

  • -ize und -yze: Amerikanisches und kanadisches Englisch verwenden realize und analyze; britisches Englisch erlaubt auch realise und analyse.
  • -our und -or: Kanada verwendete lange oft die US-Form color, labor und vigor, tendiert aber seit den 1990er-Jahren wieder stärker zu colour, labour und vigour.
  • -re und -er: centre und theatre sind britisch und kanadisch, center und theater amerikanisch.
  • -ce und -se: Kanada bevorzugt defence und offence, lässt aber auch defense und offense finden.
  • Beim Anhängen von -ed folgt Kanada eher der britischen Verdopplung in travelled, travelling und traveller.

Kanadisch sind außerdem eher axe, cheque und grey, während sich bei curb, tire und wagon die amerikanischen Schreibungen durchgesetzt haben. Weitere Beispiele zeigen die Uneinheitlichkeit: analyze, axe, centre, criticize, defence oder defense, equalled, curb, plow oder plough, program, sulphur und wagon. Kanadische Zeitungen verwendeten lange -or-Schreibungen wie color und honor; The Globe and Mail wechselte 1990 zu colour und übernahm weitere britische Schreibweisen wie storey. Bei jüngeren Kanadiern nehmen amerikanische Schreibweisen wieder zu, unter anderem durch das Internet und US-amerikanische Rechtschreibprüfungen. Als Leitfaden der kanadischen Regierung gilt The Canadian Style: A Guide for Writers and Editors.

Ein Beispiel aus Lucy Maud Montgomerys Anne of Green Gables enthält die amerikanisch geprägten Schreibungen behavior und apologize. Außerdem zeigen dreadful determined und real odd little thing die Verwendung von Adjektiven als Adverbien.

Forschung und Wörterbücher

Die Forschung begann etwa in den 1950er-Jahren und beschäftigte sich zunächst mit Wörterbüchern, Vergleichen zum amerikanischen und britischen Englisch, traditionellen regionalen Varianten wie dem Neufundlandenglisch, urbaner Soziolinguistik sowie regionaler und sozialer Aussprachevariation. Auch der Gebrauch des Englischen und anderer Sprachen, besonders im französischsprachigen Québec, wurde untersucht.

Seit den 1970er-Jahren ist die Forschung stark gewachsen. Sie befasst sich unter anderem mit dem Zusammenhang zwischen der Geschichte Kanadas und seiner Sprache, Umfragen zum Sprachgebrauch, Langzeitstudien, Korpuslinguistik sowie der regionalen und sozialen Variation.

Wichtige Datengrundlagen sind der National Survey of Canadian English, die in den 1990er-Jahren an der University of Toronto durchgeführte Dialect Topography, der North American Vocabulary Survey von Charles Boberg und der Atlas of North American English von William Labov, Sharon Ash und Charles Boberg. Der Atlas liefert besonders überzeugende empirische Details zur Aussprache und ihren Varianten.

Für geschriebene und gesprochene Sprache gibt es umfangreiche Korpora, darunter das Corpus of Early Ontario English, die Bank of Canadian English mit Daten von 1555 bis 2016, das Strathy Corpus des heutigen kanadischen Englisch seit 1985 und der kanadische Teil des International Corpus of English.

Frühe Wörterbücher waren häufig Bearbeitungen amerikanischer Werke, etwa das Winston Simplified Dictionary for Canadian Schools von 1937. Das erste, allerdings begrenzte Wörterbuch war das Western Canadian Dictionary and Phrase Book von 1912. Das Dictionary of Canadianisms on Historical Principles wurde in den 1960er-Jahren an der University of British Columbia erstmals veröffentlicht und von 2006 bis 2017 überarbeitet; es ist auch als Open Access verfügbar.

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