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Kalifat von Sokoto
Das Kalifat entstand, nachdem Hausa-König Yunfa im Jahr 1804 den religiösen Eiferer Dan Fodio vertrieb. Dan Fodio und seine Anhänger wanderten nach Gudu aus und …
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Überblick und Bedeutung
Das Kalifat von Sokoto, auch Reich von Sokoto oder Fulbe-Reich genannt, war ein islamischer Staat der Fulbe im Norden des heutigen Nigeria. Es wurde zwischen 1804 und 1812 von Usman dan Fodio gegründet. Ein Kalifat ist ein Staat, dessen religiös-politisches Oberhaupt als Nachfolger der islamischen Führung gilt. Sokoto umfasste große Teile des Hausa-Landes und war mit etwa 440.000 km² einer der flächenmäßig größten vorkolonialen Staaten Afrikas.
Das Reich grenzte im Norden an die Sahara, im Osten an Kanem-Bornu, im Westen an Gando und im Süden an das Land der Yoruba. Um 1870 erreichte es seine größte Ausdehnung. Es erstreckte sich über etwa 1.500 km von Dori in Burkina Faso bis Kamerun und im Süden bis nach Ilorin. Auf seinem Höhepunkt umfasste es mehrere frühere Hausa-Königreiche und 30 verschiedene Emirate. 1837 lebten dort über zwanzig Millionen Menschen; im 19. Jahrhundert galt es als mächtigstes Reich Westafrikas.
Das Kalifat entstand aus einem Dschihad, also einem religiös begründeten Kampf, gegen die Hausa-Könige. Es wurde 1903 von Briten, Franzosen und Deutschen militärisch besiegt und auf die Kolonialgebiete Nordnigeria, Französisch-Westafrika und Kamerun aufgeteilt. Obwohl der Staat danach nicht mehr bestand, blieb der Titel Sultan von Sokoto als symbolische religiöse Position erhalten. Heutige islamische Führer in Nigeria verstehen sich teilweise als Nachfolger Usman dan Fodios.
Vorgeschichte und Gründung
Vor 1800 war das Bornu-Reich im Gebiet um den Tschadsee und den Niger die wichtigste Macht. Im 18. Jahrhundert verlor es jedoch an Einfluss. Bis 1759 gingen die Kontrolle über die Oasenstadt Bilma und der Zugang zum Transsaharahandel verloren. Ehemalige Vasallenstädte wurden zunehmend selbstständig. Bis 1780 entstand in der Region ein Nebeneinander unabhängiger Staaten.
Wichtige Staaten waren Gobir, Kebbi und Zamfara im heutigen Nigeria. Diese Königreiche führten regelmäßig Krieg gegeneinander und finanzierten diese Kriege durch hohe Steuern. Viele Menschen waren bereits zum Islam übergetreten, doch besonders in Teilen der Aristokratie bestanden weiterhin nichtislamische Glaubensformen. Im späten 17. Jahrhundert nahmen islamische Predigten in den Hausa-Königreichen zu. Malikitische Gelehrte aus dem Maghreb kamen in die Region; Muhammad al-Maghili brachte die Maliki-Rechtsprechung nach Nigeria.
Usman dan Fodio war ein muslimischer Pullo, also ein Angehöriger der Fulbe, aus dem Hausa-Staat Gobir. Er lehrte und predigte zunächst mit Zustimmung der Hausa-Führung. Als Yunfa, ein früherer Schüler dan Fodios, Sultan von Gobir wurde, schränkte er dessen Tätigkeit ein und zwang ihn schließlich ins Exil nach Gudu. Dan Fodios Anhänger verließen Gobir ebenfalls und gewannen in anderen Regionen Unterstützung. Am 21. Februar 1804 erklärte Yunfa dan Fodio den Krieg.
Dan Fodio wurde von seinen Anhängern zum Amir al-Mu'minin, dem „Befehlshaber der Gläubigen“, gewählt. Das gilt als Beginn des Staates Sokoto. Er rief einen Dschihad gegen die Hausa-Könige aus. Nach anfänglichen Niederlagen eroberten seine Truppen ab 1805 wichtige Städte. Sie nutzten Guerillakrieg und fanden Unterstützung bei Teilen der Bevölkerung, die unter der despotischen Herrschaft und den hohen Steuern der Hausa-Könige litten. Katsina und Daura wurden eingenommen, 1807 Kano und 1809 Gobir. Kanem-Bornu konnte der Expansion widerstehen; Modibo Adama gründete unter der Oberhoheit Sokotos das Fulbe-Emirat Adamaua.
Aufbau des Staates
Der Staat war als lockeres System von Emiraten organisiert. Der Sultan von Sokoto regierte von der Stadt Sokoto aus. Die Oberhäupter der einzelnen Emirate wurden vom Sultan ernannt, erhielten aber weitgehende Eigenständigkeit. Sie mussten dem Sultan Treue schwören und Abgaben leisten, unter anderem Getreide, Kaurischnecken und Sklaven.
Die Verwaltung orientierte sich an islamischen Vorbildern: am Modell Mohammeds in Medina und an Theorien Al-Mawardis in „The Ordinances of Government“. Anders als die früheren Hausa-Königreiche sollte Führung nicht vor allem durch Erbfolge bestimmt werden. Usman dan Fodio und Muhammad Bello bevorzugten Führer, die islamische Gelehrsamkeit und moralisches Ansehen besaßen. Wenn ein Sultan starb oder zurücktrat, wählte ein Ernennungsrat aus Emiren einen Nachfolger. Dennoch behaupteten alle Sultane eine direkte Abstammung von dan Fodio.
Eine besonders wichtige Teilung entstand zwischen Sokoto und Gwandu. 1815 zog sich Usman dan Fodio aus der Verwaltung zurück. Sein Bruder Abdullahi dan Fodio erhielt im Westen das Gwandu-Emirat, sein Sohn Muhammad Bello übernahm die Verwaltung des Sokoto-Sultanats im Osten. Der Emir von Gwandu blieb dem Sultan von Sokoto geistlich verbunden, verwaltete aber die ihm unterstehenden Emirate eigenständig.
Diese lose Struktur führte immer wieder zu Konflikten. Bereits 1816–1817 gab es Aufstände der Hausa-Aristokratie, die Muhammad Bello durch die Vergabe von Landtiteln beendete. Im 19. Jahrhundert kam es zu Krisen mit untergeordneten Emiraten, besonders Adamawa und Kano. 1836 wurde ein schwerer Aufstand in Gobir in der Schlacht von Gawakuke niedergeschlagen. Eine wichtige verbindende Rolle spielten Sufi-Bruderschaften, besonders die Qadiriyya, der jeder spätere Sultan von Sokoto angehörte. Gelehrte beschrieben diese islamische Gelehrtengemeinschaft als eine Art „embryonale Bürokratie“, die die Städte des Reiches miteinander verband.
Expansion, Konflikte und Ende
1812 teilte Usman dan Fodio das Reich in zwei Hälften: Abdullahi erhielt die westlichen Provinzen mit Gwandu, Muhammad Bello die östlichen Provinzen mit der von ihm gegründeten Stadt Sokoto. Schon vor dan Fodios Tod 1817 begannen Machtkämpfe innerhalb des Kalifats. Seine Nachfolger stützten ihre Stellung auf ihre Abstammung von dan Fodio. Viele Emirate strebten nach größerer Unabhängigkeit, sodass die Sultane sie immer wieder militärisch unterwerfen mussten.
Ein wichtiger Teil der staatlichen Festigung war unter Muhammad Bello der Aufbau von Ribats. Ribats waren befestigte Orte oder Trutzburgen. Aus ihnen entstanden oft neue Städte mit Mauern, Schulen, Märkten und weiteren Einrichtungen. Sie dienten auch der Ansiedlung von Fulbe-Hirten und standen in Verbindung mit Plantagen, die durch Sklavenarbeit bewirtschaftet wurden.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geriet die Region zunehmend in den Blick europäischer Kolonialmächte. Nach der Berliner Konferenz expandierten die Briten nach Südnigeria. 1901 begannen sie, in das Kalifat von Sokoto einzudringen, während Deutschland in Kamerun aktiv war. Der britische General Frederick Lugard nutzte Rivalitäten zwischen südlichen Emiren und der Zentralverwaltung in Sokoto, um eine gemeinsame Verteidigung zu verhindern. Gleichzeitig eroberten die Deutschen Adamaua in den Adamaua-Kriegen.
Als britische Truppen auf Sokoto vorrückten, versuchte Sultan Muhammadu Attahiru I. mit Muhammad bin Anabwani eine schnelle Verteidigung zu organisieren. Die Briten siegten rasch. Die Region Konni wurde Französisch-Westafrika zugeschlagen. Am 13. März 1903 unterstellte sich der letzte Wesir des Kalifats auf dem großen Marktplatz von Sokoto offiziell der britischen Herrschaft. Frederick Lugard schaffte das Kalifat ab, behielt aber den Titel Sultan als symbolische Stellung für sunnitische Muslime im Protektorat Nordnigeria bei. 1906 war der bewaffnete Widerstand gegen die britische Herrschaft beendet.
Wirtschaft und Sklaverei
Nach der Errichtung des Kalifats erlebte die Region über Jahrzehnte einen wirtschaftlichen Aufschwung, besonders nach den Aufständen von 1816–1817. Das Reich betrieb bedeutenden Handel über die Transsahara-Routen. Der Handel beruhte vor allem auf Sklaven, Kaurischnecken oder Gold. Wichtige Anbauprodukte waren Baumwolle, Indigo, Kola- und Sheanüsse, Getreide, Reis, Tabak und Zwiebeln.
Nach dem Fulani-Krieg wurde das gesamte Land des Reiches zum Waqf erklärt. Ein Waqf ist in diesem Zusammenhang Eigentum der gesamten Gemeinschaft. Der Sultan konnte Land aber an Einzelpersonen oder Familien vergeben; auch Emire konnten dies tun. Dieses Land konnte innerhalb von Familien vererbt, aber nicht verkauft werden.
Sklaverei war ein zentraler Teil der Wirtschaft. Um 1900 hatte Sokoto „mindestens eine Million und vielleicht sogar 2,5 Millionen Sklaven“; diese Größenordnung wurde laut Artikel nur von den amerikanischen Südstaaten übertroffen, die 1860 vier Millionen Sklaven hatten. Etwa die Hälfte der Bevölkerung des Kalifats war im 19. Jahrhundert versklavt. Sklaven wurden durch Raubzüge und über Märkte gewonnen. Dan Fodio erlaubte Sklaverei nur für Nicht-Muslime; sie wurde als Verfahren angesehen, solche Menschen in die muslimische Gemeinschaft einzubinden.
Die Zahl der Sklaven nahm durch Dschihad-Kampagnen, Grenzkriege und Sklavenüberfälle stark zu. Landwirtschaftliche Plantagen, besonders um Ribats und Städte herum, waren von Sklavenarbeit abhängig. Die Sklaverei war nicht durch eine feste Rassenschranke geprägt. Die Beziehungen zwischen Eigentümern und Sklaven waren komplex: Sklaven konnten durch Arbeit auf eigenen Grundstücken Eigentum erwerben, freigelassen werden, konvertieren und Mitglieder der islamischen Gemeinschaft werden. Es gibt Aufzeichnungen, dass Sklaven im Kalifat hohe Regierungs- und Verwaltungsebenen erreichten. Der Wohlstand beruhte außerdem auf islamischen Traditionen, Marktintegration, innerem Frieden und einem weiten Export- und Handelsnetz.
Kultur und Herrscherfolge
Die islamische Kultur prägte das Kalifat von Beginn an. Usman dan Fodio, Muhammad Bello, Abdullahi dan Fodio, Abu Bakr Atiku und Nana Asma'u beschäftigten sich intensiv mit Geschichtsschreibung, Dichtung und islamischen Studien. Es entstanden zahlreiche Manuskripte, die wichtige historische Informationen und spirituelle Texte enthalten. Nach der Herrschaft von Bello und Atiku nahm diese kulturelle Rolle ab.
Muhammad Bello wurde nach Usmans Tod 1817 dessen Nachfolger. Er ließ die Chroniken seiner Vorgänger, der Hausakönige, zerstören. Diese Chroniken waren fast die einzigen schriftlichen, von Afrikanern verfassten Dokumente der afrikanischen Geschichte. Bellos Schwester Nana Asma’u verfasste zahlreiche literarische und historische Werke.
Die Herrscherfolge begann mit Usman dan Fodio, der von 1804 bis 1817 regierte. Danach folgten unter anderem Muhammad Bello von 1817 bis 1837, Abu-Bakr Atiku I. von 1837 bis 1842, Aliyu Babba von 1842 bis 1859, Ahmad Atiku von 1859 bis 1866, mehrere weitere Sultane des 19. Jahrhunderts und Muhammad Attahiru I. von 1902 bis 1903. Nach der britischen Eroberung blieb der Sultanstitel bestehen, nun aber ohne das frühere Kalifat als Staat. Zu den späteren Trägern des Titels gehörten Muhammad Attahiru II., Abu-Bakr, Ibrahim Dasuki, Ibrahim Muhammad Maccido und seit 2006 Muhammad Sa'ad Abubakar.