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KV62

KV62 (KV als Akronym für Kings' Valley) bezeichnet in der Ägyptologie das Grab des Tutanchamun im Tal der Könige in West-Theben. In der Reihenfolge der …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Bedeutung
  2. 2. Suche, Entdeckung und Ausgrabung
  3. 3. Aufbau des Grabes und Grabschatz
  4. 4. Mumie, Bestattung und Wandbilder
  5. 5. Dokumentation, Forschung und offene Fragen

Überblick und Bedeutung

KV62 bezeichnet das Grab des altägyptischen Königs Tutanchamun im östlichen Tal der Könige bei West-Theben. KV bedeutet „Kings’ Valley“; es war das 62. dort entdeckte Grab. Howard Carter fand es am 4. November 1922 im Auftrag seines Finanziers George Herbert, 5. Earl of Carnarvon. Kartuschen mit Tutanchamuns Thronnamen Neb-cheperu-Re ermöglichten die Zuordnung.

Tutanchamun regierte etwa von 1332 bis 1323 v. Chr. in der späten 18. Dynastie des Neuen Reiches. KV62 ist besonders bedeutend, weil es trotz mindestens zweier antiker Plünderungen einen außergewöhnlich umfangreichen Teil eines königlichen Grabschatzes und die Bestattung eines Königs bewahrte. Insgesamt wurden 5398 Objekte geborgen. Sie befinden sich überwiegend im Ägyptischen Museum in Kairo oder in dessen Magazinen; wenige Stücke zeigt das Luxor-Museum. Der vollständige Schatz soll nach Restaurierung im Grand Egyptian Museum präsentiert werden.

Die Mumie blieb als einzige eines altägyptischen Königs seit der Bestattung im Tal der Könige. Heute liegt sie, bis auf Kopf und Füße bedeckt, in einem klimatisierten Glaskasten in der Vorkammer. Carters Notizen, Zeichnungen und ein Teil von Harry Burtons Negativen werden im Griffith Institute in Oxford verwahrt; 95 % der Grabungsdokumentation sind über „Tutankhamun: Anatomy of an Excavation“ frei zugänglich.

Suche, Entdeckung und Ausgrabung

Carter war überzeugt, dass Tutanchamuns Grab im Tal der Könige liege. Hinweise waren unter anderem ein 1905 gefundener Fayencebecher mit dem Königsnamen, das 1907 entdeckte Balsamierungsdepot KV54 und Goldfolien aus KV58. Lord Carnarvon erhielt 1915 die Grabungslizenz; wegen des Ersten Weltkriegs begannen die Arbeiten erst 1917. Nach wenig ergiebigen Jahren finanzierte Carnarvon auf Carters Bitte eine letzte Saison.

Am 4. November 1922 wurde die erste Stufe entdeckt, wahrscheinlich durch den Wasserjungen Hussein Abd el-Rassul. Die 16 Stufen führten zu einer vermauerten, versiegelten Tür. Am 26. November erreichte das Team nach einem 7,67 m langen, mit Schutt gefüllten Korridor eine zweite Blockierung zur Vorkammer. Carter sah nach dem Durchbrechen darin Statuen, ungewöhnliche Tiere und Gold. Die Grabung, Bergung, Konservierung und abschließende Arbeiten dauerten über neun Saisons bis 1932.

Die Lizenz verpflichtete Carnarvon zur Kostentragung und unterstellte die Arbeiten der ägyptischen Altertümerverwaltung. Umstritten war, ob KV62 als intakt oder als beraubt galt. Carter verwies auf antike Diebstähle und fehlende Gegenstände; die Verwaltung betrachtete das versiegelte Grab als intakt. Deshalb gingen alle Funde an Ägypten. Die Familie Carnarvon erhielt 1930 35.971 Pfund Sterling Entschädigung; Carter erhielt 8.012 £.

Die Ausgrabung wurde durch Besuchermassen und Presse stark beeinträchtigt. Carnarvon schloss 1923 einen Exklusivvertrag mit der Times; dies löste Proteste aus, weil andere, auch ägyptische Zeitungen zunächst ausgeschlossen waren. Nach einem Streit über den Besuch von Ehefrauen der Teammitglieder schloss Carter das Grab im Februar 1924; die Lizenz wurde vorübergehend entzogen. Die Arbeiten ruhten bis Januar 1925.

Aufbau des Grabes und Grabschatz

KV62 liegt zentral am tiefsten Punkt des Hauptwadi im Osttal und umfasst 109,83 m². Es besteht aus einer Treppe, einem abfallenden Korridor, der Vorkammer, der westlich anschließenden Seitenkammer (Annexe), der nördlichen Grabkammer und der östlich davon liegenden Schatzkammer. Nur die Grabkammer ist dekoriert. Wegen seiner geringen Größe und des Grundrisses wird das Grab häufig als ursprünglich für einen hohen Beamten oder ein Mitglied der Königsfamilie angelegtes und später umgebautes Grab gedeutet; dies ist jedoch nicht abschließend geklärt.

Die Vorkammer enthielt über 600 Objekte, darunter drei Ritualbetten, vier zerlegte Streitwagen, Kleidung, eine bemalte Truhe sowie den goldenen Thron. Dessen Rückseite nennt noch Tutanchatons und Anchesenpaatons Namen aus der Amarna-Zeit. Zwei etwa 1,90 m hohe schwarz bemalte und vergoldete Wächter- oder Ka-Statuen flankierten den Zugang zur Grabkammer. Schwarz symbolisierte Erneuerung und die Wiedergeburt des verstorbenen Königs.

In der 26,22 m² großen Grabkammer standen vier ineinander geschachtelte, vergoldete Holzschreine. Sie umgaben den steinernen Sarkophag, drei anthropomorphe Särge und die Mumie. Der Sarkophag ist 2,75 m lang; sein 1250 kg schwerer, rissiger Deckel besteht aus Rosengranit. Der äußere Sarg war aus vergoldetem Zypressenholz, der mittlere aus vergoldetem Holz mit Einlagen und der 187,5 cm lange innere Sarg aus massivem Gold. Er wiegt 110,4 kg. Mehrere Stücke, darunter der Sarkophag und der mittlere Sarg, zeigen Umarbeitungen und waren vermutlich ursprünglich für andere Personen bestimmt.

Die 11 kg schwere goldene Totenmaske ist 54 cm hoch und 39,3 cm breit. Sie stellt den König als Osiris mit Nemes-Kopftuch, Königsbart, Uräusschlange und Geier dar. Der Text auf ihrer Rückseite enthält Spruch 151 B des ägyptischen Totenbuchs, der den König in der Unterwelt schützen sollte.

Die Schatzkammer enthielt unter anderem den Kanopenschrein mit Kanopenkasten. Kanopen bewahren die mumifizierten Eingeweide; die vier Göttinnen Isis, Nephthys, Selket und Neith schützen dabei die Horussöhne. Außerdem fanden sich der Anubisschrein, ein Herzskarabäus mit Totenbuchspruch, Modellboote, Uschebtis und zwei kleine Särge mit Föten. Bei Fötus 317b besteht laut DNA-Untersuchung eine Wahrscheinlichkeit von 99,9 %, dass er ein Kind Tutanchamuns war; die Identität der Mutter ist ungeklärt. Die 11,14 m² große Annexe war nach antiken Einbrüchen ungeordnet und enthielt Vorräte, Möbel, Waffen, zwei Streitwagen und Uschebtis.

Mumie, Bestattung und Wandbilder

Die Mumie wurde am 28. Oktober 1925 im innersten Goldsarg gefunden. Sie war in 16 Leinenlagen gewickelt und mit 143 Objekten in 101 Objektgruppen ausgestattet, darunter Amulette, Schmuck und zwei Dolche, einer aus Gold und einer aus Eisen. Der Leichnam war durch große Mengen an Salbölen mit Maske und Sargboden verklebt. Beim Versuch, ihn zu lösen, schnitt Carters Team die brüchigen Leinenlagen auf, trennte Körperteile und köpfte die Mumie; anschließend wurden die Teile auf einer Sandunterlage wieder zusammengesetzt und mit Harz verbunden. Derry schätzte das Sterbealter auf 17 bis 19 Jahre und die Körpergröße auf 1,68 m; die Todesursache ließ sich nicht bestimmen.

Die Grabkammerwände zeigen den Weg des Königs von der Bestattung ins Jenseits. Die Ostwand stellt die Bestattungsprozession dar. Auf der Nordwand vollzieht Eje, Tutanchamuns Nachfolger, als Sem-Priester die Mundöffnungszeremonie: Sie sollte dem Verstorbenen im Jenseits Essen, Trinken und alle Sinne ermöglichen. Weitere Szenen zeigen Tutanchamun mit Nut sowie seine Aufnahme durch Osiris. Die Westwand enthält Auszüge aus dem Amduat, dem Buch über die nächtliche Reise des Sonnengottes durch die Duat, die Unterwelt. Auf der Südwand begrüßen Hathor, Anubis und Isis den König.

Die einfache, teils hastige Ausführung der Wandmalereien wird mit dem begrenzten Platz und der kurzen Zeit vor der Versiegelung des Grabes erklärt. Feuchtigkeit von Putz und Farben könnte die schon bei der Entdeckung sichtbaren Schimmelpilzflecken begünstigt haben.

Dokumentation, Forschung und offene Fragen

Carter ließ Fundstücke möglichst in ihrer Fundlage fotografieren, nummerieren, katalogisieren und bei Bedarf sofort konservieren. Das System umfasste 620 Objektgruppen; Untergruppen wurden mit Buchstaben gekennzeichnet, etwa die Totenmaske als 256a. Die Dokumentation enthält 3200 Objektkarten, etwa 1850 Fotografien von Harry Burton, Tagebücher, Zeichnungen und Carters dreibändigen Vorbericht „The tomb of Tut-Ankh-Amen“ von 1923 bis 1933.

Spätere Bewertungen seiner Arbeit fallen unterschiedlich aus. Kritisiert werden insbesondere die Beschädigung der Mumie, die unvollständige wissenschaftliche Veröffentlichung und ein vermutlich heimliches, vorzeitiges Betreten der Grabkammer durch Carter, Carnarvon und Lady Evelyn am 28. November 1922. Rolf Krauss bezweifelt zudem, dass das Grab tatsächlich zweimal in der Antike beraubt wurde, und sieht ein mögliches Interesse Carters und Carnarvons an dieser Deutung wegen der Fundteilung. Nach beiden Todesfällen kamen nicht inventarisierte Stücke aus KV62 in ihren Nachlässen zum Vorschein; wie sie dorthin gelangten, bleibt ungeklärt. Andere betonen Carters für seine Zeit sehr sorgfältige Dokumentation und die schwierigen Arbeitsbedingungen.

Auch viele Fundgruppen sind noch nicht vollständig ausgewertet. 1993 schätzte Jaromír Málek, dass erst etwa 30 % des Grabschatzes untersucht worden seien. Das Getty Conservation Institute analysierte von 2009 bis 2014 Farben, Materialien und Umweltbedingungen im Grab.

Nicholas Reeves vermutete 2015 hinter Nord- und Westwand weitere Kammern und deutete KV62 als ursprünglich für Neferneferuaton beziehungsweise Nofretete angelegtes Grab. Radar- und andere Messungen ergaben zunächst widersprüchliche Befunde. Drei unabhängige Radarteams fanden Anfang 2018 keine Türen oder Hohlräume; weitere versteckte Grabkammern lassen sich daher mit hoher Sicherheit ausschließen. Auch die Deutung zahlreicher umgearbeiteter Objekte, etwa des goldenen Throns oder der Totenmaske, bleibt in einzelnen Punkten umstritten.

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