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Wer steckt hinter der Goldmaske? | Ganze Folge | Terra X

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Transkriptautomatisch erstellt · 345 Zeilen
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  1. * Titelmusik * (Sprecher) Tutanchamun,
  2. heute Ägyptens bekanntester Pharao. Den Thron besteigt er als Kind vor rund 3300 Jahren.
  3. Er stirbt jung und ist schnell vergessen. Weltberühmt macht ihn erst die Entdeckung seiner Totenmaske.
  4. Es ist sein unermesslicher Grabschatz, der alles überstrahlt. Wer er war, ist nur wenig bekannt.
  5. Im Land am Nil will ich dem Menschen Tutanchamun näherkommen. Ich möchte seine Familiengeschichte verstehen:
  6. Wie bedeutend war er als Pharao? Wie sah sein Alltag aus? Und nicht zuletzt:
  7. Warum ist er so plötzlich gestorben? Meine Reise in Ägypten beginnt dort,
  8. wo Tutanchamun 1323 vor Christus bestattet wurde. Er war erst 19, als er starb.
  9. Nirgendwo sonst im Alten Ägypten liegen Leben und Tod so nah beieinander wie an diesem Ort am Rande der Wüste.
  10. Drüben im Osten, auf der anderen Seite des Nils, liegt Theben, die pulsierende Metropole Oberägyptens.
  11. Und hier im Westen befand sich im Glauben der Alten Ägypter das Reich der Toten. Dahinten,
  12. wo hinter dem Felsen abends die Sonne verschwindet, vermuteten sie den Eingang ins Jenseits.
  13. Deshalb befindet sich hier hinten, in diesen beiden versteckten Tälern,
  14. ein gigantischer, ein weltberühmter Friedhof: das Tal der Könige. Vor allem die Könige des sogenannten Neuen Reichs
  15. ließen hier prächtige Grabanlagen in den Fels schlagen. 64 Gräber wurden bisher entdeckt,
  16. die meisten davon im Laufe der Jahrtausende von Grabräubern geplündert und die Königsmumien zerfleddert.
  17. Bis auf ein Grab, nämlich das hier: das Grab von Tutanchamun. Das wurde erst vor 100 Jahren entdeckt, im Jahr 1922
  18. von dem britischen Archäologen Howard Carter. Ein Jahrtausendfund!
  19. 16 Stufen und ein etwa 8 Meter langer Korridor führen tief in den Fels zur letzten Ruhestätte von Tutanchamun.
  20. Die Anlage selbst besteht aus einem Vorraum und drei Kammern. In der Hauptkammer steht der Sarg mit der Mumie des Kindkönigs.
  21. Sie ist der Ort seiner ewigen Wiedergeburt. 5400 kostbarste Grabbeigaben
  22. sind über die vier Räume verteilt: Streitwagen, Möbel, Gefäße,
  23. Kleidung, Schmuck und vieles mehr. Alles Dinge aus dem Leben des jungen Pharao,
  24. damit es ihm im Jenseits an nichts fehlt. Seine Begräbnisstätte liegt inmitten einer unterirdischen Totenstadt
  25. mit Anlagen aus der 18. bis 20. Dynastie. Die Gräber im Fels zu verbergen,
  26. sollte eine Schutzmaßnahme gegen Raubgräber sein. Doch nur Tutanchamuns Grab blieb verschont.
  27. 3200 Jahre später, im November 1922:
  28. Nach jahrelanger Suche im Tal der Könige entdeckt der Archäologe Howard Carter
  29. den Eingang zum Grab von Tutanchamun. In Anwesenheit seines Geldgebers Lord Carnarvon und dessen Tochter
  30. will Carter die versiegelte Mauer am Ende des Korridors öffnen. Er beschreibt es so:
  31. "Die warme Luft, die aus der Kammer entwich, ließ das Licht der Kerze flackern.
  32. Als sich meine Augen daran gewöhnt hatten, tauchten nach und nach Details des Raumes auf."
  33. Carter sieht "wunderbare Dinge". Überall schimmert Gold.
  34. Der Raum ist bis zur Decke gefüllt mit verzierten Truhen, Statuen, Ritualbetten in Gestalt von Tiergottheiten,
  35. vergoldeten Streitwagen. Carter ist wie hypnotisiert von seiner Entdeckung
  36. und mit allen Sinnen gefesselt. Auch den besonderen Geruch nimmt er wahr.
  37. Was er riecht, sind duftende Hölzer, Salben und Parfüms, die in der trockenen Luft
  38. die Jahrtausende überdauert haben. Akribisch fotografiert und nummeriert Carter alle Objekte.
  39. Aber noch ist er nicht sicher, ob er auf ein Versteck für Diebesgut gestoßen ist
  40. oder auf die erhoffte Grabanlage von Tutanchamun. Besonders angetan ist Carter von dieser Trinkschale aus Alabaster,
  41. die ist richtig schwer, hat die Form einer Lotusblüte. Und es ist der Name und Titel des Pharaos eingeritzt,
  42. dem die Grabkammer gehört. Da steht, wenn man's lesen kann, ich kann's nicht,
  43. aber ich hab's mir sagen lassen: "Tutanchamun, geliebt von Gott Amun Re".
  44. Und genau diese sogenannte Namenskartusche findet sich auf vielen Objekten hier in dieser Grabkammer.
  45. Doch das ist erst der Anfang seiner Entdeckung, Carter ist nur in der Vorkammer.
  46. Als er 2 Wächterfiguren vor einer versiegelten Wand stehen sieht, vermutet er, dass dahinter die Sargkammer mit der Mumie liegen muss.
  47. Um sie zu öffnen, hätte er warten müssen, bis die Antikenbehörde vor Ort ist.
  48. Wir sind hier in einer Wanderausstellung mit den Schätzen aus Tutanchamuns Grab,
  49. genauer gesagt, mit ganz fantastischen Nachbildungen, die es hier gibt. Herr Wettengel, zu den Funden von Carter
  50. und zu dem Krimi, der sich abgespielt hat, gibt es eine offizielle und eine inoffizielle Version.
  51. Welche stimmt Ihrer Meinung nach? Die inoffizielle Version, denn da geht man davon aus,
  52. dass die Ausgräber, die Entdecker, nämlich Howard Carter, Lord Carnarvon, sein Sponsor, und seine Tochter, Lady Evelyn,
  53. bereits vor der offiziellen Öffnung der Sargkammer, das war im Februar 1923,
  54. bereits inoffiziell in diese Sargkammer vorgedrungen sind. Man muss sich das so vorstellen, welche Spannung hier geherrscht hat.
  55. Die Ausgräber konnten es nicht erwarten und man wollte wissen, was man präsentiert.
  56. Man wollte keine Blamage ernten, sondern sichergehen, dass man eine Sensation präsentiert.
  57. Schon die Funde im Vorraum lösen einen weltweiten Medienhype aus. Reporter und Schaulustige strömen ins Tal der Könige,
  58. um bei der Bergung der Grabschätze dabei zu sein. Es dauert sieben Wochen, bis alle Objekte sichergestellt sind.
  59. Unter Polizeischutz wird Tutanchamuns Hausstand für das Jenseits zum Nil gebracht
  60. und von dort nach Kairo ins Ägyptische Museum verschifft. Erst dann wird der offizielle Termin
  61. für die Öffnung der Sargkammer festgelegt. Als Carter die Sargkammer im Beisein der Behörden
  62. im Februar 1923 öffnet, steht er vor einer Wand aus Gold.
  63. Aber diese "Wand" entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Schrein, wie man das aus anderen Grabkammern kennt.
  64. Jetzt ist Carter sicher, er steht in der Sargkammer des Tutanchamun. Der Schrein ist gewaltig, er füllt fast den gesamten Raum aus.
  65. Er ist so riesig, dass kaum Platz bleibt zwischen der Mauer und dieser Wand.
  66. Carter schreibt, dass er schon das Anschauen des Schreins als Entweihung empfindet.
  67. Erst knapp ein Jahr später öffnet er die schweren Flügeltüren und macht sich an die Bergung der Mumie.
  68. Im ersten, großen Hauptschrein stößt Carter auf einen zweiten, kleineren Schrein,
  69. gefolgt von einem dritten und einem vierten Schrein, alle vergoldet und reich verziert.
  70. Im letzten kommt ein Sarkophag aus hartem Quarzit zum Vorschein. Darin verborgen sind drei Särge,
  71. zwei davon aus vergoldetem Holz und in gutem Zustand. Der dritte, innerste Sarg aber ist aus purem Gold gefertigt.
  72. Als Carter ihn öffnet, schaut er auf die Mumie von Tutanchamun
  73. und seine goldene Totenmaske. Die 11 Kilogramm schwere Goldmaske zeigt das Gesicht eines jungen Mannes
  74. mit großen schwarzen Augen aus Obsidian. Auch nach 100 Jahren Forschung
  75. ist nur wenig über das Leben Tutanchamuns bekannt. Er kommt mit 9 Jahren auf den Thron und wird nur 19 Jahre alt.
  76. Ich will ihm näherkommen, mehr über sein Leben und seine Rolle als Pharao herausfinden.
  77. Vom Tal der Könige fahre ich den Nil runter bis nach Kairo. 1000 Kilometer konnte man damals
  78. von der Mündung im Norden bis in den Süden fahren, ohne das Riesenreich zu verlassen.
  79. Die Dynastie von Tutanchamun herrschte rund 280 Jahre lang und hat nicht nur gigantische Bauwerke errichtet,
  80. sondern vor allem auch Kriege geführt und das Land immer weiter vergrößert. Auf der Fahrt nach Kairo komme ich am Tempel von Luxor vorbei,
  81. an sandigen Ufern und fruchtbaren Ackerflächen. Zur Zeit von Tutanchamun
  82. leben mehr als drei Millionen Menschen im Land am Nil. In Kairo führt mich mein erster Weg ins Ägyptische Museum.
  83. Dort habe ich eine besondere Verabredung. Das ist sie also, die berühmte Goldmaske.
  84. Ich sehe sie erstmals im Original und sie ist faszinierender, als ich dachte.
  85. Wobei man auch sagen muss, dieses Gesicht ist idealisiert dargestellt,
  86. wie von einem ägyptischen Instagramfilter überzogen. Trotzdem authentisch, und vor allem fasziniert mich der Blick,
  87. die Augen, man kann da so richtig in die Seele schauen. Und da frag ich mich, was war das für ein Mensch,
  88. was hatte der für eine Seele. Wenn man mehr über die Seele eines Menschen wissen will,
  89. lohnt es sich, sich mit seiner Familiengeschichte zu beschäftigen. Der Ägyptologe Tarek Sayed Tawfik erzählt mir,
  90. dass Forscher den Stammbaum von Tutanchamun rekonstruiert haben. Er möchte mir die Eltern des Kindkönigs vorstellen.
  91. Zunächst Tutanchamuns Vater Echnaton: als überlebensgroße Statue, leicht zu erkennen
  92. am birnenförmigen Bauch und den wulstigen Lippen. Woher weiß man denn, dass Echnaton Tutanchamuns Vater war?
  93. Vor einigen Jahren hat ein Team von Wissenschaftlern Knochengewebeproben von elf Mumien,
  94. Verwandten von Tutanchamun, entnommen. Nachdem die genauestens untersucht wurden,
  95. hat man genetische Übereinstimmungen zwischen Tutanchamun und Echnaton gefunden.
  96. Es konnte auch die Beziehung zu den Großeltern, König Amenophis III. und Königin Teje festgestellt werden.
  97. Somit ist das fast so gut wie ein Vaterschaftstest. Echnaton geht als Ketzer in die Geschichte Ägyptens ein.
  98. Statt der vielen Götter will er nur noch einen Gott verehren. Seine First Lady ist die berühmte Nofretete.
  99. Vermutlich war sie Tutanchamuns Stiefmutter. Als leibliche Mutter kommt diese Kandidatin infrage:
  100. Wissenschaftler nennen sie die "Younger Lady". Bei der Younger Lady wurde in dem Schädel
  101. ein kleiner Knochen gefunden. Interessanterweise, das ist etwas Seltenes,
  102. finden wir den gleichen kleinen Knochen auch bei der Mumie von Tutanchamun.
  103. DNA-Vergleiche legen auch nahe, dass die Younger Lady die Mutter von Tutanchamun war.
  104. Über die Identität der Mumie wird viel spekuliert: DNA-Analysen weisen daraufhin, dass sie eine Schwester von Echnaton war.
  105. Demnach wäre sie nicht nur Tutanchamuns Mutter, sondern auch seine Tante.
  106. Heirat innerhalb der Familie ist unter Pharaonen nicht ungewöhnlich, man will das Blut der Dynastie rein halten.
  107. Schon als Kind wird Tutanchamun mit seiner Halbschwester Anchesenamun verheiratet.
  108. Sie ist die dritte Tochter von Echnaton und Nofretete. Wo der junge Prinz aufgewachsen ist, bleibt ungewiss.
  109. Aber vermutlich verbringt er seine Kindheit in Tell el-Amarna, der neuen Hauptstadt von Echnaton,
  110. die er am Ostufer des Nils errichten lässt. Mehr als 1000 Jahre ist Theben religiöses Zentrum des Amunkults
  111. und Residenzstadt der Pharaonen. Echnaton aber lässt den Königshof nach Amarna umziehen
  112. und tauft die Stadt "Achet-Aton", Horizont des Sonnengottes.
  113. Der Sonnengott Aton soll fortan der höchste, einzige Gott der Ägypter sein.
  114. Alle anderen Götter dürfen nicht mehr angebetet werden. Auch der kleine Tutanchamun wird im neuen Glauben erzogen.
  115. Zwei Mal täglich bringen Echnaton und Nofretete ihrem Gott Opfer dar. Für die mächtigen Amun-Priester ist der neue Kult ein Skandal.
  116. Große Fruchtfelder am Rand der Stadt sichern die Versorgung der etwa 30.000 Bewohner mit frischem Obst,
  117. Gemüse und Getreide. Auch Fische aus dem nahe gelegenen Nil gehören auf den Speiseplan.
  118. Archäologen wollten wissen, welche Gerichte zur Zeit von Tutanchamun gekocht wurden.
  119. Um das herauszufinden, haben wir Nahrungsrückstands-Analysen an 30 Gefäßen aus Tell el-Amarna vorgenommen.
  120. In 10 dieser 30 Gefäße haben wir als Rückstand einerseits ein Fett entweder von Rind, Schaf oder Ziege,
  121. da war offensichtlich Fleisch angebraten worden und das hat man dann in Rotwein, wie Boeuf Bourguignon,
  122. oder Rotweinessig à la Sauerbraten in diesem Topf eingelegt. Wissen wir, was die Leibspeisen waren von Tutanchamun?
  123. Ich weiß nicht, ob das Tutanchamun selbst gegessen hat. Aber es ist schon so, Rind war natürlich Luxus,
  124. aber Wein, wissen wir aus den Texten, Wein war der Elite, dem Königshaus, den Priestern sozusagen vorbehalten.
  125. Dass Fleisch zu Tutanchamuns Leibspeisen gehörte, zeigen seine Grabbeigaben.
  126. 48 mit Harz verklebte Behälter aus Holz und Gips konservieren sein königliches Festmahl für das Jenseits.
  127. Im Innern: mumifizierte Enten, Gänse und das Fleisch von Rindern. Fleisch für die Elite, das klingt etwas unspektakulär.
  128. Aßen die nix anderes? Da ist die Frage: Was können wir mit unsern Analysen nachweisen?
  129. Wenn man Hammel in einem Tongefäß kocht, haben Sie 20.000 Jahre die Rückstände davon,
  130. je fettiger und je flüssiger, desto besser geht's in die Gefäßwand.
  131. Und Sie können 100 Mal Kichererbsen ins Gefäß schütten und Sie hätten trotzdem keinen Rückstand.
  132. Also, die Ägypter aßen gern Knoblauch oder Zwiebeln, oder Salz, verschiedene Gewürze, so was hat man da gegessen,
  133. aber wir würden eben keine Rückstände dafür finden. Waren das nur Sachen, die im Alten Ägypten gewachsen sind?
  134. Nee, also, zum Beispiel Pistazienharz. Sie können's in 'n Mund nehmen, ist nicht giftig.
  135. Pistazienharz wird heute noch zum Teil als Kaugummi verwendet, aber das kam eben vermutlich aus der Gegend
  136. des heutigen Israels, Libanons. Ich greif lieber zur Banane. Die schmeckt mir besser.
  137. Hatten die Alten Ägypter wirklich schon Bananen? Also, vor drei Jahren hätte ich auch gesagt "nee",
  138. aber es gibt total spannende neue Analysen, die zeigen, die Menschen haben Banane gegessen.
  139. Wir können das im menschlichen Zahnstein nachweisen. Unfassbar. Wir sehen eben, wir haben da ganz früh
  140. 'n globalen Gewürzhandel oder auch mit andern Lebensmitteln. Wenn Tutanchamun unbedingt sein Essen
  141. gewürzt mit Kurkuma, Nelken und 'ne Banane gewollt hätte, hätte er das auch haben können.
  142. Bogenschießen war ganz sicher eine große Leidenschaft von Tutanchamun. In seinem Grab wurden 40 Bögen,
  143. darunter einige so klein wie Kinderspielzeug, und mehr als 400 Pfeile geborgen.
  144. Vermutlich ist es General Horemheb, der oberste Heerführer des Reiches, der den jungen Thronfolger trainiert.
  145. Auch auf den Grabbeigaben zeigen viele Motive Tutanchamun in der Kunst des Bogenschießens.
  146. Ungewöhnlich ist, dass der Pharao immer im Sitzen dargestellt wird. Mit der unbeschwerten Kindheit war es plötzlich vorbei,
  147. als nach 17 Jahren Regentschaft Tutanchamuns Vater gestorben ist und den Thron frei gemacht hat.
  148. Tutanchamun wurde zum Pharao gekrönt. Wie sein Thron aussah, das wissen wir, nämlich so.
  149. Der war jetzt nicht so groß, aber klar, Tutanchamun war damals auch gerade mal 9 Jahre alt.
  150. Ich kann mir vorstellen, wie viel Spaß er hatte, der kleine Tut, hier zu sitzen, die Füße baumeln zu lassen
  151. und irgendwelche Würdenträger herumzukommandieren oder Diplomaten zu empfangen.
  152. Am Anfang regiert der Kindkönig nicht eigenständig. Das steht fest. Er hat hohe Beamte an seiner Seite.
  153. Eje, der schon seinem Vater Echnaton gedient hat, ist sein wichtigster Berater.
  154. Tutanchamun erhält die beste Ausbildung, er lernt die Hieroglyphenschrift,
  155. aber auch Geografie, Mathematik und die Weltsprachen seiner Epoche:
  156. Akkadisch und Hethitisch. Und über die Jahre lernt er auch,
  157. seine Rolle als Pharao faktisch auszufüllen. Unterstützt wird er von seiner Frau Anchesenamun.
  158. Die Halbschwester von Tutanchamun ist fünf Jahre älter als er, selbst noch ein Kind.
  159. Viele Darstellungen zeigen das Paar in innigen Szenen. Es scheint, dass sich die beiden wirklich geliebt haben.
  160. Spätestens im 3. Regierungsjahr bringt der Kronrat den jungen Herrscher dazu, Achet-Aton aufzugeben
  161. und die Residenz nach Memphis zu verlegen. Theben wird wieder zum religiösen Zentrum des Reiches
  162. und der Amun-Kult wieder eingesetzt. Der Tempel von Karnak
  163. ist dem wiederbelebten Reichsgott Amun geweiht. Generationen von Pharaonen haben hier gebaut, auch Tutanchamun.
  164. Der Archäologe Arto Belekdanian zeigt mir die Ruinen seines Gedächtnistempels.
  165. Hier steht sein Thronname. Sie erkennen ihn an dem Titel: Neb-cheperu-Ra.
  166. Er wurde eigentlich als Tutanch-Aton geboren, das lebende Abbild von Aton, der Sonnenscheibe:
  167. der Gott, dem Echnaton gehuldigt hat. Aber um die Rückkehr zur Tradition zu signalisieren,
  168. änderte er seinen Namen von "Tutanch-Aton" in das lebende Abbild des Amun: Tutanchamun.
  169. Und der junge Pharao hält, was seine neue Titulatur verspricht. Jeden Tag geht er in den Tempel und huldigt Amun.
  170. Es ist Tutanchamun, der die Götterstatue reinigt, salbt und füttert.
  171. Die Kulthandlung soll dem Land Frieden und Reichtum garantieren. Auf einer Stele hat der Pharao seine Ziele öffentlich "gepostet":
  172. "Die heiligen Stätten waren im Zustand des Untergangs. Ich aber werde die Götter zurückholen
  173. und ihre Tempel wieder öffnen." Die Rückkehr zum alten Glauben
  174. ist vor allem eine innenpolitische Maßnahme. Die Priester erhalten ihre Macht zurück und sind zufrieden.
  175. Und das Volk muss nicht länger heimlich Amun huldigen. Was aber hat der Prozessionsweg in Karnak damit zu tun?
  176. Es war Tutanchamun, der den Abschnitt des großen Prozessionswegs in Auftrag gab.
  177. Er beginnt dahinten am 10. Pylon. Und reicht etwa 300 Meter nach Süden zum Tempel der Göttin Mut,
  178. Amuns Ehefrau. Der gesamte Prozessionsweg ist etwa 2,5 Kilometer lang
  179. und verbindet die Tempel von Karnak und Luxor. Er ist Schauplatz des wichtigsten religiösen Festes
  180. im altägyptischen Kalender: das Opet-Fest. Sinn und Zweck der Kultfeier, auch zu Tutanchamuns Zeit, ist es,
  181. den Pharao in seiner Funktion als lebendes Abbild von Amun jedes Jahr neu zu bestätigen.
  182. Dafür werden die Statuen von Amun und seiner Frau Mut auf riesigen Barken von Karnak nach Luxor gebracht...
  183. im Beisein des Königs, von Priestern und tausenden Untertanen.
  184. Im Tempel von Luxor kommt es zur "heiligen Hochzeit" der beiden Gottheiten, bei der göttliche Kraft entsteht.
  185. Dem Glauben nach, überträgt Amun sie auf Tutanchamun, der gestärkt vors Volk tritt und bejubelt wird.
  186. Als König hat Tutanchamun einen vollen Terminkalender. Privatleben kennt er nicht.
  187. Jeder Morgen beginnt damit, dass sich der Junge in einen Staatsmann verwandeln muss.
  188. Er wird gewaschen und von Kopf bis Fuß rasiert. Ein Zeichen von Reinheit und ein gängiges Schönheitsritual.
  189. Auch lässt er sich mit kostbaren, wohlriechenden Ölen parfümieren und ankleiden.
  190. Zu guter Letzt geht es um die Perücke, ob kurz oder lang, je nach Anlass.
  191. Geht man nach seinen Grabbeigaben, dann war Tutanchamun ein Fashion Victim.
  192. Neben Eyelinern gehören auch 50 Truhen mit Kleidung und Sandalen dazu.
  193. Die meisten davon sind einfache Modelle aus Papyrus und Leder. Manche Sandalen sind auch vergoldet oder reichhaltig verziert, wie diese.
  194. Diese Schuhe hatte Tutanchamuns Mumie an. Das sind nicht nur schicke Sonntagsschuhe,
  195. die sehen modern aus, fast so wie Flip-Flops. Da könnte ich reinschlüpfen, mit Betonung auf "könnte",
  196. sie sind mir zu klein. Aber Tutanchamun war auch nicht groß. Interessant ist, das haben Forscher jetzt rausgefunden,
  197. dass einige dieser Sandalen mit Riemen verstärkt waren oder in der Mitte der Sohle ausgestopft gewesen sind.
  198. Fast so wie bei orthopädischen Einlagen. Das wirft die Frage auf, ob der junge Pharao körperlich beeinträchtig war.
  199. Eine Untersuchung sollte seinen Gesundheitszustand klären. Forscher holten dafür die Mumie aus dem Grab im Tal der Könige
  200. und durchleuchteten sie im Computertomografen. Der Forscher Frank Rühli war mit der Auswertung der Bilder beauftragt.
  201. Da ist Tutanchamun und blickt auf uns herab. Was fällt Ihnen an ihm auf?
  202. Es handelt sich hier um einen jungen Mann, etwa 18 bis 20 Jahre, relativ schlank. Man sieht verschiedene Orte, wo er Brüche hat,
  203. sehr viel von seinem Brustbereich fehlt. Und die sind vermutlich zum Teil während der Mumifizierung,
  204. aber auch später bei der Auswicklung von vor rund 100 Jahren durch Howard Carter entstanden.
  205. Das Gesicht Tutanchamuns, das man durch die Maske kennt, wird wahrscheinlich nicht sein wirkliches Gesicht gewesen sein.
  206. Was fällt denn auf, wenn man sich sein echtes Gesicht anguckt? Also, wir sehen hier die Rekonstruktion,
  207. basierend auf den computertomografischen Aufnahmen, wie sie heute aussieht. Und wir sehen einen relativ langen Kopf.
  208. Wir sehen auch, dass er einen Überbiss hatte, also, die oberen Zähne sind über die unteren ein bisschen geschoben.
  209. Wenn man sich die Füße anschaut, da gibt es Hinweise darauf, dass er eine Gehbehinderung hatte.
  210. Bei seinen Grabbeigaben fanden sich sehr viele Gehstöcke. Wie schätzen Sie das denn ein?
  211. Also, es gibt zwei Hinweise, wo man eine Gehbehinderung daraus ableiten könnte.
  212. Zum einen hat er einen leichten Klumpfuß. Und das andere ist, dass er eben im Bereich von diesem Mittelvorfuß
  213. auf der linken Seite eine entsprechende Läsion hat. Die einen sagen, das könnte eine sogenannte Morbus Köhler 2 sein.
  214. Das ist also eine Art Absterben von Knochen im Laufe des jugendlichen Alters,
  215. und die anderen sagen: Das ist eine Veränderung, die nach dem Tod passiert ist.
  216. Die Leute, die sagen, das ist Morbus Köhler 2, die sagen auch, das ist sehr wahrscheinlich und realistisch,
  217. dass er eine Gehbehinderung hatte. Ob eine Gehbehinderung der Grund dafür ist,
  218. dass Tutanchamun eine Klappliege fürs Jenseits erhielt? Das lässt sich nicht klären.
  219. Aber in jedem Fall ist das Möbelstück eine geniale Verbindung aus Design und Technik.
  220. Die Konstruktion aus einem Holzrahmen und einer gewebten Matte ist extrem leicht. Der Clou:
  221. An den Scharnieren aus Bronze können Kopf- und Mittelteil schnell zusammengeklappt werden, ähnlich wie eine Campingliege.
  222. Es scheint so, als ob sich Ägypten unter dem jungen Pharao neuen Ideen geöffnet hat.
  223. Christian Eckmann ist fasziniert von der Technologie einiger Grabschätze, die nur wenig erforscht sind.
  224. Er hat nicht die Kunst der Goldverarbeitung im Blick, wie man meinen könnte, sondern ein eher unscheinbares Metall:
  225. Eisen. Zunächst haben wir das erste Mal die Gelegenheit gehabt,
  226. überhaupt alle Eisenobjekte aus dem Grab mittels einer naturwissenschaftlichen Analyse,
  227. einer Röntgenfluoreszenz-Analyse, zu untersuchen, ob es sich hier um verhüttetes Eisen handelt,
  228. was sehr ungewöhnlich gewesen wäre, oder aber Meteor-Eisen. Die Verhüttung von Eisen ist in Ägypten
  229. erst ab dem 6. Jahrhundert vor Christus nachgewiesen, also lange nach Tutanchamun.
  230. Neben einer Miniatur-Kopfstütze hat das Forscherteam noch einen Dolch und ein Amulett untersucht.
  231. Die Eisenobjekte waren auf der Mumie von Tutanchamun platziert. Könnte es sein, dass die Eisenobjekte aus der Sargkammer
  232. tatsächlich von einem Meteorit stammen? Unsere Untersuchungen ergaben,
  233. dass die Eisenobjekte aus dem Grab alle aus Meteor-Eisen bestehen. Der Nachweis dafür ist ein erhöhter Nickelgehalt in den Objekten,
  234. der in terrestrischem Eisen so in dieser Zeit nicht vorkommt. Und man hat schon damals verstanden,
  235. dass es sich um besonderes Material handelt. Vielleicht hat man's importiert bekommen aus andern Gegenden,
  236. aber es war in jedem Fall so rar, dass es den Goldwert überstieg, und zwar um das Zigfache.
  237. Tutanchamun ist ein Superreicher, seinem Land geht es wirtschaftlich gut,
  238. die religiöse Krise scheint überwunden. Doch die Nachbarländer begehren, was er besitzt.
  239. Vor allem in Vorderasien bröckelt der ägyptische Einfluss. Sein Militärberater, General Horemheb,
  240. will Truppen an die Nordgrenze schicken, drängt auf eine Entscheidung.
  241. Doch was das Richtige ist, stellt selbst routinierte Staatsmänner auf eine harte Probe.
  242. Ich will wissen, wie sich der junge Pharao seiner tagtäglichen Verantwortung gestellt hat?
  243. Es ist nicht sicher, wie viel Einfluss oder Kontrolle Tutanchamun hatte, er war ja noch so jung.
  244. Inwieweit ihm gesagt wurde, was er zu tun hatte, werden wir wohl nie erfahren. Aber er war intelligent
  245. und kein Baby mehr, als er auf den Thron kam. Wahrscheinlich hat er sowohl auf seine Berater gehört
  246. als sich auch seine eigene Meinung gebildet. Ägypten ist von Feinden umgeben, die nur darauf warten,
  247. dass Tutanchamun Schwäche zeigt. Im Süden bedrängen die Nubier das Reich.
  248. Im Westen greifen libysche Nomadenkrieger an. Doch die größte Gefahr droht von den sogenannten "Asiaten" im Norden:
  249. den Hethitern. Die neue Großmacht dehnt ihr Reich immer weiter in Richtung Ägypten aus.
  250. Die Feinde sind auch hier zu sehen, auf diesem Streitwagen. Er ist die Wunderwaffe der Ägypter.
  251. Insgesamt sechs solcher Streitwagen finden sich im Grab von Tutanchamun, einige ganz gewöhnliche Streitwagen für die Straße,
  252. aber auch manche vergoldet, so wie dieser. Luxus-Staatskarossen, mit denen sich Tutanchamun
  253. bei offiziellen Anlässen oder bei Zeremonien zeigte. Das hier ist das perfekte Beispiel dafür,
  254. wie genial die ägyptischen Konstrukteure gewesen sind. Die Wagen werden nur durch Lederschnüre
  255. und Steckverbindungen zusammengehalten. So können sie jederzeit schnell zerlegt
  256. und überallhin transportiert werden. In der Vorkammer entdeckte Howard Carter
  257. rund um die Streitwagen verstreut winzige Goldbleche, aberhunderte Einzelstücke.
  258. Er packte sie sorgfältig in eine Holzkiste und ließ sie nach Kairo ins Ägyptische Museum verfrachten.
  259. Dort wurde die Kiste mit der Aufschrift "Harness", Zaumzeug, erst vor Kurzem geöffnet.
  260. Der Erhaltungszustand dieser Gold- und Lederapplikationen war sehr bedauerlich, weil die Objekte
  261. wahrscheinlich nass oder feucht geworden sind. Das Leder ist aufgequollen, hat das Gold zerrissen,
  262. in Kleinteile zerlegt sozusagen. Und vielleicht war mit ein Grund,
  263. warum die Objekte so lange nicht bearbeitet wurden, dieser Zustand. Denn der Arbeitsaufwand,
  264. die zu restaurieren und wieder lesbar zu machen, war enorm hoch. In jahrelanger Detailarbeit
  265. haben Restauratoren vom Römisch- Germanischen Zentralmuseum Mainz die winzigen Fragmente wieder zusammengefügt.
  266. Nach und nach entstanden kleine Meisterwerke aus Goldblech. Eines der schönsten ist der Pharao in Löwengestalt.
  267. Aber auch die Tierdarstellungen zeugen von höchster Handwerkskunst. Ein immer wiederkehrendes Motiv ist, wie der Pharao den Feind besiegt
  268. oder auf dem Streitwagen fährt. Ein Beleg, dass sich Tutanchamun als starker Herrscher sah.
  269. Die Bleche mit den ornamentalen Darstellungen sind in der ägyptischen Kunst eher unüblich.
  270. Verwendet wurden die Applikationen als Verzierung von Bogenkästen, Pfeilköchern und Zaumzeug.
  271. Tutanchamun ließ sich gerne auf dem Streitwagen darstellen. Der Streitwagen war nicht nur wichtiges Kriegsgerät,
  272. sondern diente auch als Freizeitvergnügen. Ist der König auf einer seiner Fahrten verunglückt
  273. und an den Folgen gestorben? Niemand weiß das.
  274. Als der Pharao im Alter von nur 19 Jahren stirbt, gibt sein plötzlicher Tod Anlass für viele Spekulationen.
  275. Die Mordtheorie konnte mittlerweile widerlegt werden. Waren es dann die Folgen eines Unfalls oder einer Krankheit?
  276. Was sagt der Mumienforscher Frank Rühli dazu? Diese Fraktur, die wir hier im Bereich des linken Knies sehen,
  277. eine relativ große Läsion, also eine Fraktur, die ins Gelenk reinzieht und interessanterweise
  278. Material in diesem Spalt drin hat, das die Dichte von Einbalsamierungssubstanz hat.
  279. Die Vermutung ist sehr groß, dass es bei der Einbalsamierung dort eine Läsion gab.
  280. Wie könnte er sich denn den Bruch zugezogen haben? Ein Sturz, ein Unfall,
  281. dass er von einem Streitwagen oder so heruntergefallen ist und dass er dann vielleicht stark geblutet hat,
  282. vielleicht auch entsprechend eine Infektion hatte, also, dass er dann letztendlich an dieser Fraktur gestorben ist.
  283. Unverzüglich machen sich die Balsamierer an die Vorbereitung des Leichnams für die letzte Reise des jungen Königs.
  284. Dem Glauben nach, muss der Körper erhalten bleiben, damit die Seele auch im Jenseits darin leben kann.
  285. Die Mumifizierung ist ein heiliger Ritus, aber auch ein medizinischer Eingriff, der strengen Regeln folgt.
  286. Dabei werden alle inneren Organe, bis auf das Herz, entfernt. Was die Alten Ägypter tun mussten, war, die Dinge auszutrocknen.
  287. Unabhängig davon, ob es sich um einen Menschen, um ein Tier oder um ein Stück Fleisch handelte.
  288. Dafür verwendeten sie Natron. Die Alten Ägypter entdeckten,
  289. dass Natron eine außergewöhnliche Eigenschaft hat, sowohl zum Desinfizieren als auch zum Austrocknen.
  290. In den ersten 40 Tagen wird der Körper getrocknet und entfettet. In den 30 Tagen darauf verwandelt er sich in ein Wesen,
  291. das ewig leben wird. In dem Zeitraum wird er mit Ölen eingerieben,
  292. Harze werden aufgetragen, Zaubersprüche gesungen und er wird eingewickelt.
  293. So weit die Tradition. Forschungen haben ergeben, dass die Mumie von Tutanchamun
  294. einige Anomalien aufweist. Dazu gehört auch die tiefschwarze Haut,
  295. die an Darstellungen von Osiris denken lässt. Die meisten Mumien haben einen feinen Schnitt am Bauch.
  296. Tutanchamun hatte einen großen. Ihm scheint auch sein Herz zu fehlen, was sehr merkwürdig ist,
  297. denn man braucht sein Herz im Körper, um ewiges Leben zu erlangen. Außerdem war Tutanchamun, laut Howard Carter, als er ihn fand,
  298. mit aufgerichtetem Penis mumifiziert, sodass er tatsächlich wie der Gott der Erneuerung
  299. und Wiedergeburt aussah, also wie Osiris. Eine andere These lautet:
  300. Tutanchamun sollte im Jenseits in der Lage sein, Nachfolger zu zeugen. Denn seine Ehe mit Anchesenamun bleibt kinderlos,
  301. ihre beiden kleinen Mädchen sterben kurz nach der Geburt. Gemeinsam mit ihrem Vater werden sie im Tal der Könige bestattet.
  302. Anchesenamun soll Tutanchamuns Nachfolger Eje geheiratet haben. Damit hätte sie seinen Anspruch auf den Thron legitimiert.
  303. Was aus der Witwe wurde, weiß niemand. Ihr Name findet nie wieder irgendwo eine Erwähnung.
  304. Nur 70 Tage bleibt den Handwerkern Zeit, um Tutanchamuns Haus für die Ewigkeit auszugestalten.
  305. Forscher sprechen von einer Notbestattung für den Kindkönig. Carter hat sich immer gefragt,
  306. in welcher Reihenfolge die Räume mit Objekten gefüllt wurden. Wahrscheinlich zuerst die Schatzkammer,
  307. dann die Seitenkammer und dann erst die Sargkammer mit den Schreinen und der Mumie.
  308. Zu guter Letzt richteten die Priester die Vorkammer ein und verließen das Felsengrab über den Haupteingang,
  309. ohne dabei zu vergessen, es mit Schutt und Geröll gut zu verstecken. 3200 lange Jahre
  310. liegt der junge Tutanchamun in seinem Goldsarg, unbemerkt und unentdeckt.
  311. Hier ist damals der Leichnam von Tutanchamun runtergetragen worden, das ist total beeindruckend. Und auch Carter ist 1922
  312. hier runtergelaufen, als er die Grabkammer entdeckte. Das ist ein Gänsehaut-Moment.
  313. Aktuell liegt die Mumie des Kindkönigs in der Vorkammer der Anlage, unter klimatisiertem Plexiglas.
  314. Ohne seine goldene Totenmaske wirkt Tutanchamuns Gesicht so jung und verletzlich.
  315. Dabei hat der 19-Jährige als Regent Stärke bewiesen, trotz seiner Jugend.
  316. Die Grabanlage von Tutanchamun ist viel bescheidener als die unterirdischen Paläste anderer Pharaonen.
  317. Forscher vermuten, dass sein Grab ursprünglich nicht für einen König, sondern für einen hohen Beamten,
  318. vielleicht sogar für seinen Nachfolger Eje vorgesehen war. Über die Jahrtausende schütten Schlammlawinen
  319. und der Aushub eines späteren Grabbaus den Eingang der Anlage vollständig zu.
  320. Und der spätere Pharao Horemheb lässt ihn aus fast allen Königslisten streichen.
  321. Vielleicht, weil Tutanchamun der Sohn eines Ketzers war? Oder weil Horemheb will, dass man den Kindkönig schnell vergisst.
  322. Heute bekommt Tutanchamun von den Ägyptern ein einzigartiges Denkmal gesetzt,
  323. im Grand Egyptian Museum in Kairo. Der Pharao erhält einen eigenen Trakt,
  324. in dem auch sämtliche Grabbeigaben präsentiert werden sollen. Shirin Frangoul-Brückner
  325. ist die verantwortliche Architektin der Ausstellung. Trotz starker Konkurrenz konnte ihr Konzept
  326. die Auftraggeber überzeugen. Die Tutanchamun-Ausstellung ist ein Riesenprojekt.
  327. Was war für Sie die besondere Herausforderung daran? Ja, das Grand Egyptian Museum ist eines der größten Museen
  328. gerade weltweit, das entsteht. Hier wird auf 7500 Quadratmeter die "Tutanchamun-Ausstellung", eines der wichtigsten Grabfunde,
  329. aktuell ausgestellt. Also, sowohl was die Bedeutung des Projektes angeht
  330. zwischen Louvre und British Museum, eines der Weltmuseen, das gerade entsteht, aber auch inhaltlich,
  331. die Möglichkeit, Exponate in diesem Stellenwert auszustellen, das war für uns die größte Herausforderung.
  332. Stellen wir uns vor, wir kommen in die Ausstellung, was sehen wir zuerst? Das prächtige Gold oder eher die Geschichte?
  333. Ich glaub, es geht letztendlich um beides. Es geht um hochwertige Exponate als Exponat zu zeigen.
  334. Es geht auch darum, Geschichten hinter den Exponaten zu erzählen. Wir haben 'n Parcours entwickelt, der von zwei Seiten begehbar ist.
  335. Einmal beginnend mit dem jungen König, der ja als Kind gekrönt wurde, mit seinen Vorfahren,
  336. dann die Geschichte seines Lebens, auf dem Weg zum Leben nach dem Tod, zum After Life.
  337. Es gibt den zweiten Parcours, der eher wissenschaftlich ist, der genau andersherum geht, von der Entdeckung startet
  338. und dann die Grabfunde, die Grabzugaben, die Daily Live-Exponate darstellt
  339. und dann eben die Mumifizierung zeigt. Noch sind nicht alle Grabbeigaben restauriert.
  340. Doch 100 Jahre nach der Entdeckung von Tutanchamuns letzter Ruhestätte werden sie erstmals wieder an einem Ort vereint sein.
  341. Und das ist in Tutanchamuns Totentempel des 21. Jahrhunderts. Ironie der Geschichte ist: Gerade der Versuch,
  342. Tutanchamun aus der Geschichte zu tilgen, macht den Pharao weltberühmt.
  343. Im Glauben der Alten Ägypter wird jemand dann unsterblich, wenn man sich erinnert, seinen Namen ausspricht.
  344. Und vermutlich sprechen wir heute über keinen anderen Pharao mehr als über ihn: Tutanchamun.
  345. Untertitel im Auftrag des ZDF, 2022

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