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König Lear
König Lear (frühneuenglisch The Tragedie of King Lear) ist ein Schauspiel von William Shakespeare. Das Werk handelt vom Schicksal Lears und seiner Töchter, …
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Kern des Dramas
„König Lear“ (frühneuenglisch „The Tragedie of King Lear“) ist ein Schauspiel von William Shakespeare. Es handelt vom alten König Lear, der sein Reich unter seinen Töchtern aufteilt, dadurch politische Ordnung und Familienbindungen zerstört und am Ende mit fast allen Hauptfiguren in eine Katastrophe gerät. Das Werk entstand vermutlich um 1606; die früheste belegte Aufführung fand am 26. Dezember 1606 am englischen Hof statt. Die erste Druckausgabe erschien 1608 als Quarto, 1623 folgte in der First Folio eine revidierte Version.
Das Stück ist ein Doppeldrama: Neben Lears Geschichte läuft eine parallele Handlung um seinen Ratgeber Graf Gloucester und dessen Söhne Edgar und Edmund. In beiden Familien verstoßen die Väter ihre treuen Kinder oder verkennen sie, während ehrgeizige und skrupellose Kinder Macht gewinnen. Zu den rechtschaffenen Figuren gehören Cordelia, Kent und Edgar; zu den ehrlosen Figuren gehören Goneril, Regan und Edmund. Die französische Invasion bei Dover beschleunigt die Handlung und führt die privaten Konflikte in einen politischen Krieg.
Figuren und Ausgangslage
Lear ist alt und dankt ab. Er will sein Reich unter seinen drei Töchtern verteilen und verlangt vorher eine Liebesprobe: Jede Tochter soll öffentlich sagen, wie sehr sie ihn liebt. Goneril und Regan übertreiben ihre Liebesbekundungen und erhalten je eine Hälfte des Reiches. Cordelia, Lears jüngste und liebste Tochter, verweigert solche Worte, weil sie ihre Liebe nicht unehrlich steigern will. Lear enterbt sie und verheiratet sie ohne Mitgift mit dem König von Frankreich.
Kent, ein treuer Gefolgsmann Lears, verteidigt Cordelia und wird deshalb verbannt. Er bleibt Lear dennoch treu und dient ihm später verkleidet als Caius. Gloucester ist Lears Ratgeber. Seine Söhne sind Edgar, der eheliche Sohn, und Edmund, der illegitime Sohn. Edmund fälscht einen Brief, verleumdet Edgar und bringt Gloucester dazu, Edgar für einen Verräter zu halten. Edgar flieht und verkleidet sich als wahnsinniger Bettler „Tom of Bedlam“. Nach Lears Abdankung begleiten ihn zunächst seine Ritter, später bleiben ihm vor allem der Narr und Kent.
Handlungsverlauf
Im ersten Akt entstehen die zentralen Konflikte: Lear teilt das Reich, verbannt Cordelia und Kent, und Goneril sowie Regan beginnen, ihren Vater zu entmachten. Edmund startet seine Intrige gegen Edgar und Gloucester. Goneril verweigert Lear die bisherige Gastfreundschaft und verlangt, dass er sein Gefolge verkleinert. Lear verflucht sie und hofft auf Aufnahme bei Regan.
Im zweiten Akt verschärfen sich beide Familienkonflikte. Edmund täuscht einen Kampf mit Edgar vor und erreicht, dass Gloucester ihn zum Erben macht. Kent wird nach einem Streit mit Oswald, Gonerils Haushofmeister, von Cornwall und Regan in den Block gesperrt. Lear trifft bei Gloucester ein, wird von Regan und Goneril gemeinsam gedemütigt und soll seine Ritter aufgeben. In Wut und Verzweiflung geht er in eine stürmische Nacht hinaus.
Im dritten Akt irrt Lear im Sturm über die Heide. Kent und der Narr begleiten ihn, später treffen sie auf Edgar als „Tom“ und auf Gloucester. Lear verliert zunehmend den Verstand und hält in einem Bauernhaus ein eingebildetes Gericht über seine Töchter ab. Gloucester hilft Lear, nach Dover zum französischen Heer zu gelangen. Edmund verrät Gloucester an Cornwall und Regan. Als Strafe wird Gloucester von Cornwall geblendet; ein Diener verwundet Cornwall dabei tödlich. Gloucester erkennt, dass Edmund ihn verraten und Edgar unschuldig war.
Im vierten Akt führt Edgar den blinden Gloucester nach Dover. Gloucester will sich von den Klippen stürzen, doch Edgar täuscht ihm einen Sturz vor und rettet ihn so von seiner Selbstmordabsicht. Lear trifft, wahnsinnig und mit Blumen geschmückt, auf Gloucester. Schließlich gelangt Lear ins französische Lager und versöhnt sich mit Cordelia. Gleichzeitig geraten Goneril und Regan in Rivalität um Edmund.
Im fünften Akt besiegen die Briten das französische Heer. Lear und Cordelia werden gefangen genommen. Edmund befiehlt heimlich ihre Hinrichtung. Edgar fordert Edmund zum Zweikampf heraus, besiegt ihn und gibt sich zu erkennen. Goneril vergiftet Regan und tötet sich selbst. Edmund widerruft sterbend seinen Mordbefehl, doch zu spät: Lear erscheint mit der toten Cordelia im Arm. Er erkennt ihren Tod und stirbt. Am Ende überträgt Albany die Herrschaft an Edgar.
Quellen und Entstehung
Shakespeare griff auf ältere Erzählungen über den sagenhaften König Leir und seine drei Töchter zurück. Eine frühe erhaltene Fassung steht in Geoffrey von Monmouths „Historia Regum Britanniae“ von etwa 1136. Wichtige Quellen waren außerdem Holinsheds „Chronicles of England, Scotlande, and Irelande“ von 1577 beziehungsweise 1587 und das anonyme Stück „The True Chronicle History of King Leir“, das 1605 gedruckt wurde, aber wohl schon 1594 aufgeführt worden war. Anders als Shakespeare endet diese ältere Bühnenfassung glücklich und enthält keine Gloucester-Nebenhandlung. Diese parallele Handlung über Gloucester, Edgar und Edmund entnahm Shakespeare in verschiedenen Anlehnungen Sidneys „Arcadia“.
Die Entstehung kann sehr wahrscheinlich zwischen Frühjahr 1603 und Weihnachten 1606 eingegrenzt werden. Der frühestmögliche Zeitpunkt ergibt sich aus Entlehnungen aus Samuel Harsnetts „A Declaration of Egregious Popish Impostures“, das 1603 erschien. Der spätestmögliche Zeitpunkt ergibt sich aus der belegten Hofaufführung am 26. Dezember 1606. Oft wird eine Entstehung um 1605 angenommen, unter anderem wegen möglicher Bezüge auf Sonnen- und Mondfinsternisse von 1605.
Text, Deutung und Wirkung
Die Textgeschichte ist besonders kompliziert, weil zwei frühe Fassungen stark voneinander abweichen: die Quarto-Ausgabe von 1608 und die Folio-Ausgabe von 1623. Die Quarto ist fehlerhaft überliefert; die Folio ist fehlerärmer, enthält aber nicht einfach nur Korrekturen, sondern auch inhaltliche Unterschiede. Der Foliotext enthält mehr als 100 Zeilen, die in der Quarto-Version fehlen, während mehr als 300 Quarto-Zeilen in der Folio-Version fehlen. Moderne Ausgaben lösen dieses Problem unterschiedlich: Manche drucken einen Quarto-Text, manche einen Folio-Text, andere einen kombinierten Text oder beide Fassungen getrennt.
In der Kritik galt das Stück lange als schwer aufführbar und schwer erträglich. Seit dem 20. Jahrhundert wird es jedoch fast durchgehend zu den bedeutendsten Shakespeare-Dramen gezählt. Wichtige Deutungen beschäftigen sich mit Lears Charakter, der Doppelhandlung, der Natur- und Tierbildlichkeit, dem Wahnsinn, der Gewalt und dem Verhältnis von Mensch, Familie, Gesellschaft und Macht. G. Wilson Knight und andere sahen im Stück ein düsteres, groteskes „Lear-Universum“, in dem menschliches Leiden, Machtgier und der Zerfall von Ordnung sichtbar werden.
Auch die Aufführungsgeschichte zeigt, wie schwer das tragische Ende lange akzeptiert wurde. Nahum Tate schrieb 1681 eine Fassung mit glücklichem Ende, in der Cordelia und Edgar ein Paar werden und die Ordnung wiederherstellen; diese Fassung blieb über 150 Jahre auf englischsprachigen Bühnen erfolgreich. In Deutschland wurden ebenfalls lange bearbeitete Fassungen gespielt. Erst allmählich kehrte das Theater zur tragischen Originalfassung zurück. Wichtige moderne Inszenierungen waren Peter Brooks Aufführung von 1962 und Peter Zadeks Inszenierung von 1974.
„König Lear“ wurde vielfach adaptiert. Zu den bekannten Verfilmungen gehören Grigori Kosinzews Version von 1969, Peter Brooks Film von 1971, Akira Kurosawas „Ran“ von 1986, der die Handlung in die japanische Sengoku-Zeit verlegt, und Richard Eyres „King Lear“ von 2018 mit Anthony Hopkins. Es gibt außerdem Bühnenadaptionen, Romane, Novellen und Opernfassungen, darunter Aribert Reimanns Oper „Lear“, die am 9. Juli 1978 in München uraufgeführt wurde.